03.09.2001

ZEITUNGEN Mutter Courage von Cottbus

Die „Lausitzer Rundschau“ war ein harmloses Heimatblatt. Dann heuerte eine Chemikerin als Chefreporterin an und schrieb über Korruption und Stasi-Seilschaften. Nun ist in ihrer Heimatstadt ein schmutziger Kampf im Gange: Die Seilschaften wehren sich. Von
Klaus Brinkbäumer
Es waren 10 000 Menschen damals, im Herbst 1989, und diese 10 000 Menschen zogen durch die Altstadt von Cottbus und riefen: "Stasi in die Produktion." Sie meinten das vermutlich anders, als es dann kam.
Der Oberbürgermeister (OB), Waldemar Kleinschmidt, erzählt leise von damals und guckt auf das Gemälde von der Oberkirche St. Nikolai, das in seinem Büro hängt. Durch den Bilderrahmen zieht sich ein Sprung. Es waren ja euphorische Zeiten, damals im Herbst 1989, "Zeiten des Aufbruchs", so Kleinschmidt, aber zugleich waren es die Zeiten, in denen die Katastrophe von Cottbus begann.
Jene Katastrophe, mit der sich die Reporterin Simone Wendler befasste und aus der inzwischen der "Zeitungskrieg von Cottbus" geworden ist.
Die Stadt brach Anfang der neunziger Jahre zusammen. Die Textilindustrie? Die Braunkohle, welche die halbe DDR beheizt hatte? Unrentabel. Dann kam die Zerschlagung der Stasi. 27 Millionen Mark an Übergangsgeldern sollen an die Diener der Cottbuser Staatssicherheit gegangen sein.
Das war für einige so etwas wie Startkapital für die neue Zeit; andere nahmen Kredite auf. Bei der Volks- und Raiffeisenbank arbeitet heute der einstige Direktor der Stadt- und Kreissparkasse, Wolfgang Malth, einst IM "Wolfgang", laut Stasi-Akte ein "zuverlässiger Mensch, der fest zur Partei steht" und der seinen Auftrag - "Überprüfung der Konten unter Wahrung der Konspiration" - gründlich erledigte. Nur seine Pflicht habe er erfüllt, so Malth.
Beziehungen bauen Brücken, auch von links außen hinüber auf die andere Seite.
Der Diplomingenieur Helmut Rauer, zuerst IM "Schubert", später hauptamtlicher Hauptmann, laut Akte ein kontaktfreudiger Mann, der sich nicht scheute, "Personen aus seiner unmittelbaren Umgebung zu belasten", gründete im März 1990 die Firma Rotec Bürotechnik, damals Nummer 0002 im Handelsregister. Dann kamen viele weitere Firmen, in Deutschland und Polen. Rauer, einst Leiter des "Volkskunstkollektivs Cottbuser Karneval" und heute braun gebrannt, Bewohner einer Villa an der Spree und Very Important Person beim FC Energie Cottbus, hatte einen treuen Partner: Stasi-Hauptmann a.D. Thomas Zepezauer, laut Akte "diszipliniert, höflich und bescheiden".
Es gab, es gibt viel zu tun in Cottbus, denn es gab und gibt viel zu bauen, zu sanieren, zu vermieten, zu verkaufen. Über 23 500 so genannte Wohneinheiten verfügt die Gebäudewirtschaft Cottbus GmbH (GWC), und pro Jahr vergibt sie Aufträge für 100 Millionen Mark. Bei der GWC, in diesem Bau aus Betonplatten, Glas und Stahl, setzte Simone Wendler an, hier wurde die Katastrophe von Cottbus sichtbar.
Simone Wendler, 46, unauffällig mit ihren kurzen Haaren und den ovalen Brillengläsern, ist so etwas wie die Mutter Courage von Cottbus. Sie recherchierte penibel, wie rund um die stadteigene GWC ein Geflecht von Firmen wirkte, die sich Aufträge zuschanzten und auch mal Rechnungen fälschten; Firmen waren dabei, an denen nach einem Bericht der Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young Geschäftsführer der Gebäudewirtschaft oder deren Ehefrauen beteiligt waren; Firmen auch, in denen alte Kumpels von der Stasi saßen. Hin und wieder gab es Gewinnausschüttungen, im wahrsten Sinne: Man hatte Koffer voller Geld dabei, und bei Zusammenkünften wurden die ausgekippt.
Und dieses alles hackte Simone Wendler ziemlich trocken in ihren Samsung-Computer in Zimmer 415 des Verlagshauses der "Lausitzer Rundschau".
Es war eine Bombe.
Es zog eine Mauer durch Cottbus.
Denn seither ist hier das im Gange, was manche als "Krieg" bezeichnen. Menschen werden entlassen, darunter die GWC-Geschäftsführer Günter Thiessat und Joachim Käks. Detekteien werden angeheuert, Häuser fotografiert. Wohnungen werden aufgebrochen, Morddrohungen auf Anrufbeantwortern hinterlassen. Staatsanwälte ermitteln - wegen der Drohungen gegen unbekannt und wegen Korruptionsverdachts gegen die einstigen Geschäftsführer.
In der Redaktion der "Rundschau", wo viele aus der alten Leipziger Kaderschmiede, dem "Roten Kloster", arbeiten, diskutieren sie, denn sie wissen, dass das Wort "Stasi-Seilschaften" im Osten eine Keule ist. Aber dann werfen sie es in den Ring, weil sie die Kollegin schützen wollen.
Nun, gute drei Wochen ist es her, steigen andere Medien ein. Ein Anzeigenblatt und ein TV-Sender schießen gegen die Enthüllerin, die "den Verhör-Stil als journalistische Methode" praktiziere und Männer zerstöre, die fleißig Ehrenämter ausübten.
Da werden die "Tagesthemen" aufmerksam. Der "Tagesspiegel", der mit der "Lausitzer Rundschau" in Brandenburg kooperiert, berichtet wohlwollend über Simone Wendler. Die "Frankfurter Allgemeine" ("Lausitzer Verhörspiele") tadelt den "Tagesspiegel" für eine von geschäftlichen Interessen gefärbte Berichterstattung und Simone Wendler, da deren Ehemann auch bei der Stasi gewesen sei.
Die "FAZ" erwähnt nicht, dass die Scheidung 19 Jahre zurückliegt und Klaus Wendlers Stasi-Zeit nach Aktenlage erst danach begann. Und die "FAZ" verschweigt, dass sie, über ihre Tochter "Märkische Allgemeine", durchaus Eigeninteressen in Brandenburg hat.
Und zwischen all den Barrikaden steht der Oberbürgermeister Kleinschmidt, der Simone Wendler lobt und dessen Büroleiter Simone Wendler kritisiert; der einen Antikorruptionsbeauftragten eingesetzt hat und zugleich keine Geschäftsleute verlieren will. Das Ganze ist ein bizarres Schauspiel, und es geht um die alte Frage: Wer ruiniert den Ruf einer Stadt - jene, die sich selbst bedienen, korrupt oder gar kriminell handeln? Oder die, die darüber berichten?
Für Thomas Herbig, den Mann von "Lausitz-TV", der gegen die Kollegin von der "Rundschau" wütet, ist das ganz einfach. Wegen der Enthüllungen hat er das Gefühl, "dass meinen Wurzeln ganz systematisch das Wasser abgegraben wird"; vielleicht hat mit seinem Wunsch nach Stille ja zu tun, dass der Unternehmer Rauer über eine Firma auch bei "Lausitz-TV" beteiligt ist.
Johann Legner, von der Gauck-Behörde gekommener stellvertretender Chefredakteur der "Lausitzer Rundschau", glaubt jedenfalls, dass "Schweigen das konstituierende Element einer Gesellschaft" sei, "die das Böse zulässt".
Das Problem ist ja nicht wirklich die Stasi; die interessiert in Cottbus keinen Menschen mehr. Es sind halt - und nicht zufälligerweise - viele ehemalige Stasi-Männer, die hier mitspielen. Die mochten die Vorfälle vergangene Woche nicht kommentieren, aber Rauer hat mal gesagt, dass er nur ganz normale Geschäfte gemacht habe.
Das wirkliche Problem in dieser Geschichte ist, dass da ein ganzer Markt aufgeteilt und abgeschottet wurde, und eine Stadt, die das zulässt, kann noch so laut um Investitionen aus dem Westen betteln. Cottbus, innen die Altstadt, außen die Plattenbauten, 16 Prozent Arbeitslosigkeit, ist so tot wie ein sizilianisches Dorf.
Es gibt hier keine größere Partei, in der nicht Leute wirken, die in den Filz verstrickt sind; selbst OB Kleinschmidt, vor der Wende in der Blockpartei CDU und als Finanzstadtrat unter anderem mit dem Vermögen von Republikflüchtlingen befasst, hat in Cottbus irgendwie immer schon mitgemischt. "Ich war kein Held", sagt er.
Das sei doch auch ihre Stadt, sagt Simone Wendler, allein erziehende Mutter, gebürtige Cottbuserin. Dann erzählt sie von dem Lied, das jemand auf ihre Mailbox gespielt hat: "Du altes Arschloch, dich kriegen wir auch noch ... Dich schlagen wir tot." Einschüchterung, keine wirkliche Gefahr, sagt sie. Aber auch in Cottbus leben einstige Genossen, die nun mit Prostitution zu tun haben oder mit Menschenhandel, und wenn die etwas ernst meinen ... Bevor sie wieder ans Werk geht, für ein paar Sekunden nur, weint die Reporterin.
Simone Wendler ist Diplomchemikerin und arbeitete lange Jahre im Fleischkombinat. Mit Künstlern hatte sie zu tun, und sie schrieb Gedichte, "doch ich war völlig harmlos", sagt sie. Trotzdem wurde sie bespitzelt, "Poet" hieß der Vorgang; "das Objekt" könnte zum Werkzeug des Klassenfeindes werden, steht da. 1984 wechselte Wendler ans Krankenhaus, arbeitete im Labor, und 1989 mischte sie sich in die Politik ein: Sie machte die Pressearbeit der SDP, und so kam sie nach der Wende zum "Tagesspiegel". Es folgten ein paar Jahre als Freie, und am 1. Oktober 2000 fing sie als Chefreporterin bei der "Lausitzer Rundschau" an.
Davor war die ehemalige SED-Zeitung eines dieser Friede-Freude-Heimatblätter, die es überall in der Provinz gibt - in Passau, in Cottbus und sonstwo. "Früher war das ein Wurstblatt", sagt der OB.
Anders wurde das, wie so oft, durch einen Zufall. Mitte November 2000 lag ein anonym abgeschicktes Päckchen auf Wendlers Schreibtisch. Drin steckte ein Schwung Akten. Am 29. November 2000 stand die erste Geschichte auf Seite 3: "Filz und Korruption in Cottbus?"
Dann ergab eins das andere. Lothar Hilke kam ins Spiel, einst jener stellvertretende Kreisstellenleiter der Staatssicherheit, der laut Akte "stets zu den besten Mitarbeitern in der Arbeit mit den IM" zählte. Heute ist Hilke Chef der MH Elektrotechnik, an der anfangs auch Günter Thiessat, damals Geschäftsführer des Auftragsgebers GWC, beteiligt war.
So ging es monatelang weiter, und es eskalierte, als Simone Wendler vor drei Wochen über den Präsidenten der Handwerkskammer, Werner Schröter, schrieb. Der hatte Rechnungen nicht bezahlt und war in seiner Firma mit dem einstigen Hauptmann Rauer verbandelt.
Wie das alles endet? Sie hoffe auf eine echte Diskussion, sagt Simone Wendler, aber normal wäre, wenn ein paar Leute ihre Jobs verlören und es dann ginge wie bisher. Nein, das sei nicht normal, sagt ihr Chef Johann Legner: "Instabile Systeme krachen irgendwann zusammen."
Doch das kennen die Herren von der Staatssicherheit ja schon.
Von Brinkbäumer, Klaus

DER SPIEGEL 36/2001
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