DER SPIEGEL



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Der Mogul des Unnützen

Von Weingarten, Susanne

Mit 21 verlor Dave Eggers die Eltern - und erbte seinen kleinen Bruder. Nach dem Bestseller-Erfolg seiner Memoiren widmet sich der amerikanische Erzähler nun exzentrischen Projekten.

Okay, da wäre die Sache mit dem Titel. Wenn ein dahergelaufener Jungautor sein erstes Buch "Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität" tauft, und zwar nicht als Untertitel, sondern als Titel, dann ist das ungefähr so, als würde er sich ein Schild mit der Aufschrift "Verreißt mich" vor die Brust schnallen*.

Aber Dave Eggers wäre nicht Dave Eggers, wenn er sich gegen diese Gefahr nicht im bizarren, ungefähr 40 Seiten langen Vorwort gewappnet hätte. "Der Autor muss anerkennen, dass ihr ein Problem mit dem Titel habt. Er hat selbst auch Vorbehalte. Der Titel, den ihr auf dem Cover seht, ist als Sieger aus einem wettkampfartigen Titelturnier hervorgegangen, das an einem langen Wochenende im Dezember 1998 in Phoenix, Arizona, ausgetragen wurde."

Was lässt sich dagegen noch sagen? Vor allem wenn die anderen Titelturnier-Kandidaten (die Eggers selbstredend mitliefert) eindeutig schlechter waren.

Als seine großmäuligen, altklugen, sarkastischen, theatralischen und sich stän-

dig selbst in Frage stellenden Memoiren Anfang vergangenen Jahres in den USA herauskamen, geschah das Unerwartete: Sie wurden nicht verrissen. Stattdessen hatte sich der "New Yorker" einen Vorabdruck gesichert, die Literaturkritiker dachten sich Wortwitze rund um den Titel aus, und die Reporter der großen Zeitschriften zogen los, um der Welt zu berichten, dass Eggers in einer mit Papierbergen und Fast-Food-Verpackungen zugemüllten Bude hause und seine Haarpracht wie eine geplatzte Rosshaarmatratze aussehe.

"Es ist ein sehr unbehagliches Gefühl, dass so viele Menschen das Buch gelesen haben", sagt Eggers, inzwischen 31, und verzieht zur Bekräftigung sein Hobbit-Gesicht unter der Rosshaarmatratze. In Shorts, Wollpullover und ausgefransten Turnschuhen kauert er auf einer Bank hoch über der Bucht von San Francisco. Zu seinen Füßen liegt die Gefängnisinsel Alcatraz. "Wenn man ein so intimes Buch schreibt, richtet man es an eine kleine Leserschaft. Mir ging es jedenfalls so. Als meine Freunde und ich merkten, was los ist, haben wir alle gesagt: Oh fuck. Der Erfolg verändert ein Buch."

Er hat auch sein Leben verändert. Vorher war Eggers nur der Herausgeber einer winzigen, an Geldmangel gescheiterten Satirezeitschrift namens "Might", ein gescheiterter Autor des Männerblatts "Esquire" und ein gescheiterter Redakteur der Internet-Zeitschrift "Salon". Jetzt wird er gefeiert, als hätte er die gesamte, in den letzten Jahren stark überstrapazierte Memoirengattung neu erfunden.

Das hat er schließlich auch. Sein "herzzerreißendes Werk" ist so etwas wie der Prototyp postmoderner Memoiren.

Eggers erzählt eine tragische Geschichte: Seine Eltern sterben nacheinander innerhalb von 32 Tagen an Krebs, die Mutter nach jahrelangem, schleichenden Verfall, der Vater nach einem unerwarteten Zusammenbruch.

Nach den Todesfällen beschließen die vier Eggers-Geschwister, dass sie an der Westküste leben wollen, weg von ihrem Heimatort in der Nähe von Chicago, um dem Stigma der bemitleidenswerten Waisen zu entgehen. Dave, der das College kurz vor dem Abschluss geschmissen hat, übernimmt die Verantwortung für den Nachzügler der Familie, den damals achtjährigen Toph, "weil wir uns altersmäßig am nächsten stehen und es im Übrigen nie zur Diskussion stand".

Das Bruderpaar stürzt sich in der alten Hippie-Hochburg Berkeley in den Versuch, eine neue Normalität zu schaffen.

Wir tasten uns blind durch jeden neuen Tag, stehen immer wieder fassungslos vor etwas, was wir wissen sollten - wie man eine Toilette zum Spülen bringt, wie man Mais kocht, wie Tophs Sozialversicherungsnummer lautet und wann unser Vater geboren ist -, so dass jeder Tag, an dem er es zur Schule schafft und ich zur Arbeit und ich rechtzeitig zum Abendessen wieder zu Hause bin, jeder Tag, an dem wir kochen und vor neun Uhr essen und er vor elf ins Bett geht und nicht diese lilafarbenen, nach Unterernährung aussehenden Ringe unter den Augen hat wie in all den Monaten letztes Jahr - wir haben nie herausgefunden, wieso -, sich anfühlt, als sei uns ein Wahnsinnsmeisterstück gelungen.

So liest sich ein typischer Eggers-Satz. Während er zugleich, mit mehr Enthusiasmus und Begabung als Geld, die Zeitschrift "Might" herausgibt (mit Artikeln wie "Welche Schmetterlinge kann man unbedenklich essen?"), entwickelt sich Eggers zum begeisterten Ersatzvater, der auf Eltern flucht, die ihren Kindern zu Hause das Kiffen erlauben, und kaum einmal abends ausgeht, weil er sich einredet, der Babysitter sei ein pädophiler Perverser.

Frauen, außer der älteren Schwester Beth, werden nur nach langem Zögern ins Haus gelassen und gleich wieder abserviert, wenn sie gegenüber Toph ein falsches Wort äußern - und jedes Wort ist ein falsches Wort. "Es sei denn", fügt Eggers an, "sie sieht umwerfend aus, in welchem Fall es egal ist, was der kleine Hosenscheißer sagt."

"Ein herzzerreißendes Werk" ist aber, bei allem Witz, aller Übertreibung, aller Lust am paradoxen Gag, ein Buch über einem Abgrund von Trauer und Todesangst. Es wimmelt darin von Freunden, die schwer verunglücken, sich umbringen wollen oder unerwartet jung sterben.

Nur kann einer wie Eggers nicht mehr einfach von Verlust und Schmerz erzählen. Jede Erfahrung wird überlagert von der Tatsache, dass sie schon tausendfach in Büchern, Filmen, Fernsehsendungen vorgekaut worden ist. Darum muss sie kommentiert und veralbert werden.

Welche Volte der Leser auch schlagen will, um Eggers auf frischer Tat zu ertappen - der narzisstische Autor ist ihm immer eine Gedankendrehung voraus. Aufgewachsen in der bürgerlichen Glaskugel von Wohlstand, Frieden und Fernsehen, gehört Eggers einer Generation an, die nicht mehr spontan sein kann, weil sie glaubt, schon alles zu kennen. Und überrascht ist, wenn die eigene Erfahrung trotzdem wehtut.

Der Autor, heißt es im Vorwort, "möchte ferner feststellen, dass er natürlich nicht der Einzige ist, der jemals Eltern verloren und einen kleinen Bruder geerbt hat. Doch er möchte darauf hinweisen, dass er gegenwärtig die einzige derartige Person mit einem Autorenvertrag ist". Das klingt viel zu zynisch, um nicht tieftraurig zu sein.

Die endlose intellektuelle Selbstabgrenzung vom Erlebten und Erlittenen ist Eggers zur zweiten Natur geworden, aber anders als bei den dandyhaften Autoren, die sich in Deutschland in den vergangenen Jahren am Internet-"Pool" geaalt haben, sind seine literarischen Kunstgriffe kein Selbstzweck: Sie müssen die Seele gegen den Schmerz panzern.

Am eindrucksvollsten gelingt Eggers diese Parallelführung von Erfahrung und unterschwellig mitlaufendem Kommentar gegen Ende des Buches. Bei einem Besuch seines ehemaligen Heimatorts stößt er eher zufällig im Bestattungsinstitut auf die Asche der Mutter und beschließt, sie in einem winterlichen See zu verstreuen.

Ich werfe eine weitere Hand voll. Ein Teil fällt daneben. Ich sollte nichts fallen lassen ... Natürlich trete ich darauf, wie typisch! War ja auch nicht anders zu erwarten, Arschloch! ... Herrgott noch mal! Warum kann ich das hier nicht anständig über die Bühne bringen? ... Ich möchte etwas Schönes vollbringen, fürchte aber, dass dies zu wenig ist, einfach zu wenig, dass diese Geste, dieses Ende zu erbärmlich ist.

Dann erzählt er, endlich, von der Trauerfeier für die Mutter, die er mehr als 400 Seiten lang unterschlagen hat, weil es ihm das Herz brach, wie wenige Menschen in der kleinen Kirche von ihr Abschied nehmen wollten. "Das konnte nicht sein, war nicht gut genug, ein ganzes Leben und dann so etwas, diese vierzig Leutchen?"

Er habe viele dieser Schlusspassagen nie mehr gelesen, sagt Eggers, rutscht auf der Bank herum und bohrt mit den Fingern in seinem Turnschuh. "Ich konnte mich ihnen nicht wieder aussetzen."

Vor der Veröffentlichung hat er damals allen Familienangehörigen und Freunden die Abschnitte gezeigt, in denen sie vorkamen, und um ihre Einwilligung gebeten. Die Geldströme, die ihm der Bestseller ins Haus geschwemmt hat, spendet er an Krebshilfegruppen, die Krebsforschung und Sterbehospize. "Plötzlich hat man all dieses Geld, das man überhaupt nicht verdient hat", sagt er verwundert. Außerdem finanziert er eine Minizeitschrift namens "McSweeney''s" und leistet sich einen skurrilen Laden in Brooklyn, "so groß wie ein Einbauschrank". Er verkauft Holzfällerausrüstung oder Werkzeuge, wie Tierpräparatoren sie benutzen.

Was soll das? "Ich tue gern Dinge, die keinen unmittelbaren Zweck haben und kein Geld einbringen müssen", sagt der Mogul des Unnützen und Exzentrischen.

Die Todesangst aber, die sein Buch durchzieht, plagt ihn bis heute. "Ich bin baff, dass ich es bis jenseits der 30 geschafft habe", sagt er, "ich glaube immer noch, jeder Tag könnte der letzte sein."

Auch Schuldgefühle darüber, die intime Geschichte seiner Familie aus - teilweise - eigennützigen Gründen an die Öffentlichkeit gezerrt zu haben, verfolgen ihn noch.

Ungefragt und mit ungewohntem Pathos rechtfertigt er seine Entscheidung, sich der Welt als Waisensohn und Waisenvater zu präsentieren. "Ich würde das Recht jedes Einzelnen verteidigen, seine Existenz zu feiern, in welcher Form auch immer", sagt Eggers. "Wir werden alle sterben, wir haben nur so wenig Zeit. Warum sollten wir uns schämen? Jeder hat das Recht zu sagen: Ich bin lebendig." SUSANNE WEINGARTEN

* Dave Eggers: "Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität. Eine wahre Geschichte". Aus dem Amerikanischen von Leonie von Reppert-Bismarck und Thomas Rütten. Droemer Verlag, München; 480 Seiten; 44,79 Mark.

DER SPIEGEL 36/2001
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DER SPIEGEL 36/2001

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