24.09.2001

LITERATURGelächter vor dem Untergang

Wilhelm Genazinos traurig-komischer Roman „Ein Regenschirm für diesen Tag“. Von Peter von Matt
Matt, 64, lebt als Schriftsteller und Hochschullehrer in der Nähe von Zürich; zuletzt erschien von ihm die Essay-Sammlung "Die tintenblauen Eidgenossen" (2001). -------------------------------------------------------------------
Auch Männer leiden. Und wie. Es gehört zur Tragik dieses weit verbreiteten Geschlechts, dass die Vielfalt seiner Leiden literarisch in Vergessenheit geraten ist.
Die Männer gelten als Leidensverursacher. Das sind sie zweifellos auch, aber wie weh es ihnen dabei ums Herz sein kann, übersieht ein zur Parteilichkeit neigendes, militant gynäkophiles Erzählen allzu leicht.
Denn wenn die Männer leiden, leiden sie nicht einfach so, sondern sie leiden überdies an der Tatsache, dass sie leiden. Leiden widerspricht nämlich ihrer Geschlechtsidentität, welche verlangt, dass sie Schmerzen verachten und sich wie die barocken Märtyrer lachend auf glühende Roste legen. Also leiden sie, wenn sie leiden, immer doppelt. Das soll ihnen einmal jemand nachmachen.
Wenn es einen Autor gibt, der dem öffentlichen Verblendungszusammenhang, was das Leiden der Männer betrifft, entschlossen und wissend entgegenarbeitet, ist es Wilhelm Genazino, 58.
Seit seiner herrlichen "Abschaffel"-Trilogie aus den späten siebziger Jahren hat er die
literarische Erkundung der Kleinstformen männlicher Lebensnot unentwegt erweitert und verfeinert.
Alle seine Männer leiden, aber wie vielfältig! Alle seine Männer blasen Trübsal, aber auf welch silbernen Flöten! Man liest und fühlt mit und wird dabei heiter und leicht. Das war einst der Effekt großer Komödien. Und in der Tat gibt es kaum einen subtileren Komödianten unter den heutigen Erzählern als Genazino. Im Witz und in der spielenden Ironie erinnert er an Robert Walser. Nur besitzen seine Figuren nicht dessen dämonische Freiheit. Ein Fuß steckt ihnen immer in der Schlinge, und wenn sie sich endlich daraus befreit haben, sehen sie, dass nun der Arm drin hängt.
Genazinos neues Buch "Ein Regenschirm für diesen Tag" liest sich zunächst wie eine psychologische Fallstudie*. Man erfährt, wie es in einem Mann aussieht, der nicht alt und doch nicht mehr jung ist, nicht kahl und doch nicht mehr vollmähnig, nicht krumm und doch nicht mehr ganz gerade und der an sich selbst zu tragen hat wie an einem Mühlstein. Man erfährt es in 1000 winzigen Einzelheiten.
Aber plötzlich, während man diesen Zustand mit mildem Interesse zur Kenntnis nimmt, tauchen Signale auf, dass es sich um mehr als nur einen Zustand, um etwas anderes als nur eine Fallstudie handeln könnte. Ein Prozess beginnt sich abzuzeichnen. Dieser Mann, der sich mit sich selbst schleppt und dabei am Ort zu treten scheint, ist in Wahrheit unterwegs. Ob er es selbst weiß, bleibt lange unklar. Aber als Leser erkennt man überrascht die Konturen eines novellistischen Ablaufs hinter dem statischen Psychogramm. Einer geht demnächst kaputt, oder er kommt demnächst davon. Viel Zeit bleibt ihm nicht. Entscheidung liegt in der Luft. Es wird spannend.
Auch die Kunstgriffe einer komödiantischen Dramaturgie werden nun sichtbar. Das beginnt schon mit dem Beruf des Mannes. Er testet Luxusschuhe und schreibt über jedes Paar ein Gutachten. Da er sonst so ziemlich abgebrannt ist, ergibt sich zwischen seinem Schuhwerk und seiner übrigen Existenz ein Standesunterschied von erlesenem Witz. Das kuriose Metier erinnert behutsam, aber unverkennbar an die ausgefallenen Berufe der lustigen Person in der Wiener Komödie: die Schirmflicker, die Barometermacher, die Vogelhändler.
Und auch die Handlung folgt einer Spielanlage kunstreicher Art. Der melancholische Schuhtester begegnet wie in einem Stationenstück fortlaufend alten Bekannten, meistens Frauen, aber auch einer noch verkrachteren männlichen Existenz, die ihm wortlos den eigenen drohenden Untergang vorlebt. Das seltsame Innenleben, das den Roman im Wesentlichen ausmacht, ereignet sich damit zugleich auf einer bunten Menschenbühne mit soziologisch scharf umrissenen Charakteren.
Die Frau, die viele Jahre mit ihm lebte, hat den Fachmann für Edelschuhe verlassen. Sie konnte es nicht mehr ertragen, dass dieser nicht das geringste Verlangen zeigte, den sozialen Rang seines Schuhwerks tatkräftig auch für seine ganze restliche Person anzustreben. Vielmehr lebte er, bekümmert zwar, aber nicht unangenehm, vom Geld dieser Frau. Dass sie ausgezogen ist, stürzt ihn in eine Krise auf Tod und Leben.
Man muss es so pathetisch sagen, weil der Roman die drohende Tragödie nur andeutet. Das Problem ist für den Mann aber nicht das Geld, das Problem ist die ganze Welt. Nicht mehr und nicht weniger. Und das macht die Komödie vom melancholischen Schuhtester zu einem Stück großartiger Philosophie.
Der Mann gerät in einen Zustand, wo er immerzu so grundsätzlich denken muss, wie die Philosophie es aus Freiheit tut, wenn sie Lust dazu hat. Er wird zum Zwangsdenker. Jede Kleinigkeit löst eine Reflexion aus, die aber nicht zu einem Resultat führt, sondern zu einer weiteren Reflexion über diese Reflexion selbst.
Dadurch gerät die Ordnung der Dinge durcheinander. Denn alles wird gleich wichtig und gleich belanglos. Und weil er so konsequent ist in seinem arbeitenden Gehirn, erscheint er auch sich selbst zunehmend belangloser. Er merkt, wie er sich langsam aus den Händen rutscht. Er spürt, dass er auf einen Kollaps zutreibt, vielleicht verrückt wird, vielleicht anderswie verkommt.
Nun beginnt er, große trockene Blätter zu sammeln. Die will er im Zimmer Lisas, der Verlorenen, ausbreiten, um rauschend und scharrend durch die Blätter waten zu können wie einst als Junge im Herbst. Das ist das Krisensymptom. Damit kippt er aus der Normalität. Aber dieses Krisensymptom ist auch der Beweis, dass es ihm gar nicht um die ganze Welt geht, wie er in seinem Denkzwang meint, sondern einzig und allein um die Liebe.
Der Mann, der sich einredet, keine neue Liebesgeschichte zu wollen, und der erklärt: "Ich kann die Sätze nicht mehr sagen und nicht mehr hören, die im Verlauf einer Liebesaffäre ausgesprochen werden müssen" - dieser Mann will doch nur eines: Liebe. Dass er sie zuletzt tatsächlich findet, ist das Wunder dieses geheimnisreichen Buches.
Ja, er wird gerettet, er kommt davon, er findet sich am Ende in einem guten gemeinsamen Bett. Schon dass Genazino den Mut zu dieser Kurve hat, beweist ihn als großen Autor, mehr noch die Tatsache, dass er das gute Ende so spielend zu motivieren weiß, als wäre es nicht das Schwierigste, was es in der Literatur heute gibt.
Ein in langen Jahren erprobter Erzähler ist hier am Werk. Er hat eine Leichtigkeit erreicht, mit der er auch die schwere Not hintuschen kann, als wäre es auf japanisches Papier. Und wenn es um das konkrete Liebeshandwerk geht, das Zusammenfinden der Körper, gelingt es ihm, alles ganz deutlich und drastisch zu beschreiben und dabei doch einen rührenden Takt zu wahren, eine noble Diskretion gerade dort, wo jede Diskretion aufgehoben scheint.
Es gibt nicht viele, die das können. Dass Genazino es kann, hängt damit zusammen, dass er die Liebe ernst nimmt und sie zu den Chancen des Lebens rechnet, die man wahrnehmen oder vertun kann. Dieser Gedanke ist nicht das Einzige, was bei diesem Erzähler an Tschechow erinnert. Auch die Verbindung von Trauer und Witz, das Ineinander von Not und Gelächter, das zugleich von Sinn und Absurdität gemahnt an den Russen. Und nicht zuletzt ist es die Fähigkeit, das Entscheidende allein durch zeichenhafte Vorgänge auszusprechen.
Niemand, der dieses Buch liest, wird den Schluss vergessen. Da baut sich ein kleiner Junge auf einem Balkon eine Höhle aus hängenden Wolldecken. Langsam und umständlich richtet er sich ein und wird dabei vom Romanhelden beobachtet. Unten tobt ein Event mit Fressbuden und Laser-Show. Der Junge bleibt davon völlig unberührt. Über einem unabsehbaren Wirrwarr erschafft er sich seinen eigenen Ort, einen stillen Raum, der ihm allein gehört.
Dem Mann, der ihm zuschaut, will es scheinen, als sei der Junge der Engel, der ihn gerettet hat.
* Wilhelm Genazino: "Ein Regenschirm für diesen Tag". Carl Hanser Verlag, München; 176 Seiten; 35 Mark.
Von Peter von Matt

DER SPIEGEL 39/2001
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