13.08.2001

FILMINDUSTRIE

Linkes Bein hoch

Von Sorge, Helmut

Vor den Toren Hollywoods boomt das Geschäft mit der Pornografie. Tausende Darsteller, die einst auf eine Karriere in der Traumfabrik hofften, sind im "Silicone Valley" gestrandet.

Pastor Tyce Bune, 43, war immer schon viel unterwegs. Nicht nur im Auftrag des Herrn.

Im "Hustler"-Magazin, dem Porno-Blatt der USA, gab er eine bizarre Vorstellung seines Könnens. Seine Oberhirten entdeckten ihn dort - nicht etwa im schwarzen Tuch der Kirche, sondern bekleidet mit Jackett, schwarzen Strümpfen, schwarzen Schuhen und dazwischen nichts. Oder doch. Ein Mädchen mit Zigarre im Mund war da auch noch zu sehen.

Der Prediger war auf Bill Clinton geschminkt. Das Paar trieb es auf dem Schreibtisch oder davor. Sie kniete vor dem Staatschef, er stand, und er stand nicht allein. Scheinbar Szenen aus dem "Oral Office", auf einem Dutzend farbiger Seiten vor versammelter US-Leserschaft ausgebreitet, der Pastor als Porno-Star.

Nach dem Druck dieser Bilder, das war im Januar 1999, endete seine Arbeit für die protestantische Kirche, für die er einst im arktischen Alaska missionierte und in den Ghettos von L. A. verlorene Kinder zu bekehren versuchte.

Eigentlich hätte dieser Mann schon seit Jahren nicht mehr für die Kirche arbeiten dürfen. Denn Tyce Bune, 1,85 Meter groß, hat bis heute in mehr als 500 Pornos seine Härte unter Beweis gestellt, pro Einsatz kassiert er um die 600 Dollar Gage. Mit mehr als 1000 Frauen, so seine persönliche Statistik, hat es der gefeuerte Pastor getrieben, und das in allen Variationen.

Der Schauspieler erlebte auch schon schwache Tage, aber eine Szene hat er noch nie verpatzt, sagt er. Bune kennt seinen Körper: 105 Minuten lang bleibe ihm die Spannkraft erhalten, wenn der Dreh länger dauere, weil er sich nacheinander mit zwei, drei Frauen beschäftigen muss, dann stärke er sich mit der Potenzpille Viagra.

In seiner Branche ist Bune ein Star, einer der Großen von rund 1600 Porno-Darstellern, die für mehr als 50 Porno-Produktionsfirmen im San Fernando Valley, jenseits der Hollywood-Hügel, ihre Körper gegen Bargeld einsetzen. Die Porno-Industrie, urteilte die "Los Angeles Times", sei das "schmutzige Geheimnis der L. A.-Wirtschaft". 11 000 Porno-Produktionen jährlich, 20 000 Arbeitsplätze, Jahresumsatz rund vier Milliarden Dollar.

Das Geschäft konzentriert sich auf Ortschaften, die Van Nuys heißen, Chatsworth, Sherman Oaks und so trostlos sind wie die Produkte, die aus dem Valley weltweit exportiert werden. Hier ein Zementwerk, dort eine Lagerhalle, daneben der "Peppermint"-Stripclub, zehn Meter weiter ein Soundstudio. Kein Glanz, kein Glamour. Nur zehn Kilometer liegt der große Hollywood-Sunset entfernt, und doch sind es Welten, die das Valley von der Filmstadt trennen.

So manche Schauspielerin ist in Richtung Westen gezogen, in der Hoffnung, ihr Unterleib könnte Talent ersetzen, ein straffer Busen und ein ansehnlicher Hintern erst den Regisseur oder den Produzenten und dann das Massenpublikum überzeugen. Die Träumerinnen haben es zum Film geschafft, nur anders als geplant: Sie liegen vor der Kamera, nennen sich Schauspieler, und letztlich "ficken sie, ohne zu wissen, warum sie eigentlich ficken", wie der Autor Martin Amis im US-Societymagazin "Talk" schrieb.

Sie werden nicht von Gewerkschaften geschützt, sondern allenfalls von Kondomen. Sie müssen HIV-Tests vorlegen, aber immer wieder versäumen sie den Arztbesuch und fälschen das Datum. Sie kassieren nicht mehrere Millionen wie Sharon Stone, die in "Basic Instinct" 1992 ebenfalls ohne Höschen aktiv war, sondern 500 bis 600 Dollar für lesbische Spielereien, 600 bis 900 Dollar für "Boy-Girl", 800 bis 1200 Dollar für "Anal" und mindestens 3000 Dollar für einen Gang-Bang - zum Beispiel sieben bis zehn Männer in drei, vier Stunden, oben, unten, übereinander und miteinander.

Nach wenigen Jahren sind sie meist erledigt - nicht allein wegen der körperlichen Schinderei, sondern weil rund 70 Prozent der Videokunden Männer sind, und die wollen, weiß Bune, "frische Ware".

Der Ex-Pastor hat es immerhin zu einigem Reichtum gebracht. Im Juli charterte er eine Limousine, fuhr vorm Universal-Hilton vor, wo sich einmal im Jahr die Entblößungselite zur "Night of the Stars" trifft. Er kennt sie alle, die bei der Ehrung der Gewerbe-Größen auf den rot gepolsterten Gartenstühlen sitzen, Keisha etwa, die ständig ihren Rock hob, damit auch keinem entging, dass sie wieder mal unten ohne war. Die Kollegin, die oben auf der Bühne für ihr "life achievement" geehrt wurde, öffnete die Bluse, hob ihre Brüste ins Freie und fragte: "Nicht schlecht für 63, oder?"

Jim South hat diesen Abend nicht genossen. Ihm war die Rock'n'Roll-Musik zu laut. South ist einer der Pioniere der Branche. Die Büros seiner "World Modeling Agency" hat er vor mehr als 25 Jahren im Valley untergebracht, "Silicone Valley", wie es in Hollywood verächtlich heißt.

Die "Explosion" im Porno-Business ist für ihn "einfach phänomenal", und er glaubt, dass das Nischendasein bald beendet ist: "Hollywood kommt mit gigantischen Schritten auf uns zu - die werden immer nackter und frivoler." Und das Valley, so hofft er, wird dann beinahe wie Hollywood, oder so ähnlich zumindest.

Vorerst allerdings muss South weiterhin über Anzeigen nach Porno-Darstellern suchen und zahlt jedem, der ihm eine Darstellerin vermittelt, 100 Dollar in bar.

Vor ihm am Schreibtisch sitzt eine Bewerberin, blond und üppig. Drei Dutzend sprechen pro Woche in seinem mit vielen Frauen-Postern dekorierten Büro vor. Er fordert: "HIV-Test, I. D." Ungebeten hebt sie die Bluse und zeigt ihre Brüste.

Der Agent führt sie in eine kleine Kammer, in der lediglich ein abgesessenes Sofa steht. Sie zieht sich aus. South fordert: "Linkes Bein hoch." Klick. Rechtes Bein hoch. Klick. Frontal. Hintern und fertig. "Done."

South wird die Polaroids an 30 Porno-Produktionen schicken - er hat sogar eine Eartha Quake dreimal vermittelt, und das, obwohl die 400 Pfund wog. "Machen Sie anal?", fragt er die Bewerberin, die Badesandalen trägt. "Nein", antwortet sie, "erst mal nicht."

Sabrina Johnson, groß, schlank, schwarze Haare, hat damit keine Probleme. Ihr Mann Graham ebenfalls nicht. Er ist 39, sie 25. Seit sechs Jahren sind sie verheiratet.

South hat auch ihr einen Job vermittelt: 4000 Dollar Ausnahme-Gage. Sex mit zehn Männern. Sabrina liebt das. "Ich bin Exhibitionistin", sagt sie: "Mich macht das ganz geil, wenn die Kamera auf mich gerichtet ist und viele Menschen zusehen."

Nach mehreren Stunden Aktivität ist sie schon mal "unten wund", schweißüberströmt und "erschöpft wie ein Langstreckenläufer".

Produziert wird so etwas von Männern wie Steven Hirsch, 40. Die Wände seines Büros sind schwarz tapeziert, im T-Shirt sitzt er an einem massiven, ebenfalls schwarz lackierten Schreibtisch. Er ist Präsident einer der erfolgreichsten Porno-Produktionen Amerikas, seine Firma nennt sich Vivid.

Vor 17 Jahren startete Hirsch, dessen Vater bereits im "Adult movie business" aktiv war, das Unternehmen. Aus den 20 000 Dollar Startkapital sind inzwischen mehr als 100 Millionen Jahresumsatz geworden.

Kürzlich hat Vivid, in Van Nuys zu Hause, Vivid TV, Hot Network und Hot Zone für 70 Millionen Dollar an die Playboy Enterprises verkauft. Der Häschen-Konzern will offenbar den Trend in Richtung "hard porn" nicht verpassen.

"Selten, sehr, sehr selten", behauptet Hirsch, sehe er sich seine eigenen Produktionen daheim an. Er lebt zusammen mit einer Frau, die wie er im "adult business" als Managerin tätig ist, und gemeinsam haben sie eine drei Monate alte Tochter.

Der Rolls-Royce-Fahrer ist, anders als sein "Playboy"-Partner Hugh Hefner, kein Party-Typ, sieht sich eher als "Steuermann, der das Schiff lenkt", beispielsweise in Richtung Internet. Unten, im Maschinenraum, machen andere die schmutzigen Arbeiten, "Experten, denen ich vertraue".

Einen gewissen Bereich lässt sich der Porno-Schiffer freilich nicht nehmen: Über das Engagement der so genannten Vivid-Girls, attraktive Frauen, entscheidet er persönlich. Derzeit hat Vivid neun Mädchen unter Vertrag. Exklusiv treten sie pro Jahr in sechs bis acht Filmen auf - von denen Vivid im Jahr insgesamt 72 produziert. Die Kosten für die Streifen: 40 000 bis 250 000 Dollar. Drehzeit: 3 bis 15 Tage.

Erst kürzlich arbeitete eine Vivid-Crew unten im Malibu-Valley. Gedreht wurde in einem modernen 700-Quadratmeter-Haus. Vor dem Gebäude parkte ein mit Filmkulissen, Scheinwerfern, Reflektoren und Kabeln beladener Lkw.

Der Regisseur war zugleich Kameramann, insgesamt arbeiteten in seinem Team ein halbes Dutzend Leute.

Der Hausbesitzer, ein Architekt, hatte seine Villa für 1500 Dollar Tagesgage vermietet - wie so mancher Immobilienbesitzer in L. A., der mit solchen Vermietungen die monatlichen Kosten deckt.

In drei Tagen drehte die Vivid-Crew zwei Porno-Streifen ab: "Zwei Verführerinnen" sowie "Chelsea, ergebe Dich" hießen die beiden Primitivfilme.

Zehn Sexszenen insgesamt, das Drehbuch umfasste - immerhin - ganze 15 Seiten. Die Verführerinnen: Chelsea Sinclair, 22, schwarz, bei Vivid unter Vertrag, sowie Monica Mendez, 26, eine Latina-Schönheit, auch im "Playboy" entblößt. Beide trugen Plateau-Schuhe und sonst beinahe nichts, nur die Höschen konnten sie noch ausziehen. Sie waren - für einige Stunden - auf lesbische Szenen eingestellt, und wie in der Pantomime glitten sie aufeinander zu, streichelten einander Hals und Po.

Robby, der Regisseur, stellte die graue Sony-Kamera auf "automatisch" und holte sich eine Cola. Die beiden Frauen machten ohne Regisseur weiter und streiften sich am Ende natürlich die Höschen vom Leib. "Cut", sagte Robby, und ein Lob für Monica hielt er auch bereit: "Du bist ein echtes Luder." HELMUT SORGE


DER SPIEGEL 33/2001
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