15.09.2001

WISSENSCHAFTLERTragische Gestalt

Ein bekannter Chaosforscher der Universität Tübingen spielt verrückt: Aus Protest gegen die Hochschulleitung sprühte er jetzt Parolen an die Aula.
Tübingen im August: Eine dicke, dunkle Wolke hängt über der Neuen Aula der Universität, und ein paar Kilometer entfernt, in seiner Wohnung an der Engelfriedshalde, beschließt der berühmte Chaosforscher Otto Rössler, 61, sich mal wieder dem Gegenstand seiner Arbeit zu widmen, dem Zufall. Genauer gesagt: Ob der Himmel ihn wohl davon abhält, "etwas anzustellen"?
Kurz danach steht fest - der Himmel ist seinem Arbeitgeber, der Universität, nicht gnädig. Es klart auf, Rössler greift zur Spraydose und fährt los. Auf die Säulen vor dem Eingang sprüht er es, auf jede Seite der Neuen Aula, neunmal insgesamt, in blauer Farbe: PUT, PUT, PUT. Offensichtlich in Anlehnung an eine Zeitungsannonce seiner Frau, früher Medizinerin an der Universitätsklinik, in der sie die Hochschule als "Pogrom Universität Tübingen" beschimpfte.
Rösslers Farbanschlag ist der jüngste Höhepunkt eines wohl einzigartigen Hochschulkriegs im sonst so ehrpusseligen deutschen Wissenschaftsbetrieb - eine Tat, die je nach Sicht der Dinge von Verzweiflung oder Wahnsinn angetrieben wurde. Glaubt man Rössler, werden an der Tübinger Universität Menschenrechtsverletzungen begangen. Deswegen pappt er sich seit fünf Jahren einen gelben Davidsstern an die Brust, wenn er seine Vorlesungen hält. Denn, so Rössler, "ich zitiere Levinas: Jeder, der wegen seiner Identität verfolgt wird, ist ein Jude".
Seit fast zehn Jahren streitet sich Rössler mit dem Land Baden-Württemberg und der Universität herum. Der weltbekannte Chaosforscher, der 1996 von einem Kollegen für den Nobelpreis für Physik vorgeschlagen wurde, läuft Amok, zeigt die Universität an, beschwert sich, wo er kann.
Für die meisten in Tübingen ist Rössler damit eine "tragische Gestalt", ein moderner Michael Kohlhaas, mit dem Unterschied, dass ihm kein Unrecht geschehen sei. Der ehemalige baden-württembergische Wissenschaftsminister Klaus von Trotha (CDU) wollte ihn 1995 sogar auf seine Diensttauglichkeit psychiatrisch untersuchen lassen. Für den renommierten Tübinger Hirnforscher und Leibniz-Preisträger Niels Birbaumer, 56, liegt der Fall dagegen anders: "Rössler hat seine Macken, aber gerade an einer Universität muss doch Platz sein für unangepasste Genies."
Sein Kampf, das erkennt auch Rössler, ist für normale Menschen schwer zu verstehen. "Ich sehe in der Welt wissenschaftlich Dinge, die anderen nicht bekannt sind." Und in diesem Fall ist es "das Böse" an der Universität, das er sieht.
Angefangen hatte der Krieg der Koryphäe mit dem "sehr komplexen Selbstmord" (Rössler) des Arztes Peter Sadowski, eines Mediziners an der Universitätsklinik. Ob es Selbstmord oder ein tragischer Unfall war, ist bis heute nicht geklärt. In seinem Abschiedsbrief habe Sadowski geschrieben: "Halten Sie durch!" Gemeint sei auch Rösslers Ehefrau Reimara gewesen, damals noch an der Uniklinik. Sie solle es sich nicht gefallen lassen, dass
ihr - wie Sadowski - im Zuge einer Umstrukturierung neue Aufgaben zugewiesen würden. So erzählt es Rössler - gesehen hat er den Brief so wenig wie seine Frau.
Reimara Rössler kämpfte, genauer: Sie trat den Dienst in der Klinik nicht an. Was das Land als eine normale "Neubeschreibung der Stelle" bezeichnete, war für die Rösslers eine Zwangsberufung für ein neues Gebiet, somit ein Anschlag auf die Freiheit von Forschung und Lehre und damit auf die Menschenrechte. Das Verwaltungsgericht Sigmaringen sah es anders: 1995 entschied es, dass Reimara Rössler aus dem Dienst zu entfernen sei. Das Land forderte daraufhin rund 450 000 Mark Gehalt zurück, das sie vier Jahre lang bezogen habe, ohne dafür zu arbeiten. Die Rösslers verloren nun ihr Haus durch eine Zwangsversteigerung.
Im Jahr vor diesem Gerichtsurteil schlug "das Böse" nochmals zu. Rössler sollte eine Pflichtvorlesung halten. Er, Professor für Theoretische Biochemie, sollte über "Allgemeine Chemie" vor Medizinstudenten sprechen. Für ihn war klar: ein drastischer Eingriff in seine professorale Freiheit.
Rössler beschloss, sich zu fügen, aber unter Protest. In seiner ersten Vorlesung stellte er sich vor die Studenten hin: "Das ist ein Flugzeug, das ich noch nie geflogen habe, aber gemeinsam werden wir das Ding schon sicher fliegen und landen." Die Studenten waren perplex, die Hochschulleitung zeigte sich empört: "Es war nicht zu erwarten, dass Herr Rössler die Vorlesung ernsthaft hält", sagte Kanzler Georg Sandberger, 61, pikiert. Sandberger nahm ihm die Vorlesung, Rössler daraufhin im Handstreich den Hörsaal.
In einer der nächsten Sitzungen riss er einem Kollegen, der die Vorlesung übernommen hatte, das Mikrofon aus der Hand. Die Hochschulleitung ließ den Saal von der Polizei gegen Rössler sichern. Es folgten Hausverbot und ein Disziplinarverfahren.
Doch zwei Jahre später, 1997, beschlossen Universität und Wissenschaftsministerium, das Verfahren einschlafen zu lassen. Rössler lehrt und forscht seitdem, die Pflichtvorlesungen halten andere. Und selbst das neunfache PUT an den Wänden der Aula wird Rössler wohl nicht mehr Ärger einbringen als die übliche Strafanzeige wegen Gebäudeschmierereien. Unverdrossen gegen alle Wahrscheinlichkeit setzt Rössler sogar auf ein Happy End. "Ich hoffe, dass die Universität und ich uns bald weinend in den Armen liegen." CAROLINE SCHMIDT
* Vor dem von ihm besprühten Haupteingang der Universität Tübingen.
Von Caroline Schmidt

DER SPIEGEL 38/2001
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