Von Schießl, Michaela
Den Sprung in die Hightech-Zukunft begann Carly Fiorina dort, wo ihn keiner vermutete: im Mittelalter. "Héloise Merger" taufte die Hewlett-Packard-Chefin die Firma, unter deren Deckmantel seit Monaten streng geheim die Megafusion mit dem Computerhersteller Compaq vorbereitet wurde. Den Namen entlieh sie der heimlichen Geliebten und späteren Frau des mittelalterlichen französischen Philosophen Peter Abélard.
Vielleicht hätte die studierte Philosophin Fiorina mehr auf das Ende dieser Liebesgeschichte achten sollen. Denn als die Beziehung aufflog, wurde Abélard kastriert, die Liebenden getrennt.
Auf eine Tragödie könnte auch der Zusammenschluss der beiden Hightech-Firmen zulaufen. Kaum hatten Fiorina und Compaq-Chef Michael Capellas am vergangenen Dienstag in New York zu den Klängen von Stings "Brand New Day" die Verbandelung ihrer Unternehmen zum größten Computerhersteller der Welt verkündet, begann der Absturz. Die HP-Aktie sank noch am gleichen Tag um fast 19 Prozent, die Compaq-Aktie um gut zehn Prozent. Bis Ende der Woche verlor der geplante Aktientausch-Handel dadurch über 5 Milliarden Dollar und ließ den Wert der Transaktion auf unter 20 Milliarden Dollar sinken.
Hektisch begaben sich die beiden Topmanager auf Überzeugungstournee zu Bankhäusern und Fondsmanagern. "Unsere Firmen fügen sich zusammen wie ein Reißverschluss", beteuerte Fiorina.
Doch Analysten und Investoren reagierten so ungnädig, als hätten sich empfindliche Hautfetzen in die Reißverschlusszähnchen verklemmt. Pures Misstrauen schlug Fiorinas Kampfansage entgegen, Hewlett-Packard durch den Zukauf zum Herausforderer von Marktführer IBM zu machen. Sicher: Zwar liegt der addierte Umsatz von HP (48,8 Milliarden Dollar) und Compaq (42,4 Milliarden) über dem von Big-Blue (88,4 Milliarden). Doch die Fusion, so die Befürchtungen, ergibt weitaus weniger als die Summe der Einzelfirmen.
"Bei diesem Deal wird aus eins plus eins eineinhalb", glaubt Todd Kort, Analyst beim Marktforschungsunternehmen Gartner Dataquest. "Das Einzige, was entsteht, ist eine größere Firma, die nicht sehr überzeugend positioniert ist", klagt Steve Salopek von der Banc One Corporation, der 8,5 Millionen Anteile von HP gehören. Am deutlichsten wurde Bob Djurdjevic von der Beratungsfirma Annex Research: "Aus zwei Verlierern wird kein Gewinner. Eine neue Strategie ist nicht zu erkennen."
Die Skepsis gegenüber dem neuen Giganten, der nur noch den Namen Hewlett-Packard tragen wird, nährt sich aus zwei Quellen: der Ähnlichkeit der beiden Fusionspartner und der Krise, in der sich die PC-Geschäfte befinden.
Fiorina, die das neue Unternehmen leiten wird, hebt die Synergie-Effekte hervor. 15 000 Entlassungen seien geplant, bis Mitte 2004 sollen 2,5 Milliarden Dollar eingespart werden.
Der neugeborene Gigant mit 145 000 Mitarbeitern in 164 Ländern würde zur Nummer eins bei Druckern, PCs und bei Servertypen. HP würde eine Weltmacht, von Druckerpatronen über Organizer bis hin zu Bankencomputern und Firmendatenbanken.
Den Hauptwert des Mergers sieht Fiorina jedoch in dem von Compaq bereitgestellten Servicebereich. Denn in der Lieferung, Installierung und Beratung komplexer und kundenangepasster Computersysteme für Firmen liegt die lukrative Zukunft der Branche - und da führt IBM mit weitem Abstand.
Im vorigen Jahr schon startete HP den ersten Vorstoß in diese Richtung. Für 18 Milliarden Dollar sollte die Consultingsparte von PricewaterhouseCoopers gekauft werden, doch die Übernahme scheiterte am sinkenden Aktienpreis von HP.
Der zweite Versuch muss klappen, denn Fiorina, die 1999 als Retterin des Traditionsunternehmens von Lucent Technologies abgeworben wurde, steht unter Druck. Nach anfänglichen Erfolgen beim Umbau der Silicon-Valley-Legende musste sie in diesem Jahr sechsmal Gewinnwarnungen aussprechen und Ergebnisse nach unten korrigieren. Als die Firma Ende 2000 die Profitziele nicht erreichte, gab sie ihren Halbjahresbonus zurück. Der Wirtschaftseinbruch hatte vor allem HPs einträgliches Drucker- und Patronengeschäft gedämpft, gleichzeitig liefen die Kosten für Personal- und Verkaufskommissionen davon.
Der Computerbauer Compaq seinerseits, dessen Chef Capellas Präsident der neuen Firma werden wird, liefert sich mit dem günstigeren Direktanbieter Dell Computers seit Jahren eine mörderische Preisschlacht - anders als IBM, die bei fallenden Gewinnen ganz aus dem Einzelhandelsgeschäft ausgestiegen war. Im vergangenen Quartal verlor Compaq geschätzte 155 Millionen Dollar mit seinen PC-Verkäufen, Hewlett-Packard rund 150 Millionen Dollar.
Compaqs PC-Geschäft macht den Kritikern der Firmenhochzeit die meisten Sorgen. Denn die PC-Revolution scheint vorbei.
Erstmals seit 15 Jahren sanken die Verkaufszahlen. Die Sättigungsgrenze ist vorerst erreicht: 66 Prozent der US-Haushalte und etwa 50 Prozent der westeuropäischen und japanischen haben einen PC daheim. Und die sind so schnell und leistungsfähig geworden, dass sie vom Durchschnittskunden nicht mehr wie früher alle zwei Jahre ersetzt werden - schon gar nicht inmitten eines Wirtschaftsabschwungs.
Fest steht: Wird die Fusion von den Aktionären und den amerikanischen sowie den europäischen Kartellbehörden genehmigt, ist der Computermarkt wieder um eine Marke ärmer. Der Namenszug Compaq wird aus den Verkaufsregalen verschwinden, für die Kunden schrumpft die Auswahl. Cisco-Chef John Chambers sieht darin den Beginn einer notwendigen Konsolidierung der Branche, er erwartet weitere Zusammenschlüsse und Übernahmen.
IBM wird zweifellos das Hauptziel des HP-Angriffs sein. Doch der Marktführer, der sich vor allem auf Großkunden konzentriert, hat dem Herausforderer etwas Entscheidendes voraus: Er bietet seinen Kunden für alle Großrechner das Betriebssystem Unix an. Hewlett-Packard dagegen muss sich auf absehbare Zeit noch mit verschiedenen Systemen von Compaq und deren früheren Akquisitionen Tandem und Digital Equipment arrangieren.
Für Dell, bisher die Nummer vier der Branche, könnte der Zusammenschluss der Nummern zwei und drei sogar von Nutzen sein. Denn während der neue Konkurrent seine schwächelnden PC-Bereiche noch sanieren und koordinieren muss, konnte Billiganbieter Dell längst auf den Wirtschaftsabschwung reagieren.
Die Firma zog sich aus dem Internet-Bereich zurück und trimmte ihre Produktion noch stärker auf Kosteneinsparung. Zudem hofft der wie Compaq in Houston (Texas) ansässige Computerbauer, dass versiertes Personal von Compaq zu ihm abwandert.
Und HP-Rivale Sun Microsystems gibt sich betont gelassen. "Wir wissen, wie schwer solche Zukäufe sind. Sagen Sie mir einen erfolgreichen in der PC-Industrie - es gibt keinen", tönt Marketingchef John Loiacano. "Als Compaq DEC erstand, hieß es schon, da sei ein Schwein in der Schlange. Nun hat die Schlange ein Stachelschwein geschluckt." MICHAELA SCHIEßL
DER SPIEGEL 37/2001
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