15.09.2001

AKTUALITÄT

Die Echtzeit-Katastrophe

Von Hammerstein, Konstantin von und Hornig, Frank

Fassungslos mussten Millionen Fernsehzuschauer mit ansehen, dass die Attentäter mit ihrer Dramaturgie des Horrors jede Fiktion mühelos übertroffen haben.

Achtzehn Minuten sind völlig ausreichend. In dieser Zeit schafft es auch ein nur durchschnittlich begabter TV-Manager, das Nötige anzuordnen: Kameraleute auf Hochhäuser zu schicken, Satelliten-Verbindungen bereitzustellen, Sondersendungen ins Programm zu hieven.

18 Minuten sind in einer gut ausgestatteten Medienmetropole wie New York allemal ausreichend, um als Fernsehmanager für eine grausame Inszenierung bereitzustehen. Selbst wenn gar nicht bekannt ist, dass der erste Akt noch lange nicht der letzte dieser menschenverachtenden Tragödie gewesen sein wird.

Genau 18 Minuten gaben die Terroristen den Sendern nach dem ersten Angriff Zeit, dann raste der zweite entführte Passagier-Jet in den Südturm des World Trade Center und verschwand in einem gewaltigen Feuerball.

Mit perfektem Timing hatten die Attentäter so dafür gesorgt, dass der spektakulärste Akt ihrer Horror-Aufführung live in die ganze Welt übertragen wurde.

"Sie haben es inszeniert wie eine TV-Show", sagt die amerikanische Medienprofessorin Joan Deppa: "Es sollte vor unser aller Augen stattfinden."

Einen besseren Ort hätten sich die Terroristen nicht aussuchen können: Nirgendwo gibt es so gute Kommunikationseinrichtungen und so schnelle Übertragungswege wie in Manhattan, und in keiner Stadt arbeiten so viele Journalisten wie in New York, dem Sitz der größten Medienkonzerne der Welt.

Und so wurde die Arbeit der TV-Sender selbst nach den verheerenden Anschlägen nur vorübergehend behindert: New Yorker Lokalsender, die ihre Programme über Antennen auf dem zerstörten World Trade Center ausgestrahlt hatten, waren nur noch im Kabel zu empfangen. 75 000 Fernverbindungen kamen nicht zu Stande, da eine der Telefonleitungen unter dem Gebäude gestört war. Über die Telekommunikationseinrichtungen in den zerstörten Zwillingstürmen wurden an normalen Tagen Millionen Anrufe übertragen.

Alles Unannehmlichkeiten, die aber kaum einen Sender davon abhielten, pausenlos aus New York zu berichten. Nie ist über eine große internationale Krise so gut berichtet worden wie über diese - im Fernsehen und im Internet, wo Anbieter wie SPIEGEL ONLINE ihre Serverkapazitäten ausbauen mussten, um die ungeheure Nachfrage befriedigen zu können.

Die Terrorkommandos hatten erreicht, was sie wollten: In Echtzeit war die Welt dabei, als die letzte Supermacht der Erde über Stunden hinweg immer neu gedemütigt wurde.

"Das Furchtbare daran: Das war genau die Absicht der Terroristen", sagt RTL-Chefredakteur Hans Mahr und spricht von einem "Anschlag im Herz der globalen Mediengesellschaft".

So viel Nachdenklichkeit muss sein.

Doch dann schwärmt auch ein Mahr davon, wie sein Sender bereits am Dienstagnachmittag um 15.09 Uhr ins Nachrichtenstudio umgeschaltet habe, um aus New York zu berichten: "Dadurch hatten wir einen großen Vorsprung, weil wir umgehend Übertragungszeiten buchen konnten."

Während RTL-Korrespondent Christoph Lang live vom Dach des New Yorker CBS-Gebäudes in die Sendung gestellt wurde, bevölkerten bei der ARD noch Elefanten ("Abenteuer Wildnis") den Bildschirm.

Nur N-tv war schneller und zeigte schon ab 14.56 Uhr die ersten Bilder. Für den Nachrichtenkanal aus Berlin kann es kaum etwas Besseres geben als eine Katastrophe: An diesem Tag versechsfachte sich der Marktanteil des Kleinsenders.

"So viel gab's bisher noch nicht einmal beim Tod von Diana", sagt N-tv-Chef Helmut Brandstätter, der vom Attentat telefonisch auf der Frankfurter Automobilausstellung erfuhr. Der katastrophengestählte Nachrichtenmann ("In Eschede waren wir auch schon gut") flog umgehend nach Berlin in die Zentrale, wo die Redaktion schon längst die Bilder des großen amerikanischen Partners CNN übertrug: "Wir haben gelernt, angstfrei unbekannte Bilder zu übernehmen. Das ist nur ein Knopfdruck."

Der Nachrichtensender aus Atlanta galt bisher bei großen internationalen Krisen als unschlagbar. Während im Golfkrieg CNN-Korrespondent Peter Arnett als letzter ausländischer Reporter live aus Bagdad berichtete, bemühte sich die ARD vergebens um eine simple TV-Verbindung nach Kairo ("Hallo, hören Sie mich?"). "Die Kriegsspiele der Deutschen glichen im weiteren Verlauf weitgehend dem Versuch, Butternudeln in eine Betonwand zu rammen", schrieb damals der SPIEGEL.

Seitdem war es immer wieder CNN, das bei internationalen Ereignissen den anderen großen TV-Stationen die Show stahl. So waren die Amerikaner während des Sturms auf das Belgrader Parlament im Oktober 2000 lange Zeit als Einzige in der Lage, eigene Bilder zu zeigen. Die Deutschen stümperten oft genug hilflos vor sich hin. "Im Grunde lernen Sie in jeder Krise etwas, was Sie in der nächsten Krise nicht gebrauchen können", sagt Hartmann von der Tann, der Politikkoordinator der ARD.

Doch ausgerechnet in den USA haben die deutschen Sender jetzt gezeigt, dass sie mit der übermächtigen Konkurrenz aus Atlanta mithalten können. So berichtete CNN fast pausenlos vom Ort des Geschehens, selbst wenn über Stunden hinweg nur wenig Neues passierte. Die deutschen Sender dagegen schalteten sich unentwegt durch die Hauptstädte der Welt, um Reaktionen abzufragen, interviewten Experten und bemühten sich immer wieder, so viel Hintergrund wie möglich zu den schwer erklärlichen Ereignissen zu liefern.

Anders als in Belgrad oder Bagdad waren Bilder dieses Mal keine Mangelware. Zwei Einstellungen jedoch waren am Dienstag zunächst nicht zu bekommen. Ausgerechnet die wichtigsten. Das Video vom Aufprall des ersten Flugzeugs auf die New Yorker Zwillingstürme kam erst am Mittwoch auf den Markt. Die ersten Bilder des zweiten Aufpralls hingegen gehörten exklusiv CNN. Einige öffentlich-rechtliche Sender ließen sich davon nicht abhalten - jetzt prüfen die Amerikaner rechtliche Schritte.

"Wir haben einfach gute Leute", lobt von der Tann, der es angesichts guter Quoten inzwischen verschmerzt hat, dass der New Yorker ARD-Korrespondent zum Zeitpunkt des Anschlags in Kanada drehte. Umständehalber musste ARD-Hörfunkkorrespondent Thomas Nehls einspringen.

Auch die Verstärkung, die das ZDF nach Amerika schicken wollte, hing auf der Hälfte der Strecke fest - in Island. Schon jetzt bereitet sich der Mainzer Sender, der am ersten Tag der Krise beim Quotenrennen hinter dem Ersten und RTL weit abgeschlagen auf Platz drei landete, auf eine mögliche Eskalation des Konflikts vor.

ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender hat zusätzliche Reporter nach Kairo und Amman geschickt. Ein ZDF-Mann soll versuchen, nach Bagdad zu kommen, auch für Israel ist Verstärkung auf dem Weg.

Aus dem Island-Debakel hat Brender gelernt - das Team reist von Zypern aus mit dem Schiff an.

KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN,

FRANK HORNIG


DER SPIEGEL 38/2001
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