20.08.2001

ZEITGESCHICHTETödliche Jagd

Nach einem alliierten Luftangriff fielen Rüsselsheimer Bürger 1944 über kriegsgefangene US-Piloten her. Sechs Männer starben. Ein Überlebender kommt nun zurück.
Sidney Eugene Brown aus Florida ist bisher nur einmal in Rüsselsheim gewesen, am 26. August 1944, und er wird diesen Samstag nie vergessen.
Der amerikanische Bomberpilot, von den Deutschen abgeschossen, marschierte zusammen mit sieben Kameraden unter Bewachung zweier Wehrmachtssoldaten durch die Opelstadt. In der Nacht zuvor hatte die britische Royal Air Force mit 400 000 Brandbomben dort einen mörderischen Feuersturm entfacht, mindestens 198 Menschen waren dabei umgekommen. Eine aufgebrachte Menge entdeckte den kleinen Trupp feindlicher Piloten und erschlug sechs von ihnen. Nur Brown und sein Kumpel William Adams konnten entkommen.
Im April bekam Brown, 76, eine Einladung, an die Stätte dieser grausamen Erinnerungen zurückzukehren. Rüsselsheim wollte nach langem Schweigen über den Lynchmord offiziell des Verbrechens gedenken. Am kommenden Wochenende wird der ehemalige Pilot an der Veranstaltung unter dem Motto "Erinnerung, Versöhnung" teilnehmen, den Bürgern für Fragen zur Verfügung stehen und mit ihnen in der Kirche beten. Nur einen Moment hatte Brown gezögert, ob er wirklich kommen und vielleicht einigen Leuten begeg-
nen sollte, die ihm 1944 nach dem Leben getrachtet hatten.
Es war damals der erste Einsatz des 19-jährigen Schulabgängers. Um 2.20 Uhr waren die Flieger im englischen Stützpunkt North Pickenham geweckt worden. Der B-24-Bomber mit dem aufgemalten Witzkaninchen und dem Schriftzug "Wham! Bam! Thank you Ma''am!" stieß an der Südküste Englands zu den anderen fast 2100 Flugzeugen, die an diesem Tag ihre tödliche Fracht über Weimar, Leipzig oder Hannover abwerfen sollten - der größte Formationsflug des Zweiten Weltkriegs. Bei Osnabrück wurde Browns Flugzeug abgeschossen, die Besatzung rettete sich mit Fallschirmen und wurde gefangen genommen.
Sie waren trainiert, bei Verhören wenig preiszugeben. Sie wussten jedoch nicht, dass in Deutschland Lynchstimmung wegen des alliierten Bombenterrors herrschte. Im Mai 1944 hatte Propagandaminister Joseph Goebbels gegen die Piloten gehetzt, es sei "zu viel von uns verlangt, wenn man von uns forderte, dass wir deutsche Soldaten zum Schutz für Kindermörder einsetzen". Über 100 Fälle von Lynchjustiz hat es nach Schätzung des Berliner Historikers Jörg Friedrich während des Zweiten Weltkriegs gegeben.
Die Besatzung der abgeschossenen B-24 sollte mit dem Zug in das Verhörzentrum in Oberursel bei Frankfurt gebracht werden. Bei jedem Halt bespuckten Passanten die Männer oder drohten mit Fäusten. In Rüsselsheim ging es nicht weiter.
Der Angriff auf die Stadt hatte auch die Bahngleise zerstört; die Gefangenen mussten durch das Zentrum laufen, um im Osten die unzerstörten Schienen zu erreichen. Der Weg führte direkt in den Tod.
Es roch noch nach verbranntem Fleisch, als Brown in die volle Mainzer Straße einbog. Die Menschen kehrten gerade aus den Bunkern in ihre Wohnungen zurück oder suchten eine neue Unterkunft.
Nach Recherchen des amerikanischen Wissenschaftlers August Nigro schrie zuerst die 38-jährige Käthe R.: "Da sind die Terrorflieger! Schlagt sie tot, sie haben unsere Wohnung zerstört." Dann nahm sie ein Stück Dachschiefer und warf es dem Piloten an den Kopf. NSDAP-Ortsgruppenleiter Josef Hartgen zog seine Pistole Kaliber 6,35 mm und schoss in die Luft. Die letzte Hemmschwelle fiel.
Ob einige Dutzend oder gar Hunderte Rüsselsheimer sich an der tödlichen Jagd beteiligten, wurde nie endgültig geklärt. Mit Knüppeln, Metallstangen, Steinen, Dachziegeln aus den Schutthaufen der zerbombten Häuser schlugen die Menschen auf die Soldaten ein. Als der Schullehrer Christoph Keil dazwischengehen wollte, schrie ihn der Eisenbahner Johann O. an: "Mach dich fort, sonst bekommst du es auch noch!"
An der Ecke Taunus-/Grabenstraße zerrte der Mob den verletzten William Dumont von der Schulter von Adams, der Dumont getragen hatte, und schlug dem Verwundeten den Schädel ein. Nach einigen hundert Metern stellten die Mörder auch ihre anderen Opfer; als sich keiner mehr regte, feuerte Hartgen auf die Köpfe der Männer.
Brown bekam eine Flasche auf den Kopf und stellte sich tot, Adams war ohnmächtig. Als Einwohner sie und die anderen zum Friedhof gekarrt hatten, gab es neuen Luftalarm. Brown und Adams nutzten die Gelegenheit, verbanden notdürftig ihre Wunden und kletterten über die Friedhofsmauer. Vier Tage konnten sie sich verstecken. "Wir wollten in die Schweiz fliehen", so Brown. Am Rhein wurden sie gefasst und für den Rest des Krieges als Kriegsgefangene interniert.
Im Juli 1945 stellten die Amerikaner in einem der ersten Kriegsverbrecherprozesse einige Rüsselsheimer Lynchmörder vor ein Militärgericht - sieben wurden zum Tode und drei weitere zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Brown erfuhr davon erst, als er längst wieder in den USA war.
Gegen Deutschland und die Deutschen hatte er nie Hassgefühle, sagt er heute. Seine Familie fuhr Volkswagen. "Das hätten wir nie gemacht, wenn wir die Deutschen verabscheuen würden." KLAUS WIEGREFE
* 1944 in Langley Field (Virginia),mit Brown (vorn, 2. v. r.).
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 34/2001
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