24.09.2001

UNTERNEHMENFeindliche Übernahme

Beraten und verkauft? Zwei Frankfurter Geldhäuser wechselten bei einer Übernahmeschlacht die Seiten.
Am 28. Juni war die Welt im fränkischen Schweinfurt noch in Ordnung. Im Mitarbeitercasino der FAG Kugelfischer AG wurde der langjährige Aufsichtsrat Gerhard Eberstadt, Ex-Vorstand bei der Dresdner Bank, mit vielen Dankesworten verabschiedet.
Die Lobeshymnen waren verständlich: Als der Wälzlagerhersteller 1993 mit seinen damals 30 000 Beschäftigten kurz vor der Pleite stand, ließ sich die Dresdner Bank in die Pflicht nehmen. Die Hausbank übernahm die Führung in einem Bankenpool, der das Unternehmen mit Krediten in Milliardenhöhe rettete.
Kaum drei Monate später gab es im Schweinfurter Casino eine eher aggressive Stimmung: "Wir sind Menschen, keine Schachfiguren", tönte es im Saal, in dem 1200 aufgebrachte Metaller ihrer Wut freien Lauf ließen. Der FAG-Vorstandsvorsitzende Uwe Loos und der Betriebsratsvorsitzende von der IG Metall erhielten stehende Ovationen, als sie Hand in Hand ihre Kampfbereitschaft für die Selbständigkeit der Firma zeigten.
Der gemeinsame Feind der Schweinfurter ist die Firma INA aus dem 100 Kilometer entfernten Herzogenaurach. Der Automobilzulieferer möchte die FAG übernehmen. Die INA wird dabei ausgerechnet von der Dresdner Bank beraten.
Kein Wunder: Die FAG-Manager fühlen sich verraten. "Die Banken haben die Seiten gewechselt", heißt es in Schweinfurt. Erst nachdem die Übernahmeschlacht schon voll im Gang war, meldete sich bei der FAG Dresdner-Bank-Vorstand Heinrich Linz, im Aufsichtsrat der Nachfolger von Eberstadt. Er könne wegen möglicher Interessenkonflikte nicht mehr im Aufsichtsrat von Kugelfischer mitarbeiten und trete deshalb zurück.
Jahrelang saß die Bank im Projekt- und Investitionsausschuss des Aufsichtsrats, in dem alle wichtigen Entscheidungen vorbereitet wurden. "Die wissen über jede Stärke und Schwäche von uns", klagt ein Manager, der an einer Verteidigungsstrategie für die FAG arbeitet.
Vergangene Woche verkündete die INA, mit einem geschätzten Umsatz von acht Milliarden Mark einer der größten und verschlossensten Familienkonzerne Deutschlands, dass FAG-Aktionäre schon 20 Prozent der Aktien abgegeben hätten. Auch beim Börsenhandel mit der FAG-Aktie steckt die Dresdner Bank in einem Interessenkonflikt. Sie betreut seit Jahren die FAG-Aktie an der Börse.
In dem Betreuervertrag zwischen der Dresdner Bank und der FAG heißt es, dass die Aktien "aktiv durch das Sales-Team der Dresdner-Bank-Gruppe vermarktet werden, wobei insbesondere auch institutionelle Kunden im In- und Ausland angesprochen werden". Damit verfügt die Dresdner Bank über wichtige Informationen zu den Altaktionären der FAG. Hat sie diese für den Verkauf an die INA genutzt? Ein Banksprecher weist den Verdacht zurück: "Wir haben funktionierende Chinese Walls."
Auch die Deutsche Bank kennt sich bei der FAG gut aus. Deren Investmentbanker berieten die FAG bis Oktober 1999, als die mit einem amerikanischen Konkurrenten anbandelte. Das Geheimprojekt hatte damals den Codenamen Rainbow.
Um den Zusammenschluss vorzubereiten, konnten der Frankfurter Investmentbanker Jürgen Bilstein von der Deutschen Bank und sein Team auch vertrauliche Unterlagen über die strategische Unternehmensplanung bis zum Jahr 2008 oder etwa die finanzielle Situation einzelner Geschäftsbereiche einsehen. Die Banker kalkulierten schließlich den Unternehmenswert der FAG in ihrer Modellrechnung auf über vier Milliarden Mark. Das ist deutlich mehr, als die INA jetzt bietet.
Doch aus dem Deal wurde nichts. Die Investmentbanker von der Deutschen Bank, die erst für den Erfolgsfall ein Honorar in hoher Millionenhöhe kassiert hätten, waren enttäuscht.
Auch sie wechselten die Seite. Schließlich locken mit der INA gute Geschäfte. Die Deutsche Bank hat dem expansiven Unternehmen zugesichert, dass sie die Übernahme der FAG voll finanzieren wird.
Dass die Deutsche Bank ihr Insiderwissen für sich behalten hat, mag in Schweinfurt niemand so recht glauben. Schließlich präsentierten die INA-Repräsentanten ihre Übernahmepläne dem FAG-Vorstandsvorsitzenden Loos erstmals am 8. September - ausgerechnet in den Räumen der Deutschen Bank und auf Einladung des Investmentbankers Bilstein. CHRISTOPH PAULY
Von Christoph Pauly

DER SPIEGEL 39/2001
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