Von Brinkbäumer, Klaus; Follath, Erich; Ihlau, Olaf; Latsch, Gunther; Mascolo, Georg
Es war ein sonniger Morgen, oder wie es im Leitfaden für Selbstmordattentäter heißt: "Der Himmel lächelt, mein junger Sohn, denn du marschierst zum Himmel."
Es lässt sich heute nicht mehr klären, wie genau Mohammed Atta, 33, Stadtplaner aus Kairo, ehemaliger Student der Technischen Universität Hamburg-Harburg, den Anweisungen des spirituellen Leitfadens für Selbstmordattentäter gefolgt ist. Aber Atta war ein artiger Terrorist. Zu vermuten ist, dass er jedes Wort aufgesaugt und als Weisung Gottes verstanden hat. Wahrscheinlich also hat er gehorcht, Befehl für Befehl. Wäre er sonst zu dieser Tat fähig gewesen?
Den Abend und die Nacht verbrachte Atta im "South Portland Comfort Inn", Zimmer 232. Was tut ein Massenmörder am Abend vor dem Massenmord? "Du solltest rezitieren, dass du für Gott stirbst. Rasiere das gesamte überflüssige Haar von deinem Körper, parfümiere deinen Körper, und wasche deinen Körper", steht im Leitfaden für Selbstmordattentäter.
Sollte Atta schlecht geschlafen haben, so wusste sein kleines Brevier Rat: "Stehe in der Nacht auf, und bete für den Sieg, dann wird Gott alles leicht machen und dich beschützen." Hat Atta womöglich gezweifelt, hat er ein letztes Mal daran gedacht auszusteigen? Jetzt nicht schwach werden, lehrt der Leitfaden: "Öffne dein Herz, denn du bist nur einen kurzen Moment entfernt von dem guten, ewigen Leben voller positiver Werte in der Gesellschaft von Märtyrern." Vielleicht hat Mohammed Atta dieser eine Satz überzeugt, vermutlich aber musste er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr überzeugt werden.
Am Morgen des 11. September machte sich Atta schön. "Binde deine Schuhe sehr eng zu, und trage Socken" - natürlich. "Erinnere dich an dein Gepäck, die Kleidung, das Messer und die Dinge, die du brauchst" - eine Selbstverständlichkeit. Mohammed Atta nahm das Flugzeug von Portland im Bundesstaat Maine nach Boston, landete verspätet, rannte durch den Flughafen und erwischte die Boeing 767, Flug 011 der American Airlines.
Seine Boeing.
"Schlag sehr hart in das Genick", steht im Leitfaden für Selbstmordattentäter.
Härter ging es nicht: Atta steuerte die Boeing 767 gegen den nördlichen Turm des World Trade Center, und das war der Beginn jener Katastrophe, die die Welt verändert hat.
Es war ein Massenmord nach Dienstanweisung.
Denn jeder Schritt, jeder Gedanke, der für diese Tat nötig war, steht in jenem Papier, das Fahnder der amerikanischen Bundespolizei FBI schon kurz nach dem Anschlag beschlagnahmten. Das Schreiben (Wortlaut Seite 36) zeigt, wie sehr die Täter und jene Männer, welche die Täter auf ihre letzte Reise schickten, gehasst haben müssen: den Westen, die Weltwirtschaft, die Ungläubigen.
Das Ganze ist ein bizarrer, wütender, nach westlichem Verständnis schreiend selbstgerechter Text, ein Dokument des Wahns, ein Beweis jener Hybris, die man wohl braucht für ein solches Verbrechen. Und es ist ein erschütternder Text - wenn man vor Augen hat, was daraus wurde.
Dass das dreiseitige Papier samt Deckblatt erhalten ist, ist Zufall, sonst nichts. Attas Gepäck, eine Reisetasche, war in Boston nicht rechtzeitig umgeladen worden und blieb liegen. Eine Tasche wie viele andere, so schien es zunächst, Routine für den "Lost Luggage"-Schalter - bis das World Trade Center zusammenstürzte.
Ein paar Stunden nach dem Anschlag wurde die Tasche durchsucht, und neben Piloten-Uniformen und Flugvideos, notierte das FBI, sei auch ein "Abschiedsbrief" gefunden worden. Es war der erste Hinweis darauf, dass radikale Islamisten hinter dem Anschlag stecken könnten.
Darum hatten die US-Ermittler bereits kurz nach 22 Uhr an jenem 11. September eine erste Übersetzung aus dem Arabischen ins Englische gefertigt. Der Staatsschutz des Bundeskriminalamtes (BKA) in Meckenheim wurde eingeschaltet und erhielt den englischen Text, vermutlich auch eine Kopie des Originals. Eilig übertrugen die Ermittler den englischen Text ins Deutsche. Immer und immer wieder wurde seitdem Korrektur gelesen, um verborgene Hinweise zu finden.
Die Brisanz der Texte wurde bei den deutschen Behörden womöglich nicht gleich erkannt. Doch dann kursierten erste Abschriften der Übersetzungen unter Berliner Politikern, und in den Regierungszentralen schrillten die Alarmglocken.
Joschka Fischer erschauderte nach Lektüre der Märtyrerfibel auf der Regierungsbank: "Da schlägt die schreckliche Mentalität dieser Fanatiker voll durch." Es sei schlicht nicht zu begreifen, räsonierten Berater des Bundesaußenministers, wie Studenten aus bürgerlichem Milieu und mit viel versprechender Zukunft einem solchen religiösen Wahnsinn erliegen konnten.
Die Fischer-Truppe beschloss, das Pamphlet im Panzerschrank wegzuschließen. "Eine Veröffentlichung wäre unverantwortlich", befand Staatssekretär Gunter Pleuger, "dieser Text könnte anti-islamische Reaktionen und geradezu einen Kulturkampf hervorrufen." Aber ewig lässt sich ein solches Dokument nicht verstecken - am Donnerstag vergangener Woche fand es den Weg in die Öffentlichkeit.
Und es gibt noch einen Schlüssel zum Denken der Attentäter. In Attas Tasche wurde auch sein Testament gefunden, verfasst am 11. April 1996. Die 18 Punkte machen deutlich, wie streng, wie fundamentalistisch Atta dachte. "Weder schwangere Frauen noch unreine Personen sollen von mir Abschied nehmen - das lehne ich ab", hat Atta da notiert (Wortlaut Seite 32).
"Grauenhaft" findet diesen Text der Hamburger Islamwissenschaftler Gernot Rotter, denn "Atta muss einer pseudoreligiösen Gehirnwäsche unterworfen worden sein". Offensichtlich habe er sich der strengen sunnitischen Rechtsschule der Hanbaliten verpflichtet gefühlt, der herrschenden Lehrmeinung in Saudi-Arabien. Rotter: "Die Unreinheit von Frauen hat bei Atta psychopathische Züge angenommen."
Für die Ermittlungen ist die Dienstanweisung zum Mord im Namen Allahs bedeutender. "Dieser Brief war der letzte Kick, die Versicherung, dass die Leute wirklich bei der Stange bleiben", sagt ein Fahnder. Und der Brief gilt den Ermittlern als bisher bester Beleg dafür, dass Atta gezielt auf den Anschlag vorbereitet wurde - von jemandem, der ihn führte, motivierte, ausbildete, von jemandem also, der ihn am Ende so weit unter Kontrolle hatte, dass Atta alles tat, was ihm aufgetragen wurde.
Es muss ein älterer Mann gewesen sein, so viel scheint sicher. Ein Lehrer oder ein Verführer, einer, der mit Schmeicheleien, sanftem Druck oder Drohungen dafür sorgte, dass Atta und Kumpanen dabei blieben. Saß der, der diese Aufgabe übernahm, womöglich in Deutschland? Beim BKA weiß man, dass junge Leute "zumeist in Moscheen und Islamischen Zentren von alteingesessenen, islamistisch orientierten Muslimen für den Dschihad gewonnen und vermittelt wurden". Aber wer lenkte die Terroristen dann in Amerika? Oder war alles viel simpler, war Atta vielleicht schon im Nahen Osten geschult worden und seit Jahren so gefestigt, dass er ganz allein für den Zusammenhalt in der Gruppe sorgte?
Der Originalbrief liegt beim amerikanischen FBI. Alles, was die Kriminaltechnik zu bieten hat, wird nun an dem arabischen Schriftstück ausprobiert. Es geht um Fingerabdrücke, den Schrifttyp, die Herkunft des Papiers. Wo wurde es verkauft und wann? Die Antwort könnte immerhin klären, wo der Masterplan entworfen wurde. Eine Textanalyse durch Religionssachverständige soll nun weitere Hinweise auf den Regisseur des Massakers bringen.
Attas Verführer habe für sein Brevier nur besonders militante Koranverse herausgesucht, sagt Orientalist Rotter: "Er verliert kein Wort darüber, dass nur gegen ungläubige Angreifer gekämpft werden darf und nicht gegen Frauen und Kinder."
Einen Beweis für eine Rekrutierung Attas in Deutschland gibt es bisher nicht. Aber ebenso fehlt bisher jede Erkenntnis, dass er je eines der Ausbildungslager Bin Ladens besucht hat. Sein Verhalten allerdings erinnert Fahnder an das, was jenen Dschihadisten beigebracht wird, die keinen Verdacht erwecken dürfen: das elegante Auftreten eines Sohns aus gutem Hause, der sich so weltläufig, so westlich gibt, dass er sogar gegen die Regeln des Islams verstößt. Das ist erlaubt und erwünscht, wenn es den Feind täuscht - der Heilige Krieg heiligt viele Mittel.
Und dieser Krieg, das glauben Männer wie Atta, verspricht denjenigen die ewige Nähe Gottes, die die äußerste Waffe einsetzen, die gefährlichste von allen, jene Waffe nämlich, gegen die keine Strafverfolgung der Welt ankommt: die Vernichtung des eigenen Lebens mit dem Ziel größtmöglicher Zerstörung.
Nichts sonst ist derart destruktiv. Im Selbstmordattentäter, schreibt der Göttinger Soziologe Wolfgang Sofsky, "paaren sich kalte Courage mit schonungsloser Grausamkeit, bodenloser Hass mit Selbstlosigkeit". Und dann kommen wohl noch Größenwahn und ein schon krankhaftes Gottvertrauen hinzu.
"Furchtbar ist es zu töten", heißt es in der "Maßnahme" von Bertolt Brecht. "Aber nicht andere nur, auch uns töten wir, wenn es Not tut, da doch nur mit Gewalt diese tötende Welt zu ändern ist, wie jeder Lebende weiß." Die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin hatte den Text nach dem Selbstmord in ihrer Zelle hinterlassen - und dieser Satz wirkt heute wie das Leitmotiv aller Selbstmordattentäter.
Menschliche Bomben, die sich "Schahid" - im Dschihad gefallene Märtyrer - nennen, wurden im Nahost-Konflikt erstmals 1983 von der schiitischen Hisbollah-Miliz ("Partei Gottes") eingesetzt. Damals steuerte ein Gotteskrieger im Libanon seinen Pkw neben ein israelisches Militärfahrzeug und sprengte sich in die Luft; er war das Vorbild für eine neue Art von Kriegsführung.
Ein Jahrzehnt lang verfügte nur die Hisbollah über Kämpfer, die zu solchen Kamikaze-Aktionen bereit waren - dann sorgte eine Aktion israelischer Sicherheitsbehörden für eine Ausweitung der Kampfzone. Im Herbst 1992 wurden an einem einzigen Tag 415 Aktivisten der Hamas und des Islamischen Dschihad in den besetzten Gebieten festgenommen und mit Bussen in den Libanon abgeschoben.
Sie landeten in einem Lager im Grenzgebiet, wo sich schiitische Hisbollah-Milizen rührend kümmerten. Sie beschafften nicht nur Nahrung und Kleidung, sondern brachten den Deportierten auch die Philosophie des "Heiligen Krieges" nahe: Der Sieg ist wichtig, aber noch wichtiger ist das Märtyrertum. Nach einem Jahr durften die Hamas- und Dschihad-Aktivisten zurück in ihre Dörfer - und mit ihnen zog eine neue Form des Kampfes gegen Israel ein.
Anders als bei den Attentätern des 11. September handelt es sich bei den Schahid der Hamas und des Islamischen Dschihad überwiegend um Angehörige der Unterschicht - junge Männer im Alter zwischen 18 und 24 Jahren, unverheiratet, mit geringer Bildung und meist ohne Arbeit. Und auf einmal hatten sie eine - und zwar die edelste. "Du tust Arbeit, die Gott gefällig ist und die er segnet." So steht es in der Anleitung für den Massenmörder Atta. Und so ähnlich haben wohl auch die ersten muslimischen Selbstmordattentäter gedacht, die Assassinen.
Man könnte sie auch Attas Ahnen nennen.
Diese islamische Sekte befehligte ein geheimnisumwitterter Anführer aus einem versteckten Adlernest, immer nahe den Wolken, immer nahe bei Gott. Mal soll die Kommandozentrale im zerklüfteten Elburs Nordpersiens gelegen haben, mal im Massiv des syrischen Masjaf, mal im heutigen Afghanistan. Hassan Bin al-Sabah und Raschid al-Din Sinan hießen die berühmtesten Anführer; sie hielten sich der Legende nach für die einzig wahrhaften - und wehrhaften - Muslime. Dass sie selbst bei der Mehrheit ihrer Glaubensbrüder keinen Rückhalt finden konnten, störte die Berg-Herren nur wenig: Sie fühlten sich ja als Avantgarde.
Ihr Trupp zählte nie mehr als 60 000 Mann, und doch konnten die Gotteskrieger aus dem ismailitischen Zweig der Schiiten ab dem Ende des 11. Jahrhunderts die hochgerüsteten Reiche zwischen Mittelmeer und Euphrat fast 200 Jahre lang immer wieder mit ihren Aktionen terrorisieren. "Es war wohl ehrenhafter, den Mordanschlag selbst nicht zu überleben", sagt der britische Orientalist Bernard Lewis.
Im Drogenrausch und in Erwartung des Paradieses könnten Menschen solche Taten begehen, vermuteten ihre westlichen Feinde und malten sich - verruchter, verführerischer Orient! - Rauschgifthöhlen und Bordelle aus. Vieles entsprang der Phantasie, aber nicht alles: "Haschischi", Hasch-Konsumenten, lautete der arabische Name der Sekte, vermutlich nicht ohne Grund. "Assassin" machten die Kreuzritter daraus, und noch heute bezeichnet man im Französischen und Englischen mit diesem Wort "Meuchelmörder".
Schlimm genug, dass sie meuchelten; schwer fassbar, wie sie es taten: Ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben sollen die Gotteskrieger sich auf die Potentaten gestürzt haben. Sie töteten den Kalifen al-Amir in Kairo und den Herrscher al-Mustarschid in Bagdad - besessen von religiösem Wahn, verführt von einem charismatischen Möchtegern-Heiligen auf Erden.
Die Parallelen zu den Massenmördern von heute sind verblüffend: Auffallend sind der religiös verbrämte Hass gegen die Mächtigen und der Versuch, ihre Symbole zu treffen; die langfristige Unterwanderung der feindlichen Schaltzentralen als "Schläfer" und die bedingungslose Bereitschaft zu Mord und Selbstmord - und natürlich das Versteck eines geheimnisvollen Drahtziehers in einem unzugänglichen Terrain.
Osama Bin Laden: eine Art Reinkarnation des Alten vom Berge? Seine islamistische Terror-Internationale al-Qaida: Neuauflage eines mittelalterlichen Geheimbundes? Die Assassinen in der Literatur: genau studiertes Vorbild der Attentäter von Manhattan und Washington?
Zumindest eines ist klar: Bin Laden, 46, ist mit dem Koran und auch der Geschichte des Islam vertraut. "Schläfer", wie Mohammed Atta, haben sich in Arbeitskreisen mit allen Aspekten religiöser Vergangenheit vertraut zu machen versucht und womöglich auch das Standardwerk des Assassinen-Forschers Lewis gelesen. Atta wählte als Thema seiner (mit Bestnote bewerteten) Diplomarbeit ein Altstadt-Viertel von Aleppo - nirgendwo hatten die Assassinen in ihrer Hochzeit so viele Anhänger wie in dieser syrischen Stadt.
Lewis' Buch ist ein wissenschaftliches Werk. Unter den fanatischen Muslimen zirkuliert derzeit vor allem ein anderes Traktat: Said Ajubs "Der falsche Messias"; darin werden die ehemalige Sowjetunion und die USA, Hammer und Sichel und Sternenbanner, als Symbole Gottloser, die islamische Welt fremdbestimmender, zerstörungswürdiger Mächte betrachtet. Männer wie die Manhattan-Attentäter haben ein apokalyptisches, auf diesen Schriften beruhendes Weltbild. Und als Angehörige der "wahren Religion" fühlen sie sich allen anderen überlegen.
Koranstellen, die ihnen Recht zu geben scheinen, finden sich leicht. "Allah liebt diejenigen, die auf seinem Weg in Schlachtordnung kämpfen", heißt es in Sure 61. Und: "Siehe! Ich wurde mit dem Schwert geschickt (von Gott), bis die Stunde (des Jüngsten Gerichts) eintritt ... Erniedrigung sei denen, die gegen meine Sache stehen."
Doch Selbstmordattentate?
"Stürzt euch nicht mit eigenen Händen ins Verderben!", das steht auch im Koran. Leben und Sterben liegen in der Hand Gottes, selbst bei Schmerzen und medizinischer Hoffnungslosigkeit darf man sich kein Ende setzen: "Wer sich selbst durchbohrt, um sich zu töten, der wird sich in der Hölle durchbohren, und wer sich vom Berg stürzt, der wird sich in der Hölle im ewigen Fall befinden."
Politische Selbstmordattentate sind demnach unzulässig - und werden doch unter islamischen Gelehrten heftig diskutiert. Denn in Extremsituationen, so sagt eine Denkschule, wenn der Islam aufs Höchste gefährdet sei, wäre ein Märtyrertod zu rechtfertigen - gegen Besatzer, nicht gegen Zivilisten. Dabei basteln sich die Scharfmacher eine Hilfskonstruktion: Der ägyptische Gelehrte Jussuf al-Karadawi etwa, weigert sich in diesem Zusammenhang von "Selbstmordanschlägen" zu sprechen. Seiner Ansicht nach handelt es sich um "Operationen", die dazu dienen, Tyrannei und Unrecht einzuschränken. Der Täter ist seiner Interpretation nach ein Schahid, ein Märtyrer.
Und auch Osama Bin Laden hat seit jeher versucht, seinem Dschihad ein religiöses Fundament zu geben. Möglicherweise ist die Anleitung Attas ja sogar Teil des Manuskripts "America and the Third World War", an dem Bin Laden arbeitet und dessen Blätter bereits lose zirkulieren.
In seiner Deklaration von 1998 gegen die "Allianz von Kreuzzüglern und Juden" heißt es offen: "Alle Verbrechen und Sünden, die von den Amerikanern begangen wurden, sind eine offene Kriegserklärung an Gott, seinen Propheten und alle Muslime. Es wird bestimmt, dass es die persönliche Pflicht jedes Muslim ist, in jedem Land der Welt und wo immer möglich die Amerikaner und deren Alliierte zu töten."
Und darum kam der Ägypter Jussuf Nussajiw, wie Bin Laden ein Anhänger des Palästinensers Abdullah Azzam, auch zu jener These, die FBI-Beamte 1993 in seinem Notizbuch fanden: "Wir müssen die Feinde Gottes vollständig demoralisieren, indem wir die Türme zerstören, die die Säulen der Zivilisation sind - jene hohen Gebäude, auf die sie so stolz sind."
Wann Mohammed Atta, der Stadtplaner, die Türme des World Trade Center ins Visier genommen hat, ist noch immer unklar. Welcher Guru hat ihn eingefangen, wer konnte ihm einreden, dass er sein Leben opfern müsse, um belohnt zu werden?
Vor neun Jahren kam er aus Kairo an die TU Hamburg-Harburg, um Stadtplanung zu studieren. Atta, aufgewachsen in der Wohnung seines Vaters in Giseh (Seite 40), war selbst ein Anführer, sagen seine Freunde von einst - einer, der zu seiner Meinung stand, einer, der reden konnte. Osama Bin Laden und Saddam Hussein, das sagte Atta öfters, "schieben den Glauben vor und denken nur an sich selbst".
Atta sah stets feiner aus als westliche Studenten, denn er trug Halbschuhe, schwarze Bundfaltenhosen, Pullover, Lederjacke. Atta lebte gesünder als die anderen, denn er machte Kraftsport, trank nicht, rauchte nicht mal Wasserpfeife. Einziges Laster, nach westlichem Verständnis: Süßigkeiten, diese ägyptischen Zuckerspaghetti, Milchreis und Kekse. Der Kerl war angekommen im Westen, so sah es aus.
So sah es leider nur aus.
Denn von 1996 an erschien er seltener in der Uni. Er ließ sich einen Bart wachsen und "nahm orthodoxe Standpunkte ein", so sein Kommilitone Ralph B.; eine schöne Stadtplanerin, die er in Syrien kennen und ein wenig lieben gelernt hatte, stieß er am Ende doch wieder fort. "Sie trägt keinen Schleier, sie ist zu aufreizend, das ist nicht kompatibel mit meinem Glauben", verkündete Atta, nun Prediger der einzig guten, der ganz und gar gerechten Sache.
Vielleicht ist er seinem geheimnisumwitterten Mentor ja in Syrien begegnet, vielleicht in Ägypten, vielleicht aber auch in Hamburg. In einer Moschee am Steindamm beispielsweise trafen sich einige der Attentäter: Hier heiratete der flüchtige Said Bahaji, der weltweit gesuchte Ramzi Binalshibh war da, und auch die Attentäter Mohammed Atta und Marwan al-Shehhi kamen vorbei. Noch heute kursieren in Hamburg Videos, in denen heftig gehetzt wird: Die Beziehung von Muslimen zu Ungläubigen "ist die Beziehung von Schwert und Blut", brüllt ein Einpeitscher.
Und dann verließ Atta Hamburg, ging nach Florida, lernte fliegen. Sein Kumpel Shehhi habe stets wie ein Schatten von Atta gewirkt, sagen Zeugen. Atta habe das Wort geführt, Shehhi habe zugehört und das getan, was der andere sagte. Setzte sich Atta etwa in der "Hufman Aviation"-Flugschule in Venice an den Steuerknüppel, nahm Shehhi ganz selbstverständlich hinter ihm Platz.
Fast wäre Attas Flugausbildung gescheitert: Der Mann aus Ägypten widersetzte sich den Anweisungen seiner Ausbilder. Starts und Landungen interessierten ihn nicht, stattdessen verlangte er von den Fluglehrern, "flight controls" zu üben: scharfe Rechts- und Linkskurven. Am Ende kam Atta durch, und am 21. Dezember 2000 bestand er die Prüfung für den Berufspilotenschein CPL. Er hatte genug gelernt, und nur das Wissen über den großen Moment, das Inferno, das sein letzter Flug verursachen würde, fehlte ihm noch.
Dafür allerdings gab es eine ganz besondere Dienstanweisung. "Du wirst bemerken", steht dort geschrieben, "dass das Flugzeug anhalten und dann erneut fliegen wird. Dies ist die Stunde, in der du Gott treffen wirst." KLAUS BRINKBÄUMER,
ERICH FOLLATH, OLAF IHLAU,
GUNTHER LATSCH, GEORG MASCOLO
DER SPIEGEL 40/2001
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