03.09.2001

TV-SERIEN

Der Club der bösen Mädchen

Von Schießl, Michaela

In den USA ist die Comedy-Serie "Sex and the city" Kult, demnächst können auch deutsche Frauen die Beziehungsabenteuer der vier libidinösen New Yorkerinnen verfolgen.

Miranda, eine ehrgeizige New Yorker Anwältin, hat Geburtstag - einen mit einer Drei davor. Sie feiert ihn trotzdem, mit ihren besten Freundinnen in einem schicken Restaurant in Manhattan. Und eine von ihnen, Geschäftsfrau Samantha Jones, bringt ein Geschenk von besonderem Wert. Eine Weisheit, die das Leben der vier allein stehenden Großstädterinnen revolutionieren soll: "Um glücklich zu sein, müsst ihr Sex haben wie Männer. Einfach bloßen Sex, ohne Gefühl."

So beginnt die erste Episode der US-Comedy-Serie "Sex and the City", und viele TV-Macher warnten im Vorfeld, dass solche Sprüche im prüden Amerika zu einem Aufschrei führen würden. Sie behielten Recht. Frauen kreischten - vor Vergnügen.

Sie kreischen noch immer. Seit der Abonnementsender HBO (Home Box Office) 1998 die Serie erstmals ausstrahlte, wuchs die Zahl der Fans - der Großteil von ihnen weiblich - unaufhaltsam. Als vor drei Wochen die vierte Staffel endete, verzeichnete der Sender, der zum Medienkonzern AOL Time Warner gehört, Rekordquoten: 6,6 Millionen Zuschauer - eine Steigerung um 35 Prozent.

Verwundert reiben sich die Männer die Augen. War es nicht eine eiserne Regel, dass Sex im Fernsehen für sie gemacht war?

Verwirrt müssen sie beobachten, wie sich ihre Gattinnen und Töchter vor der Glotze wälzen vor Vergnügen, wenn Samantha kalt lächelnd Männer erst besteigt und dann entsorgt, die Galeriebesitzerin Charlotte orthodoxe jüdische Künstler hernimmt, bis Miranda ihr den Klassen besseren rosaroten Vibrator "Rabbit" vorstellt. Sexkolumnistin Carrie Bradshaw rechnet derweil in ihrer wöchentlichen Zeitungskolumne mit den Pinkelsex-Vorlieben eines Politikers ab, der sie hat stehen lassen.

Bald können auch deutsche Frauen die Beziehungsabenteuer der vier libidinösen New Yorkerinnen verfolgen. Ab 18. September sendet ProSieben um 21.15 Uhr 22 Doppelfolgen von "Sex and the city". Und die Chancen stehen gut, dass deutsche Männer fortan dienstags unbehelligt zum Skatspielen gehen dürfen.

Denn die Serie über die erfolgreichen Singles hat offenbar einen besonderen Nerv getroffen. Nie zuvor wurde derart G-Punktgenau und witzig das Leben allein stehender Metropolen-Bewohnerinnen seziert, nie zuvor das Dilemma beschrieben, in dem sich selbstbewusste und unabhängige Frauen befinden, die mit 30 nicht verheiratet sind, aber doch Beziehungen suchen.

Auf den ersten Blick haben sie alles: Geld, Erfolg, Unabhängigkeit. Musste Audrey Hepburn noch rehäugig vom Frühstück bei Tiffany träumen, gehen Carrie und Co. zum Petting zu Prada.

Getrieben von purer Lust und der Sehnsucht nach einer echten Beziehung, lassen die vier Frauen ihre Manolo-Blahnik-High-Heels vor den Betten fallen, schaben sich nächtens ihre Gucci-Fummel beim Knutschen an Hauswänden ab und diskutieren anschließend ihre Erfahrungen beim Cocktail in hippen Lokalen und auf begrünten Dachterrassen.

Ihre Gespräche sind so unverblümt offen, wie sich beste Freundinnen das wünschen, aber im wirklichen Leben nie trauen würden. Haben Männer noch Achtung, wenn eine Frau Analsex zustimmt? Woher weiß sie, ob sie gut ist im Bett? Und ist es besser, einen Orgasmus vorzutäuschen als allein zu bleiben?

Obgleich bizarr überzeichnet, wirken die Probleme der Partnersuche der Mittdreißigerinnen verdächtig echt - denn sie sind es. Die Vorlage für "Sex and the city" lieferte die reale Klatschkolumnistin Candace Bushnell. Sie galt Mitte der neunziger Jahre als die schärfste Zunge und spitzeste Feder Manhattans. Ihre Kolumnen in der Wochenzeitung "Observer", in denen sie in zynischem Ton ihre Abenteuer und die ihrer Single-Freundinnen analysierte, waren so legendär wie gefürchtet. 1996 fasste sie die gesammelten Erkenntnisse über New Yorker Balzverhalten und Paarungsrituale in dem Buch "Sex and the city" zusammen. Drehbuchautor Darren Star, der zuvor mit Serien wie "Melrose Place" erfolgreich war, entwickelte daraus die Fernsehversion.

Dass diese schließlich produziert wurde, ist einzig HBO zu verdanken. Zuvor hatten sich schon die großen US-Networks für "Sex and the city" interessiert, doch waren sie vor den ganz und gar nicht jugendfreien Inhalten zurückgezuckt. Zudem eignete sich das halbstündige Format nicht für das Einspielen von Werbespots. HBO dagegen muss sich als Abo-Sender weder strengen Jugendschutzrichtlinien beugen, noch ist er auf Werbung angewiesen.

Der als besonders innovativ geltende Sender wurde für den Mut belohnt. An Sonntagabenden wird "Sex and the city" nur von den Einschaltquoten von Catch-Übertragungen überflügelt - dorthin flüchtet wohl das andere Geschlecht.

Hinter der ebenfalls von HBO produzierten Kultsendung "Die Sopranos" ist "Sex and the city" die Serie mit den zweitbesten Einschaltquoten. Die Komödie brachte dem Sender zahlreiche Emmy-Nominierungen und in diesem Jahr zwei Golden Globes - einen für das Gesamtkunstwerk und einen für die Hauptdarstellerin Sarah Jessica Parker, die die Sexkolumnistin Carrie Bradshaw spielt und mittlerweile auch als Co-Produzentin agiert.

"Sex and the City" folgt nicht dem Strickmuster herkömmlicher Comedy-Shows. Es gibt keine eingespielten Lacher wie bei "Seinfeld", keine Slapstick-Einlagen wie bei "Friends". Jede Episode hat ein Thema, etwa: Muss frau Männern etwas vorspielen, um eine gute Beziehung zu haben?

Jedes Thema wird zum Arbeitstitel für Carries Sexkolumne. Als Stimme aus dem Off begleitet Sexforscherin Carrie die irr-

witzige Beziehungssuche mit zynisch-soziologischen Kommentaren.

Das Geheimnis des großen Erfolgs liegt zum einen in der gelungenen Mischung aus Horror und Humor, Spaß und Schrecken, Leid und Leidenschaft. Zum anderen in der exquisiten Besetzung und Rollenverteilung - mit einer der vier Frauen will sich jede Zuschauerin identifizieren.

Carrie, die intellektuelle, neurotische Journalistin, hat einen Hang zu Designer-Klamotten und zu Mister Big, einem dominanten Alpha-Männchen der gefährlichsten Sorte. Kunstgaleristin Charlotte, gespielt von Kristin Davis, ist eine naive, eher konservativ-biedere Tochter aus gutem Hause mit dem Traum von der heilen Familie. Cynthia Nixon spielt die Anwältin Miranda als feministische, von Bindungsängsten geplagte Workaholic mit Hang zu bübischen Männern und altklugen Psychiatern. Kim Cattrall schließlich verkörpert so überaus überzeugend das abgebrühte, nymphomanische Public-Relations-Luder Samantha Jones, dass sich ihr echter Vater dafür schämt und seine Tochter öffentlich eine "Schlampe" nannte. Was die 45-jährige Cattrall, im wirklichen Leben monogam und verheiratet, nicht daran hinderte, ein Sex-Beratungsbuch mit Tipps zur Orgasmusfindung zu schreiben.

Tatsächlich finden sich in "Sex and the city" mehr Stellungen als im Kamasutra. Doch weil jede erotische Szene mit absurder Komik versehen ist, entfällt der Pornografieverdacht, glaubt Produzent Michael Patrick King. Trotzdem hat Kristin Davis vorsichtshalber ihre Mutter gebeten, die Sendung nicht anzuschauen, schon wegen der drastischen Ausdrücke.

Doch gerade die Unverblümtheit und schamlose Egozentrik, die strahlenden Siege und herzzerreißenden Niederlagen sind es, die die vier Freundinnen zu Kultfiguren und Rollenmodellen für weibliche Karriere-Singles haben werden lassen. "Bad Girls vereinnahmen unsere Vorstellungen immer mehr als Good Girls", sagt Anne Collins Smith von der Susquehanna Universität in Selinsgrove im US-Staat Pennsylvania und verweist auf den Literaturklassiker "Vom Winde verweht": "Ich glaube, die meisten Leute ziehen Scarlett O''Hara Melanie Wilkes vor."

Die Bad Girls aus New York sind sich ihrer Fan-Gemeinde sicher. Auf der HBO-Web-Seite diskutieren Fans über die neuesten Abenteuer ihrer Heldinnen, besichtigen und ersteigern deren Filmgarderobe. Sie kaufen die DVD-Version und schauen sie mit Freundinnen. In den Talkshows von Letterman bis Oprah schlägt sich Carries Truppe unermüdlich im Geschlechterkampf. Das Magazin "Time" nahm das Quartett im August 2000 auf den Titel und fragte: "Who needs a husband?"

Charlotte bestimmt. Carrie? Wer weiß. Miranda? Niemals. Und Samantha ahnt längst: Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin - nur nicht unter die Haube. MICHAELA SCHIEßL

* Kim Cattrall, Kristin Davis, Cynthia Nixon, Sarah Jessica Parker.

DER SPIEGEL 36/2001
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