13.08.2001

GLOBALISIERUNG

Entwaffnet die Märkte

Von Schäfer, Ulrich

Sie sind erfolgreich wie Greenpeace, ihre Aktionen sind ähnlich spektakulär: 55 000 Aktivisten von Attac ziehen inzwischen weltweit gegen den Raubtier-Kapitalismus zu Felde.

Oskar Lafontaine hat es getan. Die SPD-Bundestagsabgeordneten Detlev von Larcher, Andrea Nahles und Edelbert Richter haben es getan. Ebenso ihre PDS-Kollegin Ursula Lötzer, der Liedermacher Konstantin Wecker, der Schriftsteller Johano Strasser und Gewerkschafter Detlef Hensche auch.

Alle sind sie einer globalen Bewegung beigetreten, die in Deutschland vor kurzem noch kaum jemand kannte, die aber seit dem G-8-Gipfel von Genua auch hier zu Lande einen erstaunlichen Zulauf erlebt. Der Name der Bewegung: Attac. Ihr Leitspruch: "Entwaffnet die Märkte."

Es sind Studenten und Lufthansa-Stewardessen, Alt-68er und Umweltbewegte, enttäuschte Grünen-Mitglieder und Gewerkschafter, die der neuen alten Losung folgen. Zu Hunderten schicken sie Mitgliedsanträge ins Attac-Büro in Verden an der Aller, einer niedersächsischen Stadt, die mit ihren blank gefegten Bürgersteigen und akkurat gestutzten Rosenstöcken unendlich weit weg zu sein scheint von den Schaltzentralen des modernen Globalkapitalismus.

Das deutsche Hauptquartier von Attac ist ein voll gestopfter Raum im örtlichen Ökozentrum, einem mit Naturmaterialien restaurierten Klinkerbau. Nebenan auf dem Reitplatz üben Dressurreiter, an der Bürotür weist nur ein Plakat den Weg, hinein in ein Tohuwabohu aus leeren Wasserkisten, Computern und unerledigten Aufnahmeanträgen. "Der Zuspruch, den wir derzeit erleben", sagt Sven Giegold, 31, einer der Gründer von Attac Deutschland, "ist einfach irre."

Wie kaum eine andere Gruppe versteht es Attac, das Unbehagen vieler Menschen über die Globalisierung zu artikulieren. 55 000 Mitglieder in etwa 30 Ländern haben sich diesem informellen Netzwerk angeschlossen, getragen von einer Welle der Begeisterung, die bisweilen an die Frühphase der New Economy erinnert. Und doch kann niemand sagen, ob Attac nicht irgendwann genauso zusammenbrechen wird wie viele Internet-Start-ups.

Na klar, räumen die Attac-Vordenker ein, sie hätten keine fertige Vision für die Zukunft anzubieten, keine detaillierte Vorstellung darüber, wie eine andere Welt jenseits des Raubtier-Kapitalismus aussehen kann. Aber die Menschen, die 1789 die Pariser Bastille erstürmten, hätten ja auch noch nicht gewusst, was nach der Französischen Revolution kommt.

Attac ist, vielleicht auch wegen seines einprägsamen Namens, derzeit vor allem ein erfolgreiches Auffangbecken für diffuse Ängste aller Art. Attac - das klingt wie Frontalangriff auf Weltbank, Konzerne und Spekulanten. Und so ist es auch gemeint. Attac - das steht zugleich als Abkürzung für ein überaus ehrgeiziges Vorhaben.

"Action pour une Taxe Tobin d'aide aux citoyens", tauften die französischen Gründer zunächst ihr Netzwerk, auf Deutsch: eine "Aktion für die Einführung der Tobin-Steuer zum Wohle der Bürger". Dahinter steckt die Idee, eine weltweite Steuer auf alle Devisengeschäfte einzuführen. Durch diese Abgabe, so die Vision, könnte es gelingen, die globalen Finanzmärkte halbwegs zu bändigen. Der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger James Tobin hatte dies 1972 erstmals vorgeschlagen.

Seither wurde die Anti-Spekulationssteuer oft diskutiert, aber stets verworfen. Wenn nur einige Länder nicht mitmachen, so lautete der Einwand von Bankern und Politikern, scheitere das ganze Vorhaben.

Doch Attac will die Regierungen dazu bewegen, die Abgabe wenigstens in Teilregionen der Welt einzuführen. Notfalls nur in Europa. Die Einnahmen, im besten Falle mehrere hundert Milliarden Mark, sollen in die Entwicklungshilfe fließen.

"Die Tobin-Steuer", erklärt Bernard Cassen, 64, einer der Gründungsväter von Attac, "ist für uns ein Symbol. Ihre Einführung würde dokumentieren, dass die Bürger und Regierungen einen Teil des Territoriums zurückerobern, das sie an die Finanzmärkte verloren haben."

Cassen lässt keinen Zweifel, dass weitere Schritte folgen müssen. So fordert Attac einen Schuldenerlass für die Dritte Welt, kämpft gegen liberale Handelsregeln und Steueroasen, für den Klimaschutz und gegen den Umbau von Europas Sozialsystemen. "Wir sind", sagt Cassen, "gegen alle Aspekte der neoliberalen Vorherrschaft."

Dass ausgerechnet er einmal an der Spitze dieser Bewegung stehen würde, hat der gelernte Journalist nie erwartet. Cassen leitet als Direktor die linke französische Monatszeitung "Le Monde diplomatique". Und so stand am Anfang von Attac zunächst das Wort, ein machtvolles Wort.

Im Dezember 1997, wenige Monate nach Ausbruch der Asienkrise, prangerte das Blatt in einem Kommentar die gewaltige Zerstörungskraft der Finanzmärkte an. Eine "künstliche Weltmacht" sei entstanden, in der "das Gesetz des Dschungels" gelte. Als Akt der Gegenwehr, so empfahl die Zeitung, mögen doch irgendjemand eine Vereinigung namens Attac gründen.

Das Echo auf diesen Aufruf war überwältigend, alles in allem 4000 Leserbriefe. Und so nahmen die Journalisten von "Le Monde diplomatique" die Sache schließlich selbst in die Hand. Im Juni 1998 gründeten sie gemeinsam mit anderen linken Blättern und Gewerkschaften die neue Organisation Attac, ein Netzwerk, das seither rasant wächst und immer dichter wird.

In über 250 Städten entstanden inzwischen lokale Komitees. Über 31 000 Franzosen, vor allem Akademiker und Angehörige der Mittelschicht, haben sich der Bewegung angeschlossen, mehr als den französischen Grünen.

Gesteuert wird Attac aus einem frisch renovierten zweigeschossigen Büro im 13. Pariser Arrondissement, das in einem Haus mit schlichten Steinbalkonen unweit der Nationalbibliothek residiert. Sieben Mitarbeiter organisieren Treffen und Demos, schreiben Kommuniqués und verschicken Transparente und Broschüren.

Das Ansehen der Gruppe ist enorm. Kaum ein Parlamentarier in Paris wagt es noch, Attac einen Termin zu verweigern. 125 Abgeordnete, vor allem Sozialisten und Kommunisten, sind gleich Mitglied geworden. Selbst Staatspräsident Jacques Chirac hält die Tobin-Steuer für eine "sympathische" Idee, wenn auch "nicht realisierbar".

Erklären lasse sich die Faszination von Attac, so glaubt Cassen, nur durch diese eigene Mischung aus Bildungsbürgertum und aktivem Widerstand. So bemüht sich Attac intensiv, seine Mitglieder mit Büchern, Diskussionsrunden und Seminaren über die komplexen Zusammenhänge des Kapitalismus aufzuklären, gleichzeitig bietet die Organisation aber auch gezielt Gipfel-Touren an wie nach Genua. "Die Menschen", sagt Cassen, "wollen nach 20 Jahren der Passivität endlich wieder agieren."

Gewaltlosigkeit ist dabei die oberste Regel. Während der schwarze Block in Genua Molotow-Cocktails warf, überwanden die Attac-Demonstranten mit riesigen Luftballons nur symbolisch die Schutzmauer der "roten Zone" beim G-8-Gipfel.

Es sind Aktionen im Stile von Greenpeace, mit denen Attac auch sonst für Aufsehen sorgt. Im Juni brach etwa eine Armada von Segelbooten von der französischen Kanalküste auf und drang in den Hafen der Insel Jersey ein - aus Protest gegen die stillen Geschäfte in der Steueroase.

Erst mit Verzögerung sprang der Funken nach Deutschland über. Während in Skandinavien oder Lateinamerika schnell Ableger entstanden, vermochten die Globalisierungsgruppen hier zu Lande lange nicht, ihre eigenen Profilierungswünsche zurückzustellen. Anfang 2000 schlossen sich dann Organisationen wie die Stiftung Umverteilen, Weed und Pax Christi wenigstens zu einem losen Netzwerk zusammen.

Den Durchbruch brachte aber erst vor wenigen Monaten die Umbenennung in Attac (www.attac-netzwerk.de). Seither schnellte die Zahl der Mitglieder von 200 auf rund 800 nach oben, die der Regionalgruppen von 3 auf 20. "Endlich erreichen wir die Herzen der Menschen", sagt Sven Giegold - und auch die Schlagzeilen.

Als Attac-Aktivisten im Frühjahr ein Transparent entrollten, während Arbeitsminister Walter Riester den Armutsbericht vorstellte, war dies erstmals auch der "Tagesschau" ein paar Bilder wert. Weitere medienwirksame Aktionen sollen folgen.

So werden mehrere hundert deutsche Aktivisten im September nach Lüttich reisen, wo die europäischen Finanzminister tagen, schließlich hat Gastgeber Belgien auch die Tobin-Steuer auf die Tagesordnung des Ministertreffens gesetzt. Alles in allem werden mehrere zehntausend Demonstranten in Lüttich erwartet. Ende Oktober soll ein großer Kongress in Berlin folgen.

Zumindest die deutschen Attac-Strategen sind sich einig, dass ein simples Nein zur Globalisierung wenig bringt. Stattdessen gehe es darum, neue Regeln zu schaffen, die dem Einzelnen wieder mehr Spielraum jenseits der großen Profitmaschine geben. Vor allem Erfahrungen aus der Anti-Atomkraft-Bewegung haben die Attac-Gründer ein Stück realistischer werden lassen. "Der Kapitalismus lässt sich nicht einfach abschalten", räumt Olaf Moldenhauer, 30, Gründungsmitglied der neuen Gruppe, ein.

In Frankreich klingen die Forderungen dagegen weitaus radikaler: "Wir wollen", sagt Bernard Cassen, "ein echtes Rollback, eine De-Globalsierung." Dass der plötzliche Rückfall in den Protektionismus bereits einmal, in den dreißiger Jahren, in der globalen Depression mündete und Millionen Menschen arbeitslos wurden, mag Cassen als Argument nicht gelten lassen. "Protektionismus kostet keine Jobs, im Gegenteil. Den meisten Ländern geht es dadurch besser", behauptet er.

Wohl auch wegen solcher Positionen hält sich James Tobin vornehm zurück, obwohl die Bewegung seinen Namen trägt. Höflich lehnte der 83-Jährige eine Einladung nach Paris ab. Er sei, teilte der Alte mit, ein überzeugter "free trader", ein Anhänger des freien Welthandels. ULRICH SCHÄFER


DER SPIEGEL 33/2001
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