15.09.2001

Notfalls erschießen

Wie Mitglieder der Roten Armee Fraktion im Südjemen für Terroranschläge und Flugzeugentführungen trainiert wurden. Von Peter-Jürgen Boock
Boock, 50, gehörte ab Mitte der siebziger Jahre zur Roten Armee Fraktion (RAF). 1979 löste er sich aus der Terroristenszene, wurde zwei Jahre später verhaftet und 1986 wegen seiner Mitwirkung an der Ermordung von Jürgen Ponto und Hanns-Martin Schleyer zu lebenslanger Haft verurteilt. Der gelernte Werkzeugmacher wurde 1998 entlassen und lebt seither als Schriftsteller und Drehbuchautor in Süddeutschland. -------------------------------------------------------------------
Anfang 1975 wurden zwölf Angehörige verschiedener Gruppen, darunter fünf Mitglieder der RAF, im Südjemen von palästinensischen und jemenitischen Trainern einem zweiteiligen Militärtraining unterzogen. Der erste Schwerpunkt, an dem die gesamte Gruppe teilnahm, war allgemeiner Natur: Ausbildung an Kleinfeuerwaffen von der Pistole bis zum leichten Maschinengewehr, an Raketen- und Granatwerfern. Die RAF nannte diesen Teil intern "Häuserkampftraining".
Nach dieser Grundausbildung wurde für einige RAF-Mitglieder, darunter auch für mich, eine zweite Schulung organisiert, die von den Verantwortlichen als "special training" bezeichnet wurde. Es ging um Geiselnahmen und Hijacking.
Zunächst wurden Methoden vermittelt, Waffen durch alle möglichen Kontrollen zu schmuggeln. Anhand von bewährten Beispielen demonstrierten die Ausbilder, wie Waffen in ihre Bestandteile zerlegt und durch Einbau in Gegenstände des täglichen Bedarfs - Föhn, Radio, Kamera - für Durchleuchtungsgeräte unsichtbar gemacht werden. Auch die Verpackung von Waffen und Waffenteilen in Bleifolie oder das Reduzieren auf das unumgängliche Minimum wurden uns gezeigt - im Zweifelsfall wird an Metallbestandteilen nicht mehr benötigt als Lauf, Verschluss und Munition. Die Trainer, das war mir bald klar, mussten ihr Wissen in einer sowjetischen Schule für Spezialeinsatzgruppen erworben haben.
Danach stand eine psychologische Schulung auf dem Programm. Es ging im Wesentlichen darum, wie man im Falle eines Kidnappings einerseits die Geiseln durch einen ständig wechselnden Mix aus Einschüchterung, Terror und selektiver Freundlichkeit in Angst und Abhängigkeit hält, andererseits aber das so genannte Stockholm-Syndrom vermeidet. Dieser Effekt bezeichnet die ungewollte Fraternisierung von Tätern und Opfern.
Uns wurde eingeschärft, wie wichtig es ist, die Gefangenen - egal, ob Flugzeugpassagiere oder Minister in ihrem Sitzungssaal - immer in einer Schwebe zwischen Schrecken und Hoffnung zu halten. In Rollenspielen wurden zigfach Situationen geprobt, die bei einer Geiselnahme auftreten können.
Wir wurden jeweils in zwei Gruppen aufgeteilt und mussten uns eine Strategie zurechtlegen: die Geiselgruppe für ihre Befreiung, die Kidnapper für unterschiedliche Aktionsziele, zum Beispiel
den Austausch der Geiseln gegen Gefangene aus den eigenen Reihen. Die Szenarien sollten für jede Partei ein möglichst realistisches Maß an Überraschungen und Unsicherheit bieten.
Der nächste Trainingsabschnitt drehte sich um die rein physische Bewältigung einer solchen Situation: Nur wer die eigenen Kräfte realistisch einschätzen könne, sei ein verlässlicher Kämpfer.
Schließlich ging es um die technische Seite einer Flugzeugentführung. Anhand von Schautafeln sowjetischen Ursprungs wurden verschiedene Flugzeugtypen und ihre Eigenarten und Unterschiede erläutert, von Reichweite und Kerosinverbrauch über die innere Aufteilung bis zur Instrumentenanordnung im Cockpit. Es kam den Ausbildern weniger darauf an, Statistiken, Grundrisse oder technische Details zu vermitteln. Vielmehr sollten wir lernen, im Ernstfall solche Dinge selbst zu ermitteln.
Wir lernten, dass es in jeder Maschine ein Manual gibt, ein Handbuch, dem die Basisdaten entnommen werden können. Dann wurden die wichtigsten Instrumente erklärt, vom Höhen- und Geschwindigkeitsmesser über die Treibstoffanzeige bis zu den Navigationsinstrumenten. Das Wichtigste sei, so wurde betont, sich von den Piloten nicht austricksen zu lassen.
Flugzeugentführer, hieß es, dürfen sich nicht vorschnell als fachkundig zu erkennen geben, andererseits sollten sie sofort kompromisslos intervenieren, wenn sie den Versuch einer Irreführung erkennen - und zur Not den Co-Piloten erschießen, um den Kapitän willfährig zu machen.
Anhand einer Videowand und eines miniaturisierten Cockpits wurden wichtige Flugsituationen simuliert und durchgespielt - Start, Landung, Kurswechsel und so weiter. Das dabei verwendete Gerät stammte ebenfalls aus der UdSSR und wurde von einem jemenitischen Luftwaffenangehörigen bedient. Zum Abschluss wurde unsere Gruppe nachts zum Flughafen Aden gefahren, wo wir an Bord und im Cockpit einer echten Boeing 707 alle Theorie noch einmal durchspielen konnten.
Die Terroranschläge von New York und Washington sind offenkundig weit komplexer als das, was uns damals beigebracht wurde. Ich glaube, nur ein Staat, eine relevante militärische Macht kann die Ausbildung ermöglicht und logistische Hilfe gewährt haben. Im Südjemen 1975 ging es nie darum, ein entführtes Flugzeug in eine Selbstmordmission zu fliegen, echte Flugkünste wurden weder vermittelt noch erwartet. Dennoch dauerte schon unser damaliges Training mit all seinen Abschnitten letztlich fast ein halbes Jahr. Entsprechend länger müssen sich die Kamikaze-Piloten auf den 11. September vorbereitet haben.
Gruppen wie die Palästinensische Befreiungsfront mit nichts als der maroden palästinensischen Selbstverwaltung im Rücken, aber auch ein Fanatiker wie Bin Laden, der nur auf ein am Boden zerstörtes Afghanistan blicken kann, scheiden für mich als alleinige Organisatoren aus.
* Am 29. August 1969 in Damaskus nach der Entführung durch ein arabisches Kommando.
Von Peter-Jürgen Boock

DER SPIEGEL 38/2001
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