08.10.2001

FRANKFURTER BUCHMESSEAutoren: Nichts wird je wieder gut

Christian Kracht erzählt in seinem verstörenden Roman „1979“ vom Elend der Dekadenz und dem Zwang zum Opfer in einer brutalen, unverständlichen Welt. Von Elke Heidenreich
Ein zerstrittenes, homosexuelles Paar besucht 1979 eine dekadente Drogenparty in einer Villa in Teheran. Der Gastgeber zeigt ihnen seinen "Haschwald", das Haus ist erlesen eingerichtet, der Ich-Erzähler kann Möbel, Bilder, Skulpturen, Stoffe zuordnen - er ist Innenarchitekt mit exquisitem Geschmack. Christopher, sein hochgebildeter Freund, pumpt sich mit Drogen und Alkohol voll, fällt in eine Glastür, stirbt noch in derselben Nacht in einem schäbigen Krankenhaus.
Private Hospitäler gibt es für westliche Besucher nicht mehr, es ist Umsturz in Iran - der Schah flieht, die Islamisten kommen an die Macht.
Der Erzähler irrt durch die Stadt und landet bei einem mysteriösen rumänischen Dandy namens Mavrocordato, den er schon auf der Party getroffen hat. Der gibt ihm einen Rat, ein Bündel Geld und macht eine Vorhersage: Der Erzähler werde "halbiert" werden.
Ende des siebten Kapitels, Ende von Teil eins. Teil zwei: Der Erzähler umwandert, wie ihm geraten wurde, einen heiligen tibetischen Berg, um sich zu läutern und zu reinigen. Er befindet sich auf chinesischem Gebiet, wird verhaftet, kommt zunächst in ein Umerziehungs-, dann in ein Arbeitslager, wird durch Hunger in der Tat halbiert, wiegt noch 38 Kilo, züchtet Maden in den eigenen Exkrementen, um wenigstens etwas Eiweiß zu essen.
Schluss des Buches am Ende des zwölften Kapitels: "Alle zwei Wochen gab es eine freiwillige Selbstkritik. Ich ging immer hin. Ich war ein guter Gefangener. Ich habe immer versucht, mich an die Regeln zu halten. Ich habe mich gebessert. Ich habe nie Menschenfleisch gegessen." Das ist die einzige noch gültige Formel in diesem Leben: Wir sind keine Kannibalen. Noch nicht. Alles andere ist denkbar.
Christian Kracht, 34, ist ein intelligenter, gebildeter, weit gereister und weltgewandter Autor, der mit "eyes wide shut" alles sieht und nichts sieht und leer bleibt, und das sind keine Widersprüche.
Voltaires Candide, der, wie der Erzähler, eine Welt wechselnder Realitäten durchläuft, stellt dumme Fragen und hat in Pangloss einen klugen Lehrer, der Antworten geben kann. Parzival, der tumbe Tor, fragt zunächst nicht und findet die Antwort selbst im Mit-Leiden.
Der Erzähler in "1979" registriert, nimmt wahr, sieht, aber er versteht nicht, interessiert sich nicht, fragt nicht. Er hat längst kapituliert vor der Möglichkeit irgendeiner Antwort auf irgendeine Frage nach irgendeinem Sinn - es gibt keinen. Nicht in Heilslehren, nicht in Drogenräuschen, nicht in Beziehungen zwischen den Menschen. Es gibt nichts, woran man sich halten könnte - außer: "Ich habe nie Menschenfleisch gegessen."
Kracht, in Kritiken zu früheren Büchern als Popliterat mit elitärem Ennui abqualifiziert, Kracht, der gern auch provozierend erzählt, dass er im Drogenrausch seinen Porsche mit Champagner gewaschen hat, dieser Christian Kracht hat mit "1979" einen verstörenden Text geschrieben, der wie ein dunkler Granitblock in der Landschaft unserer Herbstliteratur liegt. Hart, kalt, schön, unbegreiflich, drohend.
Es ist ein lakonischer Roman über den Mangel an Sinn, an weltumspannenden Ideen, es ist die ebenso lakonische Feststellung, dass man mit dem Menschen alles machen kann, ihn sogar unmenschlichem Totalitarismus unterwerfen, weil er geistig zu einem Widerstand überhaupt nicht in der Lage ist.
Alles, was der Ich-Erzähler weiß über Seidenstoffe, gute Schuhe, das Rot in der Renaissance-Malerei, seine Weltläufigkeit, seine Sprachkenntnisse, all das hilft ihm nicht, zu überleben in einer brutalen und unverständlichen Welt, der jede Moral abhanden gekommen ist. Ihm hilft - und das ist ein schwer zu verdauender Brocken für uns ewige Hinterfrager und Erklärer -, ihm hilft nur seine Unwissenheit, seine Unfähigkeit zu fragen. Eben: "eyes wide shut".
Hinsehen, aber nicht wirklich hineinlassen in Herz, Kopf, Seele, nur so kann er überleben, nur in völliger moralischer Indifferenz, in emotionaler Ergebenheit, im Dulden.
Das hat schon fast wieder etwas von einer Heilslehre, aber die bietet der Erzähler nicht an, die müsste der Leser finden, und der Leser ist einigermaßen ratlos und sehr fasziniert und zutiefst erschrocken über dieses Buch.
Hier beschreibt einer, der genug Geld hat, um die Welt zu bereisen, der nie nachfragt, woher das Geld kommt und wie die Welt beschaffen ist, einer, dessen Ideen durch Labels abgelöst wurden, was wir auch von Bret Easton Ellis kennen (und auch für Balzac spielten Kleiderfragen eine große Rolle!), hier beschreibt ein wurzelloser und zielloser junger Mann seine Sicht auf die Welt, ohne die Welt zu begreifen.
Er tut das in einfachen, kunstlosen Sätzen, und seine Bildung schimmert überall durch. Unzählige Anspielungen machen das Buch für gründliche Leser zur Fundgrube - das Bündel Geld, das Mavrocordato (Mephisto?) dem Erzähler gibt, liegt in einem Buch von Karl Mannheim, einem Soziologen, der sich mit dem Totalitarismus auseinander gesetzt und seine Konzeption des "totalen Ideologiebegriffs" in dem Werk "Ideologie und Utopie" (1929) niedergelegt hat.
Mavrocordato erwähnt seinen Großvater, der an der Schwarzmeerküste einen utopischen Kleinstaat gegründet hat, und wir erinnern uns an einen anderen Decadent, Gabriele D'Annunzio und sein 16 Monate dauerndes Experiment des Freistaates Fiume; der Freiherr von Ungern-Sternberg wird beiläufig erwähnt - er schrieb die Novelle "Die Zerrissenen", wir können den Erzähler und Christopher darin wiederfinden. Texte aus Popsongs spielen eine Rolle, aber wir haben es wahrhaftig nicht mit Popliteratur zu tun.
Einmal zum Beispiel hat der Erzähler einen "metallischen Geschmack im Mund. Mir war, als kaute ich auf Aluminium-folie ...", und Leser, denen Popkultur etwas bedeutet, ahnen, dass hier ein Song von R.E.M. gemeint sein könnte, in dem Patti Smith die Zeile singt: "Aluminium, tastes like fear." Der Erzähler hat Angst, und er versteckt diese Mitteilung in solchen verschlüsselten Botschaften.
Und er hat dieselbe Angst, die wir alle zurzeit haben, Mavrocordato spricht es aus, indem er auf den Luxus und die herumhängenden Drogenfreaks in der Teheraner Villa zeigt: "Sehen Sie sich das hier an. Wir können das alles nie wiedergutmachen, niemals." Und: "Es wird alles noch viel, viel schlimmer werden, glauben Sie mir."
Was, alles? Mavrocordatos Vertrauter ist der Iraner Massoud, und er benennt den Feind sehr genau: "Wir haben uns alle verschuldet, weil wir Amerika zugelassen haben. Wir müssen alle Buße tun. Wir werden Opfer bringen müssen, jeder von uns."
Und es ist wie eine Erklärung für den Hass, der in diesen letzten Wochen über die USA hereingebrochen ist, wenn Massoud als eine Art Osama Bin Laden über den Beginn einer neuen Zeitrechnung außerhalb Amerikas sagt: "Es gibt nur eine Sache, die dagegen stehen kann, nur eine ist stark genug: der Islam. Alles andere wird scheitern. Alle anderen werden in einem schaumigen Meer aus Corn Flakes und Pepsi-Cola und aufgesetzter Höflichkeit ertrinken."
Der Erzähler hinterfragt das nicht, wie er auch nicht die Umerziehung im chinesischen Lager hinterfragt, nicht den Ajatollah Chomeini, nicht Mao Tse-tung und nicht die Protestbanner in Teheran, auf denen "Pol Pot" oder "Bater-Meinof" steht. "Nothing really matters to me", sang Freddie Mercury in der "Bohemian Rhapsody", und das war genauso wenig Popliteratur wie dieses höchst ungemütliche Buch, das, wenn überhaupt, nur eine einzige Botschaft hat: "Wir müssen alle ein Opfer bringen, damit Heilung kommt."
"1979" ist ein Roman über Dekadenz - die Dekadenz westlichen Konsums und östlicher Heilslehren, die Dekadenz der Lager und die Dekadenz der Drogenpartys, "und plötzlich, auf einmal, sah ich auch mich in meiner ganzen widerlichen Erbärmlichkeit".
Von Elke Heidenreich

DER SPIEGEL 41/2001
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