15.09.2001

IDOLEDer öffentliche Krebs

Heiko Herrlich war einer der besten Mittelstürmer Deutschlands. Dann wurde ein Tumor in seinem Gehirn entdeckt. Nach einer Strahlentherapie feiern die Medien seine Heilung. Er möchte wieder Fußball spielen wie früher - aber ist er überhaupt geheilt? Von Matthias Geyer
Ganz da oben sitzt er, West-Tribüne, Block 26, Reihe 28, Platz 44, auf einem grünen Schalensitz. Er guckt nach unten, auf das leere Spielfeld, kein Mensch ist mehr auf diesem Spielfeld, es ist Halbzeit.
Er müsste hier nicht mehr sitzen. Er trägt ein türkisfarbenes Plastikband am Handgelenk, er müsste nur aufstehen und um die Ecke laufen, der Frau an der Glastür sein Plastikband zeigen, dann wäre er in diesem Restaurant, wo nur die wichtigen Menschen rein dürfen, weil es hier alles umsonst gibt, Dortmunder Bier und Nordmeerlachsscheiben an Senf-Dillsauce und Joghurt-Creme nach Art des Zaren. Will er aber nicht. Er will auf dieses Spielfeld im Dortmunder Westfalenstadion gucken.
Dann wird eine Fanfare gespielt, Triumphmarsch aus "Aida", und da unten kommen sehnige junge Männer aus einem Loch und laufen auf den Rasen.
Heiko Herrlich hebt den Kopf und sagt: "Hier oben gehörst du nicht dazu. Dazu gehörst du nur, wenn du da unten stehst. Aber ich steh halt nicht da unten. Ich sitz hier oben."
Er hat sich Gel in die Haare gekämmt, ganz wenig nur, denn seine Haare sind noch sehr kurz. Wenn man genau hinsieht, kann man unter seinen Haaren noch eine Narbe erkennen. Die Narbe sitzt sieben Zentimeter über seinem linken Auge.
Als er das letzte Mal da unten stand und nicht hier oben saß, hatte er noch längere Haare. Es war der 28. Oktober 2000, Borussia Dortmund spielte gegen Kaiserslautern, Heiko Herrlich trug die Nummer 11 auf dem Rücken, er ist Mittelstürmer.
Aber er spielte nicht wie ein Mittelstürmer. Er stand ein paar Mal allein vor dem Tor, und dann, wenn er den Ball ins Tor schießen wollte, traf er ihn nicht. Er trat über den Ball und neben den Ball, er schoss über das Tor und daneben, er war ein Anfänger, ein Versager, ein "Blinder", wie die Leute im Stadion das nennen. Die "Bild"-Zeitung gab ihm die Note "Fünf". Er fuhr nach Hause und sagte zu seiner Frau: "Irgendwas stimmt mit meinen Augen nicht."
Er hatte in dieser Zeit Antibiotika eingenommen, Nebenhöhlenentzündung. Er las den Beipackzettel und fand den Hinweis, das Antibiotikum könne zu Sehstörungen führen, vorübergehend. "Hier, das könnte es sein", sagte er zu seiner Frau.
Fußball ist ein flüchtiges Geschäft. Heiko Herrlich vergaß dieses Spiel, er vergaß den Spott und die "Fünf" in "Bild".
Nur die Nebenwirkungen blieben.
Im Training trat er weiter am Ball vorbei, auch mit dem Kopf traf er nicht mehr, weil er den Ball doppelt sah, wenn er auf ihn zuflog. Manchmal wurde ihm dann schlecht. Es gab Zuschauer, die hinter dem Zaun lachten, und es gab Mitspieler, die etwas merkwürdig guckten.
"Ich seh euch doppelt", sagte er zu den Masseuren, die an ihm arbeiteten.
"Ja, Heiko, du siehst uns doppelt", sagten die Masseure und arbeiteten weiter.
Heiko Herrlich fühlte sich, als habe er einen Systemfehler. Es war nicht so wie nach einem schlechten Spiel. Wenn er mal schlecht gespielt hatte, wusste er immer, woran es lag. Dann war er nicht cool genug oder nicht selbstbewusst genug oder nicht motiviert genug, so was eben. Es lag immer an seinem Kopf. Es lag nie an seinem Körper. Auf seinen Körper war immer Verlass. Er wusste, wann er loslaufen und abspringen, wie er schießen und köpfen musste. Jetzt funktionierte dieser Mechanismus nicht mehr. Irgendetwas war kaputt. Irgendetwas sorgte dafür, dass er sich nicht mehr bewegte wie ein Torschützenkönig. Heiko Herrlich bewegte sich wie eine Schießbudenfigur.
Er ging zum Assistenztrainer: "Du, da stimmt wirklich etwas nicht." Und dann ging er in die Städtischen Kliniken, in die Abteilung Neurologie. Die Ärzte ließen ihn Dinge machen, die er als "Idiotenübungen" empfand. Er musste mit geschlossenen Augen auf einem Strich laufen, seine Augen mussten Fingern folgen, die sich von links nach rechts bewegten. Er hatte Probleme mit diesen Idiotenübungen, deshalb legten sie ihn in eine große, dunkle Röhre, einen Kernspintomografen, sie wollten damit sein Gehirn durchleuchten.
Er lag in der Röhre und dachte: "Hoffentlich ist diese Scheiße bald vorbei."
Es war Donnerstag, und er dachte an Freitag. Freitag war das nächste Spiel, ge-
gen Hertha BSC. Gegen Hertha wollte er diesen verdammten Ball wieder treffen.
Er wollte aufstehen und nach Hause gehen, aber dann kam ein junger Arzt und sagte: "Sie müssen noch etwas liegen bleiben. Wir holen den Oberarzt."
"Warum?"
"Weil da eine Stelle ist, die uns nicht gefällt."
Der Oberarzt sagte, diese Stelle da, das sei womöglich eine Entzündung. Womöglich.
Herrlich fuhr nach Hause, zu seiner Frau Sangita. Sie saßen im Wohnzimmer und guckten sich Baby-Prospekte an. Seine Frau war im dritten Monat schwanger.
Am Nachmittag kam Michael Preuhs zu Besuch. Preuhs ist Mannschaftsarzt bei Borussia Dortmund. Ein Orthopäde, er repariert Knochen oder kühlt sie mit Eisspray, er arbeitet nicht mit Kernspintomografen und Bildern aus dem Gehirn, mit Stellen, die einem Neurologen nicht gefallen. Preuhs sagte nur, Herrlich müsse über Nacht noch mal ins Krankenhaus, "aus rechtlichen Gründen".
Preuhs wusste schon alles.
Als Heiko Herrlich am Freitagmorgen im Krankenhaus aufwachte, sah er aus seinem Fenster in einen Innenhof. Dort standen Ärzte in weißen Kitteln. Michael Preuhs trug einen großen Umschlag im Arm, Bilder von Herrlichs Gehirn. Sie redeten. Sie verhandelten.
Dann kamen sie. Einer von ihnen sagte: "Wir sind eigentlich sicher, dass es ein Tumor ist."
Der Arzt sah auf den Boden, als er das sagte. Er sagte auch, dass der Tumor im Mittelhirn sitzt und dass man jetzt rausfinden müsse, ob er gutartig sei oder bösartig.
Abends saß Heiko Herrlich wieder zu Hause. Er ließ den Fernseher laufen und sah sich im Videotext die Zwischenstände vom Spiel gegen Hertha BSC an. Aber er dachte nicht mehr an Fußball. Er dachte an einen Schulfreund, der Leukämie hatte. Dessen Kopf war mit der Zeit immer größer geworden, und dann kam er nicht mehr in die Schule. Irgendwann war er tot.
Heiko Herrlich dachte an den Tod, aber er glaubte nicht, dass er an diesem Tumor sterben könnte. Er ist 29 Jahre alt. Er war schon oft krank, und die Ärzte haben ihn immer wieder gesund gemacht. Sie werden das hier auch hinkriegen, da war er sicher.
"Doc, das operieren wir, kein Problem", sagte er, als Michael Preuhs am nächsten Tag wieder in seinem Wohnzimmer stand.
"Heiko, an der Stelle können wir nicht operieren", sagte der Doc.
"Geht es jetzt um Leben und Tod?"
"Ja."
Heiko Herrlich stand auf, lief durch seine Wohnung und weinte.
Dann zog er die Stecker aus der Steckdose. Fernsehen, Telefon, Radio, er machte alles aus. Und er beschloss, die Zeitungen in den nächsten Tagen ungelesen in den Müll zu werfen. Er wollte nicht lesen, dass irgendein Experte irgendwo sagt, bei einem Tumor im Mittelhirn habe der Mensch keine Chance, weiterzuleben.
Er legte seine Sportsachen in eine Tasche und trug sie in den Keller. Er dachte: "Das ist nie mehr."
Er wusste nicht, dass es von jetzt an zwei Geschichten geben wird. Seine eigene, private Krebsgeschichte, die ihn in irgendwelche Universitätskliniken und dunkle Strahlenkeller führen wird, eine Geschichte, wie sie Tausenden passiert, die so etwas haben wie er. Und die öffentliche Geschichte, die Geschichte von einem todkranken Fußballstar, der nie ganz privat sein kann, weil das Metier, in dem er arbeitet, so ausgeleuchtet wird wie ein Gehirn unter einem Kernspintomografen.
Die öffentliche Geschichte ist eine absurde Geschichte, weil fast alles, was mit Profifußball zu tun hat, absurd ist. Fußballer sind Helden mit dicken Konten und blonden Frauen; sie jubeln oder jaulen, aber niemals leiden sie wirklich.
Sie sind nie krank, sie sind höchstens mal verletzt, und dann werden sie fit gespritzt, sie sind wie Autos, die bei Pit Stop halten und mit neuem Auspuff weiterfahren. Matthias Sammer, heute Trainer bei Borussia Dortmund, stand als Spieler mal mit einer klaffenden Augenbraue an der Seitenlinie und ließ sich die Wunde zutackern, als sei sein Kopf ein Parkettboden, der noch eben verlegt werden muss.
Die öffentliche Geschichte ist auch zynisch, weil die Öffentlichkeit nicht daran gewöhnt ist, dass Profifußball etwas mit Tod zu tun haben könnte. Profifußball hat etwas mit Geld zu tun, Fußballspieler sind Werte, die man kauft oder verkauft.
Borussia Dortmund kennt sich damit aus. Wenige Wochen bevor Heiko Herrlich krank wurde, war dieser Fußballclub als Erster in Deutschland an die Börse gegangen. Jetzt ist die Diagnose da, es ist ernst, auch für die AG, sie treffen sich in einem Konferenzraum im neunten Stock, der Präsident, der Manager, alle, die wichtig sind. Draußen hängt das Club-Emblem, drinnen steht ein zehn Meter langer Tisch mit zehn Stühlen auf jeder Seite, auf dem Tisch stehen kleine Apfelsaftflaschen und Mineralwasser und Kaffee und Gläser auf dem Kopf, hier könnte sich auch der Vorstand der Allianz treffen.
Sie sind noch nicht lange an der Börse, aber sie wissen schon, dass schlechte Nachrichten, die den Kurs beeinflussen könnten, sofort gemeldet werden müssen.
Ist der Tumor eines Stürmers eine Nachricht, die den Kurs beeinflussen könnte?
Sie geben die Nachricht an den Börseninformationsdienst, wenig später weiß es das ganze Land. Der Kurs fällt. Der Essener Weihbischof meldet sich zu Wort und redet was vom kalten Kapitalmarkt und der Würde des Menschen. Das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel sagt, diese Meldung sei überflüssig gewesen.
Sind sie skrupellos? Oder Stümper? Sie rechtfertigen sich damit, dass Heiko Herrlich selbst es so gewollt habe. Aber natürlich hatten sie auch Angst, dass abends im Fernsehen so ein kalter Börsenfisch daherkommt und sagt: Guck sie dir an, die kurzen Hosen, reden von der Börse, aber kennen die Spielregeln nicht.
Gerd Niebaum ist Vereinspräsident, er muss etwas zur Sache sagen. Er ist promovierter Rechtsanwalt und sagt: "Wir dürfen einigermaßen optimistisch sein, dass die Karriere noch nicht beendet ist." Karriere. Als ob es jetzt um Karriere geht.
Vor der neuen Geschäftsstelle neben dem neuen Fußballstadion steht ein Glaskasten, "Bekanntmachungen" steht da drauf, und jeden Tag werden alte Zettel abgehängt und neue Zettel aufgehängt. Der Fan erfährt hier, wer gerade wieder verletzt ist, ob es noch Eintrittskarten gibt für das nächste Spiel und solche Dinge. In diesen Tagen hängt ein etwas anderer Zettel hinter dem Glas. "Diagnose Heiko Herrlich" steht da drauf. Es gibt zwar noch keine genaue Diagnose, aber eine wirtschaftliche Prognose gibt es schon, und die ist beruhigend: "Ein etwaiges finanzielles Risiko für den Fall der Invalidität ist sowohl für den Spieler als auch für Borussia Dortmund ausreichend versichert." Es ist gut, dass die Börse das nun weiß und der Fan auch.
Die Zeitungen wissen nichts. Aber sie sind betroffen. Die "Welt am Sonntag" vermutet, dass der Tumor "irgendwo an der Sehbahn liegt". Sie glaubt: "In diesem Fall droht die Erblindung - mindestens." Die "Bild"-Zeitung bringt ihren Medizin-Experten in Stellung: "Können die vielen Kopfbälle eine der Ursachen sein?"
Es gab schon mal eine Zeit, in der die Zeitungen so viele Artikel über Heiko Herrlich geschrieben haben. Das ist Jahre her, und der Ton war anders. Es ging darum, dass Herrlich von Mönchengladbach nach Dortmund wechseln wollte, obwohl er in Mönchengladbach noch einen Vertrag hatte. Herrlich behauptete damals, er habe vom Mönchengladbacher Manager die mündliche Zusage bekommen, dass er gehen könne, wenn ein anderer Verein mehr als 4,5 Millionen Mark Ablöse bietet. Dortmund bot 12,5 Millionen Mark. Der Manager wollte sich an so eine Absprache nicht erinnern, Herrlich ging im Streit. Die "FAZ" schrieb über den Profi: "Ein ganz gewöhnlicher Bundesliga-Raffzahn".
Es ist nicht mehr wichtig, wer damals Recht hatte, Herrlich oder der Manager. Hängen geblieben ist, dass Heiko Herrlich das Bild vom geldgeilen Fußballprofi mit geprägt hat. Dass Menschen, die heute im Stadion Transparente mit der Aufschrift "Scheiß Millionäre" aufrollen, manchmal wahrscheinlich noch an ihn denken. Er ist sowieso kein Hätschelkind der Bundesliga. Kein Goldkettchenträger, kein Matthäus, kein Hohlkopf. Herrlich ist ein stiller Typ, der nachdenken kann, der an Gott glaubt - und sich dazu auch öffentlich bekennt.
Herrlich sei "komisch", meinte der Kollege Martin Dahlin einmal, "der sitzt auf dem Klo und liest die Bibel". Das Bekenntnis zu seinem Christsein machte sein Leben als Profi nicht leichter. Wenn er bei einem Zweikampf im Strafraum seinen Gegner mit dem Ellenbogen im Gesicht traf, wurde er später manchmal gefragt: "Und du willst Christ sein?"
Die Nachricht, dass er einen Tumor hat, verstört alle, die mit ihm zu tun haben. Den Präsidenten, die Medien, den Weihbischof und den Aktienkurs. Heiko Herrlich bleibt in seiner Wohnung, er bekommt nichts mit davon. Er betet.
Er sagt: "Was ist, wenn ich heute Abend in den Himmel komme, und Gott sitzt da und fragt: Was hast du aus deinem Leben gemacht? Wenn ich oben ankomme, dann will ich mit meiner Welt im Reinen sein."
Er ruft seinen Vater und seine Mutter an und entschuldigt sich für Dinge, von denen er glaubt, dass sie nicht richtig waren. Er ruft einen Mann an, den er neulich vor einem Fußballspiel getroffen hatte. Es war eine flüchtige Begegnung, Herrlich hatte ihn gefragt, wie es geht. Der Mann wollte erzählen, dass es ihm schlecht geht, aber Heiko Herrlich interessierte sich nicht dafür. Er ließ ihn stehen. Jetzt am Telefon sagt er zu dem Mann: "Es tut mir Leid. So ein Scheißdrecks-Fußballspiel kann nicht so wichtig sein wie diese drei Minuten, in denen ich Ihnen zuhören könnte." Er sagt zu seiner Frau, dass sie ihn glücklich gemacht hat, dass er "bettelarm" sein möchte, "aber leben".
"Ich habe einen inneren Frieden, wie ich ihn noch nie hatte", denkt er. Er wünscht sich, noch so lange zu leben, bis sein Kind auf der Welt ist.
Draußen, in der Welt der Fußballmenschen, die nicht mehr seine Welt ist, schlägt das Mitleid über der Club-Zentrale zusammen. Borussia Dortmund ist ein moderner Verein, es gibt deshalb jemanden, der dafür zuständig ist, dass das Mitleid professionell verarbeitet wird.
Er heißt Markus Christmann, und er betreut die Internet-Seiten von Borussia Dortmund. Christmann ist 33 Jahre alt, hinter seinem Computer hängen Fotos, auf denen er die Baseballmütze verkehrt herum trägt, und Postkarten von nackten Frauen am Strand. Sein Handy hängt an seiner Hose wie ein Revolver.
Es kommen so viele Zuschriften, dass Christmann beschließt, eine eigene Seite dafür einzurichten, einen interaktiven Kummerkasten, in dem nur Heiko Herrlich lesen kann, wenn er lesen wollte. Und Christmann selbstverständlich.
Inzwischen ist die Aktion natürlich längst vorbei, "nach 14 Tagen war das Thema durch", sagt Christmann, aber trotzdem: Die Sache war ein voller Erfolg. "Wir hatten 6500 Mails in zwei Wochen", sagt Christmann, "6500 Mails in zwei Wochen kriegt man sonst nur, wenn man einen VW Golf verlost."
Dann klingelt sein Handy. "Hier", sagt Christmann und schiebt die Maus rüber, "blättern Sie ruhig mal durch." Dann geht er raus. Herrlich hat Zuschriften von Gläubigen und Kranken bekommen, von Spinnern und Fußballfans. Ein Wünschelrutengänger meinte, Herrlichs Schlafzimmer sei verstrahlt. Ein Kirchgänger behauptete, nur ein Pfarrer aus dem Sauerland könne helfen, weil in dessen Pfarrei im Mittelalter keine Hexen verbrannt wurden. Ein harmloser Ausländer schrieb: "Du werst wieder Toschutze König sein."
Christmann ist zurück, das Handy hängt wieder an der Hose.
Michael Preuhs, der Mannschaftsarzt, ist in diesen Tagen irgendwo in Deutschland mit den Aufnahmen von Herrlichs Gehirn unterwegs. Er fragt bei den führenden Neurochirurgen um Rat, und jeder sagt ihm etwas anderes. Einer sagt, es sei ein Tumor, und man müsse jetzt eine Gewebeprobe entnehmen, um zu wissen, welcher Tumor es ist. Einer sagt, das sei gar kein Tumor, das sei eine beginnende Multiple Sklerose. Ein anderer sagt, es sei eine Gefäßerweiterung, kein Tumor, also auch bloß keine Gewebeprobe, sonst platzt das Gefäß, und Blut würde sich ins Mittelhirn ergießen, und dann wäre Feierabend.
Anfang Dezember wird Heiko Herrlich in der Kölner Universitätsklinik aufgenommen, er hat ein Zimmer auf der Station 11d, "Stereotaxie und funktionelle Neurologie". Sie machen hier computergesteuerte Operationen am Gehirn.
Herrlich liegt unter anderem Namen hier, er heißt "Mirko Chandna". Der Chef der Station, Professor Volker Sturm, wollte verhindern, dass plötzlich ein Fernsehteam von RTL oder so zu Besuch kommt. Die Menschen laufen hier mit Hauben auf den Köpfen durch die Gänge.
Sturm ist 57 Jahre alt, er hat einen eindrucksvollen Ruf in der Welt. Er ist sich sicher, dass Herrlich einen Tumor im Kopf hat. Er hat ihn mit Computer- und Kernspintomografen untersucht, und dann hat er sich mit einem Physiker an einen Computer gesetzt und die Koordinaten bestimmt. Der Tumor hat einen Durchmesser von 8,4 Millimetern, er ist auf dem Monitor als kleiner, grauer Punkt erkennbar. Der kleine, graue Punkt liegt in der dritten Hirnkammer, er drückt auf die "Vierhügelplatte", und die ist verantwortlich für die Koordination der Augen.
Der Computer sagt, dass der Tumor minus 5,2 Millimeter auf der x-Achse, minus 24,2 Millimeter auf der y-Achse und 66 Millimeter auf der z-Achse liegt.
Dann haben sie errechnet, an welcher Stelle sie ein Loch in den Kopf bohren werden und welchen Weg die Sonde, eine zwei Millimeter dicke Nadel, durch das Gehirn nehmen wird. Sie entscheiden sich für einen Weg, von dem sie glauben, dass sie unterwegs kein Blutgefäß treffen werden.
Am Tag vor der Operation erklärt Sturm dem Fußballprofi und seiner Frau, was diese Operation bedeutet.
Herrlich denkt: "Dieses Ding soll nur weg. Und wenn ich dabei blind werde. Es kann auch eine Perspektive sein, blind zu leben."
Seine Frau fragt den Professor: "Und was ist, wenn Sie ein Blutgefäß treffen?"
Der Professor sagt: "Das wäre verheerend."
Vier Prozent solcher Operationen enden in Deutschland verheerend. Aber Sturm hat schon seit zwei Jahren kein Gefäß mehr getroffen.
Am 5. Dezember wird Heiko Herrlich morgens um halb sieben geweckt. Er nimmt eine Tablette, er verabschiedet sich von seiner Frau und wird in den Operationssaal gefahren. In Vollnarkose wird er auf einen Tisch gelegt, der so viel kostet wie ein Porsche. Sein Kopf wird mit vier Zapfen in einem Ring befestigt, ein "Lokalisator" und ein "Zielbügel" werden so eingestellt, wie es der Computer errechnet hat.
Dann bohren sie ein Loch in seinen Kopf, acht Millimeter dick, sieben Zentimeter über dem linken Auge. Der Professor steckt seine Nadel durch das Loch, er muss sie 87 Millimeter tief durch gesundes Hirngewebe führen.
Einmal führt er die Nadel 1,5 Millimeter an einem Blutgefäß vorbei. Er kann nichts sehen, während er operiert.
Er arbeitet fünfeinhalb Stunden in der Dunkelheit von Heiko Herrlichs Gehirn. Dann zieht er seine Nadel aus dem Bohrloch. Er hat kein Blutgefäß getroffen.
Die Nadel sieht vorn aus wie ein kleiner Korkenzieher, er hat damit ein Stück Gewebe entnommen, er lässt das Gewebe untersuchen. Dann bekommt er die Diagnose.
Heiko Herrlich hat einen bösartigen Tumor.
Es ist ein Germinom. Ein Keimzellentumor. Seine Zellen wachsen schnell und breiten sich unkontrolliert aus. Aber er hat auch Hoffnung. Das Germinom ist klein. Und Germinome können verschwinden, wenn sie bestrahlt werden.
Draußen, im Dunstkreis der Welt von Borussia Dortmund, schrumpfen die Dinge allmählich auf die alte Zwergengröße der Fußball-Begrifflichkeiten zusammen. Es geht nicht mehr um Krankheit oder Verletzung, es geht darum, dass Heiko Herrlich nicht mehr spielt, es geht um Sturmflaute, es geht um Ersatzlösungen.
Auf der Internet-Seite, die Christmann so erfolgreich betreut, steht: "Besonders bei Standardsituationen macht sich das krankheitsbedingte Fehlen des Mittelstürmers nachteilig bemerkbar. Seine Kopfballstärke wird seitdem vermisst."
Es gibt Fußballreporter in Dortmund, die telefonieren auf einem Handy in schwarz und gelb. Einer geht zum Manager Michael Meier und fragt, ob der jetzt einen neuen Mann für den Sturm kauft. Meier sagt: Nein, das sei "nicht geplant". Meier ist seit fast zwölf Jahren Manager in Dortmund, er hat schon viele Pläne kommen und wieder gehen sehen.
Am 19. Dezember fährt Herrlich mit dem Zug von Dortmund nach Heidelberg. Dort steht ein Gerät, von dem Fachleute behauptet haben, es sei die richtige Waffe, um diesen grauen Punkt in seinem Kopf auszulöschen. Das Gerät ist von Siemens, es heißt "Mevatron" und steht im Raum 345 LB 5, im Kellergeschoss der Kopfklinik der Universität Heidelberg. LB heißt Linearbeschleuniger. Mit so einem Gerät werden Elektronen zunächst annähernd auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt, dann wieder abgebremst, wobei ultraharte Röntgenstrahlen entstehen. Und die werden dann dem Patienten in den Kopf gejagt.
Wenn man reinkommt in den Raum 345 LB 5, steht auf der rechten Seite ein Holzregal. Auf dem Holzregal stehen Masken, die aussehen, als hätte sie der Menschenfresser Hannibal Lecter in dem Film "Das Schweigen der Lämmer" getragen.
Die Masken sind aus Kunststoff. Wenn ein Patient hier neu ist, bekommt er den weichen Kunststoff um den Kopf gewickelt, und wenn der Kunststoff ausgehärtet ist, wird die Maske in der Mitte aufgeschnitten, sie bekommt dann Scharniere und Ösen, damit man sie auf- und zumachen kann wie eine Schmuckschatulle. Wenn der Patient zur Bestrahlung kommt, wird die Maske um den Kopf geklappt, mit Winkeln an einer Liege verschraubt, damit die Strahlen jedes Mal dieselbe Stelle treffen.
Auf seiner Maske steht "Hr. Herrlich, Heiko". Die kleinste Maske gehört einem Säugling, der drei Monate alt ist.
Professor Michael Wannenmacher, 62, lässt jeden Tag 320 Tumorpatienten in seiner Abteilung bestrahlen. Sie sitzen unten in diesem Keller, dessen Wände einen Meter dick sind, auf einem Gang und warten darauf, dass sie aufgerufen werden. Keiner von ihnen hat noch Haare auf dem Kopf. Es sind glatzköpfige Menschen, die im Keller sitzen und nichts mehr sagen.
"Hier herrscht eine andere Währung", denkt Heiko Herrlich, der Fußballmillionär, als er zum erstenmal hier unten ist.
Er muss nicht mit den anderen auf diesem Gang sitzen und warten. Er ist ein Patient mit Prominentenfaktor, er wartet in einem Zimmer, in dem außer ihm nur Kinder warten. Er sitzt auf einer kleinen Bank mit rotem Kunststoffbezug und guckt auf
einen bunten Plastiktrecker, auf einen Holzkran, auf einen Schlumpf, auf einen Regenbogen, der an die Wand gemalt ist.
Dann geht die Tür auf, und Frau Wilbers, eine medizinisch-technische Assistentin, sagt: "So, es kann losgehen."
Er geht in den Raum mit den Masken und Mevatron, dem Gerät von Siemens, er geht durch eine Eisentür, die 30 Zentimeter dick ist. Über der Eisentür hängt eine Lichttafel, auf der verschiedene Farben aufleuchten können wie bei einer Verkehrsampel. Wenn das weiße Licht brennt, steht auf der Tafel "Vorbereitung", grün heißt "Einschaltbereit", gelb "Strahlung", und bei rot leuchtet das Zeichen für Radioaktivität auf. Daneben steht: "Sperrbereich, Kein Zutritt, Vorsicht Strahlung".
Frau Wilbers setzt ihm die Maske auf den Kopf, schraubt ihn auf die Liege und stellt Mevatron so ein, dass er dahin strahlt, wo es der Computer ausgerechnet hat.
Der Computer steht draußen bei Frau Hauck, und wenn auf ihrem Monitor alles grün ist, muss Frau Wilbers die Eisentür von außen schließen. Frau Hauck drückt auf einen Knopf, die Leuchttafel wird rot, draußen piept es, drinnen summt es.
"Es ist wie auf dem elektrischen Stuhl", sagt Heiko Herrlich.
Es summt 20, manchmal 30 Sekunden lang. Und danach riecht es. Heiko Herrlich weiß nicht, wonach es riecht. Er findet es nur unangenehm. Es riecht, weil die Spannung, mit der die Strahlen in seinen Kopf brennen, so stark ist, dass sich Ozon bildet. Ozon.
Am zweiten Tag der Behandlung muss er sich erbrechen, wie er noch nie erbrochen hat in seinem Leben. Er muss sich von jetzt an jeden Tag erbrechen, fünfeinhalb Wochen lang.
Sie bestrahlen ihm den Kopf und das Rückenmark, weil es möglich ist, dass der Tumor Tochterzellen in die Gehirnflüssigkeit gestreut hat, und Gehirnflüssigkeit breitet sich auch ins Rückenmark aus. Wenn man Kinder am Rückenmark bestrahlt, kann es sein, dass sie mit einem verkürzten Rückgrat weiterleben müssen.
Gegen die Übelkeit darf Heiko Herrlich alle drei Stunden ein Zäpfchen nehmen. Er hat noch nie Zäpfchen genommen, aber jetzt fühlt er sich "wie ein Junkie", weil er immer nur darauf wartet, dass die drei Stunden vorübergehen. Er bekommt außerdem "Tavor", ein betäubendes Medikament, das Mediziner "die Sonnenbrille für die Seele" nennen. Auch Uwe Barschel nahm Tavor. "Tavor nimmt die Angst", sagte Barschel einmal.
Herrlich liegt tagsüber im Bett und starrt die Wand an. Er hat keine Haare mehr auf dem Kopf, und er isst nichts mehr, weil alles irgendwie nach Ozon schmeckt.
Eine Woche bevor er entlassen wird, kommt er aus dem Bestrahlungsraum, und plötzlich wird es hell. Ein Fotograf der "Bild"-Zeitung hat im Gang gewartet, er feuert mit seinem Blitzlicht wie mit einem Maschinengewehr. Herrlich sagt, dass ihm übel ist und dass er nicht reden möchte. Die Ärzte sagen, dass die "Bild"-Zeitung gehen soll.
Am nächsten Tag steht in der "Bild"-Zeitung: "Heiko Herrlichs Kampf gegen den Tumor. Jetzt spricht er zum ersten Mal über sein Befinden."
Am 23. Januar fährt Heiko Herrlich von Heidelberg nach Dortmund. Er nimmt den Zug morgens früh um 8.52 Uhr. Er wollte den ersten Zug nehmen, den er kriegen konnte. Auf dem letzten Bild, das Professor Wannenmacher von seinem Gehirn machte, war der kleine, graue Punkt weg.
Die Frage ist nur: Ist er jetzt auch geheilt?
Zwei Monate nach seiner Strahlentherapie gibt er eine Pressekonferenz. Er erzählt, dass es ihm jetzt besser geht, dass der Tumor weggeschmolzen ist.
Danach ist er geheilt.
"Heiko Herrlichs wichtigster Sieg", schreibt die "Welt". "Herrlich hat Krebs überwunden", schreibt die "Süddeutsche Zeitung". "Tumor besiegt!", schreibt "Bild".
In jedem Fall ist er erst mal wieder in der Welt angekommen, in der die alte Währung gilt.
Die Fußballprofis von Borussia Dortmund parken ihre Automobile auf dem Trainingsgelände am liebsten so, dass sie vom Fahrersitz gleich in die Umkleidekabine fallen können. Sie parken sich gegenseitig zu. Sie haben meistens schwarze Autos mit Lederlenkrädern, Autos, von denen sich das Dach hebt, wenn man auf den richtigen Knopf drückt. Auf einigen Rücksitzen liegen Prospekte mit Autos, die noch mehr Geld kosten.
Heiko Herrlich parkt etwas weiter abseits. Er hat seinen Porsche verkauft, er fährt jetzt einen Kombi, weil das Kind auf der Welt ist.
Seit ein paar Wochen ist Heiko Herrlich wieder so eine Art Fußballprofi. Er kommt jeden Tag zum Training, er kann alles mitmachen, was die anderen auch machen. Aber er macht es eben immer nur auf dem Trainingsplatz. Er war auch schon bei ein paar Juxspielchen dabei, bei denen es um nichts ging. Manchmal hat er auch schon auf der Ersatzbank gesessen, als es um Bundesligapunkte ging. Aber meistens sitzt er ganz da oben im Stadion, auf seinem grünen Schalensitz.
Er sagt selbst, dass er manchmal ein paar gute Szenen hat, aber manchmal eben auch grausame. "Es dauert länger, als ich gedacht habe", sagt er. Wenn er seinen Kopf etwas nach rechts dreht, sieht er noch Doppelbilder. Das Gewebe, auf das der Tumor drückte, ist vernarbt. Es kann sein, dass die Doppelbilder irgendwann verschwinden. Vielleicht bleiben sie auch.
Neulich kam er vom Training, und er spürte ein Ziehen unter den Armen. Er dachte: "Jetzt geht es wieder los." Er ging zum Mannschaftsarzt und sagte: "Doc, das sind Lymphknoten, da stimmt etwas nicht." Der Doc sagte: "Das sind keine Lymphknoten, das ist eine Verspannung."
Heiko Herrlichs Vertrag läuft noch bis Mitte nächsten Jahres. "Ich weiß nicht, ob die noch mit mir planen", sagt er. "Die", der Präsident, der Manager, der Sportdirektor, haben ihm gesagt, man würde sich zusammensetzen und reden, wenn er sich ganz gesund fühle.
Er fühlt sich eigentlich gesund. Aber sie reden nicht.
Michael Meier, der Manager, sitzt an dem zehn Meter langen Konferenztisch und dreht einen Kugelschreiber durch die Finger. Meier fühlt sich Herrlich "sehr nah", wie er sagt. "Wir kommen beide vom Glauben", sagt Meier. Er hat eine Klosterschule besucht, bei den Redemptoristen, alles sehr streng und sehr katholisch. Meier hat für Herrlich gebetet, als es so schlimm war.
Damals stellte der Manager aber auch fest, dass der Dortmunder Angriff "stumpf" geworden war. Er ging in sein Büro und musste seine Pläne ändern. Er kaufte zwei Stürmer, den Tschechen Jan Koller für 21 Millionen Mark und den Brasilianer Marcio Amoroso für 55 Millionen Mark.
Braucht er Heiko Herrlich noch?
"Wir können uns nicht vorstellen, dass er Borussia Dortmund noch mal verlässt", sagt Meier. Man wird miteinander reden, demnächst, sagt Meier, er wird ihn fragen: "Geht es noch, oder geht es nicht mehr?" Wenn es noch geht, dann müsse der Club "marktgerechte Preise" bezahlen. Meier sagt nie "Ja" oder "Nein", und was "marktgerecht" bedeutet, sagt er auch nicht.
Manchmal weiß man nicht, was Michael Meier mehr ist: Manager oder Redemptoristenschüler.
Ob Heiko Herrlich tatsächlich gesund ist, ist eine Frage der Definition.
Volker Sturm, der Professor, der mit einer Nadel im Blindflug durch Herrlichs Gehirn stach, hat die alten Aufnahmen, auf denen noch der kleine, graue Punkt zu sehen war, an eine Leuchtwand gehängt. "Hier, gucken Sie. Ich habe wahrscheinlich noch nie einen so kleinen Tumor gesehen. Es ist ja fast ein Tumörchen. Die Heilungschancen sind sehr hoch, ziemlich genau 95 Prozent. Ich bin so gut wie sicher, dass man von Heilung sprechen kann."
Michael Wannenmacher, der Professor, der mit seinem Mevatron den kleinen, grauen Punkt aus Heiko Herrlichs Gehirn wegbrannte, sitzt auf der kleinen Bank mit dem roten Plastikbezug und hat den rechten Fuß auf den bunten Plastiktrecker gelegt.
"Wir sehen den Tumor jetzt nicht", sagt er. Jetzt. Germinome, sagt er, haben eine Heilungschance von 80 bis 85 Prozent. "Tumoren haben eine so ausgeprägte Individualität, dass wir sie mit unserer heutigen Diagnostik noch nicht ganz kennen können." Keiner weiß, ob das Germinom, das in Heiko Herrlichs Gehirn war, Tochterzellen gebildet hat. Ganz sicher, sagt Michael Wannenmacher, weiß man das erst in zehn Jahren.
Das Spiel ist aus. Heiko Herrlich steht von seinem grünen Schalensitz auf, West-Tribüne, Block 26, Reihe 28, Platz 44, er geht um die Ecke, zeigt der Frau an der Glastür sein Plastikband am Handgelenk, er geht ins Restaurant und bestellt eine Apfelschorle.
Was glaubt er? Glaubt er, dass er gesund ist?
Er stellt das Glas ab und sagt: "Hm, ich weiß es nicht."
Die Ärzte haben ihm gesagt, er müsse mit nichts mehr rechnen. Er war dreimal bei der Kontrolluntersuchung, es war alles in Ordnung, "und seitdem habe ich das Gefühl: Ja, ich bin gesund".
Aber die Kontrolluntersuchungen gehen weiter. Er muss zurzeit alle drei Monate da hin, später alle sechs Monate. "Wenn wirklich nichts mehr ist, warum macht man das dann? Warum muss man dann weiter untersuchen?" Irgendwann ist die nächste Kontrolluntersuchung. "Da kommt die Angst, da hast du Schiss, da hast du unendlich Schiss", sagt er.
Dann geht er zum Aufzug, der ihn in die Tiefgarage bringt, er steigt in seinen Kombi und fährt nach Hause. Zu Hause liegt ein Brief, von "Lloyd''s of London". Es ist seine Invaliditätsversicherung, er hat sie gerade abgeschlossen, sie läuft bis Mitte nächsten Jahres.
Er macht den Brief auf und liest die Vertragsdaten. Wenn er Invalide wird, steht da, wenn ihn jemand so schwer verletzt, dass er nicht mehr Fußball spielen kann, zahlt die Versicherung ein paar hunderttausend Mark.
So weit kannte er die Vertragsdaten schon.
Dann liest er weiter. Am Ende des Briefes f indet er noch etwas unter der Rubrik "Besondere Bestimmungen": "Ausgeschlossen gelten alle direkten oder indirekten Ansprüche auf Grund von Krebs und/oder bösartigen Tumoren."
Das kannte er noch nicht.
Heiko Herrlich steckt den Brief zurück ins Kuvert und weiß nicht, ob er sich jetzt wieder Sorgen machen soll.
* In seinem letzten Bundesligaspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern am 28. Oktober 2000. * Auf einer Pressekonferenz im März.
Von Matthias Geyer

DER SPIEGEL 38/2001
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