08.10.2001

FRANKFURTER BUCHMESSELiteratur: Vorbeben der Angst

Wie reagieren die Schriftsteller auf die Terroranschläge in den USA? Was folgt aus der veränderten Weltlage für die Literatur? Schluss mit Pop-Tralala, ernster Ton, elementare Themen - überraschend haben etliche der neuen Romane deutscher Sprache, die jetzt erscheinen, das längst beherzigt.
Am Nachmittag des 11. September kommt ein amerikanischer Autor auf dem Frankfurter Hauptbahnhof an - er tingelt gerade durch Deutschland, um seinen neuen Roman vorzustellen. Fern der Heimat muss er auf der riesigen Videowand in der Wandelhalle, live und umgeben von fremden Menschen, mit ansehen, wie die beiden Hochhaustürme von Manhattan in Flammen aufgehen und zusammenbrechen. Er habe es nicht für möglich gehalten, wird Alan Lightman, 53, später erklären, "welch tiefe Betroffenheit eine amerikanische Tragödie hier zu Lande auszulösen vermag".
Wenn an diesem Dienstag die 53. Frankfurter Buchmesse eröffnet wird, genau vier Wochen nach den Terroranschlägen auf New York und Washington, sind immer noch nicht alle Leichenteile aus den Trümmern geborgen, wirken die Schreckensbilder, die das Fernsehen übertrug, kaum vermindert nach - und Millionen von Menschen fragen sich nach den Folgen.
Kein geeigneter Zeitpunkt, um zur literarischen Tagesordnung überzugehen. Zwar ist zu hoffen, dass sich die Frankfurter Bücherschau (auch wenn 23 amerikanische Aussteller abgesagt haben) als einmaliger Treffpunkt von Literaten und Sachbuchautoren aus aller Welt gerade jetzt behauptet. Doch ihre Veranstalter und Teilnehmer müssen darauf reagieren, dass der 11. September die Welt verändert hat und manche Themen, manche Titel, die unter anderen Umständen als interessant, witzig oder hübsch gegolten hätten, nun unbeachtet bleiben werden - schon die neugriechische Literatur, dieses Jahr der thematische Schwerpunkt, dürfte es schwer haben, wenigstens so viel Interesse auf sich zu ziehen wie im vorigen Jahr das Literaturland Polen.
Schriftsteller sind immer auch Seismoskopen des Zeitgeistes, Beobachter mentaler Erschütterungen, Chronisten historischer Verwerfungen, manche von ihnen - wie einst Franz Kafka oder George Orwell - besitzen prophetische Gaben. Niemand wird von der Literatur auf die Schnelle Re-
zepte erwarten, wie den Menschen bei der Verarbeitung der ungeheuerlichen Attentate zu helfen wäre. Dennoch begegnen selbst Bücher, die lange vor dem 11. September geschrieben wurden, nun einer anderen Erwartungshaltung, und sie werden anders gelesen werden: mit vielleicht strengerem, vielleicht konzentrierterem Blick. Auch mancher Autor, dessen Roman in diesem Herbst erscheint, überlegt sich jetzt, wie - und ob überhaupt - sein Werk in der veränderten Weltstimmungslage noch aufgenommen wird.
"Kein literarisches Werk eines ernst zu nehmenden Schriftstellers", so resümierte der Deutschlandbesucher Lightman einige Tage nach den Anschlägen, werde in Zukunft "von den Ereignissen des 11. September unbeeinflusst bleiben". Sein neuer Roman "Die Diagnose" übrigens erzählt die Geschichte eines Mannes, der in der U-Bahn, auf dem Weg zur Arbeit, vergisst, wer er ist - solche Psychogramme passen eher zur Lage als Ephraim Kishons Späße oder Hera Linds neuer Roman "Hochglanzweiber".
An dunklen Vorahnungen hatte es besonders bei Schriftstellern, die sich fernab vom oft genug oberflächlichen und an modischen Reizen orientierten Literaturbe- trieb aufhalten, nicht gefehlt. Schon früh, 1993 in seinem SPIEGEL-Essay "Anschwellender Bocksgesang", hatte als einer der ersten in Deutschland Botho Strauß das mögliche Ausmaß der Konfrontation zwischen den Fundamentalisten der islamischen Welt und dem Westen vorausgesehen: "Zwischen den Kräften des Hergebrachten und denen des ständigen Fortbringens, Abservierens und Auslöschens wird es Krieg geben."
Im "Banne des Vorgefühls" sah er vor fast neun Jahren Konflikte aufziehen, die sich nicht mehr ökonomisch würden befrieden lassen. "Wir fürchten es ... und haben doch kein sicheres Mittel zur Abwehr", schrieb er, wenn in unsere Welt "der laute Schrecken einschlägt" und das Gefüge "von einem Tag zum anderen ins Wanken gerät". Kein Traumbild, keine Simulation: "Die Wirklichkeit blutet wirklich jetzt."
Strauß will nun aber keineswegs als Prophet dastehen. Vom SPIEGEL dazu befragt, sagt er: "Das, was jetzt zum grässlichsten Eklat kam, hat sich als Konflikt seit langem in deutlicher Gestalt gezeigt, wovon ich, meist auf Grund gewisser Überempfindlichkeiten gegen unsere westlichen Sitten und Lebensstile, da und dort etwas festhielt." Empfindsam, eigenwillig und irritierend sind auch seine aktuellen Notizen zu jenem "Schlag, der durch alle Köpfe, Kassen und Kanäle ging", die Strauß dem SPIEGEL zur Verfügung stellte (siehe Kasten) - eines der wichtigen literarischen Zeugnisse aus diesen Tagen. Ob die Lust auf "Metanoia", auf Umdenken und Umkehr in der westlichen Zivilisation überhaupt vorhanden sei, das etwa ist eine Frage, die sich nicht nur Strauß in diesen Tagen stellt.
Dabei war das Fanal im wörtlichsten Sinne unübersehbar. Die doppelte Flugzeugattacke auf New York, auf "die einzige wirkliche Weltstadt" (Thomas Mann), war nicht allein ein Terroranschlag, der besonders vielen Menschen - Tausenden aus zahlreichen Nationen - auf besonders grausame Weise das Leben nahm; es war zugleich der erste Massenmord in der Geschichte, der weltweit von Fernsehstationen übertragen wurde und vor den Augen einer ohnmächtigen Welt seinen grausigen Verlauf nahm.
Welche Möglichkeiten haben Schriftsteller, überhaupt darauf zu reagieren? Schreiben unter Schock: Das Ergebnis sind zunächst einmal schnelle und rasche Reaktionen, Tagebuchblätter oder Beiträge für Zeitungen und Magazine, ebenso ausgefeilte Kommentare und gedankliche Durchdringung - aber auch die Verweigerung, das vorübergehende Verstummen.
Mittlerweile haben viele Schriftsteller, voran jene, die sich zur Zeit des Geschehens gerade in New York (oder auch Washington) aufhielten, berichtet, wie und wann sie von der Katastrophe Kenntnis nahmen, "die den Fuß von Manhattan in einen Höllenschlund verwandelte" (so die Zeitschrift "The New Yorker"). Auffällig an den Berichten von US-Autoren wie Paul Auster, Louis Begley, Erica Jong, Stewart O''Nan oder John Updike: Sie alle mochten der eigenen Wahrnehmung nicht recht trauen, manche konnten sich zwischen dem unmittelbaren Blick auf das Geschehen und dem synchron laufenden TV-Bild nicht entscheiden. Auster, bekannt vor allem durch seine "New York-Trilogie", wohnt mit seiner Frau und Kollegin Siri Hustvedt in Brooklyn, direkt gegenüber der Skyline von Manhattan: "Gemeinsam liefen wir zwischen Dach und Fernseher hin und her. Wir wussten nicht, welchen Bildern wir glauben sollten."
Die weltweite Präsenz des Unglücks, dazu die visuelle Vehemenz jener nachgereichten Video-Einspielungen, die, Rückblenden von Torszenen bei Fußballspielen gleich, das Eindringen beider Jets in die Hochhäuser immer wieder in Zeitlupe vorführten - das alles erzwang eine grenzenlose Gleichzeitigkeit der Wahrnehmung, die auch für die Literatur nicht ohne Folgen bleiben wird. Kaum hatte sich, gerade bei Autoren deutscher Sprache, das unbeschwerte, lustvolle Erzählen aus dem Liebes- und sonstigem Alltag unserer Zivilisation ein wenig durchgesetzt, da könnte es schon wieder in Frage stehen. Denn: Wen schreckt noch das Schwierige, wenn die Realität ans Unvorstellbare grenzt?
Als einer der Ersten hat - wenige Tage nach dem 11. September - der in Berlin lebende Lyriker und Essayist Durs Grünbein seine Tagebuchnotizen zu den Ereignissen publiziert: stellvertretend für viele, die hilflos vor dem Bildschirm saßen oder standen oder nervös auf und ab liefen. Seine Aufzeichnungen vom 11. bis 16. September (veröffentlicht in der "Frankfurter Allgemeinen") beginnen mit den Worten: "Am Nachmittag schalte ich ahnungslos gegen Viertel nach Drei das Fernsehgerät an und kann meinen Augen nicht trauen."
Ausführlich beschreibt Grünbein, 38, seine Gefühle, das Frösteln, das ihn überfällt, die Erschütterung, die seine ganze Person ergreift - ihn, der in der DDR aufgewachsen ist: "Mir selbst stand Amerika, das Kindlich-Erhabene, zeit meines Lebens wie dem armen Karl Roßmann aus Kafkas ,Amerika'' als ein unverwüstliches Reich in der Ferne vor Augen." Man müsse sich vor Gleichnissen hüten, ermahnt sich der Dichter, "vor jeder Art von Erklärung und Einordnung ins historische Einerlei".
In einer - bisher unpublizierten - Notiz vom 18. September versucht Grünbein aber doch, mit Abstraktion auf das Gesehene und Geschehene zu reagieren, beispielhaft für seine Bereitschaft, sich um Urteile und Einschätzungen nicht zu drücken:
Das allgemeine Unbehagen in der Kultur schlägt um sich, indem es vom Rückfall in die Barbarei die Erlösung von einem diffusen Alpdruck erhofft. Mörderischer Aktionismus soll von der Zivilisationsangst befreien. Religiöser Fundamentalismus und ideologischer Totalitarismus stürzen die Gesellschaften in einen Strudel, aus dem es für den Einzelnen kein Entrinnen mehr gibt. Der Zweck allen Terrors, gleich welcher Herkunft und Zielsetzung, ist die Übertragung der Urangst von Körper zu Körper.
Ganz anders, nämlich weniger definitorisch, aber in ihrer Unmittelbarkeit durchaus anrührend, sind die Eindrücke, die Else Buschheuer, Schriftstellerin und Moderatorin der ARD-Sendung "Kulturweltspiegel", als Augenzeugin des New Yorker Weltuntergangs aufgeschrieben hat - Buschheuer, 35, fand sich, für drei Monate in Manhattan tätig, am 11. September plötzlich in der gesperrten Zone der Stadt wieder. Ihr schon vor den Anschlägen begonnenes Journal ist zum Dokument der hereinbrechenden Katastrophe geworden.
Leicht wird eine Autorin unterschätzt, die sich für den flüchtigen Blick in die muntere deutsche Popfraktion einzureihen scheint - doch schon Else Buschheuers Debütroman "Ruf! Mich! An!" (2000) wäre missverstanden, würde man vom lockeren Titel auf das Buch schließen. In ihren Aufzeichnungen aus der attackierten Stadt nun erweist sich die Verfasserin als eine bei aller emotionalen Aufgewühltheit aufmerksame Beobachterin und Chronistin. Das Tagebuch war, fast zeitgleich mit den Ereignissen, im Internet zu lesen - mittlerweile ist es vom Netz genommen.
Das alles ist zwar, anders als die bedachten Kommentare von Grünbein, nahezu unkontrolliert hingeschrieben, gewissermaßen direkt an die Leser weitergereicht - aber gerade deswegen, auch beim späteren Nachlesen, von hoher Eindringlichkeit. Was oft so leichtfertig literarischen Texten als Etikett angeheftet wird, hier hat es seine Form gefunden: das Spontane und Authentische.
Natürlich beeindruckt dabei nicht zuletzt der Wirbel der medialen Gleichzeitigkeit, den so sonst nur das Fernsehen erreicht. Zu den Texten wurden nämlich ganz aktuell entstandene Fotos gestellt: eine Straße mit den brennenden Türmen im Mittelpunkt, dann dieselbe Straße wenig später - ohne die Türme. Auch der Nachdruck einiger dieser Tagebuchnotizen, den sich die "Bild"-Zeitung erlaubte, gehört dazu, vor allem aber die unverzüglich eingebaute Reaktion der per E-Mail reagierenden Leserschaft: ein Chor sehr direkter, intellektuell noch ungefilterter Anteilnahme, die ganz einzigartig ist und als kaum wiederholbares Experiment wohl auch bleiben wird.
Völlig überflüssig, wie in der "Zeit" der vergangenen Woche geschehen, sich vom Schreibtisch aus über dieses Experiment gedanklich zu erheben und darüber zu mokieren, Else Buschheuer sei hier an den Rand eines "writer''s block", einer Schreibblockade, geraten - wie denn anders, wenn jemand fast synchron (im Abstand von etwa 5 bis 20 Minuten) erzählt, wie er am Morgen des 11. September den Tiefflug einer Boeing über seinem Haus, den Explosionsknall und gleich danach vor dem Fenster die Menschen rufen hört: "O my god"? Oder diese Szene, notiert wenige Minuten später: "Auf meiner Straße stehen Hunderte von Menschen, trinken ihren Morgenkaffee aus dem Pappbecher, unterhalten sich leise und starren auf das furchtbar qualmende World Trade Center."
Der Leser wird angeweht von der Panik des Tatorts, vom gespenstischen Chaos einer zusammenstürzenden Welt. Damit kann Grünbein, der Ferndiagnostiker (ihn bezichtigt der um sich schlagende "Zeit"-Kritiker, "tragisch-intimen Kriegskitsch" zu schreiben), nicht dienen: Die Qualität seiner Reaktion liegt gerade in gedanklicher Substanz und stilistischer Dichte.
Das gilt auch für ein umfangreicheres Tagebuch, das Grünbein kurz zuvor abgeschlossen und redigiert hat: "Das erste Jahr", seine "Berliner Aufzeichnungen" mit Notizen aus dem Jahr 2000. Das Werk kommt jetzt zur Buchmesse in den Handel - und ist nun das Buch der Stunde: Es wirkt wie ein vorauseilender Kommentar zur aktuellen Situation.
"Seit dem Christentum der Reißzahn gezogen wurde", notiert Grünbein im November 2000, "bleibt für den Gläubigen dieser Religion nur noch das Beten für eine friedliche Welt ... Die letzten Kreuzzüge liegen Jahrhunderte zurück." Dem Christen, dem als Kampf nur der ökonomische Wettbewerb bleibe, müsse die Weltgeschichte seither als einzige Elegie erscheinen. Und: "Es versteht sich von selbst, daß er aus solcher Defensivposition die orientalischen Religionen mit ihren eliminatorischen Aggressionen nur beschönigen kann."
Grünbein hatte sich vorgenommen, das erste Jahr des neuen Jahrtausends und zugleich das der Geburt seines ersten Kindes, als Chronist und Erzähler von Tag zu Tag zu begleiten, angereichert mit einigen Beobachtungen und Notizen aus den neunziger Jahren. Der vielseitig gebildete Schriftsteller zieht seine Fäden kreuz und quer - aus Gen- und Gehirnforschung ebenso wie aus Literatur, Philosophie und Altertumswissenschaft.
Fast schon prophetisch klingen Grünbeins Phantasien über den "Herbst des Terrors", die er vor einem Jahr notiert und nicht etwa noch schnell in das gerade ausgelieferte Buch montiert hat: "In Stunden, die niemand vergessen wird, verwandelt sich wie durch Geisterhand Politik in Geschichte." Und: "Unbekannte liegen einander zerknirscht in den Armen und helfen sich gegenseitig mit Taschentüchern aus. Jeder wartet auf das erlösende Wort, die Entladung der unsichtbaren Gewitterwolken. Das träge Alltagsleben, plötzlich ist es in einen höheren Schwingungsgrad versetzt."
In manchem erinnern die Aufzeichnungen, obgleich mit größerer Leichtigkeit geschrieben, an die Gedankenprosa von Botho Strauß - "mein Schreiben", erklärt Grünbein jetzt ganz ähnlich wie sein Kollege, habe schon lange mit Ereignissen wie denen des 11. September gerechnet: "Nennen Sie''s den sechsten Sinn, meine schwarze Melancholie oder den angeborenen Sarkasmus des Kindes, das aus der Kälte kam - die Grundstimmung, die Farbe der Zeilen bleibt immer dieselbe."
So wird auch die Unduldsamkeit verständlich, wenn es um die eigene Profession geht, um die Munterkeit der "Schwatzprosa": "Der ungeheure Boom junger deutscher Prosaliteratur", so Grünbein, habe mit dem Unvermögen zu tun, sich in der Menschheit wiederzuerkennen: "Das Gespür für die alten Dramen, die antike Figurenkonstellation unter dem aktuellen Tagesgeschehen, scheint in meiner Generation völlig abgestorben zu sein."
Diese Klage scheint sich indes fast erledigt zu haben. Zwar werden neckische Romane à la "Frauen die Prosecco trinken", "Das Superweib" oder "Männer sind wie Schokolade" weiterhin die Buchhandlungen überschwemmen - doch schon vor den Ereignissen vom 11. September hat sich eine gewisse Ermüdung bei der vermeintlich jugendlichen, oberflächlichen Leichtgewichtsprosa abgezeichnet. Da überrascht es fast nicht mehr, dass eine Reihe von deutschsprachigen Schriftstellern einen eher ernsthaften, fast altmodisch tiefsinnigen Ton pflegen. Überraschend ist das vielleicht nur deswegen, weil das, was sich jetzt vor allem in der Romanliteratur zeigt, eine lange Vorlaufzeit hat - die Autoren saßen an den umfangreichen Büchern viele Jahre, zum Teil fast ein Jahrzehnt. Schluss mit dem Tralala: Das ist bei ihnen schon geraume Zeit die Devise.
Ob Ulla Hahn, 55, die von der Lebenskraft erzählt, die einem Kind aus der Literatur erwächst ("Das verborgene Wort"), oder Bodo Kirchhoff, 53, der eine rhapsodische Prosa über den drohenden Verlust der Identität geschrieben hat ("Parlando"), ob Robert Menasse, 47, der einen Roman über Pogrome und Widerstand verfasst hat ("Die Vertreibung aus der Hölle"), oder Jochen Missfeldt, 60, der die Stimmung der frühen sechziger Jahre in der Bundesrepublik her-
vorragend trifft ("Gespiegelter Himmel") - sie alle fegen mit epischer Gründlichkeit das Gerede von einer angeblichen Dominanz der Popliteratur vom Tisch. Selbst ein immer wieder in diese Schublade gesteckter Autor wie Christian Kracht, 34, zeigt sich mit seinem zweiten Roman "1979" in anderem Licht (siehe Seite 252) - auch wenn er in einem provokativ gemeinten Interview alles tut, um sich zu blamieren und sein Buch "lustig" zu nennen.
Der Roman "Rot" von Uwe Timm, 61, gehört ebenso dazu: Der 50-jährige Held versucht sich Klarheit über die einstigen Gewaltträume seiner Generation zu verschaffen und der 20 Jahre jüngeren Freundin einiges davon begreiflich zu machen. Anlass ist der nicht mehr ausgeführte Plan eines an Herzschlag gestorbenen Ex-Genossen, am Tag des Umzugs der Bundesregierung nach Berlin die Siegessäule mit dem Engel obenauf in die Luft zu sprengen.
"Am Anfang waren es zwei Schüsse aus der Pistole eines bosnischen Studenten, das war am 28. 6. 1914, und vier Jahre später waren 8,5 Millionen tot", lautet in Timms Roman die bittere Antwort auf die Frage, ob Gewalt etwas verändern könne. Wie weit die diesbezüglichen linken Phantasien Anfang der siebziger Jahre gehen konnten, wird am Beispiel eines als Reprint kursierenden Buches demonstriert, wo sich die Anweisung findet, "wie man einen mit Kunstdünger beladenen Kleinlaster zu einer fahrenden Bombe umwandeln kann" - um damit eine Autobahnbrücke oder ein Haus zu sprengen.
Dass der bisher gewaltigste Terroranschlag ausgerechnet New York traf, diese "getürmte Gigantenstadt", wie Thomas Mann (1875 bis 1955) im Jahre 1934 schrieb, das ist der eigentliche Alptraum. Für ihn wie viele andere deutsche Autoren, die sich vor den Nazis in Sicherheit bringen mussten, war der Blick auf die Skyline von Manhattan die Verheißung auf Rettung, auf "menschliches Freiland".
Nach dem Krieg haben zahlreiche Schriftsteller dort gestaunt, gelebt und gearbeitet, voller Zuneigung für die "geliebte Metropole" (Grünbein), für "diese Stadt der Städte, die in ihrer Rastlosigkeit und Agonie jeden aufnahm und in der alles gedeihen konnte", wie es die Österreicherin Ingeborg Bachmann (1926 bis 1973) formulierte. Ihr bekanntestes Hörspiel aus dem Jahr 1958 trug noch in aller Unschuld den Titel: "Der gute Gott von Manhattan". VOLKER HAGE
* In Frankfurt am Main am 11. September. * In New York im August. * Mit Ehefrau Katia und Tochter Erika auf der "S. S. Washington" bei der Ankunft in New York.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 41/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 41/2001
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FRANKFURTER BUCHMESSE:
Literatur: Vorbeben der Angst

  • Dschihadist Zammar: Treffen mit dem Terror-Paten
  • NBA-Basketball: Der verpatzte Dunk
  • Gewalt in Partnerschaften: Jeden dritten Tag wird eine Frau getötet
  • Mays höchst ehrenvoller Mäusefänger: "Lass mich bitte rein"