24.09.2001

NAMIBIA

Klage wegen Verbrechen

Weil sie bei deutschen Regierungen kein Gehör fanden, versuchen Nachfahren eines von Truppen des wilhelminischen Kaiserreichs unterworfenen afrikanischen Stammes jetzt vor US-Gerichten, Entschädigung für Völkermord und Ausbeutung zu erstreiten. Zwei Milliarden US-Dollar fordert das im heutigen Namibia ansässige Hirtenvolk der Hereros von drei Unternehmen als Wiedergutmachung für deren Kollaboration mit einem Kolonialregime, das sie nicht nur der Weidegründe beraubte, sondern zur Vernichtung freigab. Mehr als 60 000 Menschen starben bei einer 1904 von Wilhelm II. angeordneten Strafexpedition gegen aufständische Rinderhirten in Deutsch-Südwest, des Kaisers Kolonie an Afrikas Atlantikküste. Sie wurden in die Wüste getrieben, wo sie verdursteten, oder kamen in Konzentrationslagern um. Zur Rechenschaft gezogen werden soll laut Klage die Deutsche Bank, weil die 1929 mit ihr fusionierte Disconto-Gesellschaft die Kolonialisierung finanzierte; zudem eine heute unter dem Namen Deutsche-Afrika-Linien in Hamburg firmierende Reederei, die, so die Vorwürfe, damals als Woermann-Linie gefangene Hereros zum Löschen von Schiffsladungen einsetzte. Beklagt ist auch ein US-Hersteller von schweren Bau- und Bergbaumaschinen namens Terex, der die einst in Deutsch-Südwest tätige Firma Orenstein & Koppel aufkaufte - sie soll Überlebende zum Gleisbau zwangsverpflichtet haben, so die Herero-Anwälte. Der Fall soll vor einem Washingtoner Bundesgericht gehört werden. Sollten die Hereros gewinnen, hoffen sie, mit der Entschädigungssumme unter anderem von meist deutschstämmigen Siedlern betriebene Farmen in ihren historischen Weidegründen zurückkaufen zu können.


DER SPIEGEL 39/2001
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