24.09.2001

TERRORISMUS

Chamäleon & Co.

Von Follath, Erich

Die Amerikaner jagen Osama Bin Laden als "Weltfeind Nummer eins". Doch der "Prinz" hat sein Reich längst bestellt: Seine Organisation ist eine weltweit verzweigte Terror-GmbH - schlagkräftig auch ohne den Übervater.

Es gab Zeiten, da haben sie sich richtig gut verstanden, die Taliban und die Amerikaner. Glyn Davies, ein damaliger Sprecher des US-Außenministeriums, sagte, die Vereinigten Staaten hätten "nichts einzuwenden" gegen die in den Taliban-Gebieten praktizierte Form der islamischen Gesetzgebung. Robin L. Raphel, Chefin der Südasien-Abteilung im State Department, lobte bei einer Uno-Sitzung die landestypisch "ursprüngliche" Bewegung, die "Stehvermögen" bewiesen habe. Und ein anderer hoher Beamter der US-Regierung schwärmte dem Afghanistan-Kenner und Autor Richard Mackenzie vor: "Wenn man die Taliban erst mal näher kennen lernt, entdeckt man ihren wunderbaren Sinn für Humor."

Keine fünf Jahre sind seit diesen Äußerungen im Herbst und Winter 1996 vergangen. Vom Humor der Taliban ist derzeit in Washington nicht mehr die Rede. Stattdessen in den Worten des US-Präsidenten George W. Bush von einem "Kreuzzug" gegen das "absolut Böse"; von vernichtenden Militärschlägen gegen den "weltweiten Chefterroristen Nummer eins" und seine perfiden Gastgeber, die Taliban. Vom ersten Krieg des 21. Jahrhunderts.

Amerika werde nicht ruhen, bis Osama Bin Laden "tot oder lebendig" zur Strecke gebracht sei, sagte der Präsident, ganz Wilder Westen, vorvergangenen Sonntag, und es fehlte nur, dass er ein Lasso warf - er, der sich doch gerade von seinem Cowboy-Image lösen und als entschlossener, aber nicht aus der Hüfte schießender Schmied einer weltweiten Koalition gegen den Terror auftreten wollte.

Dann "freute" er sich letzten Donnerstag in einer Ansprache vor den Abgeordneten und dem amerikanischen Volk, "die Hintermänner und die Beweggründe" mitteilen zu können. In einer nun eher staatsmännischen, die Nation auf einen langen Krieg einschwörenden Rede benannte er Osama Bin Laden als Schuldigen. Er forderte die Taliban ultimativ auf, ihn und alle Anführer seiner Organisation al-Qaida (arabisch für "die Basis") auszuliefern, "alle Trainingslager für Terroristen zu schließen" - sonst würden sie dessen Schicksal teilen. Sollte heißen: den Untergang.

Wer ist dieser Mann mit dem ewigen rätselhaften Lächeln und der stets griffbereiten Kalaschnikow - ein Provokateur aus der Wüste und damit nicht viel mehr als eine Projektionsfläche für westliche Rachegefühle? Der Drahtzieher eines weltweiten Terrornetzes und damit zumindest mitverantwortlich für den schrecklichen Schwarzen Dienstag, an dem vermutlich bis zu 6500 Menschen ihr Leben verloren - oder wirklich der direkte Organisator der Attentate gegen die USA? Und wie in Gottes Namen kam es zwischenzeitlich zu dieser auffälligen Nähe von Bin Laden, den Taliban und der US-Regierung?

Bei ihrer Präsentation der Schuldigen gegenüber dem amerikanischen Volk vermischen die amerikanischen Spitzenpolitiker in den Tagen seit dem 11. September Überzeugendes, Mögliches, Unwahrscheinliches - und der Verdacht drängt sich auf, dass einige Länder in Sachen Terrorbeteiligung besonders weißgewaschen oder schwarzgemalt werden sollten.

So tauchten beispielsweise Albanien und die Washington nahe stehenden UÇK-Rebellen auf der Liste der Sünder gar nicht auf. Dabei hat Bin Ladens Qaida schon Anfang April 1999 eine Einheit von 500 arabischen Mudschahidin nach Tirana eingeschleust, wo sie unter zeitweiliger Führung des ägyptischen Bin-Laden-Vize Aiman al-Sawahiri für "Spezialeinsätze" gegen Milosevics Truppen im Kosovo ausgebildet wurden. Eine Vorhut war dann in geheimen Lagern bei Tropje in Nordalbanien stationiert. Die Mudschahidin knüpften enge Beziehungen zu den Clanführern von Drenica im Kosovo und dem Chef der UÇK-Einheiten "Sultan" Suleiman Selimi. Sie verübten dort, wie auch in Bosnien, besonders brutale Racheakte an serbischen Zivilisten.

UÇK-Führer trainierten in afghanischen Ausbildungslagern, gemeinsam mit Bin Ladens Netzwerk sind sie nach Informationen des französischen Geheimdienstexperten Roland Jacquard im internationalen Drogengeschäft aktiv.

Während Albanien totgeschwiegen wird, rangiert Bagdad ganz vorn auf der Liste der amerikanischen Terrorverdächtigen. James Woolsey, früherer CIA-Chef, überraschte mit der bis dahin unbekannten Meldung, der 1993 als Drahtzieher für den Terroranschlag gegen das World Trade Center verurteilte Ramsi Ahmed Jussuf sei Mitglied des irakischen Geheimdiensts. Er zog Rückschlüsse. "Wenn der Irak hinter dem damaligen Verbrechen stand, hat das Land nie einen Preis dafür bezahlt - und wir könnten das jetzt nachholen. Wer 1993 verantwortlich war, der könnte es doch auch sehr gut jetzt gewesen sein. Alle Machtinstrumente Saddam Husseins sollten dann zerstört werden, die Republikanischen Garden, alles, was mit seinem Massenvernichtungsprogramm in Verbindung steht."

Bagdad hat Bin Laden im vorletzten Jahr tatsächlich Exil angeboten, falls er Afghanistan verlassen wolle und eine neue Basis brauche. Daran waren allerdings Bedingungen geknüpft, denn ideologisch verbindet den Diktator am Tigris - neben dem Hass auf Amerika - wenig mit dem Terroristenchef: Saddam verlangte absolute Zurückhaltung bei Fragen der irakischen Innenpolitik. Der Nationalist und Chef der laizistischen Baath-Partei fürchtet nichts mehr als die islamischen Kräfte in seinem Land, die Schiiten im Süden unterdrückt er ebenso brutal wie die Untergrundmitglieder der Muslimbruderschaft.

In der Nasirija-Wüste nahe der saudiarabischen Grenze hat Saddam Bin Ladens Leuten jetzt ein Aubildungslager eingerichtet. Sie trainieren dort gemeinsam mit der irakischen Nida-Gruppe ("der Ruf") für den Sturz des Königs in Riad.

Der Schlächter von Bagdad hat über die Anschläge von New York und Washington gejubelt und den Westen so wieder einmal provoziert. Ein Beweis für eine direkte irakische Beteiligung an den verheerenden Attentaten in den USA ist das aber nicht. Und trotz aller martialischen Rhetorik in den Vereinigten Staaten: Auch gegen Bin Laden fehlen mehr als zehn Tage nach dem Terror-Dienstag die hieb- und stichfesten Belege.

Das liegt nach Ansicht des amerikanischen Terrorismus- und Nahost-Experten David Long an der schattenhaften Organisation des Qaida-Netzwerks. "Keine Terroristenorganisation im traditionellen Sinn, mehr eine Anlaufstelle, in der sich verschiedene Untergruppen Gelder, logistische Unterstützung, auch einmal militärische Ausbildungsmöglichkeiten beschaffen. Es ist ein Chamäleon, eine Amöbe, die ständig Farbe und Form wechselt."

Über 3000 bis 5000 Aktive in etwa 50 Ländern kann al-Qaida direkt verfügen, schätzt das britische Fachblatt "Jane's Intelligence Review". Zu den 24 terroristischen Untergruppen, die weitgehend in dem Netzwerk aufgegangen sind oder sehr intensiv mit ihm zusammenarbeiten, gehören die ägyptische Gamaa al-Islamija, die algerische GIA, die jemenitische Gruppe Dscheisch Aden, die philippinische Abu Sayyaf sowie die pakistanische Kaschmir-Befreiungsfront. Etwas loser sind die Verbindungen zu der palästinensischen Hamas und zur von Iran finanzierten Hisbollah.

Der Chefterrorist macht sich selten die Hände selbst schmutzig, seinen Zellen in den einzelnen Ländern lässt er viel Spielraum: Osama Bin Laden ist eine Art internationaler "Vorstandsvorsitzender einer Dschihad Inc. mit der Tochtergesellschaft Dschihad.com" ("Newsweek").

Er kontrolliert als "Emir-General" in seiner unmittelbaren afghanischen Umgebung eine relativ straffe Organisation mit einem Militär-, einem Finanz-, einem Religions- und einem Medien-Komitee. Weltweit aber ist er in den letzten drei Jahren, auch wegen mangelnder Kommunikationsmöglichkeiten, wohl nur mehr selten direkt in Aktionen eingebunden und weiß von genauen Terminplänen der Terroraktionen wahrscheinlich wenig: Er ist der Spiritus Rector im Hintergrund - Hauptsache, die Richtung seiner Terror-GmbH stimmt.

Und vor allem ist er der große Finanzier: Bin Laden hat als ehemaliger Top-Unternehmer noch immer hervorragende Kontakte zu Regierungs- und Geschäftskreisen in seiner alten Heimat und in den Golfstaaten. Sein langjähriger Freund Prinz Turki al-Feisal war bis zu seiner geheimnisumwitterten Ablösung vor einigen Wochen Geheimdienstchef in Saudi-Arabien.

In Kuweit und am Golf sammelte Bin Laden über karitative Organisationen Millionen an Spendengeldern - viele der Reichen ahnen zumindest, wohin das Geld fließt, aber sie kaufen sich so von persönlicher Terrorverfolgung frei. Über ein Business-Imperium von 60 Firmen handelt der Multimillionär mit Diamanten, Nüssen und Kamelen - und dazu kommen seine Deals mit internationalen Banken (siehe Seite 112).

Al-Qaida kann nur verstehen, wer die Karriere ihres Gründers kennt, wer sich beschäftigt mit dem ganz und gar erstaunlichen Leben des Osama Bin Laden, 46, und dem seines Stellvertreters und ideologischen Mentors, des Mediziners Aiman al-Sawahiri, 50.

Terroristen de luxe, beide. Der Saudi-Araber Bin Laden hätte sich als Erbe eines 80-Millionen-Dollar-Baugeschäfts ebenso ein unbeschwert unpolitisches Wohlstandsleben leisten können wie der ägyptische Chirurg Sawahiri. Beide hatten sich aber schon bald dem radikalen Islamismus verschrieben, überzeugt davon, dass Ungläubige mit dem Flammenschwert bestraft werden müssten. Besessen von der Vorstellung, Auserwählte zu sein. Sie wurden wie magnetisch vom Kampf einer rückständigen Bevölkerung gegen die gottloskommunistische Weltmacht weit entfernt von ihrer Heimat angezogen. Afghanistan: Das war ihr Kampf des absolut Guten gegen das absolut Böse. Die Erfolge an der Front bestärkten sie darin, dass keine Macht der Erde Glaubenskriegern widerstehen könnte.

Mehr als 35 000 militante Mudschahidin aus 40 Ländern wurden in Lagern an Waffen ausgebildet - und in religiösem Fundamentalismus geschult. Viele Ägypter, Jemeniten, Syrer blieben nach dem schmählichen Abzug der sowjetischen Truppen 1989 euphorisch und hoch motiviert im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet zurück. Die "arabischen Afghanen" suchten eine neue Aufgabe.

Bin Laden und sein Mentor Sawahiri, der als Chef des ägyptischen Dschihad in mehrere blutige Terroranschläge verwickelt war, hatten diese Aufgabe nach einigen Jahren gefunden. Die beiden waren nach Umwegen über ihre Heimatländer wieder nach Afghanistan zurückgekehrt: abgestoßen von der Korruption ihrer Regierungen, angewidert von der Dekadenz der Luxus-verliebten Eliten. Bin Laden (Spitzname: "der Prinz") war besonders empört darüber, dass nach dem Golfkrieg 1991 amerikanische Soldaten in seiner Heimat stationiert blieben - und damit auch über die heiligsten Stätten des Islam in Mekka und Medina wachten. Er hatte gegen das Königshaus agitiert und war 1992 von Saudi-Arabiens Herrschern ausgewiesen und später auch ausgebürgert worden.

Bin Laden und der Arzt seines Vertrauens verloren den Kontakt zu den "arabischen Afghanen" nie. Auch dazu diente die "Basis", die 1988 von ihnen gegründete Qaida. Jetzt importierten sie keine zu allem bereiten heiligen Krieger mehr nach Afghanistan, jetzt exportieren sie die wild Entschlossenen von Afghanistan in alle Welt. Beispielsweise zum Kampf um Kaschmir nach Indien, nach Somalia, in den Jemen. Viele wurden zu "Schläfern", die auf ihre Sabotageaufträge jahrelang warteten, manche wurden bei schnellen Kommandounternehmen zu "Märtyrern".

Die CIA hatte den Kampf der Afghanen und ihrer Verbündeten mit rund drei Milliarden Dollar finanziert, Hauptsache, es schadete den Russen. Doch die Gelder kamen auch al-Qaida zugute. Dem blinden ägyptischen Scheich und Fundamentalisten Umar Abd al-Rahman verschaffte der US-Geheimdienst aus Dankbarkeit für seine Agitation gegen Moskau ein amerikanisches Dauervisum: Er ließ sich in New York nieder und wurde dann 1995 als Drahtzieher des ersten Attentats auf das World Trade Center zu lebenslanger Haft verurteilt.

Nach dem Sieg gegen die Russen hielten die Amerikaner sich lange aus Afghanistans Politik heraus, das Land drohte in einem blutigen Bürgerkrieg marodierender Banden zu versinken. Dann kamen die Taliban, in radikalen Koranschulen ausgebildete Studenten, meist aus dem Volksstamm der Paschtunen, deren Lebensraum sich von Nordwest-Pakistan bis weit in die südliche Hälfte Afghanistan erstreckt. Der pakistanische Geheimdienst half ihnen, Provinz nach Provinz zu erobern. An der Seite der neuen Ordnungsmacht, die einen besonders rigiden, fundamentalistischen Islam verfocht: Osama Bin Laden nebst seiner "Basis" - und Spitzenpolitiker in Washington.

Wie nahe sich US-Regierung, amerikanisches Big Business und Taliban-Bewegung kamen, zeigen die Jahre 1996 und 1997 - die Zeit, als die radikalen Religionsstudenten ihre Herrschaft in Afghanistan auf über 80 Prozent des Staatsgebiets ausgedehnt hatten und ihre Stellung zu konsolidieren begannen. Es ging nicht um Moral, sondern um Macht. Und um ureigene strategische und wirtschaftliche Interessen Washingtons, die amerikanische Spitzenpolitiker über die Menschenrechtsverletzungen der Islamisten großzügig hinwegsehen ließen.

Die Regierung Clinton glaubte (und die Regierung Bush glaubt dies noch viel mehr), dass die USA eine Achillesferse haben, ein alle anderen internationalen Fragen in den Schatten stellendes, existenzbedrohendes Problem: die weitgehende Abhängigkeit von den Ressourcen um den Persischen Golf. Außenpolitische Priorität Nummer eins soll deshalb die Suche nach alternativen Energiequellen zu den Ölfeldern in der politisch instabilen und möglicherweise bald anti-westlichen Region sein.

Die Erdöl- und Erdgasvorkommen um das Kaspische Meer mit den entsprechenden Pipelines Richtung westliche Welt könnten nach Meinung des Weißen Hauses Ersatz oder zumindest eine wichtige Ergänzung bieten. Eine dieser Rohrleitungen sollte aus dem Erdgasland Turkmenistan, an Russland und Iran vorbei, quer durch Afghanistan zu den Überseehäfen Pakistans führen - und von dort Millionen von Barrel des kostbaren Treibstoffs an die Konsumenten im Westen.

Doch ohne Stabilität in und um Kabul war ein solches Projekt chancenlos. Washington hielt den Pipeline-Plan 1996 für so wichtig, dass man dafür sogar bereit war, einen Pakt mit dem fundamentalistischen Teufel - und dessen Verbündeten Osama Bin Laden - einzugehen: Augen zu, und alle Hoffnung auf eine Pax Talibana.

Im US-Außenministerium galten die sunnitischen Religionsschüler als ein Bollwerk gegen den schiitischen und USAfeindlichen Iran, als die Einzigen, die in den Worten des US-Senators Hank Brown überhaupt "so etwas wie eine zentrale Regierung" in Afghanistan hinbekommen könnten. Etwas "antimodern" seien die Religionsschüler, meinte US-Außenamtssprecher Davies, "nicht anti-westlich"; und die für Südasien zuständige Abteilungsleiterin Raphel machte öffentlich den "Cheerleader für die Taliban" (so Autor Mackenzie).

Der amerikanische Erdölkonzern Unocal bewarb sich bei den Taliban gemeinsam mit seinem saudiarabischen Partner Delta um das große Geschäft mit der Öl- und Gas-Pipeline, die Konkurrenz kam aus Argentinien. Aus Quellen der amerikanischen Firma flossen vermutlich 15 Millionen Dollar direkt in die Kassen der Taliban. Und dann machten die das Gegenteil dessen, was Washington erhofft hatte:

Sie weiteten den Drogenhandel erheblich aus. Sie verbannten mit ihren rigiden islamistischen Alltagsregeln - keine Arbeitserlaubnis für Frauen, keine Schulbildung für Mädchen, keine Unterhaltungsmusik - alles, was an westlichen Lebensstil erinnerte. Und sie ließen Osama Bin Laden in ihrem Land immer mehr Freiheiten zur Agitation und zur Ausbildung seiner Gotteskrieger.

Der Erdölkonzern Unocal aber hielt mit Billigung der US-Regierung weiter an seinen Taliban-Avancen fest. Noch kurz vor Weihnachten 1997 ließ die Firma den Industrieminister Ahmed Jan mit einer Delegation aus Kabul einfliegen und organisierte ein VIP-Besuchsprogramm. In Washington trafen die Taliban auch den US-Vize-Außenminister Karl Inderfurth.

Am 23. Februar 1998 hatte der Chefterrorist öffentlich seine von Taliban-Chef Mohammed Omar abgesegnete Botschaft verkündet: "Es ist die Pflicht jedes Muslim, Amerikaner und ihre Alliierten zu töten, Militärs wie auch Zivilisten." Und nur sechs Monate später war dem Aufruf seiner neugegründeten "Welt-Islam-Front für den Dschihad gegen die Juden und Kreuzzügler" die Terrortat gefolgt: 263 Tote bei den Botschaftsattentaten in Nairobi und Daressalam.

Erst im Dezember 1998 aber zog sich Unocal von dem geplanten Afghanistan-Geschäft zurück, wegen der sinkenden Erdölpreise und der Klagen vor einem kalifornischen Gericht, eingereicht von Frauenrechtlerinnen gegen die Unterstützung der "menschenverachtenden Taliban".

Washington feuerte über 60 Marschflugkörper in Bin Ladens Ausbildungslager - ein Dutzend Kämpfer starben, aber auch Unschuldige. Ein Misserfolg für US-Präsident Clinton, besonders auch deshalb, weil die Amerikaner jeden Beweis dafür schuldig blieben, dass die bei einem Schlag in derselben Nacht getroffene pharmazeutische Fabrik in Khartum, Sudan, irgendetwas mit Giftgasproduktion zu tun hatte.

Vor fünf Wochen kündigte Osama Bin Laden einem befreundeten Journalisten "Anschläge ungeheuren Ausmaßes" in den USA an. Aber wusste er genau, wovon er sprach?

Dame Pauline Neville-Jones, die erfahrene ehemalige britische Geheimdienst-Koordinatorin, hält wie die meisten Experten Bin Ladens Mittäterschaft - und Verantwortung - für durchaus wahrscheinlich. Was aber die logistische Durchführung angeht, so ist sie "fast sicher", dass die Anschläge gegen Pentagon und World Trade Center "die letzten sechs Monate lang irgendwo in Amerika geplant" wurden.

In keinem Land konnten islamistische Terroristen so lange so ungestört operieren wie in den USA. In Brooklyn unterhielt ein Weggefährte Bin Ladens mit dem Kifah-Zentrum eine regelrechte Zweigstelle der Qaida. Zwei der Terroristen, die den entführten American-Airlines-Flug in das Pentagon lenkten, standen sogar auf einer FBI-Fahndungsliste: Chalid al-Midhar und Salim al-Hamsi, doch sie kamen durch alle Kontrollen.

Die Amerikaner hätten über al-Qaida gewarnt sein können: Ahmed Ressam, 33, ein Algerier, der im Dezember 1999 aus Kanada kommend mit 58 Kilogramm hochexplosivem Sprengstoff aufgegriffen worden war, plauderte detailliert über seine afghanische Ausbildung und seine Freunde. Er erzählte von Sabotage-Lektionen gegen amerikanische Militäreinrichtungen und Flughäfen, von einem 180 Seiten starken "Handbuch für Schläfer", das Perspektiv-Agenten für ihren Einsatz im Westen detaillierte Anweisungen gibt: welche ruhigen Nachbarschaften man wählen soll, welche unauffällige Kleidung zu wählen sei. Und, bitte, Rasierwasser benutzen.

Der Terrorist als zorniger Unterprivilegierter aus den Slums, das kannte die Welt. Der Terrorist als Biedermann, das kam vor. Aber der Terrorist als Herr Mustermann, Angehöriger der Mittelklasse, Intellektueller aus guter Familie mit Durchschnittsgeschmack - das ist neu und charakteristisch nur für al-Qaida.

Auch in Europa lassen sich jetzt detailliert Verbindungen zum Terrornetz festmachen. Neben Deutschland tritt dabei vor allem Großbritannien in den Vordergrund - eines der Länder (neben Russland und den Niederlanden), die Bin Laden in einem Interview freimütig selbst als Operationsgebiet bezeichnete. Die britische Polizei hat 14 mutmaßliche Terroristen im Visier, die Qaida-Connections haben sollen.

In Belgien wurden am 13. September zwei Männer verhaftet, die in die Vorbereitung eines Anschlags auf das Nato-Hauptquartier in Brüssel verwickelt sein sollen. In Italien glaubt der Mailänder Richter Stefano Dambruso, Hinweise für ein europaweites Bin-Laden-Netzwerk ausgemacht zu haben. In Frankreich allein wird die Zahl der in Bin Laden-Lagern ausgebildeten "arabischen Afghaner" auf 200 geschätzt. Letzten Freitag wurden sieben aufgegriffen, vermutlich im Zusammenhang mit einem geplanten Attentat auf die US-Botschaft in Paris.

Der US-Geheimdienst CIA mit seinem Milliarden-Dollar-Jahresetat hat es nicht geschafft, auch nur einen Agenten in das afghanisch-pakistanische Netzwerk Bin Ladens einzuschleusen. Es fehlt den Amerikanern an landes- und sprachkundigen Mitarbeitern und vor allem an solchen, die zum entbehrungsreichen Leben in den Berglagern bereit wären. "Wo Durchfall mit zum Lebensstil gehört, sind wir nicht vertreten", sagt resigniert ein Ex-CIA-Agent, der lange im pakistanischen Peschawar unterwegs war.

Was an "Humint" - von Menschen ermittelter Aufklärung - fehlt, versuchte die CIA durch "Sigint", technische Hilfsmittel, zu kompensieren. Im Bereich des Abhörens hatten die US-Spione kleine Erfolge: Unmittelbar vor dem Terroranschlag auf das amerikanische Kriegsschiff "USS Cole" im Hafen von Aden im Oktober 2000 fingen sie ein Satellitentelefongespräch ab. Bin Laden bestellte für "die Aktion im Jemen" ein Videoteam, das die Tat dokumentieren sollte. Er versprach dafür 5000 Dollar.

Und dann schien einmal, ein einziges Mal, alles zu passen: Der Aufklärungssatellit stand richtig, das Gelände war günstig, Osama Bin Laden bewegte sich - in den von Amerikanern mitfinanzierten Basen in der Nähe von Khost - erstaunlich unvorsichtig. "Herr Präsident, das ist die Chance unseres Lebens, den Terroristen Nummer eins auszuschalten", soll bei einer Dringlichkeitssitzung an einem Herbsttag im letzten Jahr ein hoher CIA-Beamter Bill Clinton beschworen haben, immer wieder auf die vergrößerten Fotos zeigend.

Doch der US-Präsident, der 1998 persönlich eine hoch geheime Sondereinheit Bin Laden bei der CIA gegründet hatte, zögerte. Er mochte die letzten Tage seiner Amtszeit nicht von einer spektakulären Militäraktion in einem fernen Land überschattet wissen. Er hatte wohl Angst vor einem dramatischen Scheitern, oder er fürchtete, einen terroristischen Gegenschlag zu provozieren.

Vom World Trade Center, dem Pentagon oder Camp David war damals beim Krisengespräch im Weißen Haus nicht die Rede. Der Horror, der Bill Clinton Angst einjagte, hatte mit ein paar toten Kühen zu tun, die auf einer Wiese auf einer Versuchsfarm Bin Ladens bei Jalalabad herumlagen: ein weiteres Aufklärungsfoto der CIA. "Deutet das auf Experimente mit chemischen Waffen, mit Biowaffen? Sind die schon so weit, das Teufelszeug anzuwenden?", fragte der alarmierte Präsident.

Die CIA wusste (und weiß) darauf keine Antwort. Osama Bin Laden hat in einem Interview mit der Zeitung "al-Schark al-Ausat" 1998 von der "heiligen Pflicht" islamistischer Gruppen gesprochen, "chemische und nukleare" Massenvernichtungswaffen heranzuschaffen: "Wie wir sie anwenden, ist unsere Sache."

Der amerikanische Militärexperte und Bin-Laden-Biograf Yossef Bodanski berichtete, dass eine Qaida-Einheit bereits 1998 aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, aus Tschechien und Nordkorea Bestände von Ebola-Viren, Milzbrandbakterien und das Bakteriengift Botulin erworben haben soll. Die Experten dafür habe Bin Laden in der Ukraine anwerben lassen. Ziel kommender Anschläge: eine westliche Großstadt; das Mittel: Vergiften des Trinkwassers.

Einzige Bestätigung für das islamistische ABC-Programm ist ein in Aserbaidschan gefasster und an Ägypten ausgelieferter mutmaßlicher Terrorist, Ahmed Salama Mabruk, persönlicher Freund des Bin-Laden-Vize Sawahiri. Er gab bei einem Verhör 1998 zu Protokoll: "Die Welt-Islam-Front gegen Juden und Kreuzzügler verfügt über solche Waffen und plant, sie gegen die USA und Israel einzusetzen."

Auch um eine taktische Atomwaffe haben sich Terroristen des Qaida-Netzwerks demnach schon bemüht: Bin Laden selbst soll drei Millionen Dollar für eine nukleare "Kofferbombe" ausgelobt haben; westliche Geheimdienste wissen von Versuchen in Kasachstan und Russland, Fachleute zu bestechen und entsprechendes Geheimmaterial aus atomaren Restbeständen auf dem Schwarzmarkt einzukaufen.

Falschmeldungen, Wichtigtuerei und Panikmache, alles möglich - aber amerikanische Experten nehmen den ABC-Terror sehr ernst. Sie fürchten heute keine Gefahr so sehr wie einen Anschlag mit diesen Waffen. "Was jetzt in New York und Washington passiert ist, war eine Tragödie jenseits unseres bisherigen Vorstellungsvermögens - aber das Potenzial eines biologischen Terrorismus ist weit bedrohlicher. Er kann mehr Menschenleben kosten und das öffentliche Leben nachhaltiger zerrütten", sagt Michael Osterholm, Direktor des Forschungszentrums für infektiöse Krankheiten an der Universität von Minnesota. "Es wäre weniger spektakulär - keine Flammen, keine Explosionen -, aber viel heimtückischer. Jeder, der hustet: eine Waffe" (siehe Seite 228).

Osama Bin Laden sei schwer krank, ständig von Nierenversagen bedroht, streuen pakistanische Geheimdienstler. Der Terror vom Schwarzen Dienstag in New York und Washington sei ein "Stich schon fast aus dem Sarg" - eine Behauptung mehr, die sich nicht nachprüfen lässt. Aber dass er für die Zeit nach seinem Tod vorgesorgt hat, ist überliefert. Seine Stellvertreter Sawahiri, Islambuli und Atif sollen übernehmen - als Statthalter, bis der älteste Sohn Mohammed Bin Laden, 22, reif zur Führung ist.

Dynastische Erbfolge bei der Terror-GmbH: ganz genau so wie im verhassten Geburtsland Osamas, dem Königreich Saudi-Arabien. ERICH FOLLATH


DER SPIEGEL 39/2001
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