DER SPIEGEL



MEDIZIN

Selbstmörder sind boshaft

Von Schulz, Matthias

Der Pathologe Hans Bankl über prominente Tote, den perfekten Mord und die Misere der Leichenschau

Bankl, 61, ist Chefpathologe am Krankenhaus Sankt Pölten in Österreich. Er hat zahlreiche Lehrbücher verfasst und unterrichtet an der Wiener Kunsthochschule "Anatomie für Künstler". Sein Buch "Im Rücken steckt das Messer" erscheint Ende September im Verlag Kremayr und Scheriau. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Sie haben 30 000 Leichen geöffnet. Macht die Arbeit noch Spaß?

Bankl: Ja, natürlich. Wir betreiben ernste Wissenschaft im Dienst der nächsten Generation. Die Toten arbeiten für uns Lebende. Wir lernen von ihnen.

SPIEGEL: Ihre Zunft steckt gleichwohl in der Krise. Die Zahl der Obduktionen an deutschen Kliniken ist dramatisch gesunken.

Bankl: Da passiert eine Katastrophe. Alle reden von Qualitätskontrolle in der Medizin. Dabei gibt es nur eine echte Kontrolle, und das ist die letzte ärztliche Untersuchung am Verstorbenen.

SPIEGEL: Wie ist der Rückgang zu erklären?

Bankl: Die Ärzte in den Kliniken sind viel zu fasziniert von ihren Apparaten. Man kann überall mit dem Schlauch reinfahren und hineinschauen. Daher denken sie: "Wozu obduzieren? Wir wissen doch ohnehin schon alles." Aber das ist ein grober Irrtum. Ständig kommen Leichen in den Seziersaal, die etwa wegen einer Durchfallerkrankung behandelt wurden, und in Wahrheit steckt ein Tumor in der Lunge. Etwa jede dritte Diagnose ist falsch.

SPIEGEL: Neben der Misere der Heilkunst gilt Ihre Sorge auch der Verbrechensbekämpfung.

Bankl: Rund 2000 Morde bleiben in Deutschland jedes Jahr unentdeckt. Was wir brauchen, sind extra geschulte Leichenbeschauer.

SPIEGEL: In Hannover schrieb eine Ärztin "Herzversagen" auf den Totenschein. Dabei übersah sie 20 Messerstiche im Rücken der Leiche.

Bankl: Das wundert mich nicht. Sie hat den Mann vermutlich überhaupt nicht entkleidet. Stellen Sie sich vor: Der Hausarzt kommt in ein Sterbehaus. Die Familie wartet dort bereits versammelt. Jetzt müsste der Totenbeschauer sagen: "Ausziehen! Ich möchte die Leiche nackt sehen." Solchen Scherereien gehen die Ärzte meist aus dem Weg. Das erspart Kosten und Nerven.

SPIEGEL: Auch die Profis versagen. Die Eismumie Ötzi wurde von Ihrer Zunft nach allen Regeln der Kunst durchleuchtet. Die Pfeilspitze in ihrer Schulter wurde dennoch übersehen.

Bankl: Tja, Mord im Neolithikum. Diese Geschichte war wirklich peinlich. Sie strotzt vor medizinischer Eitelkeit und Konkurrenzdenken. Trotzdem: Die Fehlerquote in der Pathologie liegt bei nur einem Prozent. Damit liegt unsere Sparte auf Platz eins.

SPIEGEL: Ihre Diagnosen kommen aber immer zu spät.

Bankl: Es reicht uns, Anwälte der Wahrheit zu sein. Ein Beispiel: In Mainz bricht ein Rentner im Garten zusammen und fällt auf seine Sense. Der Notarzt stellt einen Tod durch Verbluten fest. Der Hausarzt tippt auf Herzversagen schon vor dem Sturz.

SPIEGEL: Wer hatte Recht?

Bankl: Keiner von beiden. Bei der Obduktion fand sich im Brustkorb eine Gewehrkugel. Der Nachbar hatte Schießübungen in der Garage gemacht. Dabei prallte ein Projektil ab und traf den 30 Meter entfernt arbeitenden Rentner tödlich.

SPIEGEL: Gibt es denn den perfekten Mord, der selbst dem Pathologen entgeht?

Bankl: Die Idee fasziniert, haut aber selten hin. Die besten Chancen hat der Mörder, wenn die Leiche am Seziersaal vorbeigeschleust wird. Es muss also harmlos aussehen, so als wäre es ein natürlicher Tod.

SPIEGEL: Im Juni wurde in Bremerhaven ein Altenpfleger erwischt. Olaf D. hatte alte Frauen mit dem Kissen erstickt. Erst beim sechsten Mordversuch flog er auf.

Bankl: Ein schlimmer Fall, der die ganze Misere der Totenbeschau zeigt. Da liegen 80-jährige Frauen im Bett. Der Arzt denkt arglos: "Was soll da Furchtbares sein, in dem Alter kann man ja in Frieden sterben." Also untersucht er gar nicht mehr.

SPIEGEL: Was ist vom Giftmord zu halten?

Bankl: Mit Mandragora, Alraune oder Tollkirsche wurden Fürsten und Könige umgebracht. Kaiser Nero aß nichts ohne Vorkoster, Kleopatra ließ einige Gifte sogar im Menschenversuch testen.

SPIEGEL: Was würden Sie empfehlen? Vielleicht Schierling, den der Philosoph Sokrates trinken musste?

Bankl: Das ist eine äußerst widerwärtige Art zu sterben: Ein Gramm führt innerhalb von 30 Minuten zum Tod. Es erfolgt eine Paralyse der motorischen und sensiblen Nervenenden sowie des Rückenmarks. Am Ende wird - bei vollem Bewusstsein - die Atemmuskulatur gelähmt.

SPIEGEL: Und Arsen, das "Gift aller Gifte"?

Bankl: Es ist geruch- und geschmacklos und lässt sich leicht verabreichen. Deshalb seine Beliebtheit. Einen Höhenflug erlebte das Pulver im Italien der Renaissance, als offizielle Preislisten von Giftmischern zirkulierten: die Beseitigung eines Sultans für 500 Dukaten, Papst-Attentate sogar schon für 100 Dukaten.

SPIEGEL: Was ist von der Träufel-Nummer im Hamlet zu halten: Der tote Vater des Dänenprinzen erscheint als Geist auf der Bühne und klagt, ihm sei im Schlaf Bilsenkraut ins Ohr geschüttet worden.

Bankl: Das haut nicht hin. Das Trommelfell ist derart empfindlich, dass ein Schlafender sofort aufwacht, wenn ihm Flüssiges in den Gehörgang gefüllt wird. Hyoscyamin, die toxische Substanz im Bilsenkraut, wirkt tödlich ab etwa 100 Milligramm. Ob das Gift allerdings vom Ohr in die Blutbahn gelangen kann, ist sehr fraglich.

SPIEGEL: Die "taz" empfahl jüngst das Pflanzenschutzmittel E 605: einige Tropfen davon in Heidelbeersoße gemischt und dann mit süßem Pudding kredenzt. Eine Hausfrau aus Kempen hat so fünf Verwandte vergiftet.

Bankl: E 605 ist sehr bitter, da brauchen Sie viel Zucker. Aber aufgepasst! Der Fall stammt aus dem Jahr 1983. Inzwischen können wir Toxine in der Menge einzelner Moleküle nachweisen. Mit Gift kriegen Sie keinen perfekten Mord mehr hin.

SPIEGEL: Was tun Sie, wenn ein Mörder sein Opfer verschwinden lässt?

Bankl: Das ist gar nicht so einfach. Nehmen Sie die chemische Entsorgung: Der Täter zerstückelt die Leiche und löst sie mit Salzsäure auf. Dabei bleibt meist ein gallertartiger Brei übrig, der die Rohre verstopft.

SPIEGEL: Im Fall der achtjährigen Julia aus Hessen hat der Täter versucht, das Mädchen zu verbrennen ...

Bankl: ... was misslang. Um einen Leichnam einzuäschern, brauchen Sie Temperaturen wie im Krematorium, mindestens 1000 Grad Celsius, eine Stunde lang. Das ist praktisch kaum durchführbar, denn das Fettgewebe brennt nur zögernd wie eine Kerze.

SPIEGEL: Was schlagen Sie also vor?

Bankl: Die gute alte Mafia-Methode: Betonblock um die Unterschenkel und dann in möglichst tiefes Wasser hinein. Aber ja nicht den Körper einfach ins Wasser werfen. Der kommt wegen der Fäulnisgase wieder hoch.

SPIEGEL: Arbeiten Sie mit Nasenklammer?

Bankl: An den Geruch im Seziersaal gewöhnt man sich nie richtig, aber eine Gasmaske trägt niemand von uns. Nur in den USA laufen einige Kollegen wie Astronauten herum, aus Angst vor Bakterien.

SPIEGEL: Weitaus häufiger als Morde sind Selbstmorde, allein etwa 11 000 im letzten Jahr. Ist die Unterscheidung - Verbrechen, Unfall oder Suizid - schwierig?

Bankl: Es gibt ein paar Faustregeln. Beim Sturz aus dem Fenster springt der Lebensmüde typischerweise vom Sims ab und liegt zwei Meter von der Mauer entfernt. Beim Unfall versucht er sich festzuhalten und schlägt direkt neben der Wand auf.

SPIEGEL: Gibt es weitere Indizien?

Bankl: Charakteristisch ist, dass der Lebensmüde nie durch seine Kleidung sticht. Will sich jemand die Pulsader öffnen, macht er zuvor einige zaghaft angesetzte Probierschnitte. Adolf Hitler hat zuerst seinen Hund vergiften lassen, um die Wirksamkeit der Zyankalikapsel zu prüfen.

SPIEGEL: Bei Uwe Barschel liegt der Fall weniger klar.

Bankl: Wieso? Selbstmörder versuchen sehr häufig, ihre Tat zu verschleiern. Sie inszenieren. Der Selbstmörder, sagen wir in Österreich, ist boshaft. Selbst Bauchschüsse wie bei Vincent van Gogh sprechen nicht gegen den Suizid.

SPIEGEL: Ende August sprangen drei Jugendliche von der 78 Meter hohen Göltzschtalbrücke. Zwei waren aneinander gefesselt. Lässt sich feststellen, ob der eine Junge mitgerissen wurde?

Bankl: Nein. Bei der Höhe sind die Leichen mit Knochenbrüchen übersät. Der Schädel wird geknackt wie eine Nuss. Kommt jemand unten vertikal an, sieht es noch furchtbarer aus: Die Beine werden in den Körper gestaucht. Die Leute sind dann nur noch halb so groß.

SPIEGEL: Lesen Sie gern historische Sektionsberichte?

Bankl: Sie sind ein Hort der Erkenntnis. Nur dadurch wissen wir, dass Napoleon an den Folgen eines Magentumors starb und Chopin bei einer Körpergröße von 1,80 Metern nur 44 Kilogramm wog. Adalbert Stifter hat sich mit dem Rasiermesser selbst entleibt, so steht es in vielen Biografien. In Wahrheit war Stifter ein schwerer Trinker und befand sich im Endstadium einer Leberzirrhose.

SPIEGEL: Auch der Schluss Ihres Werkes bietet wenig Tröstliches. Sie behandeln den Lusttod, den "Accidental Autoerotic Death".

Bankl: Ja. Manche Leute wollen beim Masturbieren eine Sauerstoffknappheit erzeugen. Die Techniken reichen von der einfachen Schlinge bis hin zur komplizierten Drosselkonstruktion. Oft haben die Leute noch sperrige Gummikleidung an. Da ist die Gefahr groß, dass etwas schief läuft. In den USA kommen bei solchen Praktiken pro Jahr etwa 500 Menschen um.

SPIEGEL: Wer macht so was?

Bankl: Überwiegend junge Intellektuelle in gehobener Stellung. Besonders phantasiereich war ein Geistlicher: Er steckte sich einen Druckfühler in den Mastdarm, mit dem er einen Kompressor bedienen konnte.

SPIEGEL: Elegant! Warum ist der Mann im Seziersaal gelandet?

Bankl: Erst kniff er mehrfach den Hintern zusammen und pumpte so eine Manschette um seinen Hals prall. Doch dann konnte er die Druckluft nicht mehr ablassen und erstickte. INTERVIEW: MATTHIAS SCHULZ

* "Sokrates trinkt den Schierlingsbecher"; Kupferstich von Matthäus Merian dem Älteren, 1630.

DER SPIEGEL 37/2001
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