DER SPIEGEL



TERRORISMUS

Kulturell beschmutzt

Von Voigt, Wilfried

Die "Front der islamischen Kämpfer" ist in Hessen für brutale Erpressungen verantwortlich. Doch der Verfassungsschutz kümmert sich kaum um die Gruppe.

Gerade hatte es an der Wohnungstür des Frührentners Kazim T., 33, an der Niedervellmarer Straße in Kassel geklingelt, da ging an jenem 15. Oktober 1999 alles rasend schnell. Als der Hausherr öffnete, stürmten acht Männer brüllend in die ärmliche Bleibe und bedrohten ihn und seine Gäste mit Pistolen.

Abgesehen hatte es die Bande auf den vermögenden Istanbuler Arzt und Geschäftsmann Yakup Yönten, 41. Kazim T. hatte Yönten und drei Begleiter erst wenige Stunden zuvor vom Frankfurter Flughafen abgeholt und in seine Wohnung nach Kassel gebracht. Dort wollte Yönten Investoren treffen, die sich angeblich für eine Zusammenarbeit mit dessen Istanbuler Firma Büyük Anadolu Holding interessierten.

Doch die kooperationswilligen Kaufleute gab es nicht. Yönten, der damals bei in Deutschland lebenden Türken Geld für den Bau von Kliniken sammelte und dafür angeblich hohe zweistellige Zinsen versprach, war in eine Falle gelockt worden.

Die Gangster waren allerdings keine gewöhnlichen Schwerverbrecher, sondern Anhänger der religiös-fundamentalistischen "Front der islamischen Kämpfer des Großen Ostens" (IBDA-C), die mitten in Deutschland mit einer Entführung ihren Glaubenskrieg finanzieren wollten.

Und als wäre das allein nicht schon erschreckend genug - der hessische Verfassungsschutz fand dies offenbar nicht mal besonders bemerkenswert. In den Berichten der Staatsschützer taucht die IBDA-C kein einziges Mal auf, so wenig wie der Vorfall selbst. Und das, obwohl er kein Einzelfall ist. Schon 1992 wollten gewaltbereite Muslime Geld für die in der Türkei wegen mehrerer Mordanschläge verfolgte Gruppe eintreiben.

Dabei konnte die Kripo im Entführungsfall Yönten für den Prozess etliche konkrete Hinweise auf ein Netzwerk der islamischen Fanatiker in Hessen sammeln: Im Mai vergangenen Jahres wurden die Kidnapper vom Hanauer Landgericht zu hohen Haftstrafen verurteilt. Der Anführer Ömer Fatih Kocabeyoglu, 42, der laut Richterspruch zwei Millionen Mark Lösegeld für den Kampf in der Heimat erpressen wollte, kam für acht Jahre und zehn Monate hinter Gitter. Seine Mittäter erhielten zwischen fünf- und sechseinhalb Jahren Gefängnis.

Bis dahin war in Deutschland wenig über die Gruppierung bekannt. Die IBDA-C (auf Türkisch "Islami Büyük Dogu Akincilar-Cephesi") hatte sich in den achtziger Jahren von den faschistischen "Grauen Wölfen" abgespalten - die waren den IBDA-C-Anhängern nicht radikal genug.

IBDA-C-Terroristen wird in der Türkei der Mord an der Anthropologin Ays¸e Cebenyan angelastet. Sie wurde 1994 umgebracht, weil sie Jüdin war. Ziel der radikalen Muslime, die sich kadermäßig organisieren, ist ein großislamisches Reich auf der Grundlage des Scharia-Rechts.

Anfang April dieses Jahres wurde der IBDA-C-Chef Salih Izzet Erdis von einem Gericht in Istanbul zum Tode verurteilt. Er habe mit seiner Gruppe versucht, "die verfassungsmäßige Ordnung der Türkei mit Waffengewalt zu verändern". Im Internet aber wird Erdis von seinen fanatischen Anhängern zum Helden verklärt, der für die Befreiung der von den USA und Israel "kulturell beschmutzten und zum Tier gemachten Kolonie Türkei" kämpfe.

Prompt verübten bisher unbekannte Täter nur zwei Wochen nach dem Istanbuler Urteil in Düsseldorf einen Handgranatenanschlag auf das türkische Generalkonsulat. Zu dem Attentat bekannte sich per Anruf die IBDA-C.

Noch im Frühjahr erklärte der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz, es gebe keine fest organisierten Strukturen der militanten Gruppierung. Nur "einige Einzelpersonen" seien aktiv. Offenbar waren Details des hessischen Vorfalls damals in Düsseldorf nicht bekannt.

Dass die IBDA-C auch in Verfassungsschutzberichten nicht auftaucht, begründet ein hessischer Staatsschützer damit, dass es "noch nicht genug Erkenntnisse" gebe, die eine ständige Beobachtung rechtfertigten.

Zumindest hessische Richter waren da allerdings besser informiert als die Verfassungsschützer des Landes, und das verdankten sie der Flucht Yöntens. Von Kassel aus hatten die Entführer den Geschäftsmann zunächst in die Wohnung eines IBDA-C-Sympathisanten in der Karlstraße in Hanau verschleppt.

Dort wurden die drei Begleiter Yöntens freigelassen, und Yönten brachten die Kidnapper in eine Düsseldorfer Wohnung. Da zwangen sie ihn, einen Schuldschein über 800 000 Mark zu unterschreiben.

Als die Bande ihr Opfer am nächsten Tag zurück nach Südhessen brachte, gelang dem Entführten bei einem Zwischenstopp in Wiesbaden die Flucht aus dem Entführerauto. Dank seiner Hinweise konnte die Polizei schon in derselben Nacht alle Täter aufspüren und festnehmen.

Bei seiner Vernehmung sagte Kocabeyoglu aus, er kenne Yönten aus der Türkei. Weil er dem Arzt dort bei einem Konflikt mit der Justiz geholfen habe, schulde der ihm Geld, behauptete Kocabeyoglu. Doch der Geschäftsmann zahlte nicht. So griff Kocabeyoglu zu härteren Mitteln. Bei einem Treffen am 10. Oktober 1999 im Nebenraum einer Hanauer Moschee machte Yönten erstmals Bekanntschaft mit der IBDA-C-Truppe. Ungeachtet des frommen Ortes, zückten zwei Komplizen Kocabeyoglus Schusswaffen, ließen Yönten aber kurz darauf abreisen. Da Kocabeyoglu nicht damit rechnete, dass Yönten zahlen werde, plante er die Entführung. Dass Kocabeyoglu ein IBDA-C-Kader ist, dafür sprechen Aussagen der Entführungsopfer. Danach brüstete er sich, die IBDA-C-Gruppe sei straff organisiert. Und obwohl Kocabeyoglu bestreitet, Islamist zu sein, gelang es ihm innerhalb weniger Tage, in Hanau und Kassel mehrere IBDA-C-Sympathisanten für die Tat zu rekrutieren.

Einer der Entführer, der 39-jährige Zülküf K. aus Hanau, hatte schon einschlägige Erfahrungen gesammelt: Im Auftrag der IBDA-C, so ein Urteil des Darmstädter Landgerichts von 1994, bedrohte er bereits vor neun Jahren einen in Deutschland lebenden türkischen Geschäftsmann und forderte 100 000 Mark von ihm.

Weil das damalige Opfer die Polizei informierte, flog K. auf. Neben einer Schusswaffe und Munition hatte er in seiner Wohnung auch ein "hochexplosives Sprengstoffelaborat" versteckt. Dennoch kam K. mit einer Strafe von zwei Jahren und vier Monaten davon. Sieben Jahre später schlug der Türke wieder zu: als Handlanger von Kocabeyoglu.

Mit von der Partie war auch der Hanauer Taxifahrer und Sportschütze Haci Ahmet A., 38, der seit 1980 in Deutschland lebt. In dessen Wohnung fanden Kripobeamte ein IBDA-C-Plakat.

Einige der Kidnapper sind gut ausgebildet. Etwa Sait S., 30. Nach dem Abitur absolvierte er in der Türkei eine Lehre als technischer Zeichner. In Kassel hatte Sait S. jahrelang einen interessanten Job: als Systemtechniker in einer Rüstungsfirma. WILFRIED VOIGT


DER SPIEGEL 40/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 40/2001

Titelbild

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF

Artikel als PDF ansehen

TERRORISMUS:
Kulturell beschmutzt

TOP



TOP