27.08.2001

INTERNETWort und Totschlag

Loreen Leistner lernte ihren mutmaßlichen Killer nicht in Nachbarschaft oder Bekanntenkreis kennen. Die 19-Jährige traf ihn in einem Chatroom. Es ist der erste Fall in Deutschland, bei dem virtuelle Sympathie in derart reale Brutalität umschlug. Von
Thomas Tuma
Für Reinhard Zuweis, 51, war das Internet lange Zeit eine große Spielwiese mit vielen bunten Kiosken. Lebenshilfe. Ratgeber. Kaufhaus. Tor zur Welt. All so was eben.
Wenn der Versicherungsmakler einem Fremden den Weg zu seiner Mietwohnung im niedersächsischen Nest Halle erklären muss, rät er noch immer zu einem Routenplaner wie dem von lycos.de. "Weil Sie''s damit am einfachsten finden."
Wenn man Zuweis dann gegenübersitzt, erzählt er, dass er damals, als das mit dem World Wide Web losging, sofort mitsurfte, um nicht den Anschluss an die Generation @ zu verpassen. 1998 fand er einen Job im benachbarten Hameln - übers Netz. Weil das am schnellsten ging.
Wenn Zuweis über seine Arbeit im Weserbergland spricht, erzählt er auch von der Einsamkeit in den Tälern und wie er im vergangenen Sommer anfing, unter Web-Adressen wie liebe.de und amica.de nach einer Frau fürs Leben zu suchen. Kein Abenteuer, sondern wirklich was Seriöses. Er ist aus dem Alter raus, als man nachts noch durch Tanzlokale und Bierkeller stromerte. Auch da half das Internet. Weil es am diskretesten ist.
Und wenn Zuweis über die Rendezvous-Zeit mit unbekannten Frauen redet, erinnert er sich an seine Stieftochter Loreen, die ihm damals über die Schulter schaute, um selbst irgendwann loszusurfen. Raus aus Halle. Weil das eben verdammt spannend war.
Zuweis kramt Fotos heraus. Loreen im Hallenbad. Loreen im Urlaub. Und das unscharfe Foto mit den kleinen Teelichtern, aus denen auf blütenweißer Decke das Wort "Lolli" geformt ist. Weil alle sie so nennen. Weil das ihr Spitzname ist. War. Nannten. Er gewöhnt sich nur langsam an die Vergangenheit als Gegenwart.
Das Foto stammt von Loreens Beerdigung im März. Die 19-Jährige wurde vergewaltigt, zusammengeschlagen, stranguliert, erstickt und verbrannt. Ihren mutmaßlichen Mörder hatte sie vorher im Flirtforum von sat1.de kennen gelernt.
Seither hat sich für ihren Stiefvater eine Menge verändert. Auch das Internet. Auch wenn es beim ersten Prozess, der Ende Juni abgebrochen werden musste, keine Zweifel am Täter gab.
Der Klempner-Lehrling Andreas W. aus Bückeburg legte ein umfassendes Geständnis ab. Zeugen wussten, dass Loreen den 27-Jährigen in der Tatnacht besucht hatte. In seiner Wohnung fanden die Beamten einen noch unentwickelten Film, auf dem sie auch vier Aufnahmen von Loreen entdeckten: nackt, tot, entstellt. Es waren die letzten Fotos hinter einer ganzen Reihe von Schnappschüssen einer Familienfeier von W.
Dass die Verhandlung vor dem Landgericht Bückeburg bei all diesen Beweisen dennoch platzte, lag daran, dass sich die Gutachter nicht einig werden konnten, inwieweit Andreas W. schuldfähig ist. Ob die
Tat die Inszenierung eines sadistischen Triebtäters oder Kurzschluss eines enttäuschten Verehrers war. Ob er ins Gefängnis muss oder in die Psychiatrie. Ab Mittwoch dieser Woche wird das Verfahren deshalb mit 15 Zeugen und 3 Sachverständigen neu aufgerollt.
Möglicherweise werden wie beim ersten Mal wieder etliche Fernsehteams von ProSieben, ARD oder RTL vor dem Saal stehen. Wahrscheinlich wird das Gericht wieder eine Menge schrecklicher Details der Geschichte aus den Erinnerungen aller Beteiligten schälen. Und ganz sicher wird es wieder nicht groß darum gehen, wie Loreen ihren Mörder kennen gelernt hat.
Es spielt für Anwälte und Richter keine Rolle. Es ist juristisch nicht relevant, auch wenn "Bild" nach den ersten Prozesstagen die "Todesfalle Internet" beschwor, was ein bisschen ungerecht ist, denn was kann das Netz für Loreens Tod?
Wer würde einen Verlag belangen, in dessen Kleinanzeigen eine Frau ihren Mörder fand? Welche Aussicht hätte eine Klage gegen die Telekom, weil sich jemand am Telefon zum tödlichen Blind Date verabredete? Stimmt schon: Das Netz ist unschuldig.
Es taugt aber durchaus zur Nachricht. Das Medium ist auch Botschaft. Es verlangt von seinen Nutzern ein neues Misstrauen, einen achten Sinn, die Abgründe gesichtsloser Gesprächspartner einzuschätzen. Weil man nirgends Menschen einfacher kennen lernen und aushorchen, täuschen und erobern kann als im Cyberspace. Weil dort Eloquenz Status ersetzen kann und Phantasie gutes Aussehen. Weil ein blumiger Sprachstil jede wüste Absicht zu kaschieren vermag.
Rund 24 Millionen Deutsche sind mittlerweile online. Jeder Vierte chattet mehr oder weniger häufig. Allein bei AOL Deutschland plaudern laut internen Statistiken 1,4 Millionen Menschen regelmäßig. Die Nervenbahnen des AOL-Organismus sind Stammtische, die "Herzklopfen" heißen, "Singles" oder "Seitensprung".
Es gibt auch Räume, die sich um Informatik oder Motorrad-Passion drehen, aber die sind meist leer. Proppenvoll sind nur die Flirtforen, wo ein nie enden wollender Strom scheinbar sinnlosen Gestammels über den Bildschirm quillt. Ein Kosmos voller Wortfetzen, Buchstabenbrei und geheimnisvoller Kürzel, der auf Neulinge außerirdisch wirken mag.
Chatter haben ihre eigene Sprache. Chatter duzen sich, egal ob sich hinter ihren Spitznamen Vorstandsvorsitzende oder Lkw-Fahrer verbergen. Chatter führen nicht selten ein Doppelleben, das aus Mailbox, regem Briefverkehr, eigener Homepage als Zweitwohnung und Nächten vor dem Schirm besteht.
Es gibt Regalreihen voller Studien von Soziologen, Psychologen und Linguisten zum Chat-Mysterium. Und es gibt die Krankheit zum Trend, das Online-Sucht-Phänomen der "Internet Addiction Disorder" (IAD). IAD klingt schick, auch wenn es noch immer an genauen Kriterien für die Krankheit fehlt. Nach einer Untersuchung der Berliner Humboldt-Universität müssten rund 300 000 Deutsche chatsüchtig sein, weil sie mehr als 35 Stunden pro Woche sprachlos plaudernd am PC hocken.
Chatten ist kein Nischenspaß mehr für picklige Programmierer oder ein paar Wissenschaftler, die in den einst kleinen Netzen ihrer Universitäten zappelten. Chatten ist Massenkommunikation und Breitband-Narkotikum. Zu Risiken oder Nebenwirkungen brauchen Sie Ihren Arzt oder Apotheker gar nicht erst zu konsultieren, weil die Grundfragen ungeklärt sind.
Wird jemand einsam, weil er chattet? Chattet er, weil er einsam ist? Oder ist das alles Quatsch? Warum chatten Menschen überhaupt? Aus Langeweile? Weil sie online schneller Freunde finden? Weil sie sich für ein virtuelles Date nicht fein machen müssen? Weil es einfacher, schneller, diskreter und spannender ist als eine Wirklichkeit, die doch nur mit getrennten Rechnungen oder einem Kater endet?
Loreen fing damit an, weil sie offen, jung und neugierig war, sagt Reinhard Zuweis. Weil es für sie in Halle nichts gab als Nachbarorte, die Linse heißen oder Hunzen, einen Getränkeabholmarkt, einen Gasthof mit "Bundeskegelbahn" und den Stiefvater.
Sie hatte ihren leiblichen Vater nie kennen gelernt. Sie war zehn, als Reinhard Zuweis in ihrem Leben auftauchte im ostdeutschen Zeitz zwischen Leipzig und Gera. 1990. Zuweis war Westen. Zuweis war Wende. Zuweis war Erfolg. Anfangs mochten die beiden sich nicht sonderlich.
Sechs Jahre lebte Zuweis mit ihrer Mutter Corinna Leistner zusammen. Zwei weitere Jahre später ging er zurück in den Westen, auch wenn er Loreen zu jener Zeit schon wie eine eigene Tochter mochte. Sie blieb allein in Zeitz zurück. Aber Zuweis hatte versprochen, sie rüberzuholen. Zeitz war Osten. Zeitz war Provinz. Zeitz war Arbeitslosigkeit und eine Mutter, die auch ohne Loreen schon genug um die Ohren hatte. Während sie ihren Realschulabschluss machte, besorgte ihr der Stiefvater einen Ausbildungsplatz als "Fachangestellte für Bäderbetriebe" in Hameln, weil sie so gern schwamm.
Da saß sie schließlich, zwischen East-17-Poster und aufblasbarem blauen Sessel im Jungmädchenzimmer der neuen Wahl- und Qualheimat Halle und kapierte allmählich, dass das auch nicht unbedingt die Welt war. Die war eher im Büro-PC ihres Stiefvaters, der auch nicht den autoritären Erzieher raushängen wollte, wenn Loreen sich wieder für ein paar Stunden in einem Chat verlor.
In der "Community" von sat1.de hinterließ sie ein Profil, um auf sich aufmerksam zu machen. Wer dort einen Partner sucht, kann ihn sich anhand von Wohnort, Alter oder Haarfarbe aus den Datenbanken von über 100 000 registrierten Mitgliedern fischen.
"Komm in eine der diversen Chat-Bars von ,Nur die Liebe zählt''", kobert die Werbung, "und finde deinen Traumpartner." So lernte sie im vergangenen Sommer "Schmusebär" kennen, wie sich Andreas W. im Netz nannte.
Schmusebären klingen nicht nach harter Kindheit und Scheidungsopfer, knapp geschafftem Hauptschulabschluss und geschmissener Elektrikerlehre. Schmusebären haben keine Väter, die zu sadomasochistischen Sexspielen neigen. Schmusebären foltern und vergewaltigen auch nicht die Freundin des eigenen Vetters.
Das war vor sieben Jahren und angeblich Andreas W.s erster "sexueller Kontakt". Zwölf Stunden lang soll er sein Opfer damals festgehalten und mehrfach missbraucht haben. Dabei soll er die Frau mit einer Videokamera gefilmt haben, wie er es mal bei seinem eigenen Vater gesehen hatte.
Aber das wusste nicht mal seine eigene Familie, weil das Opfer es damals verschwieg. Aus Scham. Aus Angst. Erst viel später, nach dem Mord, brach das alles auf und aus. Die Freundin von W.s Vetter ist mittlerweile dessen Frau. Sie wird auch beim zweiten Prozess aussagen müssen. Und sie wird sich wieder Vorwürfe machen, nicht viel früher ... weil dann vielleicht ...
Wie hätte Loreen davon wissen sollen, die "Schmusebär" charmant genug fand, ihm zu antworten? In der zweiten Mail verriet sie ihm ihre Telefonnummer. Drei Tage nach dem ersten Kontakt holte er sie abends von ihrer Arbeit im Hamelner Einsiedlerbad ab.
W. wirkt weich, trotz raspeligen Kurzhaarschnitts und massigem Leib. Ein großes Kind, das sich meist herumschubsen und ausnutzen ließ. Bei der ersten Verhandlung beschrieb ihn eine der Zeuginnen als "Bückstück". Jemand, der immer für andere da ist, um sich deren Freundschaft zu erkaufen.
"Lolli" bekam von "Schmusebär" ein Handy geschenkt. Sie telefonierten regelmäßig. Sie trafen sich. Sie chatteten. Sie schickten einander E-Mails und SMS-Nachrichten. Mehr sei nie gewesen, glaubt Reinhard Zuweis, der viel später Loreens Tagebuch öffnete und nur einen - harmlosen - Eintrag zu der Chat-Bekanntschaft fand. Selbst W.s Selbstmorddrohungen im Herbst waren ihr keine Zeile wert. Außerdem hatte Loreen längst einen festen Freund.
Doch, doch, sie seien intim gewesen, behauptet Andreas W., der sich jetzt, in U-Haft, selbst darüber wundert, wie leicht ihm die Kontaktaufnahme im Netz fiel. Wie problemlos das alles ging mit "Lolli". Seit Anfang 2000 war er dank Pentium-II-PC und ISDN-Anschluss online. Manchmal tauchte er bei njoy.de ab, dem Forum eines norddeutschen Radiosenders. Oft genügten ihm die vielfältigen Gratis-Sexseiten im Netz für einen kurzen Zeitvertreib.
Im World Wide Web gibt es alles, was es draußen auch gibt: Pornografie, Prostitution, Kinderhandel. Päderasten, sagen Beamte der Internet-Fahndungsstelle des BKA in Wiesbaden, tummeln sich gern in Schulchats, um mit Halbwüchsigen ins Gespräch zu kommen, ohne dass deren Eltern es je erfahren. Der Computer ist ihre Geheimtür in Kinderzimmer und Gedanken.
Chatrooms erlauben dank ihrer vermeintlichen Anonymität tiefe Einblicke in die Befindlichkeiten, Träume und Obsessionen der bundesdeutschen Nachwendegesellschaft. Chatrooms bedeuten Rollenspiel. Illusion. Maskenball. Kontaktmarkt. Cybersex. Überdruckventil.
Unter playground.de findet sich das Chat-Rückgrat der Tomorrow Internet AG, Spross der Hamburger Verlagsgruppe Milchstraße. Playground lebt von über 20 frei zugänglichen Plauderrunden. An einem ganz normalen Nachmittag eines ganz normalen Freitags fanden sich dort unter anderem folgende Spitznamen ein:
27masogirlSM, dickerSchwanz26, 3Loch-Luder, Die_Zunge_39_m, Dirty-Daddy, Geile_Maus_26bi, geilerStaendER, Herrenrunde_suchtW, lustmolch39, Melanie36bidev, pervschwanz2, Ralf31_nackt, schwangere_Hure, Tina_Blaeserin.
Man mag Tina, der "Bläserin", in so einem Ambiente nicht unbedingt unterstellen, Kontakt zu einer Musikkapelle zu suchen. Man mag nicht hinter jedem weiblichen Spitznamen eine Frau vermuten. Aber man mag sich doch auch fragen, was eine 19-Jährige wie Loreen davon gehalten hätte.
Wie oft sich "Schmusebär" und "Lolli" im Netz trafen, ist nicht bekannt. Ihre Spuren im Treibsand des Internet sind längst verwischt. Die Mailbox, die Reinhard Zuweis seiner Stieftochter selbst eingerichtet hatte, ließ er zu ihren Lebzeiten unangetastet. Ihre E-Mails löschte Loreen regelmäßig.
Allzu phantasievoll dürften "Schmusebärs" Cyber-Auftritte nicht gewesen sein. Gutachter beschreiben Andreas W.s Intelligenz als unterdurchschnittlich. Um wie viel gefährlicher wird es, wenn jemand auch noch über das nötige verbale Rüstzeug verfügt, virtuelle Opfer mit Sprachgewalt zu umschmeicheln?
Im Januar starb ein 16-jähriger Israeli, der vorher via Internet eine Frau kennen gelernt hatte, die ihre palästinensische Herkunft verbarg. Die beiden korrespondierten einige Monate online, bevor sie ihm ein Treffen in Jerusalem vorschlug. Laut Zeugen wurde der Halbwüchsige dort von der Frau und einem Trupp Männern entführt und erschossen.
Derzeit läuft in Kansas City ein Prozess gegen den US-Amerikaner John Edward Robinson Sr. Der 57-jährige Familienvater, der sich im Netz "Slavemaster" nannte, soll mindestens fünf Frauen über eine Sadomaso-Website kennen gelernt und nach ersten Treffen erschlagen haben. Das FBI fand die Leichen in Stahlfässern und zum Teil kaum noch identifizierbar auf Grundstücken Robinsons. Dem Angeklagten droht nun die Todesstrafe.
Eine der virtuellen Bekanntschaften des "Cyber-Rippers" ("Observer") nannte sich "Lauralei". Drei Monate lang schrieben die beiden sich E-Mails und chatteten. Die Beziehung war platonisch, lebte aber auch von sadomasochistischen Rollenspielen. Sie genoss seine phantasievollen Worte, Briefe und gelegentlichen Anrufe. Weil sie nie mehr wollte als eine virtuelle Affäre, brach sie den Kontakt im Mai 2000 ab.
Im Juni fragte ein Polizist bei ihr an, weshalb ihre Nummer in Robinsons Telefonrechnungen auftauchte. Da saß der mutmaßliche Serienkiller bereits in Haft. Später meldeten sich bei der Zeitung "Kansas City Star" etliche andere Frauen, die wie die 44-jährige Vicki mit Robinson in Kontakt gestanden hatten.
Vicki war drauf und dran gewesen, zu ihm nach Kansas zu ziehen. Sechs Monate lang hatte Robinson sie zu einer Art Cyber-Sklavin erzogen, die sich von niemandem berühren lassen durfte, außer mit seiner Erlaubnis.
"Er machte klar, dass mein Körper sein Eigentum sei. Das gehört nun mal dazu." Sie hatte sich sogar schon bereit erklärt, sich seine Initialen "J. R." in die Hüfte brennen zu lassen. Ganz real.
SM-Seiten gibt es auch im deutschsprachigen Netz. Unter peitsche.de treffen sich Gleichgesinnte zu Erfahrungsaustausch und Kontaktaufnahme. Bei zarthart.de ließen sich bereits über 2000 "SklavInnen" registrieren. Man mag hinter solchen Beziehungen nicht gleich Verbrechen vermuten. Aber das Netz sorgt eben auch dafür, dass solche Zirkel für Jugendliche wie für Psychopathen leicht erreichbar sind. Wort und Totschlag können nur einen Klick voneinander entfernt sein.
Am 28. Februar ging Loreen das letzte Mal ins Netz. Sie war krank zu Hause geblieben. Um 16.55 Uhr verabschiedete sich ihr Stiefvater von ihr. Er wollte nach Göttingen zu einer Bekannten. Der Rest des Abends ist dank Telefonrechnungen genau protokolliert.
Um 17.35 Uhr ging die 19-Jährige für nur zehn Sekunden online, vermutlich, um Mails abzurufen. Um 18.49 Uhr erneut, diesmal für 65 Minuten. In dieser Zeit rief sie auch Andreas W. auf dessen Handy an. Um 20.08 Uhr ein zweites Mal. Jeweils nur wenige Sekunden. Um 20.29 Uhr war sie noch einmal im Netz für zehn Minuten. Um 21.14 Uhr das letzte Mal - für 47 Sekunden. Dann schaltete sie den PC ab und fuhr die knappe Autostunde zu W. nach Bückeburg. Warum?
Eine Zeugin hatte beim ersten Prozess von neuen Selbstmorddrohungen des Angeklagten erzählt. "Wenn ich dich nicht kriege", soll er Loreen zudem gewarnt haben, "dann kriegt dich auch kein anderer." Oder brauchte sie jemanden zum Ausheulen, wie W. behauptet? Loreen habe mit dem Gedanken gespielt, ihren Bademeister-Job hinzuschmeißen und eine eigene Wohnung zu suchen.
Später bilanziert der Obduktionsbericht zu Loreens Leiche: Ober- und Unterkiefer gebrochen, Nasenbein zertrümmert. Der Tod trat durch Ersticken ein. W. hatte Loreen ihren Slip in den Mund gestopft und sie mit einem Gürtel stranguliert.
Einen Tag lang versteckte er die Leiche unter seinem Bett. In der Nacht darauf packte er sie in einen Teppich und versuchte, sie vom Balkon abzuseilen. Die Tote sei herausgerutscht und auf dem Boden aufgeschlagen. Im Dunkel der Mülldeponie Sachsenhagen übergoss er sie mit Benzin und zündete sie an.
Als die Ermittler auf die Spur der Mail-Bekanntschaft kamen, bot er seine Hilfe bei der Suche an. Irgendwann fragte ihn ein Beamter, eher nebenbei, ob vielleicht er selbst Loreen getötet habe. W. antwortete nur: "Ja."
Bei der Beerdigung legte Corinna Leistner ihrer toten Tochter einen Zettel mit in den Sarg, auf dem der Name ihres leiblichen Vaters stand, damit sie wenigstens das vielleicht noch irgendwie erfuhr. Reinhard Zuweis sagt, seine Ex-Freundin habe den Glauben entdeckt - den er ein Stück weit verloren hat: ans Internet, an dessen Segnungen und Unschuld, an deutsche Gerichte, denen er Täter- statt Opferschutz vorwirft.
Viele Frauen seien schlicht zu leichtsinnig, sagt Gabriele Farke. Ihre Chat-Karriere reichte von Blind Dates über hohe Schulden, weil sie die horrenden Telefonrechnungen nicht mehr bezahlen konnte, bis zur Gründung eines Online-Sucht-Verbandes.
Farke hat seither eine Menge Geschichten gehört. Von Leuten, deren Ehen in die Brüche gingen wegen des Chats. Von Telefonterror oder plötzlichen Hausbesuchen verschmähter Cyber-Affären. Von Vergewaltigungen, die nie zur Anzeige gebracht wurden. Aus Angst. Aus Scham.
"Ich kann nur von Glück sagen, dass ich früher nicht selbst einem Verrückten in die Hände gefallen bin. Aber ein Chat kann unglaubliches Vertrauen schaffen, das alle Zweifel verdrängt. Jemand, der das nie erlebt hat, kann sich das nur schwer vorstellen."
Wer behauptet, er suche in Chats nichts, mache sich was vor: "Letzten Endes geht es um Kontakte - aller Art."
Seit ein paar Wochen sucht Reinhard Zuweis übrigens im Netz wieder nach der Frau fürs Leben, das ja irgendwie weitergehen muss. Kein Abenteuer, sondern wirklich was Seriöses.
Gerade traf er sich mit einer sehr netten Alleinerziehenden. Die Mutter strahlte jene Offenheit aus, die auch seine "Lolli" hatte. Ihr Kind vergöttert die Diddlmaus, jenes großpfotige Knuddel-Accessoire, dessen Saugnapf-Tatzen auch im linken Heckfenster von Loreens weißem Toyota Corolla pappten. Die Sechsjährige packte Zuweis gleich an der Hand. Seit Loreen kann er mit Kindern.
Die Diddlmäuse. Diese arglose Offenheit. Es machte ihn schrecklich glücklich. Es machte ihm schrecklich Angst.
* Mit seinem Verteidiger beim ersten Prozess am 13. Juni vor dem Landgericht Bückeburg.
Von Thomas Tuma

DER SPIEGEL 35/2001
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