03.09.2001

EUROPAGroßer Batzen

Sein Zweig gilt als Friedenssymbol, das Öl seiner Früchte als Delikatesse - doch immer neue Plantagen von Olivenbäumen zerstören die Umwelt.
Morgens zerreißt der Bagger die friedliche Stille des Olivenhains an der Küste von Apulien, Italiens Ölregion an der Adria. Der knorrige 300jährige Baum hat keine Chance. Nach einer Stunde ist er ausgegraben und verladen - fertig für seine Reise gen Norden. Dort wird er als extravagante Zierde in einem Garten landen, dessen Besitzer ihn für 10 000 Mark oder mehr gekauft hat.
Italiens Mafia hat ein neues Geschäft entdeckt. Viele Hunderte gesetzlich geschützte uralte Olivenbäume wurden schon geklaut und verhökert. Bauern versichern, sie hätten nichts gesehen, nichts gehört. Viele wollen auch gar nichts sehen. Sie streichen still ihren Anteil am Baumfrevel ein und freuen sich, dass sie die alten Strunken so elegant loswerden und durch neue ersetzen können.
Denn wer von Oliven leben will, der muss die alten Haine durch intensiv bewirtschaftete Plantagen ersetzen. Der muss steile Hanglagen aufgeben und stattdessen bewässerte Monokulturen anlegen.
Die Folgen sind verheerend: Die Intensivierung des Olivenanbaus, klagen die Umweltorganisationen World Wildlife Fund (WWF) und BirdLife International in einer Studie, sei "derzeit eines der größten Umweltprobleme der Europäischen Organisation". Weite Gebiete in Spanien, Griechenland, Italien und Portugal seien durch die Anlage neuer Olivenplantagen von "Erosion und Verwüstung" bedroht.
Ursächlich für den Umweltfrevel sind wieder einmal Richtlinien der Europäischen Union. Die Agrarpolitik der Gemeinschaft belohnt den Intensiveinsatz von Wasser und Chemikalien mit üppigen Subventionen und bestraft den traditionellen, umweltfreundlichen Olivenanbau.
Die Fachleute in der EU-Zentrale wissen das und wollen das System der Olivenbeihilfen ändern, aber sie dürfen nicht. Die Mittelmeeranrainer der EU (Griechenland, Italien, Frankreich, Spanien, Portugal), im Diplomatenjargon gern "Club Med" genannt, haben bislang jede Reform blockiert, aus Angst, dass weniger Geld in ihre Armutsregionen fließen könnte. Allein vom deutschen Steuerzahler wird dieser Skandal jedes Jahr mit 1,5 Milliarden Mark finanziert. Insgesamt regnen jährlich rund 4,5 Milliarden Mark auf die etwa 2,8 Millionen Olivenanbauer der EU nieder.
Ein großer Batzen davon wird gleich von Betrügern abkassiert. Da gibt es Olivenbäume, die nur auf dem Papier wachsen; Ölabfüllungen, die durch eine kleine gepfuschte Null plötzlich die zehnfache Menge ergeben; Öle, die mit billiger Importware aus der Türkei oder gleich mit Soja-Öl verschnitten werden.
Doch die Schäden, welche die Betrüger anrichten, sind marginal im Vergleich zu den ökologischen Folgen aus der ökonomischen Logik der Subventionen.
80 Prozent aller Oliven weltweit werden in den EU-Mittelmeerländern von den Bäumen gepflückt, geharkt oder geschüttelt, genug für rund 1,7 Millionen Tonnen Öl. Weil das Öl wegen seiner ungesättigten Fettsäuren für den menschlichen Cholesterinhaushalt gut ist, steigt der Pro-Kopf-Absatz seit Jahren zwar auch nördlich der Alpen stetig an. Aber vom Verkauf ihres Öls allein leben die Olivenproduzenten schon lange nicht mehr. Durchschnittlich ein Drittel ihres Einkommens stammt aus staatlichen Fördertöpfen.
Da gibt es Preishilfen und "regionale Nachteilsausgleiche"; das Hegen, das Ausreißen, das Nichtausreißen werden ebenso bezuschusst wie das Einpflanzen oder Bewässern. Bis 1998 gab es auch eine Geldprämie pro Baum, die vor allem den kleinen Produzenten zugute kam. Aber diesen Zuschuss schafften die Agrarminister wegen des heftigen Missbrauchs ab; sie förderten fortan vor allem "pro Hektar" und "pro Kilogramm produzierten Öls".
Die Folgen bedachten sie nicht. Denn nun wurden die Hilfen noch einseitiger auf Massenproduktion konzentriert. Betriebe, die mit Hightech-Maschinen und flächendeckendem Chemikalieneinsatz arbeiten, können - so die Öko-Studie - "10- bis 20fach höhere Beihilfen" einstreichen. Dadurch wird für sie der Olivenanbau hochprofitabel.
Für den Ölbauern dagegen, der nur ein paar hundert Bäume, womöglich noch am Berghang, pflegt und aberntet, deckt die EU-Hilfe nicht einmal die Kosten des Pflückens. So entstehen von Spanien bis Griechenland immer mehr künstlich bewässerte und chemisch geschützte Monokulturen. Die Folge: Der Grundwasserspiegel sinkt, die Bodenerosion verwüstet ganze Landstriche.
In Andalusiens riesigen Olivenanlagen gehen jährlich bis zu 80 Tonnen Ackerkrume pro Hektar verloren, zitiert WWF/BirdLife spanische Wissenschaftler. Dort, aber auch in Kreta und Apulien wird im Sommer das Trinkwasser immer knapper, weil die Plantagen immer mehr schlucken.
Unrentable Berglagen werden aufgegeben. Jahrhundertealte Bäume werden abgeholzt, zu Brennholz verarbeitet oder in Gärten verkauft. Die malerische Terrassenlandschaft Cinque Terre im norditalienischen Ligurien zum Beispiel ist deshalb in akuter Gefahr: Ihre 11 000 Kilometer Trockenmauern drohen zu verfallen.
Die letzte Hoffnung für die von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärten Steilhänge sind nun die Touristen. Die Reichen aus dem Norden sollen, aus Spaß, künftig alles das machen - Wein und Öl produzieren, die Trockenmauern pflegen - was dank ihrer üppigen Steuerspenden für die ursprünglichen Landbewohner unrentabel geworden ist. HANS-JÜRGEN SCHLAMP
Von Hans-Jürgen Schlamp

DER SPIEGEL 36/2001
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