08.10.2001

Krieg gegen Dämonen

Fundamentalistische Sekten haben in Deutschland Zulauf.
Wenn in einer deutschen Stadt eine Moschee gebaut werden sollte, dann waren in den letzten Jahren stets Gotteskrieger zur Stelle, die das zu verhindern wussten - wie in der katholischen Kaiserstadt Aachen.
Im Rundbrief der Initiative "Fürbitte für Deutschland" (FFD) brüsteten sich überkonfessionelle charismatische und freikirchliche Gruppen: "Der Einsatz aller alarmierten Beter für das Anliegen unserer Stadt in Bezug auf den geplanten Bau eines islamischen Zentrums hat zu einer deutlichen Wende (Absage des Moschee-Baues) im Bewusstsein der Politiker geführt."
FFD ist eine der einflussreichsten Organisationen in der deutschen religiösfundamentalistischen Szene. Ihre Mitglieder, Anzahl unbekannt, halten sich für Auserwählte im Kampf gegen das Böse. Die fundamentalistischen Bewegungen am Rande der protestantischen und der katholischen Kirche in der Bundesrepublik haben seit Jahren Zulauf. Auf weit über 50 000 schätzen kirchliche Sektenexperten die Schar der Verschworenen.
Ihre Organisationsformen sind nur schwer durchschaubar. Selbst Mitglieder haben selten den Überblick, wie die "Christliche Erneuerungsbewegung", wie sie sich am liebsten selbst nennt, vernetzt ist. Hunderte Gruppen und Zirkel haben sich in ihr zusammengeschlossen, um das Böse niederzukämpfen, allem voran die Abtreibung.
Der politische Arm der christlichen Fundis ist die "Partei Bibeltreuer Christen" (PBC), eine Splittergruppe, die 4000 Mitglieder hat und regelmäßig zu Wahlen antritt. Bei der letzten Bundestagswahl erhielt sie 72 000 Stimmen. Finanziert wird sie durch Spenden von Sympathisanten.
Radikalere Verfechter der Re-Christianisierung der pluralen Gesellschaft haben sich in unabhängigen Freikirchen organisiert. Unter ihnen dominiert eine Strömung, die sich "Geistlicher Krieg" nennt. An der Spitze der "Geistlichen Kriegsführung" steht der Berliner Arzt Wolfhard Margies. Noch martialischer im Vokabular gibt sich sein Bruder im Geiste, der Amerikaner John Dawson, Leiter des internationalen Missionswerks "Jugend mit einer Mission": "Gott wollte, dass wir kämpfen lernen. Der Mensch gehört einer kriegerischen Rasse an ... Durch strategischen Truppenzusammenhang werden in Kriegszeiten Schlachten gewonnen. Die Soldaten greifen nicht einzeln an. Sie folgen einem Plan, den der Heerführer anhand einer großen Landkarte und einer Menge von Informationen aufstellt."
Sektenexperten verfolgen seit längerem mit Unbehagen das Abdriften Zehntausender Kirchgänger in fundamentalistische Cliquen. Den Frankfurter evangelischen Pfarrer Fritz Huth beunruhigt besonders die weitgehendere Selbstisolierung dieser Kreise von der Gesellschaft und die in diesen Kreisen vorherrschende schlichte Einteilung der Welt in Gut und Böse. "Wenn wir die Oberflächlichkeit unserer westlichen Kultur anschauen", predigt Obermissionar Dawson, "ihren Hang zu Selbstverwirklichung, Nachlässigkeit, Konsumwahn, politischer Passivität und moralischer Gleichgültigkeit, dann muss ich die Frage stellen: Welche Rolle spielt der Bereich des Dämonischen am Niedergang der christlichen Prägung der westlichen Gesellschaften?"
Über islamistische Parallelgruppen in Deutschland gibt es kaum konkrete Erkenntnisse. Doch Huth glaubt: "Die Grundstrukturen in christlichen und islamischen Fundamentalistenkreisen sind ähnlich. Opposition gegen die moderne westliche Gesellschaft, Sehnsucht nach den alten und einfachen Regeln der Schrift." Der Bamberger Religionssoziologe Thomas Kern hält die christlichen Fundamentalisten keineswegs für harmlose Spinner: "In dem betont militärischen Vokabular der geistlichen Kriegführung und dem hierarchisch-autoritären Denken der Charismatiker offenbaren sich latent extremistische Züge." Aus dem Milieu sind religiös motivierte Straftaten gerichtsbekannt. In der Nürnberger freikirchlichen Immanuel-Gemeinde etwa wurde eine Frau wegen ihrer Ehe mit einem Schwarzafrikaner schwer misshandelt.
Alarmiert ist die weltliche wie kirchliche Obrigkeit zudem durch die seit Jahren stattfindenden "Jesus-Märsche". 50 000 marschierten im vergangenen Jahr auf der Strecke der Love Parade durch Berlin. Einige radikale Gruppen wollten den "islamistisch beherrschten" Stadtteil Kreuzberg symbolisch vom Bösen befreien.
Zu schaffen machen Sozialarbeitern und Polizei schließlich Phänomene, die zwar nichts mit den christlichen Kirchen, wohl aber mit religiösem Wahn zu tun haben. In Deutschland ist eine unüberschaubare Vielzahl von neuen religiösen und ideologischen Gemeinschaften und Psychogruppen entstanden. Rund 800 hat die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen bislang registriert, die neben den Kirchen Sinnstiftung und Konzepte zur Lebensführung anbieten. In manchen dieser Zirkel sind Folter, Vergewaltigung
und psychischer Terror üblich. Die Enquetekommission des Bundestags "So genannte Sekten und Psychogruppen" berichtet über eine stetig steigende Zahl von Petitionen Betroffener: Eltern beklagen den Verlust ihrer Kinder, Freiheitsberaubung, Nötigung, Betrug, Urkundenfälschung und Wucher, Körperverletzung und Vergewaltigung. Kinder werden Opfer körperlicher Misshandlung oder sexuellen Missbrauchs. PETER WENSIERSKI
Von Peter Wensierski

DER SPIEGEL 41/2001
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