13.08.2001

LITERATURSimplicissimus in Berlin

Der als Popsänger bekannt gewordene Sven Regener hat einen amüsanten Großstadtroman geschrieben. Von Leander Haußmann
Haußmann, 42, ist Theater- und Filmregisseur. Er lebt in Berlin. -------------------------------------------------------------------
Zuerst die gute Nachricht: Es gibt auch intelligente Rockmusiker. Die schlechte Nachricht: Die Scorpions gehören nicht dazu und vor allem nicht ihr Leadsänger, der sich schleimig mit dem Bundeskanzler trifft, der ja, wie wir alle wissen, unglücklicherweise ein Herz für Künstler hat.
Aber der von den Scorpions hat ja auch kein Buch geschrieben, was eine gute Nachricht ist. Dafür der von Element of Crime, Sven Regener, was eine wirklich gute Nachricht ist, denn ihm gelang, was nicht einmal Bob Dylan geschafft hat: ein gutes Buch zu schreiben.
Herr Regener wohnt seit geraumer Weile bei mir um die Ecke im selben Kiez. Und manchmal besucht er mich, auf einen Vormittagskaffee, aus dem dann in aller Regel ein Vormittagsbier wird. Dann wird ziemlich viel geredet, aber vor allem redet Herr Regener.
Seine Ansichten sind oft radikal und streng. Es gibt Regeln, die er aufgestellt hat, innerhalb deren sich die Menschheit bewegen soll. Tut sie es nicht, dann ist Herr Regener oft sehr traurig, aber er weiß natürlich, wie jeder kluge Mensch, dass er nichts ändern kann. Ich habe erlebt, wie ein korpulenter Mann Herrn Regener Prügel anbot. Herr Regener riss sich seine dicke Hornbrille aus dem Gesicht und rief mit einer tiefen Todessehnsucht in der Stimme: "Dann tu''s!"
Natürlich war Herr Regener in diesem Moment bereit zu sterben. An einem Donnerstag um 1.34 Uhr in der Früh.
Das in Kürze zu Herrn Regener, der ein Buch geschrieben hat, das den Titel "Herr Lehmann" trägt*.
Wer aber ist Herr Lehmann? Kurz gesagt: Herr Lehmann sind wir. Und doch ist Herr Lehmann etwas Besonderes (als ob wir das nicht wären). Herr Lehmann ist ein Schelm. Ein Schelm der Achtziger, der Neunziger, vielleicht des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein Simplicius Simplicissimus frei nach Grimmelshausen, aber in Berlin.
Herrn Lehmanns Dreißigjähriger Krieg ist der Alltag. Herr Lehmann muss heute, im Jahr 2001, ganz genau 42 sein. Im Roman, der im Westen wie im Osten Berlins spielt, steht er kurz vor seinem 30. Geburtstag. Auf diese große, allumfassende Katastrophe steuert alles hin. Doch zunächst muss der Leser das durchleben, was er (zumindest in meinem Fall) doch schon selbst erlebt hat: das große Zittern vor dieser Zeitenwende. "Es ist Scheiße, 30 Jahre alt zu werden, ging es ihm durch den Kopf", heißt es da, "man beginnt, eine Vergangenheit zu haben, eine gute alte Zeit und den ganzen Scheiß."
Der Leser muss verschlungene Wege durch Herrn Lehmanns Hirn nehmen und die Welt durch dessen dicke Brillengläser sehen (wie komm ich darauf, dass Herr Lehmann Brillenträger ist?) - und wird förmlich auf magische Weise in diesen
Herrn Lehmann hineingezogen. Herr Leh-
mann nimmt ihn körperfressenderweise einfach mit auf seine Odyssee.
Wer ist Herr Lehmann? Mit Vornamen heißt er Frank, wie wir schon auf der ersten Seite erfahren, aber seine Freunde nennen ihn nun mal Herr Lehmann. Er ist ein Neurotiker, ein Misanthrop, ein Tollpatsch, ein Philosoph, er ist ein Schisshase, er ist ein Berliner. Genauer: ein Berliner aus Bremen, also auf der Flucht. Also sehr normal.
So normal, dass einem die Spucke wegbleibt und die Puste, vor Lachen - und einem zugleich die Tränen kommen. Es ist nämlich ein trauriges Buch. Wenn sich Herr Lehmann verliebt, dann ist das so albern, so unpassend, so ungeschickt, wie wenn ein Clown irgendwo in einem Balkan-Bürgerkrieg versucht, mit seiner Pappnase und seinen zu großen Schuhen Frieden zu stiften. Es muss misslingen. Weil Herr Lehmann zu denen gehört, die auf die Nase kriegen. Bei ihm spannt die Hose hinten, weil er bald 30 wird.
Er leidet unter zu bunten Badehosen, unpassenden T-Shirts, faschistoiden Busfahrern, überhaupt jener Ungerechtigkeit und Unzuverlässigkeit, die sich im Gebaren der BVG, der Berliner Verkehrsbetriebe, manifestiert.
Es gibt so viele Menschen in einer Großstadt, aber für den, der sie aus der Vogelperspektive betrachtet, ist Herr Lehmann die signalrote Stecknadel, die man sofort findet, weil er immer als der Falsche zur falschen Zeit das Falsche tut. Mann, ist das ein Spaß, ein Alptraum, ein Wahnsinn! Als hätten sich die Pickwickier und Gregor Samsa zusammengetan, um eine Party mit Gustav Gans zu feiern.
Die Zeit der Sprachaskese ist vorbei! Wir befinden uns mitten im postviktorianischen Zeitalter. Das muss sich erst mal einer trauen: so zu schreiben, so dandyhaft, so verspielt, so selbstverliebt.
Und so verschrobene Figuren auftreten zu lassen wie den besten Freund Karl, den Künstler, der nicht schläft und dann plötzlich verlustig geht. Oder Erwin mit seinem Drogentick, der eine Spur verlorener Geldscheine zieht (was macht er wohl immer, dass er sie verliert). Oder Kristall-Rainer, den Geheimnisvollen. Oder Katrin, die Patente, die wie nebenbei als fett beschriebene große Liebe.
Sven Regener schildert einen Kosmos. Dieser Kosmos ist niedlich, amüsant, nie kabarettistisch, nie zynisch. Und zutiefst unterhaltsam, weil klug. Wie es sich für einen Schelm in einem Schelmenroman gehört, gerät Herr Lehmann in den Strudel historischer Ereignisse, welcher wohl?
Klar geht es um den Fall der Mauer. "Im Fernsehen lief eine Nachrichtensendung mit irgendwelchen Demonstrationen, und neben ihm lag Katrin auf dem Rücken und schnarchte leise", heißt es im Buch. "Dann ist ja gut, dachte Herr Lehmann und schlief wieder ein." Irgendwann muss er aber doch wieder aufstehen, und am Ende bleibt von der historischen Umwälzung nur privates Missvergnügen: Herr Lehmann ist in seiner Ruhe gestört worden.
Sven Regener hält sich an eine Devise, für die sein Buch eine schlaue Rechtfertigung ist: Scheiß auf Geschichte, erzähl Geschichten!
* Sven Regener: "Herr Lehmann". Verlag Eichborn Berlin; 300 Seiten; 36 Mark.
Von Leander Haußmann

DER SPIEGEL 33/2001
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