DER SPIEGEL



FUSSBALL

Darwinismus auf dem Rasen

Von Großekathöfer, Maik

20 Millionen Mark hat der SC Freiburg für sein neues Jugend-Leistungszentrum ausgegeben. In Zeiten astronomischer Ablösesummen setzen die Bundesligaclubs verstärkt auf den Profi aus eigener Produktion - ein Geschäft, der Spekulation mit Aktien ähnlich.

Vier Minuten dauert der virtuelle Rundgang durch die schöne neue Fußballwelt im Breisgau. Begleitet von sphärischen Klängen erscheint auf dem Bildschirm des Computers eine Glastür. Sie führt in das lichtdurchflutete Atrium des Jugendinternats des SC Freiburg. Es geht eine Treppe hinauf in den ersten Stock zu den zehn Apartments für Kicker, die nicht jünger sind als 15 und nicht älter als 18.

Die Kamera wandert hinunter ins Parterre. Am Ärztezimmer vorbei, durch den Kraftraum und weiter ins Untergeschoss mit Sauna und Entmüdungsbecken - alles exklusiv für den Nachwuchs des Bundesligaclubs, alles vom Feinsten und garantiert ökologisch: Bruchholz speist die Heizung, und Sonnenkollektoren auf dem Dach sorgen für warmes Wasser.

Vorigen Samstag wurde die Fußballschule, Deutschlands wohl ehrgeizigstes Projekt in Sachen Talentförderung, feierlich eröffnet. Rund 20 Millionen Mark, knapp die Hälfte seines Jahresetats, hat der SC Freiburg investiert. Vorbei die Zeit, als Jugendmannschaften hinter der Haupttribüne des Dreisamstadions auf einem staubigen Hartplatz trainieren mussten - zum neuen Leistungszentrum gehören vier picobello Rasenplätze. "Wir haben optimale Bedingungen", sagt Leiter Andreas Bornemann.

Es tut sich was in deutschen Vereinen. So wie manch Arbeitgeberfunktionär dieser Tage das neue Tarifmodell von VW zum Vorbild für die hiesige Wirtschaft hochjazzt, gilt auch die Freiburger Schule als Maßstab für den fußballerischen Aufbruch im Land. Denn seinen Ausgangspunkt hat die Jugendpflege in unternehmerischem Denken. Angesichts astronomischer Ablösesummen selbst für Durchschnittsspieler, dämmert es mehr und mehr Clubs, dass es sich lohnen kann, das Produktionsmittel Profi selbst zu züchten. "Die Philosophie muss sein", sagt Franz Beckenbauer, Präsident des Marktführers Bayern München, "Fußballer im eigenen Lager auszubilden."

Rund fünf Millionen Mark gibt der Champions-League-Sieger jährlich für seine elf Nachwuchsmannschaften aus. In diesem Sommer wurden die Bayern bei den bis 18-Jährigen (A-Junioren) und den bis 16-Jährigen (B-Junioren) Deutscher Meister. "Die Saat ist da", sagt Jugendleiter Werner Kern.

Wer in München Karriere machen will, muss Disziplin mitbringen. Vor zwei Jahren ging der Club eine Partnerschaft mit drei Schulen ein, seitdem haben schon Zehnjährige achtmal pro Woche Training, davon viermal vormittags. Den versäumten Unterricht holen die Kinder später nach und machen unter Aufsicht ihre Hausaufgaben. Bei keinem Club ist das Auswahlsystem so darwinistisch. Wer es von den derzeit 165 Spielern nicht in die Stammelf schafft, muss einem nachrückenden Kicker weichen. "Das hält die Buben hungrig", sagt Kern.

Einer, der noch von der großen Karriere beim Rekordmeister träumen darf, ist Serkan Atak, 17. Der Türke, dessen Vater bei Audi in Ingolstadt am Fließband steht, gilt als eines der größten Talente und gehört zu jenen 13 Spielern, die im Jugend-Apartmenthaus des Clubs wohnen. In seinem Zimmer hängen Trikots wie Jagdtrophäen an der Wand. Als Atak mit 15 zu Hause auszog, überzeugte er seine Eltern, "dass dies das Beste für mich ist".

Hoffnungen auf ein Leben im Bundesligarampenlicht macht sich auch Piotr Trochowski, 17. Der gebürtige Pole mit deutschem Pass kam vor zwei Jahren vom FC St. Pauli. Der Mittelfeldspieler hatte Angebote aus Hamburg, Dortmund und Leverkusen, doch in München sah er für sich die beste Perspektive: "Wenn ich es in die Amateurmannschaft schaffe, ist alles möglich." Owen Hargreaves habe es schließlich auch in den Profikader geschafft.

Es sind Karrieren wie die des jungen Engländers Hargreaves, die den Ehrgeiz der Talente täglich neu befeuern. Und dass sich mit dem Berliner Sebastian Deisler und dem Freiburger Sebastian Kehl zwei 21-Jährige im Kreis der Nationalmannschaft etabliert haben, gab Nachwuchskickern wie Vereinsschaffenden den Glauben an eine Zukunft mit in Deutschland ausgebildeten Kräften zurück.

Noch im vorigen Jahr schien die Lage nach der Blamage bei der Europameisterschaft hoffnungslos. Die Nationalelf bot Steinzeitfußball, die Clubs vertrauten zu 42 Prozent ausländischen Berufsspielern.

Das Jugendkonzept des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zwingt die Profivereine nun, qualifizierte Jugendzentren zu unterhalten - andernfalls sollen sie keine Lizenz bekommen. Die Anzahl der Übungsleiter wird ihnen dabei genauso vorgeschrieben wie die der Kopfball-Pendel. "In Zeiten, in denen die Zahl Sport treibender Kinder sinkt", mahnt DFB-Trainer Michael Skibbe, "müssen wir dafür sorgen, dass Fußball die Sportart Nummer eins in Deutschland bleibt." Die Nachwuchsförderung, fordert Bayer Leverkusens Manager Reiner Calmund, solle deshalb in allen Clubs "zur Chefsache erklärt werden".

Zuweilen nimmt der Trend zur Jugendpflege jedoch absurde Züge an, wie Calmund selbst erfahren musste. Im Mai warb der 1. FC Köln dem rheinischen Rivalen den zwölfjährigen Marco Quotschalla ab. Angeblich sollen 200 000 Mark an die Eltern fließen.

Ein unmoralischer Transfer? "Eher sinnlose Kapitalvernichtung", sagt Helmut Schulte. Der Nachwuchsleiter bei Schalke 04 sitzt in seinem Büro und zieht die Augenbrauen hoch. Nachwuchsarbeit ist für ihn so ähnlich wie Spekulieren an der Börse. Ein Zocker sei er aber nicht: "Das Risiko muss kalkulierbar bleiben." Für einen Zwölfjährigen wie Quotschalla, dessen Entwicklung völlig ungewiss sei, würde er nie Geld ausgeben: "Ich bin doch kein Zukunftsgucker."

Daher investiert der ehemalige Bundesligatrainer nur "in sichere Wachstumswerte". Im Schalker Internat, einem blauweißen Zweckbau mit Flachdach, wohnen derzeit fünf Spieler zwischen 16 und 18. "Das sind Deutsche mit Topqualitäten oder Sahne-Europäer", sagt Schulte. Dass Qualität ihren Preis hat - monatliche "Aufwandsentschädigungen" von 5000 Mark sind durchaus branchenüblich -, ist ihm bewusst: "If you pay peanuts, you get peanuts." Vier Millionen Mark darf Schulte, für den zwei hauptamtliche Talentspäher arbeiten, pro Saison in Forschung und Entwicklung stecken.

Sinnvoll ist der Aufwand laut Schulte aber nur, "wenn die besten Talente zweimal am Tag spielen können". In Gelsenkirchen gibt es deshalb seit einem Jahr eine Verzahnung von Schule und Verein, die an die Kinder- und Jugendsportschulen der DDR erinnert. 30 fußballerisch Hochbegabte besuchen die Gesamtschule Bergerfeld; vormittags haben sie zwei Stunden frei fürs Training. "Nur so erreichen wir internationales Niveau", sagt Schulte.

Führend in der Talentausbildung ist, sicher nicht zufällig, das Land des amtierenden Welt- und Europameisters. Der französische Verband unterhält sieben staatlich geförderte regionale Stützpunkte, so genannte "Centres de préformation". Dort werden die besten Kinder zwischen 12 und 15 heimatnah trainiert. Die meisten wechseln anschließend zu Proficlubs. Jeder französische Erstligist ist verpflichtet, ein Internat zu führen, sein "Centre de formation". Den besten Ruf genießt die Schule des FC Nantes. Der Club wurde letzte Saison Meister - mit sieben Spielern aus dem eigenen Leistungszentrum.

Auch in England erfährt der Nachwuchs besondere Fürsorge. Jugendliche trainieren bis zu zwölfmal in der Woche und meist zeitgleich mit den Profis. Gelegentlich werden die Gruppen durchmischt.

Einige deutsche Spieler entschieden sich in den letzten Jahren für eine Fußballer-Lehre auf der Insel. Die meisten, so auch der heute 18-jährige Moritz Volz (Arsenal London), hatten das Gefühl, in ihrer Heimat nicht die nötige Förderung zu erfahren.

Eine Wahrnehmung, die Michael Skibbe, beim DFB für das Jugendprogramm verantwortlich, schleunigst aus der Welt schaffen will. Unter seiner Regie hat der Verband sein Nachwuchs-Budget auf jährlich 20 Millionen Mark erhöht und einen Jugendtrainer-Lehrgang eingeführt. Auch um die Einbürgerung von Spielern mit ausländischem Pass zu forcieren, müssen in den Clubs 12 der 22 Spieler eines B- und A-Juniorenkaders Deutsche sein. Der DFB will 30 hauptamtliche Trainer einstellen und für die 11- bis 17-Jährigen nahezu 400 Leistungsstützpunkte einrichten. "Wir schaffen Strukturen", sagt Skibbe, "die Erfolg versprechen."

Dazu zählt auch die im nächsten Jahr beabsichtigte Gründung eines Spieler-Pools für die Weltmeisterschaft 2006. Rund hundert Auserwählte zwischen 15 und 25 sollen dann, in drei Altersgruppen aufgeteilt, "nach einer einheitlichen Philosophie" trainiert werden. Nicht beantworten kann Reformer Skibbe jedoch die Frage, wie der generalstabsmäßig unterrichtete Nachwuchs Spielpraxis bekommen soll.

Experimente können sich die Profitrainer im kurzatmigen Bundesliga-Alltag nicht leisten. Und das Vorhaben, eine Runde der Reservespieler oder eine Junioren-Liga zu installieren, scheiterte an den Egoismen etlicher Vereine.

Sehr zum Leidwesen von Volker Finke. Der Coach des SC Freiburg gilt als Sozialarbeiter auf der Trainerbank. Keiner seiner Kollegen setzt so konsequent auf die Jugend. Der ehemalige Oberstudienrat befehligt nicht nur das jüngste aller 18 Teams, es ist auch das mit den meisten U-21-Nationalspielern, nämlich vier. Um Tobias Willi, dem vor zwei Jahren der Sprung in die Profitruppe gelang, warb schon Bayern München - bislang vergeblich.

Dabei will der SC Freiburg auch nach dem 20-Millionen-Investment mit einem jährlichen Jugendetat von zwei Millionen Mark auskommen. "Nicht das Geld ist entscheidend", glaubt Finke, "sondern das Know-how."

Die 16 Internatsschüler wohnen in spärlich eingerichteten Einzel- und Doppelzimmern. Die Spieler sollen den Bezug zum normalen Leben nicht verlieren. Der Verein, der Kost und Logis übernimmt, zahlt monatlich 300 Mark Taschengeld.

Die Elite-Kicker, die aus einem Umkreis von 100 Kilometern kommen und auf insgesamt vier Partnerschulen gehen, müssen siebenmal pro Woche an die Arbeit. "Die Jungs sollen ohne Stress trainieren", sagt Finke, der "die Kindheit und Jugend der Spieler" erhalten möchte. Ihm ist klar: "Wenn einer von zehn den Sprung in den Profibetrieb schafft, ist das eine riesige Quote." Das Freizeitverhalten dürfe sich - auch wegen dieser minimalen Erfolgsaussichten - nicht nur auf Fußball ausrichten.

Eine idealistische Herangehensweise, aber für Finke "die einzige, die funktioniert". Denn eine Fußballausbildung müsse "kind- und altersgerecht" sein. Das gelingt nicht jedem Club. Der Hamburger SV baute für 5,5 Millionen Mark ein Internat und wähnte sich bereits auf Augenhöhe mit Vereinen wie dem FC Valencia oder Leeds United, die für ihre Nachwuchshege berühmt sind. Doch im Januar wurden zwei Zöglinge wegen Diebstahls gefeuert, und der Schulleiter ging gleich mit.

Rund 3,3 Millionen Mark geben die Hanseaten im Jahr für die Jugend aus. Unter den vier hauptamtlichen Trainern sind neuerdings zwei prominente Ex-Profis: Seit Saisonbeginn unterweist Thomas Doll die A-Junioren, Karsten Bäron die B-Junioren.

Eine bedenkliche Personalentscheidung. Denn ehemalige Berufsspieler sind ohne entsprechende pädagogische Fortbildung in der Regel als Jugendcoach ungeeignet. "Sie treten auf wie Bundesligatrainer", sagt Leverkusens Jugendkoordinator Michael Reschke, "und das ist völlig verkehrt."

Andernorts sind es nicht unterqualifizierte Übungsleiter, die dem Glück vom selbst gemachten Bundesligastar im Weg stehen, sondern überforderte Kicker. Hansa Rostock besitzt seit zweieinhalb Jahren ein Jugendhaus mit 20 Betten. Die Spieler, die hier wohnen, gehen aufs Gymnasium, die Realschule oder absolvieren eine Lehre. Training ist neunmal pro Woche. "Doch bei vielen Fußballern sind wir mit dem Niveau nicht zufrieden", klagt Bernd Ziemer, Vorstandsmitglied von Hansa Rostock.

Dabei versucht der Club alles, um Nachwuchs zu akquirieren. Ziemer klappert Kindergärten und Schulen ab. Und wenn einer seiner Mitarbeiter einen Jungen auf der Straße bolzen sieht, "dann verfolgt der den bis nach Hause und redet mit der Mutter". Ziemer nimmt, wen er kriegen kann.

Denn die wenigen vielversprechenden Talente, die es im dünn besiedelten Mecklenburg-Vorpommern gibt, schnappen sich die Westvereine. "Wenn einer ein Angebot etwa aus Dortmund hat", klagt Ziemer, "dann ist er für uns verloren."

MAIK GROßEKATHÖFER


DER SPIEGEL 36/2001
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