15.09.2001

Stimmung gegen den Cowboy

Der Angriff auf das Herz der USA löst nicht nur Trauer und Entsetzen aus. In Lateinamerika ist auch klammheimliche Freude zu spüren.
Eigentlich waren sie zu einem Abendessen zusammengekommen. Dann saßen die acht brasilianischen Freunde so wie alle Welt vor dem Fernseher und verfolgten die Katastrophenbilder aus New York.
Zwei Ärzte, ein Unternehmer, ein Professor, eine Journalistin waren darunter, gebildete, freundliche, welterfahrene Leute aus Rio de Janeiro. Zwei von ihnen mit Kindern, die in Boston studieren. Wie alle voller Anteilnahme für die Opfer. Doch die schloss die USA ausdrücklich aus.
Vielleicht lag es an den Bildern, die an einen Trailer von "Independence Day" erinnerten und mehr die Augen als den Kopf beschäftigten, dass alles unwirklich erschien: Außerirdische greifen die Erde an. Der Flammenriss im Turm, die Staubwolke, die durch die Häuserschluchten Manhattans rast und Menschen vor sich hertreibt. Dann die Politiker in ihren patriotischen Anzügen. Spätestens mit der Durchhalterede des Präsidenten hatten die brasilianischen Freunde den Film, der da lief, umgetauft. Nun hieß er, ziemlich geringschätzig: "Das Strafgericht".
Die Amerikaner, die sie kenne, sagt die Ärztin, seien hilfsbereit und nett - und ignorant dem Ausland gegenüber: "Sie gehen einfach davon aus, dass alle Welt sie liebt." Und ihr Mann ergänzt: "Jetzt sind sie erstaunt, dass es nicht so ist."
"Ihre Politik ist das Problem", meint die Journalistin, während Ex-Außenminister Lawrence Eagleburger verlangt, Afghanistan zu bombardieren: "Bush ist ein Analphabet, und das macht ihn gefährlich." Zustimmendes Gemurmel. Das alles ist gegen TV-Bilder gerichtet, die weltweit Anteilnahme auslösen, doch sie stemmen sich gegen deren solidarisierenden Sog.
"Sie dachten, sie sind unverwundbar", sagt der Unternehmer nicht ohne Häme, "und dann kommen ein Dutzend Leute ins Land, die alles in die Luft sprengen." Worauf sich die Gruppe, nicht ohne kopfschüttelnde Bewunderung, über die perfekte Logistik der Attentäter ergeht.
Niemand unter den Freunden ist Muslim. Der Islam ist ihnen völlig egal. Sie gehen in Hollywood-Filme, mögen Frank Sinatra, kaufen "Häagen Dasz"-Eis. Doch es ist fast so, als hätten die irren Fanatiker auf die brutalste Weise artikuliert, was an dunklen Widerständen selbst im kultiviertesten Lateinamerikaner lebt.
"Es ist ein Anschlag auf die Freiheit", sagt US-Präsident George W. Bush. "Quatsch", sagt die Ärztin. "Es ist ein Anschlag auf die USA." Und als Kissinger spricht, der Mann, der Diktaturen in Lateinamerika mit zu verantworten hatte, ist in dieser kultivierten Runde nichts als Widerwille.
Noch am Tag zuvor wurde Kissinger als Beteiligter am Mord eines putschunwilligen chilenischen Generals angeklagt. Viele sähen ihn gern vor Gericht. Jetzt ist er Weltstratege, der davon spricht, dieses Übel "auszurotten", nicht mit einem einzelnen Vergeltungsschlag, sondern mit einem "systematischen Angriff". Die Ärztin sagt: "Das bedeutet Krieg."
Je mehr sich die auf dem Bildschirm zusammenschließen, desto einiger sind sich die acht davor - in ihrem Antiamerikanismus. Und in ihrer Angst: "Man kann nur beten, dass Bush keine allzu großen Fehler begeht."
Die brasilianischen Tageszeitungen am nächsten Morgen setzen den Protest unverblümt fort. "Diese Attacke", schreibt eine Kommentatorin im "Jornal do Brasil", "ist nicht überraschend." Dann folgt die politische Mängelliste: Washington habe unverfroren das Klima-Abkommen von Kyoto gekündigt, ignoriere den Rassismus im eigenen Land und interveniere in den Kulturen anderer Länder.
Noch herzloser eine andere Kommentatorin: "Pfeffer in fremden Augen tut nicht weh, er brennt immer nur in den eigenen." Den USA hätten die Opfer von Hiroschima und Nagasaki nicht Leid getan. Auch die Zivilisten in Vietnam nicht. Oder die Opfer der Diktaturen in Lateinamerika, die sie unterstützten. Selbst unverhohlene Schadenfreude gibt es: "Dieser Cowboy zieht nicht so schnell, wie er dachte", schreibt der "Globo": "Er ist verwundbar."
Es ist nicht nur der durchaus "amerikanisierte" Koloss Brasilien, in dem so gedacht wird. In vielen Blättern Lateinamerikas wird am Tag danach die Solidarität eher aufgekündigt als bestätigt. Man steigt aus der gemeinsamen Trauerarbeit aus.
Die neue Politik der USA in den letzten Monaten erinnert viele an die uralte. Dass Bush jüngst Schlüsselposten für seine Lateinamerika-Politik ausgerechnet mit alten Haudegen aus der Reagan-Contra-Ära besetzt hat, ist sensibel vermerkt worden. Und hat alte Ängste wach gerufen.
Auch das hat der Katastrophentag bloßgelegt: Es sind nicht nur fanatische Palästinenserfrauen, die trillernd durch die Straßen ziehen, während ihre Söhne Freudensalven in die Luft ballern. Es sind auch nicht nur Diskussionsforen auf chinesischen Websites, die Verständnis für die Täter aufbringen: "Millionen Menschen in der Dritten Welt müssen unter der amerikanischen Hegemonie sterben."
Nein, die Ressentiments gegen die USA nehmen ausgerechnet deren schwärzesten Tag zum Anlass, lang Verschwiegenes zu formulieren - und damit den offiziellen Schulterschluss der Staatschefs mit dem Weißen Haus zu konterkarieren.
Und auch das wird deutlich: Die Angst vor einem verwundeten Cowboy, der bei seiner Vergeltung danebenschießen könnte. "Eines ist sicher", sagt an diesem Abend einer der acht Freunde, "das 21. Jahrhundert hat begonnen, und das wird nicht schön aussehen für unsere Kinder." MATTHIAS MATUSSEK
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 38/2001
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