DER SPIEGEL



ROBOTER

Bruder Maschinenmensch

Von Dworschak, Manfred

Seit Jahrhunderten träumt die Menschheit von lebenden Automaten und künstlichen Doppelgängern. Inzwischen wimmelt es in den Labors von humanoiden Kreaturen. Auch durch Spielbergs Kinofilm "A. I." geistert nun die bange Frage: Wo fängt der Mensch an, wo hört die Maschine auf?

"Holzaugen, warum starrt ihr mich so an?"

Carlo Collodi, Pinocchio

Der kleine David liebt seine Eltern, aber ihr Sohn ist er nicht. Er ist auch nicht der Sohn anderer Eltern. Seine Vorfahren waren Gabelstapler, Taschenrechner und Rasenmäher.

David ist eine Maschine, ein Roboter, ein Behelfskind, und er weiß es nicht. Der Junge glaubt, er sei ein Mensch. Nur manchmal, wenn die Mutter ihn so ratlos anblickt, nagt ein Zweifel in ihm. Dann fragt er seinen Teddy, aber der ist auch nur ein Roboter.

Da werden dem Publikum schon die Tränen rinnen: eine Maschine als Inbild der größtmöglichen Verlassenheit. Der kleine Automatenmensch, programmiert auf Elternliebe, ist seiner Mitwelt fremd wie eine Puppe, die sprechen kann.

Das ist "A. I. - Artificial Intelligence", der neue Film des Regisseurs Steven Spielberg, der vergangene Woche in Deutschland angelaufen ist. Er erzählt die Geschichte des Roboters David in einer Zukunftswelt. Den Eltern dient der Junge nur als Ersatzgerät für den Gefühlshaushalt, weil ihr leiblicher Sohn im Koma liegt.

Eigentlich hat der Regisseur Stanley Kubrick diesen Film drehen wollen. Bis vor seinem Tod im März 1999 wälzte Kubrick den Plan vor sich her; dann vermachte er alles Material seinem Kollegen Spielberg.

Schon einmal, 1968, hatte Kubrick mit einem Geniestreich eine ganze Epoche vorausdefiniert: Sein Film "2001" präsentierte das Monstrum HAL, einen körperlosen Supercomputer an Bord eines Raumschiffs. HAL spielte teuflisch gut Schach und verstand mit sanfter Stimme zu parlieren. Dann ging seine Schaltlogik mit ihm durch, und er brachte der Reihe nach die Astronauten um.

Seit "2001" war jeder Computer ein Vorläufer des unheimlichen HAL; die ganze Rechentechnik schien hinauszulaufen auf eine Geistmaschine von wahnwitziger Perfektion. Wird von nun an, nach "A. I.", jeder neue Roboter ein Vorbote des tapferen David sein, der sich verzehrt vor Kummer?

David ist der verstörendste Doppelgänger, den das Kino ausgebrütet hat. Was unterscheidet ihn noch von seinen Schöpfern? Es scheint, als plage den Homo sapiens der Verdacht, er sei selber nur noch eine Maschine - und nicht einmal eine sonderlich gute. Warum sonst klopft der Maschinenmensch immer vernehmlicher an die Tür?

In den Medien gilt als ausgemacht, dass spätestens 2050 - "und wahrscheinlich viel früher" ("Business Week") - die ersten Roboter uns an Intelligenz übertreffen werden. In den USA verkünden die Roboterforscher Hans Moravec und Ray Kurzweil mit Feuereifer die Herniederkunft der neuen Super-Spezies.

In den Labors der Roboterbauer wimmelt es bereits von niederen Scheinlebensformen. Metallene Spinnen staksen auf dürren Beinen dahin, kamerabewehrte Tonnen rollen über die Flure, und vielgliedrige Blechschlangen winden sich rasselnd durch Leitungsrohre. Der Artenreichtum des mechanischen Bestiariums kennt kaum noch Grenzen. Unter dem polaren Eis kreuzen Tauchroboter, und durch die Lüfte brummen kleine Hubschrauber-Hummeln, die schwankend ihren Weg suchen. Blind wie die Natur setzen die Forscher Kreaturen in die Welt, um zu sehen, was sich bewährt.

An der Spitze der zweiten, der künstlichen Evolution marschiert eine Blechbüchsenarmee von Maschinen in Menschengestalt.

Mehr als 200 Millionen Mark investierte allein der japanische Konzern Honda über 15 Jahre hinweg in die Entwicklung des Laufroboters "Asimo": eine Art Astronautenzwerg, der nun wie aufgezogen seines Weges tappt. Asimo erklimmt sogar tadellos eine Treppe, wenn auch vorläufig nur ferngesteuert.

Der Mensch ist offenbar "von dem Begehren angestachelt, Automaten zu bauen, die ihm immer ähnlicher werden", schreibt die Bochumer Philosophin Käte Meyer-Drawe*. Gemütlich ist das nicht. Im Kino trägt der Roboter David seine Menschenähnlichkeit wie einen Fluch, und seinen Schöpfern ist er eher unbehaglich. Er wirft ja auch beängstigende Fragen auf.

*

Im berühmten MIT-Roboterlabor bei Boston treibt ein Koboldkopf namens "Kismet" sein Wesen. Kismet ist geradezu eine Kultmaschine.

Die meisten Besucher sind auf der Stelle entzückt: Sie sehen ein Kindchengesicht mit Glubschaugen, das sich mitunter zu einem breiten Grinsen verzieht. Mit Vertrauten, so zeigt sich, plappert der Kleine fidel, wenn

auch unverständlich. Fremde beäugt er eher skeptisch, aber mit gespitzten Ohren. Und wenn ihn jemand erschreckt, dreht er sich ängstlich weg.

Das ist neu: ein geselliger Automat, der Stimmungen hat, aber weniger Grips als ein Säugling. Früher bekamen die Computer, die intelligent werden sollten, Fakt für Fakt ihr Weltwissen eingepflanzt: dass ein Glas Wasser aufrecht getragen wird und dass Menschen nicht mehr einkaufen, wenn sie tot sind. Das führte aber zu keinem Ende. In den Wissensspeichern regte sich so wenig Leben wie in einem Lexikon, das mit jeder Auflage dicker wird.

Kismets Kopf dagegen ist leer. Vorgegeben ist seinem Steuercomputer nur - wie einem Naturwesen - ein Verhaltensprogramm: Reize suchen, Aufmerksamkeit erregen, Menschen anlocken - Säuglinge machen es ähnlich. Nähert sich jemand, so kann Kismet diverse Grimassen erproben; im Erfolgsfall wendet die Person sich ihm zu. Noch besser ist, sie sagt freundlich klingende Dinge. Kismet nimmt Sprachmelodien wahr, unterscheidet Schimpfen von Aufmunterung. So erschleicht die Maschine sich wertvollen Input.

Alle behandeln den Koboldkopf wie ein Kind, und eben das ist der Trick. Nur so wird ein Roboter je zu Bewusstsein kommen, glaubt Kismets Schöpferin Cynthia Breazeal. Menschen müssen ihn an Kindes statt aufziehen. Im Umgang mit ihnen lernt der Kleine, was er fürs Leben braucht. Könnte sich in der Computersteuerung von Kismet eines Tages eine Art Bewusstsein regen? Wächst hier schon ein frühes Geschwister des armen David heran?

Die deutsche Theologin Anne Foerst, die den Kindchenroboter Kismet am MIT jahrelang als Bezugsperson betreut hat, erinnert sich an eine denkwürdige Presseveranstaltung: der Raum voller Leute, überall Stimmen. Kismet dreht den Kopf, rollt die Augen, wie berauscht vom Input, und beachtet seine Seelsorgerin nicht.

"Kismet", ruft da Foerst mit theatralischer Traurigkeit, "magst du mich denn nicht mehr?" Sofort dreht der Kopf sich ihr zu und brabbelt tröstlich auf sie ein. "Da ist man schon fassungslos", sagt Foerst.

So geht es auch den Besuchern. Erst sind sie entzückt; sie zappeln, sie gackern und gurren, um den Gnom bei Laune zu halten. Dann dämmert ihnen, was sie da tun. Sie erschrecken vor dem eigenen Eifer. In der höchsten Erregung des Brutpflegetriebs, sagt Foerst, finden sie sich wieder auf der selben Ebene mit einer dummen Puppe: "O Gott, der Unterschied zwischen mir und der Maschine ist aufgehoben!"

Ruft nicht Kismet ein Verhalten hervor, das automatenhaft ins Hirn eingelötet scheint? Sind nicht seine Opfer nur die ausführenden Organe ihres Hormonhaushalts?

Die Wissenschaft, obzwar sie das Gegenteil beteuert, spendet wenig Trost. Sie gesteht dem Menschen auf Nachfrage gern eine komplexe und unbegreifliche Seele zu, um sich sodann wieder der Erforschung des Körperapparats und des Denkapparats zu widmen.

Auch die Erfahrung des Alltags zeigt nur, wie unentwirrbar sich das Leben mit der Maschinerie verstrickt hat. Der Mensch der nahen Zukunft wird, so ist zu lesen, vor der Geburt genetisch optimiert, geht als Erwachsener nicht mehr ins Gebirge ohne GPS-Handy mit Satellitenortung und genießt seine letzten Jahre mit einem künstlichen Ersatzherzen.

Und zwischendurch ist er womöglich ein Programmierer gewesen.

Die Programmierer haben ein beispielhaft enges Verhältnis zur Maschine. Sie arbeiten halb in Symbiose mit ihren mächtigen Computern. Die Marburger Soziologin Christina Schachtner hat das Leben dieser Leute hart an der Grenze zum Unbelebten studiert - und die Wonnen, die ihnen die Arbeit spendet. "In jedem Programm erscheinen meine Gehirnstrukturen", sagte ihr ein 19-jähriger Software-Entwickler. "Das finde ich das Ergreifende."

Aber der Preis ist hoch. Der Computer fordert makellose Software, sonst sperrt er sich. Tagein, tagaus suchen die Programmierer deshalb nach den zahllosen Fehlern, die in den Programmen versteckt sind. Manchmal, erzählt Schachtner, beschleicht sie der Argwohn, sie seien selber schon ein Programm: "In der Arbeit, sagen die Programmierer, funktionieren sie wie Maschinen."

Umso heftiger streben sie in der Freizeit nach Ausgleich. Sie treiben Sport, oder sie raffen sich zu einem Tanzkurs auf. Schachtner ging mit. Wochen später wusste sie: Programmierer sind heikle Tanzpartner. Betriebsstörungen sind ihnen verhasst. "Wann immer uns ein Fehler unterlief", erzählt die Soziologin, "schoben sie es auf mich." Den Slowfox gingen sie an wie einen Algorithmus für rotierende Festkörper: "Manche schrieben dann zu Hause Computerprogramme, die jede Schrittfolge tadellos abwickelten."

Die konservative Kulturkritik ahnt das schon lange. Sie würde sagen: Der Computer hat aus den Menschen die Roboter gemacht, die er zu seiner Pflege braucht. "Natürlich ist der Mensch bereits Maschinenmensch, bevor ihn die Nanoboter übernehmen", knarzte neulich erst der Schriftsteller Botho Strauß.

Der Verdacht, dass die Maschinen gewonnen haben, gehört zum Repertoire des modernen Selbstzweifels. Ist nicht auch schon das Auto eine weit überlegene Lebensform? In nur hundert Jahren hat es sich eine rundum autofreundliche Welt geschaffen, in der es sich wohlfühlen kann. Und es verfügt über Millionen von Lohnsklaven in den Fabriken, mit deren Hilfe es sich fortpflanzt.

Wenn schon die Technik über alles zu triumphieren scheint, kann man sich auch gleich den Siegern anschließen. Eine weltweite Gemeinde von Technophilen bejubelt lautstark die Macht der Maschinen: Wer wäre nicht selber gern mal so glänzend, unempfindlich und siegreich? Die Maschinenjünger empfinden es schon als Kränkung, dass sie von den Taschenrechnern im Wurzelziehen deklassiert werden. Sie bespötteln den armseligen, schlampigen Menschenkörper mitsamt seinem Mittelklassehirn als "wetware". Und sie sehnen, wie der Roboterforscher Moravec, den Tag herbei, da sie ihren Geist in einen Computerspeicher evakuieren können.

So schwanken die Fraktionen zwischen Abscheu und Verschmelzungsgelüsten. Wirklich entspannt ist das Verhältnis zur Menschenmaschine nur, wo diese unentrinnbar versklavt ist, so wie es der Thriller "Die Frauen von Stepford" (1975) demonstriert: Der legendäre Film handelt von einer Stadt, deren Männer ihre Frauen durch allzeit sexwillige Hausweiblein aus der Fabrik ersetzt haben.

Die kalifornische Firma Abyss Creations kommt diesem Vorbild schon recht nahe. Sie baut Super-Sexpuppen, Marke Realdoll, aus fleischgetreuem Silikon. Den Luxuskörper stützt ein stählernes Skelett mit allen nötigen Gelenken.

Die Puppe hat Zähne, fülliges Haar und drei Körperöffnungen. Der Kunde stellt sich seine Traumgestalt aus einem reichen Sortiment von Köpfen, Rümpfen, Brustformen und Hautfarben zusammen. Für das Standardmodell bezahlt er rund 14 000 Mark frei Haus. 800 Stück hat die Firma bereits verkauft.

Diese Hausgenossinnen werfen keinerlei Fragen auf, und sie stellen keine Ansprüche. Als nächstes wollen die Puppenschöpfer Motoren in die Gelenke einbauen und etwas Elektronik in die Köpfe, damit die Puppen sich lebensecht bewegen können - schöne neue Welt.

*

Im Jahre 1738 tritt der französische Mechaniker Jacques de Vaucanson aus seiner Werkstatt und enthüllt eine Maschine, die augenscheinlich lebt. Das Publikum erblickt einen Flötenspieler, der Zunge und Lippen bewegt wie ein Mensch. Aus seinem Rachen faucht ein Atemwind hervor, und die Finger klappern über die Löcher der Querflöte. Zwölf Lieder kann der Automat blasen. Seine Fingerspitzen, so heißt es, sind der Griffsicherheit wegen mit echter Haut bezogen. Die Augenzeugen wissen nicht, wie ihnen geschieht: Was ist hier noch Puppe und was schon Mensch? Der Leib des schauerlichen Musikanten ist voll gestopft mit Blasebälgern und Schläuchen. Ein Uhrwerk treibt ihn an.

Für das 18. Jahrhundert ist die Uhr eine Wundermaschine, denn sie handelt aus eigenem Antrieb. In allem, was sich regt, von den kreisenden Gestirnen bis zum Grashüpfer, hören die Zeitgenossen das Ticken des Uhrwerks, das der "Große Uhrmacher" einstmals aufgezogen hat. Auch der Mensch, sagt der Arzt und Materialist La Mettrie, ist nur eine "Maschine, die selbst ihre Triebfedern aufzieht".

Wenn also der Flötist nicht lebt, was soll dann Leben sein?

Es kommt noch ärger. Vaucanson hat schon den nächsten Automaten fertig. Der sieht aus wie eine Ente. Er putzt sich nach Entenart, durchschnäbelt sorgsam das Gefieder und lässt mitunter ein lautes Quaken und Gnarren erschallen. Dargereichte Körner schluckt der Roboter gierig weg, dabei entenhaft mit dem Kopf ruckelnd. Nach einer Weile träufelt hinten eine Art Entenkot zu Boden.

Das Wunder des Ausscheidens vollbringt ein Apparat aus mehr als 1000 beweglichen Teilen, ein feinmechanisches Wunderwerk, in dem Zahnräder, Hebel, Spiralfedern und Ritzel wie ein Orchester zusammenspielen. Für die Eingeweide hat der geniale Mechaniker eigens den Gummischlauch erfunden. Was sollte diesen Teufelskerl noch aufhalten?

Vaucansons Erfolge lösen einen Automatenboom aus. Die besten Mechaniker sägen und feilen um die Wette. Manche tingeln mit ihren Kreaturen durch ganz Europa. Zu den größten Attraktionen zählt ein "Schreiber" mit Feder und Tintenfass, der ein Programm von 40 Groß- und Kleinbuchstaben beherrscht. Er bringt damit, fast wie ein Computer, jeden gewünschten Satz zu Papier. Zum Beispiel: "Wir sind die Androiden."

Fehlt nur noch, dass dem Schreiber selber mal ein Satz einfiele. Dann wäre er, nach einer bis heute verbreiteten Auffassung, ein Mensch. Der Philosoph René Descartes hat gelehrt: Der reine Geist ist es, der den Menschen einzigartig macht. Der Rest ist Mechanik - "diese ganze Gliedermaschine".

Descartes hat damit das rationale Ich erfunden, das körperlos einer maschinellen Welt gegenübersteht. Und er verbrachte sein ganzes Leben damit, diesem Geist, da er fehlbar ist, ein Regelwerk für das rechte Erkennen auszutüfteln. Descartes erfand das methodische Denken, dem die Wissenschaft seither folgt. Er verfeinerte es bis zur Präzision eines Uhrwerks.

Ohne es zu wollen, hinterließ der Großdenker damit eine Anleitung zur Selbstabschaffung des Menschen. Sie lautet: Baut eine "Gliedermaschine" und setzt ihr ein Uhrwerk ein, das Denkbewegungen vollzieht. Eben das ist es, was man heute unter einem Roboter versteht. Sein Computerhirn ist unschlagbar im Lösen formaler Probleme, wenn sie nur sauber genug präpariert sind.

"In dem Moment nämlich, wo das Denken selbst maschinenhaft wurde", schreibt die Philosophin Meyer-Drawe, "beginnt es, die Maschine außerhalb seiner selbst zu fürchten."

*

Das 18. Jahrhundert ist das Zeitalter der Androiden gewesen. Dann beginnt die Industrielle Revolution, und die Flötisten, Enten und Kunstschreiber danken ab. Die Mechanik ist den Leuten langweilig geworden, die Magie verflogen, das Leben noch immer nicht erwacht. Und die neue Zeit fordert ganz andere Automaten. Nicht mehr zierliche Buchstabenmaler, sondern Spinnmaschinen, Dampfhämmer und Webstühle.

Der Mensch, eben noch in die Betrachtung seiner Androiden vertieft, findet sich wieder als Arbeiter an der ratternden, stampfenden, fauchenden Maschine. Er muss unentwegt Fäden nachfüttern, Hebel umlegen und die Stechuhr beachten. Die Maschinerie hat ihn erfasst und seither nicht mehr losgelassen.

Die Industrielle Revolution stürzt alles um. Die Maschine, ehedem das bestaunte Weltmodell, ist zum Inbegriff des Leerlaufs, der geisttötenden Wiederholbarkeit geworden. Den Menschen, die ihrem Takt unterworfen sind, steht sie gegenüber wie eine fremde, dämonische Macht: das Gegenteil der belebten Welt.

Kein Wunder, dass sich bald wunderliche Gestalten regen in der Maschinenwelt: stählerne Doppelgänger, Homunkuli und lebende Puppen. Die Androiden, eben erst von der Szene verschwunden, sind als Wiedergänger zurückgekehrt - Sendboten der entfremdeten Technik, Darsteller ihres Eigenlebens.

Den ersten Paukenschlag tut Mary Shelleys Schauerroman "Frankenstein" von 1818. Das Buch, obgleich ziemlich verquast, schafft im Handstreich den mächtigsten Mythos der Neuzeit, der bis heute mehr als hundert Kinofilme hervorgebracht hat.

Das Monster, zusammengeflickt aus Leichenteilen, läuft Amok, weil die Menschen es zurückstoßen. Frankenstein selber verabscheut sein Geschöpf, und schließlich verweigert er ihm auch noch die letzte Bitte: eine Gefährtin fürs Exil in der Wildnis Südamerikas. Erst dann dreht der arme Tropf durch und wird zur Mordmaschine.

In der Nachfolge von Frankensteins Monster zieht eine ganze Prozession von verhassten, versklavten, verleugneten Kreaturen der Technik durch die Kulturgeschichte. Am schärfsten tritt der Konflikt in Ridley Scotts epochalem Film "Blade Runner" (1982) zu Tage, dessen wahre Helden die strahlenden "Replikanten" sind: Roboter, die sich für Menschen halten. Ihre Betriebsdauer ist, damit sie nicht übermächtig werden, auf vier Jahre begrenzt. Der Film erzählt vom Kampf der Replikanten gegen die programmierte Selbstvernichtung; die Maschinen, so zeigt sich am Ende, sind in ihrer Verzweiflung menschlicher als ihre Schöpfer.

Die Grenze zwischen dem Leben und der Maschinenwelt ist damit vollends unauffindbar geworden. Auch Filme wie "Terminator" oder "Robocop" spielen mit der Verwechselbarkeit. Seit "Blade Runner" umzingelt das Kino sein Publikum mit immer neuen Zwitterwesen, die wie Menschen sind, wenn nicht besser.

*

An der Waseda-Universität in Tokio, einer der führenden Roboterschmieden Japans, entstehen die Urahnen solcher Replikanten. Eine Forschergruppe fertigt dort Köpfe, die mit Gummimasken überzogen sind. Anstelle der Gesichtsmuskeln beulen und knautschen Servomotoren das Kunstfleisch, um ein Grinsen oder ein Stirnrunzeln nachzuäffen. Der beste Kopf von allen lernt gerade sprechen: ein lallendes Gestell mit Kehlkopf, Stimmbändern, Lippen und Zähnen. Als Zunge dient ein Gummilappen, der von sechs winzigen Motoren geknüllt und gedehnt wird. Der Kopf kann bereits unmenschliche Vokale gurgeln; als Nächstes stehen die ersten Konsonanten auf dem Plan.

Eine andere Gruppe bastelt seit 15 Jahren an Kiefergestellen, die zu der erstaunlich komplexen Motorik des Kauens, Malmens und Mümmelns im Stande sind. Die Robotergebisse verfügen sogar über Kraftsensoren, die ihnen den Widerstand der Nahrungsbrocken melden.

Viel fehlt nicht mehr, und die Forscher können wie der Kollege Frankenstein unter einem Funkenregen ein komplettes Wesen zusammenschrauben. Was das Ungetüm dann tun würde, ist aber fraglich. Bricht es aus dem Labor aus, dann endet die Flucht wohl schon an der nächsten Straßenkreuzung, denn es muss vor dem Überqueren erst halbstündige Berechnungen über die Verkehrslage anstellen.

Entscheidend ist jedoch nicht, was der Roboter kann, sondern wie er aussieht. Maschinen, die den Menschen durch Lebensähnlichkeit bezaubern, so hofft die Industrie, werden es leichter haben auf dem Markt. Die Firmen Matsushita und Sony arbeiten mit Eifer an nützlichen Androiden für den Hausgebrauch.

Das Nahziel ist der fernsteuerbare Hausgesell für die Scharen der bedürftigen Alten. Der Pflegeroboter "TMSUK 04", eben auf den Markt gekommen, ähnelt einer Mamsell im Reifrock. Er hat zwei Arme mit Greifern und bewegt sich auf Rollen. Gesteuert wird der Roboter über Funk. Seine Gebieter könnten in der Zentrale eines Pflegedienstes sitzen. Oder die Kinder lenken die Pflegekraft von ihrer Wohnung aus: Sie nehmen den Joystick und bugsieren der Oma übers Internet die Kopfwehtabletten ans Bett.

Ob Maschinen sich einst auch selbständig im Haushalt nützlich machen, steht in den Sternen. Werden Roboter je ein Kind von einer Puppe unterscheiden können? Oder nicht doch morgens das Kind in die Spielzeugkiste stopfen und die Puppe in den Kindergarten bringen?

Die Orientierung in einer belebten Umwelt überfordert heutige Roboter noch bei weitem. Dabei arbeiten zahllose Forscher auf dem Gebiet der "Künstlichen Intelligenz" (KI) seit Jahrzehnten an autonomen Maschinen. Wie es um ihre Erfolge steht, ist abzulesen an den Robotern, die Fußball spielen können. An ihnen erproben die KI-Forscher ihre besten Tricks. Jedes Jahr halten sie eine Weltmeisterschaft ab, den "RoboCup". 2500 Wissenschaftler aus 30 Ländern bereiten ihre Kicker darauf vor.

Und es ist jedes Mal zum Erbarmen. Torwarte lassen reglos den Ball vorbeikullern, Stürmer drehen sich ratlos im Kreis oder rücken gegen das eigene Tor vor.

Selbst der Trainer der amtierenden Weltmeister-Combo von der Uni Freiburg ist über die Jahre etwas ermattet: "Ich hätte nie gedacht", sagt der KI-Forscher Bernhard Nebel, "wie schwer es einer Maschine allein schon fällt, einen roten Ball auf grünem Grund zu erkennen - geschweige das richtige Tor zu finden."

Jeder Wechsel der Beleuchtung bringt die Farberkennung durcheinander; Fotos mit Kunstlicht oder gar Blitz sind verboten, weil die Helden sonst vollends erblinden. Dennoch liegt der Ball zu 80 Prozent der Zeit herrenlos auf dem Feld herum, weil die Spieler ihn erst wiederfinden müssen.

Dennoch wollen die Forscher bis zum Jahr 2050 eine Roboter-Elf auf die Beine stellen, die den Fußballweltmeister des Menschengeschlechts bezwingt.

"Innerhalb der nächsten zehn Jahre", sagt Nebel, sei allerdings "kein Durchbruch zu erwarten". Bis auf weiteres sind, wie er meint, die Roboter zu einem glanzlosen Dasein verdammt: als Putzhilfen im Supermarkt, als rollende Boten in Krankenhäusern oder als Feuerlöscher auf Rädern - auch hierzu gibt es schon eine Weltmeisterschaft, wo die Roboter um die Wette eine Kerzenflamme löschen.

Nur in einer Richtung schreitet die Robotik machtvoll voran: auf dem Weg ins Kinderzimmer. Auf Spielwarenmessen wimmelt es neuerdings von blinkenden, quäkenden Robotern. Es gibt Schildkröten, Käfer, Katzen, Dinosaurier, die sich auf Kommando in Bewegung setzen. Sie sind mit Sensoren für Licht und Geräusche bestückt. Sonys Roboterhund "Aibo" versteht einfache Befehle; die Firma hat sogar schon Roboterzwerge namens "SDR-3X" entwickelt, die laufen, tanzen und einen Fußball herumschubsen können.

Auch nebenan die Menschenpuppen werden immer lebensechter. "My Real Baby", vertrieben vom Spielzeugkonzern Hasbro, strampelt wie ein Säugling, rülpst nach dem Füttern und verzieht entsetzt das Gesicht, wenn es zu heftig geschaukelt wird. Hebt man das Wesen an den Füßen hoch, so plärrt es vollends. Aber bei sanfter Behandlung wird es schläfrig und beginnt schließlich zu schnarchen.

Diese Wunder vollbringen ein paar billige Sensoren und Servomotoren. Gesteuert wird die Puppe von einer Software mit einem simplen Verhaltensmodell, in dem Triebkräfte wie Hunger, Aufgekratztheit und Müdigkeit wirken. Das alles für rund 100 Dollar. "My Real Baby" kommt daher wie eine Billigversion von Kismet. Und in der Tat: Die Firma iRobot, aus deren Labor die Puppe stammt, wurde mitbegründet vom MIT-Forscher Rodney Brooks, dem geistigen Vater des Koboldkopfs. Diese Spielzeugmaschinen, so Brooks, seien die "Trojanischen Pferde", die der Robotik den Weg in die Wohnungen bahnen.

*

Die Kinder nehmen den Ansturm der neuen Scheinlebensformen unaufgeregt. Der kleinen Heloise, 4, erstarb im Testlabor von iRobot mitten im Probespielen das "Real Baby", weil die Batterie leer war. Dem Kind fiel das gar nicht auf; es spielte unverdrossen weiter.

Die US-Psychologin Sherry Turkle macht sich dennoch Sorgen. Puppen, sagt sie, gehören zu den "Übergangsobjekten, an denen die Kinder die Grenze zwischen dem Ich und dem Anderen erforschen". Was aber, wenn die Puppe immer raffinierter ein Eigenleben vorgaukelt? "Wir berühren da sehr tiefe Dinge. Ich sage: Vorsicht!"

Ältere Kinder wissen in der Regel, dass ihre Roboter höchstens "auf eine Art lebendig" sind. Das hindert sie nicht, ihnen Absichten und Empfindungen zuzutrauen. Herumsurrende Lego-Roboter erleben sie, je nach Bewegungsverhalten, als konfus, aggressiv oder traurig.

Das Rätsel der Lebensähnlichkeit gibt den Kindern, als geborenen Philosophen, schwer zu denken. Sherry Turkle hat aufgezeichnet, was sie so an Theorien ausbrüten: "Die Roboter sind lebendig, aber nicht wirklich; steuern ihr Verhalten selbst, sind aber nicht lebendig; wären lebendig, wenn sie Körper hätten; wären lebendig, wenn sie Gefühle hätten; sind lebendig wie Insekten, aber nicht wie Menschen."

Jedes taugliche Modell probieren die Kinder mit Gleichmut durch. Sie verleihen die Eigenschaft "Leben" graduell und auf Probe - und sie entziehen sie auch wieder. In diesem Sinn, sagt Turkle, sind die Spielzeugroboter die "Fußsoldaten" einer Revolution; nicht der Technik, sondern des Denkens über das Leben.

Hat eine Ente, aus der es hinten herausträufelt, auch verdaut? Ist Kismet, wenn er grinst, wirklich fröhlich? "Woher will man das beim Menschen wissen?", fragt seine Konstrukteurin Cynthia Breazeal zurück. "Man könnte ja auch sagen, dass in unserem Körper nur chemische Reaktionen ablaufen, die den Anschein von Leben erwecken."

Wenn allerdings ein Säugling scheppernd loslacht, gerät seine ganze Körpermotorik in Wallung, Hormone werden ausgeschüttet, ein Rausch der Biologie erfasst das kleine Hirn - Kismet dagegen erlebt gar nichts. Er könnte ebenso gut "kicher, kicher" ausdrucken.

Der Wichtel verarbeitet, wie jeder Computer, nur Symbole, in seinem Fall herausgerechnet aus Kamerabildern und Geräuschen. Für seine Existenz als Kopf sind sie ohne Bedeutung; die hängt nur davon ab, dass niemand den Stromstecker zieht. Nur der Betrachter kann mit der Ausgabe eines Computers etwas anfangen: Er liest sie als Ergebnis von Berechnungen, ob das nun die dritte Wurzel aus Pi ist oder ein breites Grinsen.

"Intelligentes Verhalten hat nichts mit bloßer Symbolverarbeitung zu tun", sagt Rolf Pfeifer, Leiter des KI-Labors an der Uni Zürich. Intelligenz entstand, weil Lebewesen im Lauf ihrer Evolution ein Verhalten hervorbringen mussten, das ihnen das Überleben sichert. Körper und Geist haben sich zusammen entwickelt.

Deshalb bezweifelt Pfeifer auch, wie viele seiner Kollegen, ob es sinnvoll ist, Roboter nach dem Vorbild des Menschen zu bauen. Niemand weiß, welche Art Körper eine Maschine braucht. Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden: Die Maschine muss ihre eigene Evolution durchlaufen. Dann zeigt sich, worauf sie hinauswill.

Die Züricher Forscher entwickeln deshalb ihre künstlichen Wesen von Grund auf neu. Erst bauen sie im Computer eine einfache Kunstwelt, in der die Gesetze der Physik herrschen. Dann setzen sie zum Beispiel ein Modell eines zweibeinigen Läufers hinein und unterziehen es einer simulierten Evolution: In rasender Folge entstehen neue Läufergenerationen, und die jeweils beste Lösung überlebt.

Die Forscher können dann zusehen, wie sich die Gewichte in den Gehwerkzeugen verteilen. Oder sie lassen Insektenaugen wachsen und beobachten, wie die Facetten sich anordnen. Oder sie züchten bullige Kreaturen, die Blöcke schieben können.

Und wofür könnten die Kreaturen einer künstlichen Maschinen-Evolution eines Tages gut sein? Das ist nicht absehbar, selbst wenn sich irgendwann einmal so etwas wie Insekten-Intelligenz züchten ließe. Der Freiburger KI-Forscher Bernhard Nebel ist da skeptisch: "Wenn nützliche Arbeit verlangt wird, ist es mit Insekten auch nicht getan." Wer wollte einem Geschwader Küchenschaben beibringen, es möge bitte die Fensterscheiben sauber lecken, aber von Vatis Brille fernbleiben, wenn er liest?

Das sind ernüchternde Aussichten, verglichen mit dem Bühnenzauber der Androiden. Es gibt, wie es scheint, zwei Klassen von Robotern: Trottel und Gaukler. Die einen, mit viel Mühe gebaut, können fast nichts. Die anderen erwecken den Anschein, sie seien zu allem im Stande. Mit einem Wort: Es sind gefühlserzeugende Maschinen.

Der Hamburger Künstler Nicolas Anatol Baginsky hat gezeigt, dass nicht einmal Computerchips nötig sind für den Emotionseffekt. Baginsky baute Dutzende von Robotern ganz ohne Hirn. Es sind Gestelle aus Elektromotoren, Fahrradketten und Stelzenbeinen, und sie schleppen sich erbärmlich hinkend dahin. Ganze Theatersäle hat Baginsky erschüttert mit seinem Ballett der Schwerversehrten.

Maschinen sind starker Bühnenwirkung fähig; kathartische Schauer nicht ausgeschlossen. Der Mensch kann die technischen Mitgeschöpfe betrachten und sein Los mit dem ihren vergleichen. Der Trollkopf Kismet wühlt den Betrachter nicht weniger auf als das Schicksal von David, dem Androiden.

Jacques de Vaucanson, erster Klassiker des modernen Maschinentheaters, hätte seine Freude an den neuesten Mirakeln. Es gibt nun sogar einen Roboter, der verdaut. An der Universität von Tampa im US-Staat Florida rollt ein kleiner Lindwurm auf zwölf Rädern übers Gelände, mit einem Rüssel vorn, wo ihm seine Erbauer das Futter zustecken. Als Magen dient dem Roboter eine Brennstoffzelle, gefüllt mit Darmbakterien der Art Escherichia coli. Die Winzlinge zerspalten die eingehenden Kohlenhydrate; die Energie, die dabei frei wird, lädt eine Batterie auf.

Vorläufig verträgt der Maschinenmagen nur Würfelzucker, aber eines Tages wird ein Nachfahr des Leckermauls vielleicht den Rasen abweiden. Er muss nur hin und wieder zum Komposthaufen und - als Wiedergänger von Vaucansons defäkierender Ente - dezent ein Häufchen absetzen.

Die Medien aber, die über den "Gastrobot" berichten, phantasieren schon von "Fleischfressern", die es bald nach Menschenfleisch gelüsten könnte. Sicher ist nur, dass uns auch das Fleischfressen nicht auf ewig von den Maschinen unterscheiden wird.

Was ist es dann? Von einer "Selbstverfolgung des Menschen mithilfe seiner Maschinen" spricht die Philosophin Meyer-Drawe. Immer neue Nachbauten zeigen immer nur, und oft auf possierliche Weise, dass es wieder nicht gereicht hat. Und dass Leben etwas anderes ist. In diesem Sinn, sagt Meyer-Drawe, war der Automatenbau eine Geschichte der "Selbstverkennungen", kurz: des Danebenhauens. Die Androiden des 18. Jahrhunderts wanderten auf den Jahrmarkt, die letzten Originale verstauben in Museen; ihre Nachfahren spuken in der Geisterbahn. Wird auch Kismets Gefühlsautomatik den Leuten eines Tages langweilig werden?

Der Jungschauspieler Haley Joel Osment, der im Spielberg-Film "A. I." den Androiden David spielt, hat unlängst den Kobold am MIT besucht. Die Filmleute hielten dort eine Werbeveranstaltung ab. Und Kismet war wieder ganz aus dem Häuschen: viel Trubel, viel Input.

"Sag Spielberg!", flüsterte Osment dem Kopf ins Ohr. Kismet lupfte nur prüfend die Braue, rollte die Augen und gurrte ratlos vor sich hin. "Naja", grinste Osment, "man könnte sagen, er hat es versucht."

MANFRED DWORSCHAK

* Käte Meyer-Drawe: "Menschen im Spiegel ihrer Maschinen". Wilhelm Fink Verlag, München 1996; 232 Seiten; 49,99 Mark. * Mit Arnold Schwarzenegger.

DER SPIEGEL 38/2001
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