DER SPIEGEL



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Kraft des bösen Blicks

Von Thimm, Katja

Psychologe und Buchautor Rolf Haubl, 50, über Neid als Mittel der Seelenhygiene, die Angst der Reichen und die Schadenfreude der Erfolglosen

SPIEGEL: Herr Haubl, worum beneiden Sie andere Menschen?

Haubl: In meiner Familie bin ich der erste Akademiker - und richtig neidisch auf geborene Kosmopoliten.

SPIEGEL: Da hilft nur Sprachen lernen ...

Haubl: ... Neid ist auch nicht schlecht. Heinrich Heine hat mal gesagt, es gebe nichts Schöneres, als morgens aus der Tür zu treten und sechs bis sieben seiner Feinde hängen zu sehen. Zur Psychohygiene gehört, solche Gedanken zuzulassen.

SPIEGEL: In Ihrem neuesten Buch behaupten Sie, Neid sei wichtig für den Seelenfrieden*. Meinen Sie das ernst?

Haubl: Neid erwächst aus Unzufriedenheit und weckt den Impuls, etwas zu ändern. Natürlich muss man dabei realistisch bleiben: Es nützt einer unfruchtbaren Frau nichts, ewig auf alle Mütter neidisch zu sein.

SPIEGEL: Ist Neid nicht stets unersättlich?

Haubl: Weil die Dinge selbst nur Platzhalter sind. Ein Mann, dessen Nachbar einen Porsche fährt, beneidet ja nicht das Auto. Er beneidet den Nachbarn, weil er denkt, sein Auto bringe ihm Zufriedenheit.

SPIEGEL: Was passiert im Gehirn, wenn der Neid an einem nagt?

Haubl: Wahrscheinlich entsprechen Grundgefühle wie Angst, Wut, Freude oder Traurigkeit bestimmten Aktivierungsmustern im limbischen System des Gehirns. Neid allerdings ist ein abgeleitetes Gefühl. Er setzt

sich wie eine Mischfarbe zusammen - aus

Traurigkeit, Angst und Wut: Man ist traurig, dass man etwas nicht hat; wütend auf den, der es besitzt; und ängstlich weil man sich für unfähiger hält.

SPIEGEL: Wie reagieren die Beneideten?

Haubl: Der Wohlhabende wehklagt, sein Leben sei so schön nun auch wieder nicht. Dahinter steht natürlich die Angst, dass der Nachbar heimlich Kratzer in den Porsche macht. In Ägypten fahren Besitzer großer Autos deshalb mit einem alten Schuh am Kühler rum. Der soll signalisieren: "Eigentlich bin ich gar nicht zu beneiden. Ich habe mir öfter die Sohlen durchgelaufen, als von diesem Auto profitiert." Der Beneidete darf den, der weniger hat, nicht noch durch offensiv zur Schau gestellten Reichtum beschämen. Insofern reguliert Neid das Zusammenleben in einer Gesellschaft.

SPIEGEL: Wieso legen es Prominente dann mit ihrem Glanz-und-Glamour-Leben geradezu darauf an, beneidet zu werden?

Haubl: Natürlich aalt sich der Erfolgreiche auch im Neid anderer. Aber das kann sich rächen: Nichts liest der Normalsterbliche lieber, als wenn ein Boris Becker in der Wäschekammer danieder geht.

SPIEGEL: Neiderregung und Schadenfreude liegen demnach direkt beieinander?

Haubl: Beide gehören zum Standardrepertoire aller Machtkämpfe - bis in den Tod. In Russland begraben Mafia-Familien ihre ermordeten Bosse in wahren "Neidbauten". Die Gräber kosten über 100 000 Mark, auf den Steinen sind die Männer lebensgroß abgebildet - inklusive Mercedes-Schlüssel. Eine Witwe erklärte mal unumwunden: "Das Grab sollte so schön sein, dass die Auftraggeber der Mörder vor Neid erblassen."

SPIEGEL: Woher kommen Redewendungen wie "blass, gelb oder grün vor Neid"?

Haubl: Wenn jemand blass vor Neid wird, verengen sich seine Blutgefäße. Grüne und gelbe Haut zeigt der antiken Temperamentenlehre zufolge ein Gallenleiden an. Tatsächlich wird roter Blutfarbstoff zu gelbem und grünem Gallenfarbstoff abgebaut. Neidisch sind demnach Menschen, denen die Galle überläuft. Sie haben eine Vergiftung wie bei einer Gelbsucht - allerdings eine seelische.

SPIEGEL: Kann man einer Person ansehen, dass der Neid sie innerlich auffrisst?

Haubl: Gedanken, die nur noch um das kreisen, was man nicht hat, sind selbstzerstörerisch. Das zehrt. Schlimmstenfalls wird der Neidische depressiv, isst und schläft kaum noch. Typischerweise spiegelt ein verkniffener Mund all den Ärger und die Wut wider, die sich jemand verkneift.

SPIEGEL: Wieso schreibt man Neidern einen stechenden Blick zu?

Haubl: Weil er das Instrument ist, jemandem etwas wegzugucken. Während der Hexenverfolgung reichte schon die Diagnose "scheeler Blick", um die Inquisition auf den Hals zu kriegen. Man meinte, er löse Tuberkulose aus, damals auch "Auszehrung" genannt. Der neidische Blick war also ein gefräßiger Blick, der nach Gesundheit gierte. In Dante Alighieris "Göttlicher Komödie" werden Frauen mit Draht die Augen zugenäht, weil sie "Schädigung aus Neid" begehen. Selbst im 19. Jahrhundert galten Frauen noch als besonders neidisch - weil sie so neugierig gucken.

SPIEGEL: An die Kraft eines bösen Blickes glauben ja heute noch viele Menschen.

Haubl: Stimmt. In Sizilien etwa gibt es eine ganze Kultur von Amuletten und Gegenzeichen - unter anderem greifen sich Männer in den Schritt, um sich vor dem "gettatore", dem böse Blickenden, zu schützen.

SPIEGEL: Aus Angst vor Potenzneid?

Haubl: Ja. Die meisten Abwehrzeichen sind Symbole eines erigierten Phallus. Sie bedeuten: "Du kannst gucken, wie du willst, er bleibt doch stehen."

SPIEGEL: Manche Werbung legt es sogar darauf an, den Neid zu schüren. Die Automarke Jaguar etwa wirbt mit dem besten "Preis-Neid-Verhältnis".

Haubl: So eine Werbung funktioniert nur in einer Gesellschaft, wo schon ein PSschwächerer Rasenmäher am Selbstwertgefühl kratzt. Einer Konsumgesellschaft kann diese Unstillbarkeit sogar nützen, weil Neid auch Ehrgeiz und Wettbewerb ankurbelt. INTERVIEW: KATJA THIMM

* Rolf Haubl: "Neidisch". C. H. Beck Verlag, München; 328 Seiten; 34 Mark.

DER SPIEGEL 36/2001
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