15.09.2001

Werk des Teufels

Im Islam sind Zinszahlungen verboten.
Er ist Multimillionär und Spross einer Baudynastie. Doch sein ökonomisches Weltbild raubt herkömmlichen Superreichen den Schlaf.
Topterrorist Osama Bin Laden, der mit dem jüngsten Anschlag auf das World Trade Center in Verbindung gebracht wird, gehört zur Gruppe der radikalen Islamisten. Sie alle hassen die USA und damit das kapitalistische Laisser-faire.
Amerikanisierung und Globalisierung sind für Bin Laden & Co. Synonyme. Coca-Cola, McDonald's und Internet gelten in ihren Reihen als Werk des Teufels, als kulturzersetzende Kräfte. Die Globalisierung sei ein Frontalangriff auf die drei Säulen des arabischen Wesens: den Staat, die Nation und das Vaterland, meint selbst Mohammed Abd al-Dschabiri, Galionsfigur der Intellektuellen in den Golfstaaten.
Die heftige Ablehnung erstaunt nicht. Denn bereits gemäßigte Muslime haben ganz besondere Vorstellungen, nach welchen Spielregeln eine Ökonomie zu funktionieren hat. Zumindest in der Theorie stehen die Gesetze des Islam dem eiskalten Wall-Street-Darwinismus oft diametral entgegen.
Muslime betrachten den Schöpfer als alleinigen Eigentümer, der den Menschen die Verwaltung ihres irdischen Besitzes nur auf Zeit überlässt. Der Wohlstand basiert auf Gerechtigkeit und Gleichheit, Ausbeutung ist verpönt. Auch übertriebenen Luxus empfinden strenggläubige Muslime als Sünde, weil er auf Kosten moralischer Werte zu Stande kommt.
Geld dient nur als Mittel des Handels und nicht als Ware für Spekulanten. Ein zentraler Punkt der islamischen Wirtschaftsordnung ist daher ein generelles Zinsverbot. Während der Gewinn aus Handel laut Koran zugelassen ist, sind feste Kapitalzinsen nicht erlaubt.
Das Verbot, das sich auch im Alten Testament der Christen findet, entstand auf Grund verheerender Zustände in der präislamischen Gesellschaft. Damals mussten die Armen "den Reichen für das benötigte Geld exorbitante Zinsen zahlen", schreibt der Genfer Jurist Ikbal al-Fallouji in der "Neuen Zürcher Zeitung". Wer seine Verpflichtung nicht erfüllen konnte, endete als Sklave.
Um trotz Zinssperre religionskonforme Profite kassieren zu können, haben findige Finanziers im Lauf der Zeit eine Reihe von neuen Finanzinstrumenten entwickelt.
So machen islamische Banken mit ihren Kunden Anlageverträge, die dem Modell des so genannten Mudaraba entsprechen. Kapitalgeber und -nehmer werden zu einer Interessengemeinschaft, die nach einem vorbestimmten Schlüssel sowohl den Gewinn wie auch den Verlust des Geschäfts teilt.
Das gemeinsame Tragen von Risiken zeigt sich auch in der Versicherungsbranche. Herkömmliche Policen gibt es nicht. Stattdessen werden Versicherte mit ihren Kapitaleinlagen zu Risikoclubs zusammengeschlossen. Jeder Versicherte wird gleichzeitig zum Versicherer.
Weltoffene Muslime begnügen sich jedoch längst nicht mehr mit den Finanzprodukten aus heimischer Herstellung. Anfang der neunziger Jahre noch unvorstellbar, sind heute Investitionen in westliche Aktien an der Tagesordnung.
Clevere Bankiers verkaufen den gläubigen Anlegern maßgeschneiderte Fonds. Firmen, die mit Alkohol, Glücksspiel, Schweinefleisch oder Zinsgeschäften ihr Geld verdienen, sind tabu. Uramerikanische Werte wie ExxonMobil oder Microsoft werden hingegen gern genommen.
Allerdings schützt auch eine arabische Anlagestrategie nicht vor herben Verlusten. So fiel der Dow Jones Islamic Market Index in den letzten zwölf Monaten um über 35 Prozent.

DER SPIEGEL 38/2001
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