13.08.2001

--- S.141 SERIE - TEIL 15 DIE SCHULD AM HOLOCAUSTDIE GROSSE GIER

Wie antisemitisch waren die Deutschen - wie viele wussten vom Holocaust? Mit der Ausgrenzung und Enteignung der Juden nach der „Machtergreifung“ waren die meisten einverstanden. Später bereicherten sich Hunderttausende am Hab und Gut der Deportierten. / VON
KLAUS WIEGREFE
Die amerikanischen Soldaten, die am 11. April 1945 das KZ Buchenwald befreiten, kannten das Grauen des Krieges. Doch was sie im Konzentrationslager zu sehen bekamen, erschütterte auch die abgehärteten GIs: Ein Leichenberg aus KZ-Häftlingen türmte sich vor dem Krematoriumsofen; ausgemergelte Überlebende blickten die Befreier Hilfe suchend an; halb verhungerte Häftlinge mit eintätowierten Nummern taumelten aus den verdreckten Baracken. Auf dem Eisentor am Eingang prangte der Schriftzug "Jedem das Seine".
Der US-General George Patton wies die amerikanische Militärpolizei an, 1000 Bürger aus dem nahen Weimar herbeizubringen. Was dann geschah, hat die Journalistin Margaret Bourke-White von der Illustrierten "Life" beschrieben:
Die befreiten Insassen des Lagers in ihren blauweiß gestreiften Häftlingsanzügen kletterten auf die Zäune um den Hof. Dort warteten die Zwangsarbeiter und die politischen Gefangenen darauf, dass die Deutschen gezwungen wurden, den Haufen der toten Kameraden anzuschauen. Frauen fielen in Ohnmacht oder weinten. Männer bedeckten ihr Gesicht und drehten die Köpfe weg. Als die Zivilisten immer wieder riefen: "Wir haben nichts gewusst! Wir haben nichts gewusst!", gerieten die Ex-Häftlinge außer sich vor Wut. "Ihr habt es gewusst!", schrien sie.
Das "Wir haben nichts gewusst" der Weimarer Bürger war nach Kriegsende überall in Deutschland zu hören. Generäle und einfache Soldaten, Hausfrauen und Professoren, Handwerker und Pastoren beharrten darauf, sie hätten vom Holocaust keine Kenntnis gehabt. Hitler und dessen SS-Chef Heinrich Himmler, so schrieb der populäre Panzergeneral Heinz Guderian in seinen Memoiren, hätten den Mord "erfolgreich und streng geheim gehalten". Admiral Karl Dönitz, der das Dritte Reich nach Hitlers Selbstmord in die Kapitulation führte, gab dem israelischen Historiker Saul Friedländer sein Ehrenwort als Großadmiral, dass er keine Ahnung von der Vernichtungsmaschinerie gehabt habe.
Für die Deutschen war die Frage nach ihrem Wissen zugleich die Frage nach ihrer moralischen Verantwortung für den millionenfachen Mord. Sie sahen sich freilich nicht als Täter, sondern als Opfer: von Hitler getäuscht, von den Alliierten besiegt und gedemütigt. "Es ist eher eine Stimmung", beobachtete der Philosoph Karl Jaspers im Winter 1945/46, "als ob man nach furchtbarem Leid gleichsam belohnt, jedenfalls getröstet werden müsste, aber nicht noch mit Schuld beladen werden dürfte."
Aber was wussten die Deutschen wirklich vom Holocaust, und wie standen sie dazu? Was bedeutete Antisemitismus im Alltag - und wie weit waren sich Nazis und Bürger einig gegen die Juden?
Scharen von Historikern haben in den letzten Jahren Archive durchforstet, unbekannte Dokumente entdeckt und bekannte Papiere neu interpretiert. Empirisches Material gibt es genug. Da Hitler über die Stimmung in der Bevölkerung informiert sein wollte, erhielten Regierungspräsidenten und Oberpräsidenten der Provinzialverwaltungen, Gau- und Kreisleiter der NSDAP, Gestapo und der Sicherheitsdienst der SS den Auftrag, Meinungsberichte anzufertigen, auch über den Grad des Antisemitismus im Volk. Der Befund war in den dreißiger Jahren für Hitler gleich bleibend ernüchternd: Ausschreitungen gegen Juden fanden außerhalb der NSDAP kaum Zustimmung.
Als die Nazis zum Boykott jüdischer Läden am 1. April 1933 aufriefen, kam es vor den Geschäften zu heftigen Diskussionen und sogar zu Schlägereien. In Berlin kauften ordensgeschmückte Generäle demonstrativ bei Juden. Das Absingen von Liedern wie "Wenn das Judenblut vom Messer spritzt" wirke auf die Bevölkerung "wie kälteste Ernüchterung", notierte in Hamburg die SA-Führung.
Auch bei der antisemitischen Welle 1935 verprügelten meist nur Nationalsozialisten jüdische Passanten, boykottierten die Geschäfte von jüdischen Deutschen und beschmierten deren Häuser. Frustriert notierte die Gestapo in Kiel im Juli 1935, "dass wenn es zur Stellungnahme und Aktion gegen Juden kommt, diese meist von den Angehörigen der NSDAP und der angeschlossenen Organisationen ausgehen, während die große Menge des Volkes wenig Teilnahme für die Judenfrage zeigt".
Propagandaminister Joseph Goebbels versuchte, mit perfiden Kampagnen die Stimmung gegen die Juden mörderisch aufzuheizen. Zum Testfall wurde die so genannte Reichskristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938. In Paris hatte Herschel Grünspan, ein staatenloser Jude polnischer Herkunft, der in Deutschland aufgewachsen war, den Legationssekretär Ernst vom Rath erschossen. Goebbels forderte von seinen Gauleitern, die auf gewaltsame Aktionen drängten, überall im Lande "Demonstrationen" gegen Juden durchzuführen.
Vor Mitternacht zogen die ersten Schlägertrupps durch die Straßen, steckten Synagogen in Brand, plünderten Geschäfte und Wohnungen und misshandelten die Bewohner. Etwa hundert Juden wurden ermordet, die Polizei verhaftete mehrere zehntausend - das größte Pogrom der deutschen Geschichte seit den Verfolgungen im Mittelalter; doch die erhoffte Massenkollaboration blieb aus.
Den Stimmungsberichten der Behörden nach war die übergroße Mehrheit der Deutschen vielmehr empört über das Ausmaß des Pogroms. "Weinen könnte man, schämen muss man sich, ein Deutscher zu sein", schrieb ein NS-Sympathisant anonym an den Propagandaminister. Ein britischer Journalist berichtete, er habe mit "vielen Leuten gesprochen, und alle ohne Ausnahme waren über die Maßnahmen entsetzt". Die Führung der SPD, die ein illegales Informantennetz im Dritten Reich unterhielt, resümierte, "dass die Ausschreitungen von der großen Mehrheit des deutschen Volkes scharf verurteilt werden".
Die Deutschen - etwa keine willigen Vollstrecker, wie der amerikanische Wissenschaftler Daniel Jonah Goldhagen eindimensional meinte? Es gab aber sehr wohl einen antisemitischen Konsens in großen Teilen der deutschen Gesellschaft - Hitler hatte ihn jedoch in der Reichspogromnacht aufgekündigt, weil er Gewalt gebrauchte. "Die Form des Kampfes gegen das Judentum", notierte die Kölner Gestapo, sorge für schlechte Stimmung.
Gegen die geordnete Entlassung Tausender jüdischer Beamter, per Gesetz geregelt, erhob sich kaum eine Stimme. Die Meinungen der Bevölkerung, resümiert der Historiker David Bankier, böten "ein völlig einheitliches Bild": Juden sollten aus ihren Positionen in Verwaltung, Wissenschaft und Kunst entlassen werden - aber bitte geordnet, gewaltfrei und diskret. Im September 1941 führten die Nazis den Zwang für Juden ein, einen gelben Stern zu tragen. Ausländische Diplomaten in Berlin registrierten eine breite Ablehnung in der Bevölkerung. Auch die Deportation der jüdischen Deutschen, die kurze Zeit später begann, fand nur bei einer Minderheit Zustimmung.
Als die Amerikaner im Oktober 1945 in ihrer Besatzungszone die Meinungen der Deutschen per Umfrage erforschten, stimmten 20 Prozent der Befragten "mit Hitler in der Behandlung der Juden überein"; weitere 19 Prozent fanden seine Politik gegenüber den Juden zwar übertrieben, aber grundsätzlich richtig.
Selbst ein Gegner der Nazis wie Thomas Mann notierte im Exil in seinem Tagebuch: "Die Revolte gegen das Jüdische hätte gewissermaßen mein Verständnis, wenn ... das Deutschtum nicht so dumm wäre, meinen Typus mit in denselben Topf zu werfen und mich mit auszutreiben."
Den Kollaborateuren boten die Nationalsozialisten ja auch handfeste Vorteile. Akademiker profitierten von der Entlassung anderer Lehrer und Professoren, Mittelständler freuten sich, dass Juden nicht mehr Ärzte oder Apotheker werden konnten, Studenten begrüßten es, dass die Konkurrenz jüdischer Kommilitonen um die guten Stellen nach dem Studium wegfiel. In Städten mit großen jüdischen Gemeinden bildeten sich ganze Wirtschaftszweige, die von der Arisierung jüdischen Eigentums lebten.
In welchem Ausmaß dabei Deutsche schon vor dem Beginn des Holocaust nach dem Eigentum ihrer jüdischen Nachbarn gierten, war lange unbekannt. Erst in den letzten Jahren haben einige Oberfinanzdirektionen ihre Akten zugänglich gemacht. Ob Marburg, Köln, Göttingen, Frankfurt oder Oldenburg - überall gingen Deutsche auf Schnäppchenjagd. Wie viele sich daran beteiligten, hing offenbar nur von der Menge ab, die es zu verteilen gab.
In Hamburg drängten die Spediteure darauf, ihre Gewerbe "von den immer noch bestehenden jüdischen Firmen zu reinigen". Die Großschlachter des Schlachtviehmarkts boykottierten jüdische Metzgereien derart konsequent, dass diese ihren Betrieb einstellen mussten. Schnell bildete sich in der Hansestadt ein Arisierungsmarkt aus Rechtsanwälten, Notaren und Auktionatoren, die gut daran verdienten, wenn jüdisches Eigentum unter den Hammer kam. In wenigen Monaten wechselten 1200 jüdische Unternehmen den Besitzer.
Ob Möbel oder Gemälde, Küchengabeln oder Bettwäsche, Arztbestecke oder Kleidungsstücke - wo immer die Nazis Juden deportierten, drängten Nachbarn und Fremde, Bekannte und einstige Freunde die NS-Behörden, ihnen den Besitz der Todgeweihten auszuhändigen. In Köln beschwerte sich der Oberfinanzpräsident, dass seine untergeordneten Dienststellen "von Kaufliebhabern jüdischer Grundstücke überlaufen" würden.
Auch aus den Vernichtungslagern floss ein ständiger Güterstrom. Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) verteilte an zugewanderte Volksdeutsche Hunderttausende Kleiderstücke, die aus Lagerhäusern in Auschwitz oder Lublin stammten; mitunter waren die gelben Sterne nicht entfernt worden. Zigtausende Uhren, Wecker, Füllfederhalter gingen an Soldaten der Waffen-SS und vereinzelt über die NSV an Bombengeschädigte, die von der Herkunft der Preziosen nichts wussten. Auch Feldmarschall Erich von Manstein bestellte Uhren der Opfer für seine 11. Armee.
Nach den ersten schweren Bombardierungen deutscher Großstädte beschloss Hitler Ende 1941, den Besitz deportierter Juden in den besetzten Westgebieten ins Reich transportieren zu lassen. In Köln konnte alle zwei Wochen in den Messehallen mitgesteigert werden, in Frankfurt fanden mehrere Auktionen täglich statt, nach Recherchen der amerikanischen Militärverwaltung gab es 15 000 "diesbezügliche Fälle der Verwertung jüdischer Möbel". Ganz offen wiesen Auktionatoren in Anzeigen darauf hin, dass die Vorbesitzer Juden waren.
Zwischen 1942 und Juli 1944 rollten allein aus Frankreich mindestens 18 665 Waggons mit Mobiliar in deutsche Großstädte. Nach einer Abschlussstatistik der "Dienststelle Westen" im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete kamen in Essen 518 Waggons an, in Duisburg 693, in Bochum 555, in Oberhausen 605, in Gelsenkirchen 125, in Recklinghausen 92, in Bottrop 90.
In Hamburg sprach sich schnell herum, dass Haushaltsgüter aus jüdischem Besitz billig zu haben waren. "Einige meiner Leser forderten mich auf, mich im Hafen mit Teppichen, Möbeln, Schmuck und Pelzen einzudecken", erinnerte sich später eine Hamburger Bibliothekarin, die aber auf die Hehlerware verzichtete. Etwa 100 000 Hamburger nutzten die sich bietende Gelegenheit, sich mit Möbeln und anderen Utensilien aus Wohnungen emigrierter, deportierter, ermordeter Juden einzudecken. Am Ende des Krieges dürfte in so gut wie jedem zweiten Hamburger Wohnzimmer ein Tisch, ein Stuhl, Besteck, Geschirr oder Ähnliches aus ursprünglich jüdischem Besitz gestanden haben.
Viele Deutsche waren ausgebombt, und manche legten deshalb alle Skrupel ab. Doch die Not allein kann die große Gier nicht erklären. Das zeigte sich in jenen Gemeinden und Städten, die vom Bombenkrieg verschont blieben. In den kleinen, unzerstörten Orten, die im Bereich der Oberfinanzdirektion Frankfurt liegen, haben 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung, so schätzt die Historikerin Susanne Meinl, Mobiliar oder Haushaltsgut der Deportierten ersteigert. In den jüdischen Landgemeinden um Köln steigerte nach Recherchen des Arisierungsexperten Wolfgang Dreßen "so gut wie die gesamte Bevölkerung" mit. Als die Deportationstermine bekannt wurden, versuchten Dorfbewohner im württembergischen Baisingen, sich vorab die besten Stücke zu sichern.
Die große Gier gibt bis heute Rätsel auf. Spiegelt sich darin der besondere Antisemitismus der Deutschen, wie ihn Goldhagen diagnostiziert hat? Oder gehört der sinistre Erwerbstrieb zum üblichen Verhalten in einer totalitären Diktatur?
NS-Experten geben zu Bedenken, dass sich in einer Diktatur wie dem Dritten Reich bürgerliche Verhaltensnormen gegen den Willen der Machthaber nur schwer aufrechterhalten lassen. "Moral wird auch darüber bestimmt", so der Hamburger Historiker Frank Bajohr, "dass die Menschen öffentlich darüber sprechen, was erlaubt ist und was nicht."
In Deutschland aber gab es bald nach Hitlers "Machtergreifung" keine kritische Öffentlichkeit mehr, alle alten bürgerlichen Eliten versagten gegenüber den Nazis. Die Kirchen etwa und die Wehrmacht schwiegen, als Ariseure Kasse machten. Generaloberst Werner Freiherr von Fritsch, der über Ausschreitungen während der Reichspogromnacht entsetzt gewesen war, fabulierte einen Monat später vom "Kampf gegen die Juden", dessen Schwere man sich bewusst sein müsse.
Nach dem Krieg führten die Arisierungsprofiteure für sich ins Feld, dass sie sich an Emigranten bereichert hatten und nicht an Menschen, die in den Tod geschickt wurden. Das stimmt aber nur bis zum Beginn des Holocaust. Nach dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 erschossen erstmals Einheiten der SS und auch der Wehrmacht öffentlich Tausende polnische Juden; nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 begann die systematische Ermordung zunächst der sowjetischen, dann aller europäischen Juden.
Hitler und seine Mitarbeiter versuchten, konkrete Hinweise auf den Genozid zu verbergen. Soldaten an der Ostfront war es untersagt, bei Massenerschießungen zu fotografieren. Im September 1941 befahl Himmler den Höheren SS- und Polizeiführern, ihre Berichte mit den Mordstatistiken nicht mehr zu funken, sondern per Kurier zu überbringen. Einige Deutsche wurden mit mehrjähriger Gefängnishaft bestraft, weil sie über den Holocaust mit anderen sprachen.
Ein Grund für die Diskretion beim Massenmord war die Sorge vor einer Kampagne der Alliierten; der Roten Armee waren Ende 1941 Fotos von Massenerschießungen in die Hände gefallen, und Stalin hatte die Bilder veröffentlicht.
Auch wollten die Nazis ihre Opfer in Sicherheit wiegen. Von "Evakuierung", "Umsiedlung" und "Abschiebung zum Arbeitseinsatz" war selbst in internen Vermerken die Rede, wenn es um Deportation und Vernichtung ging. In Theresienstadt wurde ein eigenes "Altersghetto" eingerichtet, das die Öffentlichkeit über die Behandlung der Juden täuschen sollte. Immer wieder beklagten führende Nationalsozialisten die ihrer Meinung nach fehlende Härte der Deutschen in der "Judenfrage", vor denen der Holocaust deshalb geheim gehalten werden müsse.
Wie löchrig die Mauer der Geheimhaltung dennoch war, konnte vor kurzem der Meinungsforscher Karl-Heinz Reuband erstmals quantifizieren. Er hat die Ergebnisse von fünf repräsentativen Meinungsumfragen unter der Erlebnisgeneration zum Wissen über den Holocaust ausgewertet. Das Institut für Demoskopie in Allensbach hatte 1961, 1988 und 1991 die Interviewten gefragt, wann sie "zum allerersten Mal etwas von der Massenvernichtung der Juden gehört" hätten. Forsa und die Forschungsgruppe Wahlen wollten Mitte der neunziger Jahre wissen, was den Befragten "von den Verbrechen der Nazis" oder "Massenerschießungen von Juden beim Überfall auf die Sowjetunion" und der "Vernichtung der Juden in den Konzentrationslagern" vor der Kapitulation bekannt gewesen sei. Ergebnis: In allen Umfragen erklärten zwischen einem Drittel und 40 Prozent der Befragten, vom Massenmord vor Kriegsende Kenntnis gehabt zu haben.
Wahrscheinlich waren es noch mehr. Denn die Nazis ermordeten Hunderttausende ihrer Opfer in Osteuropa außerhalb der abgeriegelten Konzentrationslager. Über eine Million Deutsche arbeiteten während des Krieges in den besetzten Gebieten für die Post oder die Bahn oder waren als Unternehmer und Treuhänder tätig. Ganze Familien begleiteten manchmal die Väter nach Warschau und Krakau. Auf Spuren des Holocaust stießen sie im Osten an vielen Orten. Juden wurden am Arbeitsplatz, im Ghetto und bei der Deportation oft für Nichtigkeiten erschossen; die Leichen lagen tagelang auf den Straßen.
Auch viele der acht Millionen Soldaten, die während des Krieges an der Ostfront kämpften, beobachteten Massaker hinter der Front wie etwa der spätere bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß. Im Juli 1941 hörte der Artillerist Maschinenpistolenstöße aus einem Waldstück hinter Lemberg. Mit Kameraden spähte er durch die Baumreihen und sah SS-Männern bei einer Massenerschießung zu.
In Schitomir wiederum standen Soldaten bei öffentlichen Exekutionen in Badehosen dabei. Die Landser berichteten bei Fronturlauben oder in Feldpostbriefen von ihren Erlebnissen. In Wiener Geschäften hingen sogar zwei Monate lang die Abschriften des Briefes eines Frontsoldaten namens Franzl an seine Eltern aus, der sich rühmte, mit Kameraden "circa 1000 Juden ins Jenseits befördert" zu haben. Das Schreiben sorgte für Stadtgespräch im 3. Wiener Bezirk. Die Wehrmacht sorgte dafür, dass die Abschriften aus den Schaufenstern entfernt wurden.
Mindestens mehrere zehntausend Deutsche und Österreicher, so schätzt Dieter Pohl vom Institut für Zeitgeschichte in seiner Studie "Holocaust" (Herder-Verlag), waren unbeteiligte Augenzeugen des Mordens. Dazu kommen eine geschätzte halbe Million Täter, einschließlich der zuständigen Funktionäre am Schreibtisch, Beamten in den Besatzungsverwaltungen und Soldaten, die das Gelände bei Exekutionen absperrten. Die Hälfte davon waren Deutsche oder Österreicher, die ihr Wissen oft nicht für sich behielten.
Die Berichte machten schnell die Runde. Als Sensation galten in den Erzählungen die Gaswagen, welche die Einsatzgruppen benutzten.
Dass mehrfach sogar über Morden durch Gas in Lagern, wenn auch mit falschen Details, gesprochen wurde, belegen Tagebuchaufzeichnungen. Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, die aus dem Osten ins Reich versetzt wurden, berichteten über Gaskammern. Polnische und deutsche Handwerker gingen in Auschwitz ein und aus und behielten ihr Wissen nicht für sich. Viele Deutsche mochten nicht glauben, was sie hörten.
Auch die Täter waren nicht immer diskret. In Belzec plauderten Wachmänner in der Dorfkneipe über ihren mörderischen Auftrag. Auschwitz war ein Bahnknotenpunkt, und SS-Rottenführer Perry Broad berichtete, dass die Leute in den Zügen aufstanden, wenn sie durch Auschwitz fuhren, weil sie hofften, etwas sehen zu können - der Kitzel des Grauens.
Hitler hatte gehofft, mit seinen Verbrechen die Deutschen an sich zu ketten. "Je weniger die Leute zu verlieren haben", erklärte er 1944, "desto fanatischer werden sie kämpfen." Und das Kalkül ging auf. Die Deutschen kämpften bis zum Schluss, auch aus schlechtem Gewissen. "Genießt den Krieg", lief in Berlin um, "der Friede wird schrecklich."
Doch der Friede war nicht schrecklich, und ausgerechnet Hitlers Kalkül trug dazu bei: Die Verstrickung in die Untaten der Nationalsozialisten kurierte die Deutschen vom Irrweg eines überschäumenden Nationalismus. Hitler und sein Nazi-System verschwanden 1945 aus der deutschen Geschichte, als wäre es ein böser Spuk gewesen. Der Nationalsozialismus ist seither hier zu Lande diskreditiert. Die Spuren aber bleiben.
"Sie wussten genug, um zu wissen, dass es besser ist, wenn man nicht noch mehr weiß."
Historiker David Bankier in "Die öffentliche Meinung im Hitler-Staat"
* US-Militärangehörige mit herbeikommandierten Weimarer Bürgern am 16. April 1945.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 33/2001
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