01.10.2001

ATTENTÄTER„Das kann nur der Mossad“

Der liebe Sohn ein Massenmörder? Kein Vater mag das glauben. In Deutschland, Libanon und Ägypten stricken die Familien der mutmaßlichen Terroristen an Verschwörungstheorien.
Der Sohn war fleißig, strebsam, brav. "Er konnte nicht mal ein Huhn schlachten", sagt der Vater. Und der Sohn war verliebt. "Er hat sich eine Braut ausgesucht, sie wartete hier auf ihn", sagt der Vater.
Ein wunderbarer Sohn. Ein Sohn, der zusammen mit seinen Freunden ungefähr 7000 Menschen auf dem Gewissen hat?
Mohammed Atta senior hat nicht gesehen, wie Mohammed Atta junior, 33, den Flug American Airlines 011 in den nördlichen Turm des World Trade Center jagte. Er sah seinem Sohn nicht beim Selbstmord zu, er trank mit Freunden Kaffee an jenem Nachmittag, in Kairo, er sah die Bilder erst am Abend in den Nachrichten.
Er glaubt ihnen noch immer nicht.
"Die Juden waren''s", sagt er.
Vielleicht können sie einfach nicht fassen, was ihren Kindern, Neffen, Schwiegersöhnen vorgeworfen wird, vielleicht ist das alles zu groß, zu gewaltig, um mit dem Gedanken daran weiterleben zu können: Die Angehörigen jener mutmaßlichen Killer vom 11. September sind davon überzeugt, dass ihre Lieben nichts mit der Katastrophe zu tun haben. Wer mit ihnen spricht, staunt irgendwann darüber, dass sie so gar nicht trauern. Sie hassen. Und sie glauben tatsächlich, dass die Kinder Opfer einer Verwechslung sind - oder aber Opfer von Mordanschlägen, Opfer eines irrwitzigen Geheimdienstplans.
Jedenfalls Opfer und nie und nimmer Täter.
Die Familie Jarrah lebt im Bekaatal im Libanon. Ziads Vater Samir ist herzkrank, zeigt ein Foto seines Sohns, aber er mag nicht reden; das übernimmt Jamal Jarrah, Bankdirektor, Onkel des Attentäters und nun so etwas wie der Patriarch der geplagten Familie.
Ziad Jarrah, 26, soll am 11. September Flug United Airlines 093 gesteuert und mit der Maschine bei Pittsburgh auf einen Acker gestürzt sein. Aber der Onkel meint auch heute noch, dass Ziad in Deutschland nur studieren und in Amerika nur ein Praktikum machen wollte, dass er Mohammed Atta nicht gekannt habe, dass er zwar umgekommen, aber eben nur Passagier jener Boeing 757 gewesen sei.
"Wir haben uns alle sehr gefreut, als er uns mitteilte, dass er im Sommer 2002 mit seiner Freundin Aysel anlässlich seiner Hochzeit ein Fest geben wolle", sagt der Onkel. Noch am 9. September rief Ziad aus Florida an. Er habe die 750 Dollar, die sein Vater ihm schickte, erhalten, habe er gesagt.
Ein guter Sohn - wie Mohammed Atta. Kein Mörder. Wie sie alle.
Ihr Sohn Said, 26, könne gar kein Mörder sein, sagt Anneliese Bahaji, "er war ein liebes Kind".
Die Ermittler halten Said Bahaji für den Logistiker der Terrorgruppe - er soll Pässe und Wohnungen besorgt haben und nun, auf der Flucht, in Pakistan sein. Wegen Mordverdachts in "mindestens 5000 Fällen", so Generalbundesanwalt Kay Nehm, zählt Said Bahaji zu den meistgesuchten Menschen der Welt.
Das Vertrauen einer Mutter kann so etwas nicht erschüttern. Anneliese Bahaji wohnt in einem Zweifamilienhaus am Ende einer Sackgasse in Georgsmarienhütte bei Osnabrück. Wer klingelt, wird weggeschickt, Anrufe sind erlaubt. "Er ist zwar sehr gläubig, betet fünfmal am Tag und hält die Fastenzeiten ein", sagt sie am Telefon, "aber ein Fanatiker ist er nicht. Das widerspricht seinem Glauben."
Anneliese Bahaji glaubt fest an eine Verschwörung gegen ihren Sohn. Dass Saids E-Mail-Adresse in einem Rundschreiben radikaler Muslime auftaucht - da muss ihm einer Böses wollen, vermutet sie. Dass er in Hamburg regen Kontakt zu den Todespiloten hatte - bloßer Zufall, denn wegen des Wehrdienstes habe er aus dem Studentenwohnheim ausziehen müssen und sei halt bei Atta in der Marienstraße 54 in Hamburg-Harburg gelandet. "Irgendwohin mussten die Möbel ja", sagt die Mutter.
Ihr Sohn halte sich in Pakistan auf, weil er dort ein Praktikum mache. Telefonate nach Deutschland seien zu teuer, und das verstehe auch Saids Ehefrau Nese, die nun, für ein paar Wochen halt, allein mit dem Baby klarkommen muss.
"Wir glauben, dass jemand den Verdacht auf ihn lenken will", sagt die Mutter. Wer? Sie weiß es nicht. Sie weiß nur, "dass es Unsinn ist, was im Moment über ihn geschrieben wird". In 30 Tagen, wenn Said wie vereinbart heimkehre, "wird sich alles in Wohlgefallen auflösen".
Und darum wartet sie und wartet, und sie wartet nicht allein. Längst hat sich eine kleine Gemeinschaft von Gläubigen gebildet, von Menschen, die nun an Märtyrerlegenden und Verschwörungstheorien stricken.
Osman Kul, Saids Schwiegervater, meint zwar, der Junge "spinnt total mit seinem Glauben", aber "ein Terrorist ist er nicht"; ein Muslim töte nicht.
Und Mohammed Haydar Zammar, Trauzeuge Saids, 1,90 Meter groß und über 100 Kilogramm schwer, sitzt im Kaftan und mit Rauschebart in der Kantine einer Hamburger Moschee und glaubt, dass kein Mus-
lim an dem Anschlag beteiligt gewesen sein könne.
Schließlich hätten die Israelis mit ihrem Geheimdienst Mossad ein viel größeres Interesse an solch einem Attentat - nun könnten sie ungehindert die islamische Welt zerstören. "Oder warum waren ausgerechnet zu dem Zeitpunkt keine Juden im World Trade Center?", fragt er, auch wenn das schlichter Unsinn ist: Vermisst werden in New York auch 60 Israelis.
Was zählen Fakten, wenn man hasst? "Der Mossad kann so etwas, so etwas kann nur der Mossad", sagt Mohammed Atta senior, Vater des mutmaßlichen Piloten von Flug 011, ein Rechtsanwalt, der seine Kanzlei in diesen Tagen nicht mehr aufsucht.
Der Vater des mutmaßlichen Massenmörders ist meist daheim in Giseh bei Kairo, 11. Stock, Balkon zur Straße, 120 Quadratmeter, wo seine zwei Töchter weinen, nichts als weinen, jammern und schreien. Und manchmal sitzt er auf der Terrasse des "Nadi Sid", eines Schützenclubs in Kairo, und lässt den Mokka kalt werden und die Zigarette verglühen, Marke "Cleopatra", amerikanische Herstellung. Ständig fallen Schüsse, aber das sind bloß die Trainierenden des Clubs - Atta senior hört sie längst nicht mehr.
Er liest Zeitung, er sucht nach seinem Sohn. Er hat schwarze Finger vom Zeitunglesen und einen Kugelschreiber, der kaum noch schreibt, weil Atta senior jeden Satz über seinen Sohn unterstreicht.
Die Zeitungen sind voll von Atta junior.
"Sehen Sie hier", sagt der Vater und liest vor: "Ein junger Mensch von hervorragenden Qualitäten, dem jeder Extremismus fern lag. Er war ein ruhiger, nachdenklicher und fleißiger Student."
Atta senior hat die gleiche flache Nase wie der mutmaßliche Terrorist auf dem Foto, das um die Welt ging, aber weiße Haare und weiße Bartstoppeln.
Atta senior redet ohne Pausen, er ruft, er schwenkt den Zeigefinger, und Zwischenfragen interessieren ihn nicht. Er redet von seinem lieben Sohn, der "Osama Bin Laden hasst, wie man einen Menschen nur hassen kann"; von "Amerika, dem tumben Raufbold", der der Welt, damals in Libyen oder im Golfkrieg, "den Terrorismus gebracht hat"; von dem "unglaublichen Können, das ein Pilot braucht, um das Stahlkorsett des World Trade Center zu treffen wie ein Schütze einen Bleistift", einem Können also, das sein Sohn, der Stadtplaner, nie besessen habe; und er redet vom Mossad, immer wieder.
Und wer so redet, den interessieren auch Beweise nicht. Oder für den beweisen Beweise eben das Gegenteil. Die Gepäckstücke, der Pass, die Kreditkartenrechnungen, die Fotos vom Flughafen? Genau darum geht es ja: dass es aussieht, als seien es Muslime gewesen, dass der Mossad also die Amerikaner zum Kreuzzug triebe.
"Mein Sohn hat mich 24 Stunden und 48 Stunden nach dem Unglück angerufen, zweimal für je eine Minute", sagt der Vater. Was das bedeutet? "Er ist entführt worden. Die Leute vom Mossad haben ihn den Anruf machen lassen und mit Waffen bedroht. Ich schließe nicht mehr aus, dass er liquidiert wurde, auf die übliche Weise, vielleicht in einem Säurebad."
Das ruft, das schreit Atta senior mit Hass in den Augen über die Terrasse des Clubs, und seine Brillengläser sind durch die schwarzen Finger inzwischen so voll geschmiert, dass man seine Augen kaum noch sehen kann. Natürlich macht all das Gerede keinen Sinn, schon weil kein Geheimdienst, der jemanden wie einen Selbstmordattentäter aussehen lassen will, diesen Menschen nach dem Anschlag zu Hause anrufen ließe.
Aber hier in Kairo macht es Sinn. Für Atta senior, für seine Freunde im Schützenclub, für alle, die genau das brauchen: dass mit wenigen Sätzen eine Heldengeschichte geschrieben, dass aus dem Killer, der die Welt schockiert, der Märtyrer von Giseh wird. Zum Schluss warnt der Vater die Vereinigten Staaten von Amerika: "Ihr werdet erleben, dass Millionen von Menschen sich gegen euch erheben und bereit sind, ihr Leben dafür zu geben."
Und vielleicht ist es ja das, was der Vater wirklich will: dass sein Sohn nur den Anfang gemacht hat. KLAUS BRINKBÄUMER,
DOMINIK CZIESCHE, ADEL S. ELIAS,
VOLKHARD WINDFUHR
* Mit einem Foto seines Sohns Ziad.
Von Klaus Brinkbäumer, Dominik Cziesche, Adel S. Elias und Volkhard Windfuhr

DER SPIEGEL 40/2001
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