10.09.2001

Urlaubsgrüße aus Genua

Von Kurbjuweit, Dirk

Ortstermin: In der Berliner Volksbühne erzählen Italien-Heimkehrer von ihren Gefängnisabenteuern.

Almut sagt, sie werde jetzt von persönlichen Erlebnissen berichten, erstmals. Aus Angst vor Repressionen habe sie das bislang nicht gemacht. Es falle ihr ziemlich schwer. "Es kommt eine Menge dabei hoch."

Sie nimmt einen Stift und lässt ihn nicht mehr los, während sie redet. Sie sitzt im Roten Salon der Volksbühne Berlin und gibt mit anderen Gegnern der Globalisierung eine Pressekonferenz. Seit vergangenem Sonntag ist sie zurück aus Italien.

Die letzten Tage des Sommers. Es ist warm in Berlin, aber nicht so warm wie in Afrika oder in Südamerika, von wo man Geschichten wie jene, die Almut erzählt, gewöhnt ist. Es geht um Europa. Deutsche, Italien.

Es war Montag, der 23. Juli, sagt sie, wenige Tage nachdem sie in Genua gegen das Treffen der sieben wichtigsten Industrienationen und Russlands protestiert hat. Zu zehnt waren sie in zwei Campingmobilen unterwegs, 40 Kilometer außerhalb von Genua, Urlaub, sagt sie. Es gab eine Polizeikontrolle, nicht die erste. Aber diesmal wurden sie und ihre Begleiter verhaftet, "ohne Angabe von Gründen". Auf der Polizeistation "haben uns die Carabinieri angebrüllt und massiv bedroht". Sie wollten Geständnisse: Beteiligung an den Krawallen von Genua. Einer sei mit gezogenem Teleskopstab auf die Deutschen zugerannt und habe erst kurz vor dem Gesicht gestoppt. Man könne wohl nachvollziehen, sagt Almut, wie viel Angst das macht.

"Wir durften nicht reden, uns nicht angucken." Sie wurden in ein Krankenhaus gebracht, um zu untersuchen, ob sie bei Straßenkämpfen in Genua Verletzungen davongetragen hätten. Dann ging es zu einer Polizeistation nach Santa Margherita, die Hände auf den Rücken gefesselt. "Wir fürchteten, dass wir jetzt gefoltert würden."

Im Lagerraum der Polizeistation mussten sie sich setzen. "Eine Person wurde exemplarisch vor unseren Augen zusammengeschlagen." Der Polizist habe den Mann angeschrien, er solle zugeben, dass er bei den Ausschreitungen beteiligt war. Er habe seinem Opfer mit einem Schlagstock auf den Kopf geschlagen, auf die Brust. "Er ist umgefallen, und als er auf dem Boden lag, ist auf die Knie eingeschlagen worden."

"Wir haben geschrien", sagt sie, "wir haben nach einem Anwalt gefragt." Sie seien nicht in Deutschland, habe der Polizist gesagt, sie hätten kein Recht darauf, nicht geschlagen zu werden. Mit einem Würgegriff habe der Carabiniere den Misshandelten wieder aufgerichtet. "Es gab Tritte ins Gesicht", sagt Almut, "daraufhin ist der Mann umgefallen." Schließlich wurde er rausgeführt.

"Wir hatten Angst", sagt sie. "Wir dachten, im Keller würde so lange gefoltert, bis es Geständnisse gibt." Die Polizisten hätten ihnen deutlich gemacht, dass man sie auch umbringen könne. Almut macht die Geste des Halsdurchschneidens.

Nach zwei Stunden ist der Mann wiedergekommen, sagt sie. Er wurde einer erkennungsdienstlichen Behandlung unterzogen. Sie hätten ihn, erzählte er den anderen, mit einem Hammer angegriffen und kurz vor dem Auftreffen abgebrochen.

Almut musste wie die anderen ihre Fingerabdrücke hinterlassen. Danach seien sie aufgefordert worden, sich die Hände zu waschen. Man habe angedeutet, dass sie nun vergewaltigt würden, "was dann nicht passiert ist". Aber sie hat es für möglich gehalten. "Man ist machtlos, hilflos, niemand weiß, dass man da ist."

Die Frauen wurden von den Männern getrennt. "Wir waren in noch größerer Panik." Almut dachte, sie würden fortgeschafft, "irgendwohin, leere Plätze". Da hatte sie "richtige Todesangst".

Sie nimmt ein Glas Wasser, lehnt sich zurück, trinkt. Ulrike, die links neben ihr sitzt, erzählt weiter. Auch sie war dabei, kam mit den anderen Frauen in ein Gefängnis, in dem sie körperlich nicht misshandelt wurden.

Die drei Männer dagegen, sagt Ulrike, die mit ihnen gesprochen hat, seien vier Tage und Nächte geschlagen worden. Man habe sie zwingen wollen, den Hitler-Gruß zu machen und "Viva il Duce" zu sagen. Einer sei an seinem Geburtstag so geweckt worden: Stiefel ins Gesicht, dazu der Befehl, ihn abzulecken.

Die Männer hätten viele Verletzungen davongetragen, Platzwunden, Gehirnerschütterungen. "Die Fäden haben sie sich aus Angst vor dem Arzt gegenseitig selbst gezogen", sagt sie. Das Licht in der Zelle brannte Tag und Nacht.

Nach vier Tagen hätten die physischen Misshandlungen aufgehört. Die Haftbedingungen seien aber weiter schlecht gewesen, hätten sich erst mit jedem Besuch von Politikern oder Anwälten verbessert.

Nun redet Christiane, die rechts von Almut sitzt. Sie sagt, dass die Verhafteten der Mitgliedschaft im so genannten Black Block bezichtigt würden, einer Vereinigung, die als terroristisch gelte. "Die Indizien würden jeden Camper zum Verbrecher machen", sagt sie.

Vor allem schwarze Kleidung habe als Beweis gedient, darunter auch Badebekleidung, kurze Röcke sowie 1,2 schwarze Hosen im Durchschnitt pro Person. Außerdem: Werkzeug aus den Werkzeugkisten der Autos, Zeltstangen.

Am Ende der Pressekonferenz spricht sie noch einmal gegen die Globalisierung, sagt, dass der Kampf weitergehe. Doch wenn stimmt, was die drei jungen Frauen erzählt haben, dann sind ihre Erlebnisse ein Argument für die Globalisierung, für die Rechtsstaatlichkeit in allen Staaten der Welt. DIRK KURBJUWEIT


DER SPIEGEL 37/2001
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