Von Herbermann, Jan Dirk
Der Ausschnitt ist tief, der Bauch ist frei, und das dünne Kleidchen flattert im alpinen Wind. Barna Phani ist fein herausgeputzt. Ihre samtene Haut glänzt. Fast alles an der 18-Jährigen ist perfekt. Sogar die falschen Wimpern, der falsche Schmuck, das falsche Lächeln.
All das stört den schnauzbärtigen Helden mit der ausladenden Elvis-Tolle allerdings nicht, er geht ran: Kommen seine Lippen zu dicht an den Schmollmund der Angebeteten, verweigert die sich züchtig.
Die orientalische Schönheit fröstelt es - vor allem wegen der Temperatur von vier Grad über dem Gefrierpunkt. Schnitt. Bibbernd stöckelt die Schauspielerin durch den Schnee davon.
Zum Auftauen hält der Aufnahmeleiter Wolldecken bereit. Dann wieder ein neuer Take für das indische Tränen-Epos "Love Marriage". In 3000 Meter Höhe, auf dem Gletscher Les Diablerets, unweit von Gstaad im Berner Oberland, nimmt die schmucke Barna Phani wieder einen kleinen Schritt auf dem Weg zum Ruhm. "Sie hat das Zeug dazu, eine umschwärmte 'Bollywood'-Diva zu werden", lobt Regisseur Krisunan Subaash seine Entdeckung.
Bollywood, ein Kunstwort aus den Städtenamen Bombay und Hollywood, dient als Synonym für die indische Kinoindustrie, in der rund 2,3 Millionen Menschen für ein Milliardenpublikum jährlich 800 Filme produzieren - im Akkord und meist im dramaturgischen Ausnahmezustand.
Wie Subaash und seine Crew brechen indische Teams inzwischen in Scharen in die Schweiz auf. Bei den Eidgenossen drehen die Profis der weltweit größten Filmindustrie Außenaufnahmen, die sich immer nur um das eine drehen: Liebe. Dabei gönnen die Produzenten ihrem Publikum allenfalls einen Hauch Erotik. Küssen ist verpönt. Sex? Niemals.
Dafür aber quellen die Leinwand-Epen über von flirrenden Kostümen, kitschigen Sonnenuntergängen und exotischem Tanz. Als Vorzugskulisse dienen die märchenhaften Berge, die wie geschaffen scheinen für das bunte Treiben der Schönheiten und Schurken. Für die indische Kinogemeinde ist die Schweiz längst zur virtuellen Heimat geworden.
"Unsere Berge in Kaschmir sind zwar noch schöner als die Alpen", sagt Regisseur Subaash. "Aber wegen der unsicheren Lage in der Grenzregion zu Pakistan können wir dort kaum arbeiten."
Im Übrigen zwingt die Schweiz zur Disziplin. Während auf einem Set in Indien die Kameraleute, Maskenbildner und Toningenieure mit Großfamilie und Freunden anrücken und den Drehort in ein Tollhaus verwandeln, bleibt im fernen Helvetien kaum Zeit für Ablenkungen. "So unglaublich es ist, in der Schweiz, einem der teuersten Länder der Welt, sparen wir auch noch Geld", resümiert der Filmemacher.
Für seine Truppe - 38 Männer und 2 Frauen - sind bei zwei Wochen Dreharbeiten in der Schweiz gerade mal 53 000 Franken veranschlagt. Im Durchschnitt kostet ein Bollywood-Werk eine bis zwei Millionen Dollar - so viel wie in Hollywood bereits die Stars aus der zweiten Reihe als Gage kassieren.
Ihren Erfolg verdanken die indischen Filmbosse aber auch dem Schulterschluss mit den Größen der Unterwelt. Lange Zeit pumpten indische Verbrechersyndikate schwarzes Geld in die Glitzerbranche. Das Resultat: Die rauen Sitten der Gangster hielten in den Studios Einzug. Mord, Einschüchterungen und Verhaftungen behinderten die Produktionen.
Jetzt hat die Regierung in Delhi das Filmgeschäft offiziell als Industrie anerkannt und damit den Weg für reguläre Bankkredite freigemacht. Regisseur Subaash: "Das macht uns Hoffnung auf gute Konditionen und mehr Geld."
Genau das wünscht sich auch Jakob Tritten, der Chef der Tritten Film Production aus Zweisimmen. Fast alle Bollywood-Manager haben die Telefonnummer des Filmlogistikers aus dem Simmental in ihren Notizbüchern. Von der Ankunft auf dem Flughafen Zürich bis zum Abflug bietet der einstige Chauffeur ein Rundumpaket an.
"Jedes Jahr betreue ich rund zehn Teams", sagt einer der Tritten-Mitarbeiter, der Busfahrer Jean-Pierre Francioli. "Die schleuse ich quer durchs Land, von Genf durch die Alpen bis ins Tessin."
Dabei sind die Tritten-Leute streng angehalten, markante Plätze wie den Berner Zeitglockenturm nicht zu oft als Kulisse für die Filmszenen zu nutzen. Sonst verlieren die Motive schnell ihren Reiz. In seinem Bus ("10 Jahre alt, 40 Sitzplätze und ein Scheißhaus") und auf dem Set ist Jean-Pierre das Mädchen für alles: Mal muss er mit dem harten Tonfall des Berglers dolmetschen ("Se Schnohschuhs arrr in se Schopp"), mal muss er in der biederen Beamtenstadt Bern zehn Bauchtänzerinnen auftreiben. "Die Inder", so bilanziert der Busfahrer und Aufnahmeleiter nach zwei Wochen Tour de Suisse, "sind einfach Chaoten."
Die Schweizer betrachten die exotischen Drehs mit einer Mischung aus Kopfschütteln und Belustigung. Nur den japanischen Touristen, die in der Schweiz einen Stopp einlegen, gelten die Bollywood-Akteure noch als skurrile Attraktion: Für einen Schnappschuss mit dem Filmsternchen Barna Phani stehen die Gäste aus dem fernen Tokio oder Osaka sogar zehn Minuten Schlange. JAN DIRK HERBERMANN
DER SPIEGEL 38/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.