24.09.2001

SERIE - TEIL 21 MAGDA GOEBBELS

GEFÄHRTIN DES BÖSEN

Von Widmann, Carlos

Magda Goebbels zog Hitler und dessen Trommler in ihren Bann. Sie war damenhaft, weltgewandt und eine große Anpassungskünstlerin - und endete als Mörderin ihrer sechs Kinder. / VON CARLOS WIDMANN

Die junge Frau wirkt sehr gepflegt, ja fast geziert. Und das Abenteuer, das sie sich in den Kopf gesetzt hat, muss ihr wie ein Ausflug in die Berliner Unterwelt vorkommen: verboten und aufregend, wenn auch etwas igitt.

Magda Quandt, 28, blond, frisch geschieden und bestens versorgt, hat sich im Sommer 1930 lange genug bei den reichen Leuten der Reichshauptstadt gelangweilt. Sie ist selbstbewusst, eine Frau mit Vergangenheit - und nicht bereit, sich ihre Exkursion in die Niederungen der Gesellschaft ausreden zu lassen.

Politische Massenversammlungen will sie besuchen: die rohen, oft zu ausgiebiger Schlägerei mit Mord und Totschlag verkommenden Veranstaltungen, die Berlin in der Weimarer Republik wie ein Fieber heimsuchen. Männer mit anrüchigem Leumund treten da auf, verwegene Gestalten in Lederjacke oder Phantasie-Uniform, außer sich vor Erregung. Scheinwerfer heben die vorbestraften Volkstribunen aus dem Dunkel, hypnotisierte Massen lassen sich von ihren Tiraden zu Jubelorgien oder Hassausbrüchen anstacheln.

Kann man da überhaupt hingehen? Über den ordinären Nervenkitzel von Boxkampf oder Sechstagerennen, der einer Berlinerin aus besseren Kreisen wohl gestattet ist, gehen Magda Quandts Wünsche entschieden hinaus. Doch sie werden von einem leibhaftigen Prinzen legitimiert: dem umtriebigen August Wilhelm, genannt Auwi, aus dem Hause Hohenzollern, einem Sohn des abgedankten Kaisers Wilhelm II.

Prinz Auwi, in seiner Familie das schwarze Schaf mit braunem Hemd, fällt an der wohlgeratenen Magda Befremdliches auf: der Blick ins Leere, der Griff zum Glas, der Hang zur Melancholie. Da weiß der Kaiserspross ein Mittel: Gegen Langeweile und Depression kann er der Bürgerlichen nur wärmstens die Nazis empfehlen; Magda möge sich bei ihrer NS-Ortsgruppe zu ehrenamtlicher Parteiarbeit melden.

Davon aber hält Frau Quandt nichts; noch nichts. Erst möchte sie den berüchtigten Massenzirkus kennen lernen, die Luft der politischen Manege atmen, die Dompteure bei der Dressur der Bestie Mensch erleben. Im Spätsommer 1930 sucht die elegante Erscheinung den Berliner Sportpalast auf. Und Frau Quandt ist von ihrem Erlebnis tief beeindruckt.

Die Fahnen und die Stiefel, die Runen und die Märsche, die dumpfen Chöre und der dampfende Pöbel - das kann es nicht sein, was das Herz der Etepetete-Frau für die Nazis gewinnt. Es sind die Herren im Mittelpunkt, die Magda Quandt innerlich aufwühlen. Sie ist noch jung, aber eine Expertin im Früherkennen außergewöhnlicher Männer.

"Magda war entflammt", ließ ihre Mutter nach dem Krieg eine Illustrierte tremolieren: "Von diesem Mann fühlte sie sich als Frau angesprochen, nicht als Anhängerin der ,Partei'', die sie kaum kannte. Diesen Mann, der einen von Sekunde zu Sekunde siedend heiß und klirrend kalt machen konnte, musste sie kennen lernen."

Gemeint ist Dr. phil. Joseph Goebbels, 32, ein Niemand noch, doch später Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda. Diesen NS-"Gauleiter von Berlin" kennen manche Berliner seit vier Jahren: als hinkenden und giftelnden Demagogen, der mit schwarzem Ledercoat und rheinischer Kodderschnauze als Straßenagitator und Antisemit auffällt.

Doch schon damals sind es zwei Männer, die Hauptredner der Sekte, zu denen Magda Quandt sich hingezogen fühlt. Die beiden Junggesellen vom Sportpalast werden in wenigen Wochen - am 14. September 1930 - die politische Bühne der Reichshauptstadt erobern. Und werden sie 15 Jahre lang nicht aus dem Griff geben.

Der eine, Goebbels, ist nicht mehr lange Junggeselle. Magda Quandt heftet sich diskret an seine Fersen. Bald wird er ihr Geliebter sein, Ende 1931 ihr Ehemann. Doch von Anbeginn ist die Frau auch dem anderen Matador verfallen: Adolf Hitler, 41, dem "Führer". Ihm, der in Magda seine Wunschmaid erkennt, wird die Goebbels-Frau konsequenter die Treue halten als seinem Trommler, ihrem Ehemann.

Dem Hitler bleibt Magda demütig verbunden bis zum Götterdämmerungs-Schlussakt im brennenden Berlin, in den Betonkammern unter der ruinierten Reichskanzlei. Dem Willen Goebbels'' aber ist die First Lady in Braun auch nach Hitlers Ende untertan: bis zur Vergiftung der eigenen sechs Kinder. Mit dieser Meucheltat, unmittelbar vor Stalins siegestrunkenen Truppen, geht Magda in die Geschichte ein. Der "Führerbunker" ist im Frühling 1945 ein Treibhaus des Todes.

Nicht nur die Deutschen haben sich vom aberwitzigen Lebensweg dieser Frau, mit seinem zwielichtigen Glamour und seinem grausigen Finale, während des vergangenen Halbjahrhunderts immer wieder faszinieren lassen. Besonders in jüngster Zeit, als der Buchhandel und die Medien eine wahre Gedenk-Konjunktur für Nazi-Frauen eröffneten, rückte die schillernde Erscheinung mit dem filmreifen Leben wie von selbst in den Mittelpunkt.

Denn Johanna Maria Magdalena, genannt Magda, geborene Behrend, adoptierte Friedländer, legitimierte Ritschel, geschiedene Quandt, verehelichte Goebbels, ist ein Chamäleon-Charakter, eine Schwindel erregende Anpassungskünstlerin mit vier abgeschotteten Daseinsphasen und abrupt wechselnden Weltbildern.

Die Seelenfreundin des Diktators und Vorzeigedame des Dritten Reichs, geboren als uneheliches Kind eines Dienstmädchens am 11. November 1901 in Berlin-Kreuzberg, hatte höchst gegensätzliche Lebensabschnitte: Sie entwickelte hintereinander eine klösterlich-katholische, eine jüdischzionistische, eine protestantisch-großkapitalistische und eine fanatisch nationalsozialistische Persona.

Eine Verführerin, die sich sehr bewusst ihre Objekte auswählte, war die junge Magda gewiss. Doch ihr Schicksal, ihre ins Verhängnis führende Frauenkarriere wurde von einer Männergalerie bestimmt. Die bestand aus einigen der herausragenden Prototypen des 20. Jahrhunderts.

Auf der einen Seite vier geschichtsträchtige Führer-, Gestalter- und Täterfiguren: Chaim Arlosoroff, der zionistische Visionär und tragisch früh ums Leben gebrachte Staatsmann der Juden Palästinas; Günther Quandt, der deutsche Kriegsgewinnler, Industriekapitän und Mann von Welt; Joseph Goebbels, der hassbebende Rassist und Erzdemagoge; und Adolf Hitler, der Diktator mit dem völkermordenden Vernichtungswillen.

Auf der anderen Seite wirkte ein Jahrzehnt lang auf Magdas Leben bestimmend ihr Adoptivvater ein, der Mann, der ihr seinen Namen gab. Und eine sinnfälligere Kontrastgestalt zu den anderen vier ist kaum vorstellbar. Auch Richard Friedländer war auf seine Weise ein Prototyp: der verarmte, anonyme, ausgegrenzte, am Ende totgeschlagene Jude - im 20. Jahrhundert die Opfergestalt schlechthin.

Verwirrend und verstörend müssen im Rückblick vor allem die beiden jüdischen Komponenten aus Magdas Jugendjahren wirken. Oder umgekehrt: Gemessen an dem frühen deutsch-jüdischen Kapitel ihrer bewegten Biografie, erscheint der spätere Aufstieg zur Edel-Nazisse von Berlin und vom Berghof wie die zynische Pointe in einem grellen Kolportageroman.

Kein Wunder, dass die Magda mit den vielen Namen die Aufmerksamkeit von Biografen und Dokumentaristen aufs Neue weckt. Fast wie in der Nachkriegszeit, als die Goebbels-Frau in den Hintertreppen-Memoiren des Dritten Reichs (Spott-Titel: "Ich war Hitlers Zahnbürste") zum Objekt dunkler Begierden stilisiert wurde und bei den Illustrierten Auflage machte. Gemessen an den Teekränzchen-Walküren, mit denen der Diktator sich gern umgab, hatte die Ehefrau des Propagandaministers ja geradezu Hollywood-Format.

Selbst im "inneren Kreis" um den Führer war die Konkurrenz zu Magda Goebbels eher schwach. Hitlers versteckt gehaltene Mätresse Eva Braun, das tapfer leidende Münchner "Tschapperl", vermag die Nachwelt nicht wirklich zu behexen. Ihr Klagelied: "Er braucht mich nur für bestimmte Zwecke", könnte auf Evas Grabmal stehen, wenn sie eines hätte.

Magda Quandt hat sich als junge Frau von Anfang an Goebbels und Hitler ergeben, mit Herz und Hand und Verstand, ehe sie einem der beiden auch nur direkt in die Augen geblickt hätte. Ihr hatte es genügt zu erleben, wie die Masse sich von diesen beiden Volkstribunen mitreißen ließ. Magdas Libido reagierte auf öffentlich erkennbares Charisma, auf die Ausstrahlung von Männern, die Macht über Menschen besitzen.

Schon die erste Liebe des Teenagers Magda Friedländer galt einer Führerfigur. Witalij (später: Victor, danach: Chaim) Arlosoroff (siehe Seite 214) wurde 1899 im ukrainischen Romny geboren. Sein Großvater war ein bekannter Rabbiner. In einer Zeit der Pogrome floh die Familie nach Königsberg, dann nach Berlin. Arlosoroff ging aufs Werner-Siemens-Realgymnasium, fing Feuer für die deutsche Literatur, wollte sich mit 15, als Sofortpatriot, zum Kriegsdienst an die Front melden. Da ihm das zu seinem Glück verwehrt wurde, wandte er sich dem Zionismus zu, gründete die Jugendgruppe "Tikwat Zion".

Magda Friedländer, vor Kriegsbeginn noch fromme Klosterschülerin in Belgien, mutierte in Arlosoroffs Nähe zur glühenden Zionistin. Mutter Auguste bereitete gern koschere Mahlzeiten, wenn Magda aus dem Kollmorgenschen Lyzeum in der Keithstraße ihre beste Freundin Lisa mit nach Hause brachte: Victors Schwester.

So wurde das blonde Schicksele in die zionistische Gruppe aufgenommen, die nach Art der deutschen Wandervögel für freie Natur, fürs Übernachten im Heu und für Liedgesang am Lagerfeuer schwärmte. Magda trug ein goldenes Kettchen mit dem Davidstern um den Hals, das ihr der geliebte Victor geschenkt hatte.

"Wenn der reiche Günther Quandt nicht gekommen wäre, würde sie jetzt vor einem Kibbuz in Palästina Wache stehen, Gewehr geschultert und eine Losung aus dem Alten Testament auf den Lippen", notierte 1932 die Reporterin Bella Fromm bissig in ihrem Tagebuch, das sie später im US-Exil veröffentlichte. Sie hatte gerade auf einem Nazi-Ball die hinreißend elegante Madame Goebbels erblickt. Und der französische Botschafter André François-Poncet hatte gemurmelt: "Nie habe ich bei einer Frau so eiskalte Augen gesehen."

Doch es war natürlich nicht so, dass der Krösus Quandt die 18-jährige Magda Friedländer bei Tikwat Zion abgeworben hätte. Vielmehr hatte Arlosoroff, nun Student beim Nationalökonomen Werner Sombart, sich 1919 der Medizinstudentin Gerda Luft zugewandt, die von ihm bald ein Kind erwartete. Magdas Führer-Freund war an eine andere geraten, die in Palästina weniger fremd wirken würde als sie. Damit ging Magda Friedländers zionistische Phase blitzartig zu Ende.

Der Großindustrielle Günther Quandt trat gleich danach in ihr Leben (oder sie in das seine): fast romantisch, auf einer Bahnfahrt. Nach dem Abitur hatte Magda keine Lust auf ein Studium, sondern war an Tapetenwechsel interessiert: raus aus dem jüdischen Flüchtlingsmilieu, aus der kargen Wohnung des Kellners Friedländer mit seiner kriselnden Ehe, rein in ein feines Internat, wo sich Anschluss an großbürgerliche Kreise bieten mochte. Oskar Ritschel, Augustes früherer Mann, finanzierte das gern.

Während der langen Bahnfahrt nach Goslar, ins Mädchenpensionat, öffnete sich im total überfüllten Zug die Tür eines reservierten Abteils erster Klasse, und die junge Schönheit wurde hineingebeten. Für eine Möchtegern-Aufsteigerin muss es ein märchenhaftes Ereignis gewesen sein wie ein Volltreffer im Lotto.

Der massige, wohlerzogene Herr mit der frühen Glatze, dem Strahleblick und den komischen Sardellen besaß unverkennbar die Aura der Macht: Günther Quandt, 38, hatte im Ersten Weltkrieg die dahingeschlachteten Millionenheere des Kaisers immer aufs Neue mit Uniformen ausgestattet. Er war einer der reichsten Männer Europas, seit einem Jahr auch Witwer.

Besonders in der Verelendung der deutschen Nachkriegsjahre bot Magdas neue Existenz an der Seite Quandts einen monarchischen Abstand vom wirklichen Leben. Wenn das Paar nach Paris oder London reiste, wurde die riesige rote Maybach-Limousine benutzt, die überall Aufsehen erregte. Auch nach New York musste das Fabel-Fahrzeug mit verschifft werden, und in ihm ging es von den Niagara-Fällen bis Florida und hinunter nach Mexiko.

Aber die Ehe war ein Desaster. Magdas Mutterpflichten gegenüber dem gemeinsamen Sohn Harald und den übrigen Kindern Quandts konnten die Absenz und das mangelnde Feingefühl des Tycoons nicht kompensieren. Auch ein Rückgriff auf Arlosoroff endete ernüchternd: Chaim war 1924 dabei, mit Familie nach Palästina auszuwandern. Beim Abschied konnte Magda nur noch traurig ihrer jüdischen Jugendzeit nachwinken.

1928 war sie am Ende ihrer Geduld. Ein Liebhaber musste her, ein skandalöses Verhältnis, um den Hinauswurf und eine Scheidung zu provozieren. Derweil verschaffte sich Magda noch einmal Zugang zur Quandt-Villa und stahl kompromittierende Briefe, die der protestantische Großbürger von Frauenzimmern niedrigeren Standes erhalten hatte.

So wird Magda, obwohl schuldig, abgefunden. Quandt ist kulant: Eine Monatsrente von fast 4000 Reichsmark, weitere 50 000 zur Einrichtung ihrer Wohnung am Reichskanzlerplatz, ein Depot von 20 000 für Krankheitsfälle und freie Benutzung des Quandtschen Gutes Severin.

Magda führt in Berlin nun das Leben einer Hollywood-Figur, spielt die amüsiersüchtige Gay Divorcee - und langweilt sich. Auf der Suche nach Lebenssinn landet sie im Sommer 1930 im Berliner Sportpalast, wo Hitler und Goebbels auftreten. Auf beide wird die geschiedene Quandt sich nun energisch zu bewegen.

Der erste Schritt war schnell getan. Am 1. September 1930, kurz nach ihrem Sportpalast-Erlebnis, trat Magda Quandt in "die Partei" ein. Die wurde schon damals von den Nazis so genannt: mit Weitblick, denn bald würde es nur noch diese eine geben.

War auch Magda hellsichtig? Nur zwei Wochen nachdem sie selbst "Pg." geworden war, konnten die Parteigenossen der NSDAP ihren bis dahin unfassbaren Sieg feiern: Von 2,6 Prozent der Stimmen bei der Reichstagswahl von 1928 stiegen die Nationalsozialisten in zwei Jahren auf 18,3 Prozent auf, aus ihren 12 Sitzen im Reichstag wurden am 14. September 1930 mit einem Schlag 107 Mandate.

Es rechnete sich, dass Hitler seit Monaten staatsmännisch auftrat. Nicht nur hatte er, um das Bürgertum nicht zu schrecken, die übelsten antisemitischen Ausfälle unterlassen; die Juden kamen in seinen Wahlkampfreden kaum noch vor. Die vor kurzem übel beleumdete Nazi-Partei hatte dank der Weltwirtschaftskrise ihren Wähleranteil verachtfacht, war in zwei Jahren vom Sektiererhaufen zur Volkspartei aufgestiegen: zur zweitstärksten politischen Kraft in Deutschland nach der Sozialdemokratie.

Ein Wunder. Hitler jubelte. Die Demokratie, die Republik war tödlich bedroht.

In ihrem sportlichen Wanderer-Cabrio kurvte die 28-jährige Magda Quandt nach der Reichstagswahl durch ein verändertes Berlin. Sie suchte Anschluss an die künftigen Herrscher Deutschlands. Doch irrte sie sich erst in der Adresse: in der Ortsgruppe Berlin-Westend, wo der feinen Dame gleich die Leitung der NS-Frauenschaftsgruppe angeboten wurde, durfte Magda vor Hausmeisterfrauen reden, die in ihr den Klassenfeind witterten.

Schließlich parkt Magda ihren Wanderer aber doch vor der richtigen Adresse. Hedemannstraße: Da hat der junge Gauleiter Goebbels sein Hauptquartier, da vermag sich eine attraktive Parteigenossin, die mehrere Fremdsprachen spricht, leicht Zutritt zu verschaffen, um ehrenamtlich im Zeitungsarchiv zu schnipseln. Dann ist es nur noch eine Frage von Tagen, bis sie im Treppenhaus dem Chef begegnet. Und es mag sich so abgespielt haben, wie Magdas Mutter es die "Schwäbische Illustrierte" schildern ließ:

"Beide blickten sich nur einen Moment in die Augen, und - so lachhaft es klingen mag - in diesem Sekundenbruchteil zündete der Funke. Goebbels blieb verblüfft stehen. ,Donnerwetter, Schimmelmann'', sagte er (zu seinem Sekretär, einem Grafen Schimmelmann), ,wer war denn das? Tolle Frau!'' Dann stieg er hinauf in sein kärgliches Arbeitszimmer."

Klar, dass der Gauleiter die Magda Quandt unter seine Fittiche nahm, sie mit dem Aufbau seines "Geheimarchivs" beauftragte und nicht umhin konnte, sie "mit den Augen zu verschlingen", wie Mutter Auguste von ihrer atemlosen Tochter erfuhr: "Ich meinte, ich müsse unter diesem zupackenden Blick verbrennen."

Goebbels selbst, der manische Tagebuch-Schreiber, notierte im November 1930: "Gestern nachmittag war die schöne Frau Quandt bei mir und hat geholfen beim Aussortieren von Fotos." Nach der Erinnerung ihrer Schwägerin Ello Quandt entwickelte Magda im Büro des berserkerhaft arbeitenden Goebbels "eine Art Mutterkomplex ihrem Chef gegenüber: Sie meinte, der arme Mann sei so schlecht gekleidet, weil sich keine Frau um ihn kümmerte".

Ob Parteigenossin Quandt ihm daraufhin eine Krawatte geschenkt hat, ist nicht überliefert, aber am 15. Februar 1931 kann Goebbels triumphierend seine Vollzugsmeldung ins Tagebuch hämmern: "Abends kommt Magda Quandt. Und bleibt sehr lange. Und blüht auf in einer berückenden blonden Süßigkeit. Wie bist Du meine Königin! (Dahinter setzt er in Klammern vielsagend die Nummer 1.) Eine schöne, schöne Frau! Heute gehe ich fast wie im Traum. So voll von gesättigtem Glück."

Spätere Eintragungen machen klar, dass Goebbels jeden Koitus penibel mit einer Nummer versieht: "... und abends kam Magda, die liebe. Noch etwas Erziehung an mir und an ihr, dann passen wir fabelhaft zusammen. (4, 5). Ich werde nun die Frauengeschichten lassen und mich einer einzigen zuneigen. Das Leben ist doch schön, o Königin!" Und eine Woche später: "Am Abend kam Magda.

Schön und lieb und strahlend. Sie war gut zu mir. (6, 7)."

Bald ist die Blondine für Goebbels mehr als eine vornehme Parteigenossin, mit der er nach Nummern kopuliert. Magda Quandt, die als junge Respektsperson wirkt und Vertrauen einflößt, übernimmt in Goebbels'' Auftrag eine delikate Mission für Führer und Vaterland. Als der Österreicher Adolf Hitler dringend die deutsche Staatsbürgerschaft braucht, wird die 29-Jährige im Oktober 1931 mehrmals nach Braunschweig geschickt. Sie betreibt dort die Bewerbung Hitlers um die Stellung eines Regierungsrats, die der Aufsteiger bei der Berliner Vertretung des damaligen Landes Braunschweig einnehmen möchte. Erst durch die Erlangung dieses Scheinpostens wird der spätere Reichskanzler Hitler im Februar 1932 Deutscher - und wählbar.

Magda Quandt und Adolf Hitler begegnen einander erstmals im Oktober 1931 beim Tee im Hotel Kaiserhof. Anscheinend führte Magda das zufällig wirkende Treffen herbei, indem sie ihren neunjährigen Sohn Harald in einer selbst geschneiderten Hitlerjungen-Uniform vorschickte. Wie ihr Auftauchen in der Nazi-Gauleitung im Jahr davor dazu diente, ein Verhältnis mit Goebbels anzubahnen, so suchte Magda nun Hitlers Nähe für eine Eroberung anderer Art - wieder mit durchschlagendem Erfolg.

Erst vor ein paar Wochen war in Hitlers Münchner Wohnung der Leichnam seiner Nichte Geli Raubal, 23, aufgefunden worden. Sie hatte sich offenbar, verzweifelt über den Besitz ergreifenden, eifersüchtigen Onkel, mit dessen Walther-Pistole erschossen. Damit war das einzige Verhältnis in Hitlers Leben, das einer Liebesbeziehung nahe kam, abrupt zu Ende. Nun begegnete der traumatisierte Führer unverhofft einer jungen Frau, die ihn für den erlittenen Verlust entschädigen könnte.

Jung mochte Magda wohl sein, aber das ist nicht der Punkt. Auf allen Fotos seit der Begegnung mit Quandt wirkt sie elegant, gepflegt, damenhaft, manchmal schön - aber nie so jung, wie es ihrem Alter entspräche. Das muss immer so gewesen sein; bei der Erstkommunion der 11-jährigen Klosterschülerin im belgischen Vilvoorde riefen Zuschauer erstaunt: "Comme une fiancée!" - wie eine Braut sehe sie aus.

Es mag also eher die Reife in diesem stets beherrschten Gesicht mit der fein geschwungenen Nase und den übergroßen blauen Augen gewesen sein, die Hitler beim Teetrinken so beeindruckte. Hinterher sagte er zu seinem Berater, Generalmajor a. D. Otto Wagener: Er habe geglaubt, nach dem Tod Geli Raubals bestimmte "Gefühle mit ihrem Sarg beerdigt zu haben. Heute umfangen sie mich völlig überraschend, aber mit großer Gewalt aufs Neue." Und Tage später: "Diese Frau könnte in meinem Leben eine große Rolle spielen, auch ohne dass ich mit ihr verheiratet wäre." Er brauchte sie ja nicht für die "bestimmten Zwecke", die bald in die Zuständigkeit Eva Brauns fallen würden: Verehrung und Sexualität schlossen sich bei Hitler gegenseitig aus.

Die Wunschmaid und ihr Sinnstifter - so lässt sich das Verhältnis zwischen der Vorzeigedame des Dritten Reichs und Hitler definieren. Langeweile und Melancholie bei der jungen Geschiedenen wurden, wie von Prinz Auwi vorausgesehen, prompt durch den Nazi-Geist kuriert. In Hitler und Goebbels hat Magda gleich zwei Liebesobjekte, die in das Zentrum der Macht vorrücken und ihr die vollkommene Identifizierung mit dem Regime ermöglichen.

Mit den materiellen Bedürfnissen der verwöhnten Frau Quandt lässt sich das Engagement für die Nazis vereinbaren. Als ihre Mutter sie 1931 kurz vor der Hochzeit mit Goebbels darauf aufmerksam macht, wie wenig der Gauleiter verdiene und wie viel Magda durch heiratsbedingten Verzicht auf die Zuwendungen ihres früheren Mannes verlieren würde, antwortete die Tochter mit schneidender Logik: "Entweder verschlingt uns der Kommunismus, oder wir werden nationalsozialistisch. Sollte die rote Fahne über Berlin wehen, gibt es keinen Kapitalismus mehr, und meine Rente von Quandt entfällt. Sollte aber Hitlers Bewegung zur Macht gelangen, bin ich eine der ersten Frauen Deutschlands."

Um nicht zu sagen: die Erste Frau. Als solche wird sie auftreten und ihre Person - später sogar ihre Kinder - in den Dienst der Nazi-Propaganda stellen. Nach der "Machtergreifung" ist es Magda Goebbels, die am Muttertag im gleichgeschalteten Rundfunk zu den Frauen spricht. Bei der Vergabe des Mutterkreuzes an zeugungsfrohe Volksgenossinnen spielt Magda den Schiedsrichter: Sie kann ihr Veto einlegen wegen liederlichen Lebenswandels oder Spuren jüdischer Herkunft.

Später wird mit Hilfe der Familie Goebbels ein Propagandafilm entstehen, der dem Volk die Euthanasie - Ausmerzung von "menschlichem Ballast" - schmackhaft machen soll: Da wird, sehr unappetitlich, ein geistig Behinderter vorgeführt, und im Gegenbild werden hübsche blonde Kinder gezeigt, deren Existenz vom ekligen "Lebensunwerten" bedroht ist. Magdas Kinder sind es, die ahnungslos im volkspädagogischen Machwerk mitwirken.

Zur Paradefrau des Regimes ist Frau Reichsminister nicht zuletzt wegen der Kinder prädestiniert - weil sie Glamour glückhaft mit Gebärfreude verbindet. Die sechs Prachtkinder, die sie Goebbels schenkt - Helga und Hilde, Hedda und Heide, Helmut und Holde - veredeln auch ihn, norden den dunklen Schrumpfgermanen rückwirkend auf. Und den Volksgenossinnen in Großdeutschlands Gauen wird durch Magda und ihre Kinder weithin sichtbar eine elementare soziale Botschaft vermittelt: dass es schick und ehrenvoll ist, für Führer und Vaterland zu gebären.

Was Goebbels an Magda - und an jeder Frau - zutiefst beglückte, war die Überwindung der ästhetischen Vorbehalte ihm gegenüber. Sein verkümmertes rechtes Bein, durch Knochenmarkschaden fünf Zentimeter kürzer als das linke, und der daraus entstandene Klumpfuß machten ihn zu einem humpelnden Krüppel. Jede Eroberung einer Frau stellte, von den damit verbundenen Annehmlichkeiten abgesehen, einen Triumph über sein Gebrechen dar. Und Goebbels vertrug es schlecht, wenn der Triumph ausblieb oder getrübt wurde.

1922 kam es mit seiner späteren Verlobten Else Janke zu einem Wortwechsel über seine Behinderung, bei dem die junge Lehrerin ihm eröffnete, dass ihre Mutter Jüdin sei. Die Beziehung wurde fortgesetzt, doch Goebbels vermerkte im Tagebuch, der "ursprüngliche Zauber" sei nun dahin. Sein wachsender Antisemitismus belastete die Beziehung - aber zu Ende ging das Verhältnis zur "Halbjüdin" Else Janke erst 1926, kurz bevor Hitler seinen rheinischen Adlatus Goebbels zum Gauleiter von Berlin bestellte.

Sein Tagebuch-Vorsatz (nach einer der ersten Nächte mit Magda), die "Frauengeschichten zu lassen und mich einer einzigen zuzuneigen", hat nicht lange gehalten. Mit der Kontrolle über die deutsche Filmindustrie eröffneten sich dem liebessüchtigen Propagandachef unbegrenzte Chancen, über seine Behinderung zu triumphieren. Ein "Besetzungs-Sofa", wie es manchem Hollywood-Mogul zugeschrieben wird, hatte Goebbels allemal: Der "Bock von Babelsberg" vergab kaum eine Sternchen-Rolle ohne erotische Gegenleistung.

Für die jahrelang duldende Lady Magda wurde die Lage unhaltbar, als der Reichsminister einer Frau von ungewöhnlicher Schönheit verfiel: Lída Baarová war 22, aber kein Starlet. In Prag hatte sie mit 17 als "Madla aus der Ziegelei" eine tschechische Legendengestalt geschaffen. Trotz schnulziger Ufa-Rollen winkten der Baarová in Babelsberg bereits Offerten aus Hollywood.

Nur, die Affäre mit Goebbels sprengte alle Spielregeln und Maßstäbe. Der Machtmensch "hat mich so sehr geliebt, dass ich seiner Liebe verfallen bin", gestand die alte Diva ein halbes Jahrhundert später. Aber Magda wehrte sich gegen die von ihrem "Jupp" angestrebte Dreierbeziehung mit einer Verschlagenheit, die schon fast an Hitler erinnerte. An den wandte sie sich nämlich, damit er, Wotan gleich, unerbittlich ins menschliche Treiben eingreife.

Prompt erklärte der Führer den Ehekrach im Hause Goebbels zur Chefsache, verhängte ein Scheidungsverbot aus Staatsräson, bestellte das Paar auf den Berghof und ließ die Zwangsversöhnung auch noch filmen. Hinterher eine Aufnahme von abstoßendem Kitsch: Magda tritt mit ihrem Kleinsten auf und fragt es vor laufender Kamera: "Ist jetzt der Papa wieder ganz lieb?" Antwort: "Jaaa, isser."

Die unerschöpfliche Neugier der Nachwelt hat nach einem halben Jahrhundert ein komplexes Bild dieser Frau entstehen lassen. Mit der Romanbiografie von Anja Klabunde, "Annäherung an ein Leben", und der ZDF-Dokumentation "Die Gefolgsfrau" von Peter Hartl und Anja Geist

trat manches, was Magda wohl im Hinterhof ihres Bewusstseins verscharrt hatte, ans Licht, und neue Abgründe wurden erkennbar.

Hier ist Frau Reichsminister Goebbels 1937, die einem "unsauberen Konkurrenzunternehmen" in der Berliner Modebranche das Handwerk legen will: "Abgesehen davon, dass ich es für unnazionalsozialistisch halte, einem arischen Betrieb Schaden erwachsen zu lassen", schreibt sie der Deutschen Arbeitsfront, "ist es mir persönlich unangenehm, in den Verdacht zu kommen, mich in einem jüdischen Modehaus einkleiden zu lassen."

Die ethnische Sauberfrau, die nicht mit jüdischen Kleidungsstücken in Berührung kommen will, hat solche und ähnliche Briefe oft und gern und "mit deutschem Gruß" zu Papier gebracht. Ist das dieselbe Magda, die ein Jahrzehnt lang gern Friedländer hieß und aus Liebe zu ihrem Chaim nach Palästina auswandern wollte?

Magdas "arische" Mutter Auguste Behrend hat nach 1945 bezeugt, dass ihr zweiter Ehemann Richard Friedländer - Jahrgang 1881, Beruf Kaufmann, Religion jüdisch - von der Tochter geliebt wurde. Wozu auch Grund bestand: Um Frau und Kind während des Ersten Weltkriegs durchzufüttern, schuftete der ruinierte Geschäftsmann Friedländer als Hilfskellner im feinen Eden-Hotel.

Und Friedländer kellnerte noch ein Vierteljahrhundert später, im radikal veränderten Deutschland. Kürzlich wurde ein Foto des Spätfünfzigers entdeckt. Es zeigt ihn bei der Ausübung seines Berufs in einem Berliner Tiergarten-Lokal: Todernst schaut Friedländer in die Kamera, sein grauer Schnurrbart hängt herunter, sein Blick wirkt erloschen. Das dürfte 1938 gewesen sein, kurz vor Buchenwald.

Denn dorthin, ins KZ, ist der früh gealterte Mann in jenem Sommer verschleppt worden. Bei Sklavenarbeit in den Steinbrüchen am Eppenberg wurde er innerhalb von sieben Monaten zu Tode geschunden: Er, "Jude Friedländer", abgelegter Adoptivvater der Ersten Frau im Staate, eine Art Stiefschwiegervater des Reichspropagandaministers.

Die "Endlösung der Judenfrage in Europa" wurde gegen Ende 1941 konkretisiert. Aber daran gearbeitet wurde schon früher: Friedländer gehörte zu den ersten Hunderten Holocaust-Opfern. Vier Monate bevor Goebbels den Staatsterror der "Reichskristallnacht" entfesselte, im Sommer 1938, wurden bereits Juden als "a/s" (arbeitsscheu) diskret ins KZ gesteckt. Noch diskreter kehrte Richard Friedländer 1939 von Buchenwald nach Berlin zurück: in einer Urne, per Nachnahme, gegen Zahlung von 93 Reichsmark.

Hat das Ehepaar Goebbels von der Verschleppung des jüdischen Ziehvaters, seinem qualvollen Ende gewusst? Sicher ist, dass Magdas jüdischer Hintergrund im Hause des Ministers ein panisch gehütetes Geheimnis war. In Goebbels'' Tagebüchern und Magdas Briefen finden sich nur Andeutungen. Mochte das Paar vom Schicksal des Stiefvaters nichts bemerkt haben: Friedländers definitives Verschwinden, spurlos zunächst, als hätte es ihn nie gegeben, war gewiss erwünscht.

Magdas Herkunft gibt heute noch Rätsel auf. 1908, als das Kind sechs war, wurde Mutter Auguste Behrend, 28, in Brüssel von Richard Friedländer, 27, geheiratet. Ein ungewöhnlicher Trauzeuge fand sich ein: Oskar Ritschel, 36, Unternehmer, bis 1904 Augustes erster Ehemann.

Ingenieur Ritschel hatte Auguste geheiratet, kurz nachdem das Baby Magda "ledig" auf die Welt gekommen war. Aber er hat das Kind, als dessen Vater er gilt, damals nicht als eigenes anerkannt. Warum legitimierte Ritschel sein Verhältnis zur sozial tiefer stehenden Auguste, wenn er dem angeblich gemeinsamen Kind nicht seinen Namen geben wollte?

Während der kurzen Ehe muss Ritschel das Kleine lieb gewonnen haben: Als Auguste nach der Scheidung allein in Berlin lebte, entlockte er ihr die fünfjährige Magda und übertrug ihre Erziehung belgischen Nonnen. Nach der von Ritschel begünstigten Eheschließung Augustes mit Friedländer wuchs Magda nahe den Eltern, doch in frommem Milieu auf: Bei den Ursulinen von "Virgo Fidelis" erhielt das Kind eine katholische, musisch und fremdsprachlich exzellente Erziehung.

Der Verdacht, dass Friedländer nicht nur Magdas Adoptivvater war, sondern ihr biologischer Urheber, liegt nahe. Im Dezember 1931, als die blonde Braut vom strahlenden Gauleiter durch ein Spalier gestreckter Grußarme zum Altar geführt wurde (hinter beiden, mit schwarzem Schlapphut: Trauzeuge Adolf Hitler), stichelte das KPD-Blatt "Rote Fahne": "Dass Goebbels eine geborene Jüdin heiratet, sei des Vergnügens wegen festgehalten."

Unsicherheit über die eigene Herkunft- ständisch, religiös, ethnisch- war bei Nazis keine Seltenheit. Joseph Goebbels aus Rheydt bei Düsseldorf war der Sohn eines Laufburschen, der zum "Stehkragen-Proletarier" aufstieg und eine holländische Bauernmagd heiratete. Bester Freund im Hause war der jüdische Anwalt Josef Joseph. Von ihm soll der kleine Goebbels seinen Vornamen bekommen haben. Der hoch gebildete Dr. Joseph begeisterte den Schüler Goebbels für sein späteres Fach: Germanistik.

Hermann Göring war der Sohn des deutschen Generalkonsuls in Haiti und dessen 26 Jahre jüngerer Frau, einer bayerischen Bauerntochter. Aufgezogen wurde er vom steinreichen Geliebten der Mutter, Hermann Epenstein: einem jüdischen Arzt, in den Adelsstand erhoben, der auf seiner Burg Veldenstein bei Nürnberg den alten Germanen mimte. Göring floh vor diesem (womöglich auch leiblichen) Ziehvater in Internate und Kadettenanstalten. Aber Jahrzehnte später, in Carinhall, wies sein eigener Germanenfimmel auf den "nicht arischen" Ritter von Epenstei n zurück.

Nicht einmal der Führer, der von allen Deutschen den Ahnenpass verlangte, blieb vom Herkunftszweifel verschont. Wegen inzestnaher Zustände bei den Schicklgrubers und Matzelbergers, Pölzls und Hiedlers im niederösterreichischen Waldviertel wusste der Stammbaum-Fetischist Hitler nicht, wer der Vater seines Vaters war. Sollte sein Anwalt Hans Frank ihm die hartnäckige Mär verraten haben, dass die Großmutter Schicklgruber von einem "Grazer Juden Frankenberger" Alimente bezogen habe, dann litt Hitler womöglich unter falschem Selbstverdacht: Jener Frankenberger, so steht heute fest, existierte nicht.

Ihren jüdischen Adoptivvater hatte Magda schon abgelegt, la nge bevor Buchenwald denkbar wurde. 1920 bekannte Oskar Ritschel sich auf Bitten der 18-Jährigen als ihr legaler Vater. Bei der Heirat des preußischen Krösus Quandt durfte Magda nicht Friedländer heißen: Dem ordnungsliebenden Klan in Pritzwalk in der Prignitz, so die Erklärung, sei eine blutjunge Braut ohne richtigen Vater nicht zuzumuten.

Die fortgesetzte Verdrängung dieses peinlichen Verwandten wirkt wie eine Me-

tapher des deutschen Verrats an den Juden. Sogar bis in die Nazi-Hierarchie hinein konnten Familien-, Liebes- und Freundschaftsbande zu den Juden reichen, bevor die Selbstverstümmelung einsetzte. "Wir waren ein Fleisch", meint der ausgewanderte Psychologe Volker Elis Pilgrim im fernen Neuseeland.

In der vergilbten Korrespondenz des feinen "Salon Bèrthe", Kurfürstendamm 28, scheinen Duftreste konserviert - aus einer versunkenen Epoche, die längst nicht ausgestunken hat. "Mit deutschem Gruß und Hitler Heil" (selbst die Nazi-Formeln klingen bei Magda geziert) lässt die Frau Reichsminister ihre Putzmacher wissen, dass sie "einen grünen Samthut, einen schwarzen Turban und einen braunen Stoffhut mit Nerz" - macht 220 Reichsmark - zu ordern gewillt ist.

Bemerkenswert an dem Brief ist nur das Datum: 1. Februar 1945. Es macht aus der Hutbestellung ein Dokument des Aberwitzes. Hitlers Technokrat Albert Speer hat am Vortag seinem Führer gemeldet, dass die deutsche Kriegswirtschaft am Ende ist. Die Truppe erhält keinen Sprit, keine Munition mehr. Stalins Panzer rollen durch Oberschlesien, auf Berlin zu. Die Rote Armee hat die Mordfabriken von Auschwitz erreicht. In Aachen regieren bereits die Amerikaner. Vor der halb zerbombten Reichskanzlei parkt ein Tankwagen, der den braunen Machthabern noch die Benutzung der Toiletten ermöglicht.

Und doch dauert es nach der surrealen Hutbestellung noch zehn Wochen, ehe Magda die Kinder von der idyllischen Halbinsel Schwanenwerder im Wannsee - an dem längst die flüchtenden Elendsgestalten aus dem Osten vorüberziehen - zu ihrem Führer abkommandiert. An Hitlers Geburtstag, dem 20. April, überreichen die Kinder dem drogenabhängigen Wrack mit dem teigigen Gesicht ihre selbst gebastelten Geschenke - im Bunker, der in wenigen Tagen zum Club der Selbstmörder (und der Kindermörder) werden wird.

"Sie sind zu schade für das nach uns kommende Leben, und ein gnädiger Gott wird mich verstehen, wenn ich ihnen selbst die Erlösung geben werde", heißt es in einem Brief, den Harald Quandt von seiner Mutter aus dem Bunker erhalten haben soll. Ein Original des Briefes ist nicht greifbar, aber das falsche Pathos klingt völlig echt. Die "Erlösung" war eine Lüge: Die Frau Reichsminister muss ihrer 12-jährigen Tochter Helga die Blausäure-Ampulle mit Gewalt in den Rachen gedrückt haben.

Weinend kehrte Magda in den Hauptbunker zurück und hatte nichts mehr zu tun bis zur eigenen Selbstvergiftung. Sie legte Patiencen, rauchte Zigaretten; die Daseinsleere von früher war wieder da.

Auch Hitlers höchsteigenes Parteiabzeichen in Gold half da nicht mehr. Der Führer und Sinnstifter hatte es Magda geschenkt, bevor er sich die Kugel gab.

Carlos Widmann ist SPIEGEL-Reporter in Paris.

"Sie war eine der ersten Frauen, die die Nazi-Bewegung ''stubenrein'' gemacht haben für das konservative, gehobene Bürgertum."

Volker Elis Pilgrim in "Du kannst mich ruhig Frau Hitler nennen"

"Mein Vertrauen zu Magda ist erschüttert. Sie hat zu viel geliebt und mir immer nur bruchstückweise davon erzählt."

Joseph Goebbels (Tagebuch-Eintragung vom 27. Juli 1931)

"Meine Frau und meine Kinder sollen mich nicht überleben. Die Amerikaner würden sie nur abrichten, gegen mich Propaganda zu machen."

Joseph Goebbels (laut Albert Speer: "Memoiren")

* Inga Ley, Ehefrau des Leiters der Deutschen Arbeitsfront Robert Ley, an Bord des KdF-Schiffs "Robert Ley". * Am "Tag der Nationalen Solidarität" in Berlin. * Mit Adjutant Julius Schaub, Ende April 1945. Im nächsten Heft lesen Sie: Teil 22 WAS IST DEUTSCH? Zwölf Jahre NS-Herrschaft haben das Nationalgefühl der Deutschen beschädigt. Wie selbstbewusst darf das Land in der Mitte Europas heute sein?

DER SPIEGEL 39/2001
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