26.12.1951

DOMAGKWie einst Robert Koch

Von den Untersuchungen, die Professor Gerhard Domagk gegenwärtig in seinen Laboratorien unter der Wuppertaler Schwebebahn ausführt. wird es abhängen, ob außer Tb-Kranken auch Krebskranke neue Hoffnungen schöpfen dürfen. Gerhard Domagk, Entdecker der Heilwirkung der heute besten chemischen Arzneien der Welt, prüft seit Monaten neue Heilmittel gegen den Krebs.
Wie weit diese Arbeiten gediehen sind erzählt er auch seinen besten Bekannten nicht. Wenn er auf Kongressen spricht dann geht er nur auf seine früheren Erfolge ein und schildert die Wirkung der Sulfonamide und des Tuberkulose-Heilmittels Tb I, dessen Heilkraft er entdeckte. Immer sind diese Vorträge unpersönlich gehalten. Den Anteil der Chemiker ("meiner chemischen Kollegen") an den Erfolgen erwähnt er lieber einmal mehr.
Wohin der international bekannte Wissenschaftler kam, hat er sich Sympathien erworben. "Professor Domagk hat mehr erreicht, um das deutsche Ansehen in der Welt wiederherzustellen, als die meisten deutschen Nachkriegspolitiker", bestätigte ihm Svenska Dagbladet bei seinem letzten Besuch in Schweden. Südamerikanische Universitäten wollten ihm Lehrstühle einrichten und verführerisch modern ausgestattete Laboratorien überlassen. "Es war nicht immer leicht, Nein zu sagen", gesteht Domagk. Aber er blieb seinem deutschen Forschungskreis treu.
Der Professor Dr. med. Dr. h. c. (Münster) Dr. h. c. (Bologna) Dr. h. c. (Lima) Dr. h. c. (Cordoba) Dr. h. c. (Buenos Aires), Nobelpreisträger von 1939, Comtur des peruanischen Sonnenordens, Ehrensenator der Universitäten Münster und Greifswald und Ehrenbürger der Städte Wuppertal und Verona, ist ein unkomplizierter Mensch, der keinen Rummel um seine Person schätzt.
Reporter können meistens nur schildern, wie es ihnen nicht gelungen ist, Professor Domagk zu sprechen. Der lange, aufrechte 56jährige, bei dem Bärtchen und Bügelfalten nur andeutungsweise vorhanden sind. ist von Natur aus zurückhaltend und wirkt in einem größeren Kreis beinahe schüchtern. Sein Sich-Abschließen gegen die Oeffentlichkeit grenzt schon fast wieder an Eitelkeit.
Und doch bleibt es ihm nicht erspart, daß immer wieder sein Name in allen möglichen Verbindungen genannt wird, daß er vor den seltsamsten Gremien sprechen soll. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich die Einladungen zu Veranstaltungen, bei denen man ihn gern sehen möchte. Er beantwortet alle mit peinlicher Gewissenhaftigkeit, auch wenn es Absagen sein müssen. Diesen Hang zur Gründlichkeit hat er von seinem Vater, dem preußischen Konrektor im märkischen Lagow (jenseits der Oder), geerbt.
Der Kieler Medizinstudent des Jahres 1914 ist entsetzt, als er nach einer Kriegsverwundung im Dezember als Sanitätssoldat in die Cholera-Lazarette der Ostfront kommt. Kameraden sterben vor seinen Augen, weil die Stabsärzte den meisten Infektionskrankheiten hilflos gegenüberstehen. Wundinfektionen machen mühsam errungene Erfolge der Chirurgie wieder zunichte. Dies ist der Anlaß, daß das medizinische Greenhorn Domagk nach Mitteln zu suchen beginnt mit denen man diese unheimlichen Infektionskrankheiten wirksam bekämpfen kann.
Vorzeitig aus dem Wehrdienst entlassen, sitzt er 1918 schon wieder in den Kollegs in der Kieler Uni. Staatsexamen, Doktor, Assistenzarzt, alles planmäßig. Er beschäftigt sich jetzt mit der Frage. wie sich der Körper gegen Krankheitserreger schützt. Die Zellsysteme. die für die Vernichtung eingedrungener Bakterien und Viren verantwortlich sind, interessieren ihn am meisten. Er grübelt darüber, wie man diese Zellsysteme in ihrer Abwehr unterstützen könnte.
Daß der junge Assistenzarzt Domagk außerordentliche Fähigkeiten hat, spricht sich bald herum, und so holt ihn die medizinische Fakultät Münster als Oberarzt nach Westfalen. Seine Forschungen machen ihm aber mehr Freude als der tägliche Kleinkram des Krankenhauses. Immerhin bringt ihm seine Stellung so viel ein, daß er heiraten kann.
Aber schon zwei Jahre nach seiner Ankunft in Münster bittet er um Urlaub. Endlich bietet sich ihm die Chance, die er sich schon lange gewünscht hat. Er darf sich ohne weitere Verpflichtungen seiner Lieblingsarbeit widmen: Die mächtige IG hat einen Forschungsauftrag für ihn.
Domagk nimmt um so lieber an, als die pharmazeutische Abteilung des größten deutschen Chemiekonzerns schon seit Kriegsende dieselben Heilmittel prüft, wie sie auch Domagk vorschweben. Die IG will einen chemischen Ersatz für das natürliche Chinin aus Niederländisch-Indien schaffen. Als Domagk 1927 im Alter von 32 nach Wuppertal kommt, wird gerade ein neues Präparat gegen die Malaria vorbereitet,
das später als Atebrin weltbekannt wird. Schon zwei Jahre spater, 1929, wird ihm ein eigenes Forschungsinstitut für pathologische Anatomie und Bakteriologie eingerichtet Es wird eine regelrechte Klinik für kranke Tiere, Mäuse, Ratten, Kaninchen und Meerschweinchen, denn Domagks Aufgabe ist es. die infizierten Nager mit den neuen Chemikalien zu behandeln. die ihm die Chemiker Dr. Joseph Klarer und Dr. Fritz Mietzsch im Laboratorium mixen. Es sind komplizierte chemische Verbindungen mit dem Sammelnamen Sulfonamide.
Die Sulfonamide waren nicht von den IG-Chemikern erfunden worden. Das erste Pulver dieser Art hatte schon der Wiener Chemiker Gelmo kurz nach 1900 bereitet. Sein Sulfanilamid wurde später von den Tuchfabrikanten gern benutzt, weil es fest im Gewebe haftet und weil die Farbe auch beim heftigsten Walken der Stoffe nichts von ihrer Frische verliert. Zu jener Zeit hatte Gelmo noch nicht voraussehen können, welche Möglichkeiten in dieser neuen chemischen Verbindung steckten.
Obwohl es nun Domagks Aufgabe war, neue Anwendungsmöglichkeiten dieser chemischen Verbindungen zu erforschen, war er nicht einmal der erste. der vermutete, Sulfonamide könnten ein Gift für die Bakterien sein. Er saß noch im Hörsaal der Kieler Uni, als im New Yorker Rockefeller-Institut 1919/20 Sulfonamid-Chinin-Mischungen als Heilmittel gegen die Lungenentzündung ausprobiert wurden. Die Rockefeller-Forscher urteilten jedoch bald darauf: Kein Resultat - weitere Bemühungen zwecklos.
Aber in der IG taucht in periodischen Abständen immer wieder der Gedanke auf, daß die im Werk fabrizierten Sulfonamide mehr leisten müßten. Die Chemiker Dr. Klarer und Dr Mietzsch versuchen es, nachdem Domagk zu ihnen gestoßen ist, einmal mit einer Naphthalin-Verbindung. Sie schicken ihre Präparate zu Domagks Laboratorium hinüber.
Mit diesen Präparaten behandelt der Professor seine Versuchstiere, beobachtet genauestens die Wirkung und siebt die besten Verbindungen heraus. Heute steht fest: Die Chemiker Klarer und Mietzsch sind die Erfinder neuer Sulfonamid-Kombinationen, der Mediziner Domagk ist der Entdecker ihrer Heilwirkung im Organismus. Nur in solcher Gemeinschaftsarbeit ist die Erforschung einer derart großen Heilmittelgruppe möglich.
Es ist eine mühsame, nerventötende Kleinarbeit. Ueber jedes einzelne Tier wird Buch geführt. Genau wird in den Protokollen vermerkt. welche Krankheit besteht, welches von den mehreren hundert Versuchspräparaten in welcher Menge verordnet wurde. wie sich die Tiere anschließend verhalten und wie lange die Behandlung ausgeführt wird.
1932 steht fest, welches der zahllosen Versuchspräparate mehreren Kliniken zur Erprobung übergeben werden kann. Die Urteile der Aerzte sind hoffnungsvoll: Sie haben mit dem Elberfelder Pulver Kranke mit Lungenentzündung. Knochenmarkseiterung und vielen Wundinfektionen geheilt. Das erste Sulfonamid kommt 1935 unter dem Namen Prontosil in den Handel.
Inzwischen sind die Arbeiten im Laboratorium weitergegangen Sulfonamide mit noch besseren Wirkungen werden gefunden. Die Mitteilungen über Prüfungsergebnisse neuer Sulfonamide erscheinen in den medizinischen Fachzeitschriften häufiger. Weitere Krankheiten werden mit Sulfonamiden geheilt: Gonorrhöe. Mittelohrentzündung, Angina, Blutvergiftung, Kindbettfieber. Mandelentzündung und viele andere. Den Aerzten wird klar. daß eine neue Epoche der Bakterienbekämpfung begonnen hat. Domagks Pulver gelten als universelle Heilmittel gegen die kugelförmigen Bakterien, die "Kokken".
Die von Mietzsch und Klarer entwickelten Sulfonamide werden patentamtlich geschützt. Der wichtigste Ausgangsstoff dagegen, das Sulfanilamid des Wieners Gelmo, war nicht patentfähig, weil seine Zusammensetzung bereits in einer chemischen Fachzeitschrift veröffentlicht worden war, ehe es Bedeutung für die Heilkunde bekam.
So können nach Domagks Entdeckung andere Firmen ebenfalls eigene Sulfonamide entwickeln. Die Heilmittel sind auch im Ausland längst bekannt und werden in großen Mengen fabriziert, ehe die deutschen Patente nach dem Krieg beschlagnahmt werden. Heute sind die USA die größten Sulfonamid-Produzenten.
Während die Welt sich an der verblüffenden Hellwirkung der Sulfonamide begeistert, gibt Dr. Alexander Fleming, ein
kleiner, bescheidener Bakteriologe an der Londoner Universitätsklinik St. Mary, die Hoffnung auf, daß seine 1928 aus Schimmelpilzen gewonnene gelbbraune Flüssigkeit jemals eine Rolle bei der Bakterienvernichtung spielen könnte. Er läßt sich überzeugen, daß Arzneien in der Retorte leichter herzustellen sind als durch mühsame Pilzzüchtung. Er stellt seine eigenen Arbeiten zurück und beginnt ebenfalls mit der Erforschung der Sulfonamide. Erst als nach Kriegsausbruch deutsche Sulfonamide nicht mehr zu haben sind, wird die Entdeckung des Bakteriologen Fleming berühmt: England produziert ab 1940 Penicillin.
Aber schon vorher sind Umstände eingetreten, die das absolute Vertrauen in die Sulfonamide ein wenig erschüttern. Allmählich melden einzelne Aerzte, daß sie sich im Anfang besser auf die neuen Heilmittel hatten verlassen können. Eine nord- deutsche Klinik kann anfangs neun von zehn Gonorrhöe-Kranken als geheilt entlassen. Die Patienten brauchen nur kurze Zeit in regelmäßigen Abständen einige Sulfonamidtabletten zu schlucken, dann kann fast mit Sicherheit vorausgesagt werden, daß sie ein paar Wochen später wieder gesund sein werden.
Kurz vor Kriegsausbruch aber beginnen die Erfolgschancen dieser Behandlungsweise zu sinken. Bald kann nur noch jede dritte Gonorrhöe-Erkrankung mit Sulfonamiden erfolgreich behandelt werden.
Von einigen übereifrigen Aerzten sind die Sulfonamide oft als Wundermittel gepriesen worden. Ein wahres Wunder scheint sich jetzt aber zugunsten der Bakterien zu vollziehen: Einzelne Bazillen, die schon immer besonders widerstandsfähig waren oder im Abwehrkampf gegen die Sulfonamide besonders widerstandsfähig geworden sind, bleiben am Leben. Nach den Vererbungsregeln sind auch ihre Nachkommen widerstandsfähig. So sind allmählich sulfonamidfeste Bakterienstämme herangewachsen.
Seither wird die Anpassung der Bakterien bei allen modernen Heilmitteln beobachtet. Die Abwehrkraft wird aber nur gegen ein bestimmtes Medikament erworben. Wo Sulfonamide versagen, kann jetzt Penicillin helfen und umgekehrt.
Ueber die Wirkungsweise der Sulfonamide sind sich die Elberfelder Forscher anfangs selbst nicht im klaren. Sie beobachten nur, daß eine stoßweise Verabfolgung der Tabletten in größeren Mengen die Bakterien am besten besiegt. In gleichmäßig verteilten Dosen verordnet, kommen dagegen oft Versager vor. Die Bakterien bleiben unempfindlich oder gewöhnen sich an das Gift.
Ein merkwürdiger Zufall hilft, das Rätsel der Wirkungsweise zu lösen. In den dreißiger Jahren beklagen sich mehrere Molkereien, daß ihre Käsemeier im Winter und Frühjahr keinen richtigen Emmenthaler zustande bringen. Es wird festgestellt, daß die Milch von Kühen stammt, die Silofutter zu fressen bekommen haben. Professor Richard Kuhn vom Kaiser-Wilhelm-Institut für Medizinische Forschung in Heidelberg geht der Sache nach und ermittelt, daß dem Silofutter ein bis dahin unbekanntes Vitamin fehlt. Er entdeckt diesen Wirkstoff in frischen Pflanzen und nennt ihn Vitamin H.
Merkwürdig: Dieses Vitamin H hat den gleichen chemischen Bau wie die Sulfonamide. Nur ein biologischer Unterschied besteht: Vitamin H ist für die Bakterien lebenswichtige Nahrung, der chemische Ersatz (die Sulfonamide) dagegen ist für sie völlig unbrauchbar. Bakterien. die Sulfonamide aufnehmen, gehen offensichtlich an Vitaminmangel zugrunde. Zumindest werden sie so geschwächt, daß sie den Abwehrkräften des Körpers zum Opfer fallen.
Domagk hat also erreicht, was ihm 1924 in Greifswald vorschwebte. Er hat durch ein chemisches Mittel die Lebensfähigkeit der Bakterien geschwächt und der Widerstandskraft des Körpers die Vernichtung der Krankheitserreger erleichtert. Für diese Leistung setzt ihn das Nobelpreiskomitee 1938 auf die Anwärterliste für die höchste wissenschaftliche Ehrung. Die erforderliche Stimmenzahl reicht diesmal noch nicht aus. 1939 aber ist er Spitzenkandidat.
Während in Stockholm noch die Beratungen andauern, erfährt ein Sekretär der Deutschen Botschaft von einem Angestellten des Karolingischen Instituts unter der Hand, daß Domagks Ehrung zu erwarten sei. Die Mitteilung wird nach Berlin weitergegeben. Postwendend telegraphiert Kultusminister Rust direkt an das schwedische Außenministerium, diese Verleihung sei "durchaus unerwünscht". Das ist nur eine Umschreibung de auch in Schweden bekannten Tatbestandes, daß Hitler jedem Deutschen die Annahme eines Nobelpreises verboten hat, seit der KZ-Sträfling Carl von Ossietzky mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden ist.
Treu nach Nobels Testament kümmert sich die Gelehrtenversammlung natürlich nicht um diese politische Einmischung und spricht Domagk den Preis zu. Der tut, was man von einem Beamten in solch einem Fall erwartet: Als Angehöriger des Lehrkörpers der Universität Münster benachrichtigt er seinen Rektor und die Medizinische Fakultät. Er wartet in den nächsten Tagen, wie sich seine Vorgesetzten und vor allem das Kultusministerium zu seiner Mitteilung stellen. Aber unter den vielen hundert Glückwünschen ist kein Behördenbrief.
Da setzt sich Domagk am 1. November an den Schreibtisch, dankt dem Rektor des Karolingischen Instituts in freundlichen Worten und stellt sein Erscheinen zur Verleihung in Aussicht. Er fügt hinzu, daß er allerdings noch die Antwort seiner Regierung abwarten müsse. Drei Wochen später bekommt der schwedische Rektor einen zweiten Brief mit dem Poststempel Wuppertal. Es ist eine kurze, kühle und im Ton beinahe beleidigende Absage Domagks. Erst nach dem Krieg darf der Professor
erzählen, was zwischen der Aufgabe beider Briefe geschehen ist:
"Am 17. November wurde ich von der deutschen Geheimpolizei verhaftet. Zwei Polizeioffiziere drangen in meine Wohnung ein, identifizierten sich und stellten mich ohne Angabe von Gründen unter Arrest." Im selben Haus, in dem ihm fast zwölf Jahre später, am 15. März 1951, der Ehrenbürgerbrief der Stadt Wuppertal überreicht wird, hält ihn die Polizei gefangen. Der Professor berichtet darüber in einer Erklärung, die 1947 von der Nordwestdeutschen Aerztekammer nach Stockholm gesandt wurde:
"Als mir befohlen wurde, meine Zelle zu reinigen und Kaffee zu trinken, weigerte ich mich. Dann wurde ich in Gegenwart eines höheren SS-Offiziers aus Düsseldorf verhört . . . Ich weigerte mich auch ferner, etwas zu mir zu nehmen, bis der Polizeikommissar, der sehr freundlich war und den Unsinn meiner Verhaftung einsah, mir einen Raum mit einer Couch anbot und meiner Frau erlaubte, mir etwas zu essen zu bringen."
Hitler hat die Festnahme Domagks selbst befohlen. Er vermutet, daß Domagk irgendwelche verbotenen internationalen Verbindungen besitzt und den Preis aus politischen Gründen bekommen hat. Als aber dafür keine Beweise zu erlangen sind, wird der Professor nach acht Tagen wieder freigelassen. Kurz danach soll er in Berlin vor einem internationalen Gremium sprechen. Die Gestapo bekommt Wind, läßt Domagk wiederum festnehmen und eine Erklärung unterzeichnen, daß er den Vortrag nicht halten werde. Man will ihn von den ausländischen Gästen fernhalten.
Dann wird er zu seiner vorgesetzten Dienstbehörde befohlen. "Im Erziehungsministerium mußte ich einen bereits vorliegenden Brief unterzeichnen, mit dem ich den Nobelpreis ablehnte. Diesen Brief mußte ich im Polizeipräsidium Wuppertal abliefern, so daß er dort abgestempelt und damit der Eindruck erweckt werden konnte, ich hätte ihn freiwillig selbst geschrieben und in Wuppertal aufgegeben."
Der von der Nordwestdeutschen Aerztekammer 1947 zugunsten Domagks unternommene Vorstoß trifft in Schweden auf
volles Verständnis. Das Komitee beschließt, die Verleihung des Preises noch im gleichen Jahr nachträglich vorzunehmen. Am 9 Dezember 1947 überreicht ihm König Gustaf Urkunde und Goldmedaille.
Der Nobelpreis zeichnet Gerhard Domagk für Leistungen aus, die er später noch weit übertrifft. Die Sulfonamide bezwingen viele Infektionskrankheiten, aber gegen die Vorkriegs-Volkskrankheit Nr. 1, die Tuberkulose, sind sie machtlos. Die Tuberkelbazillen sind in einen wachsartigen Panzer eingeschlossen, der sie offenbar gegen das Eindringen der Chemikalien schützt.
In dem für Domagk aufregenden Herbst 1939 haben ihm seine Chemiker neue Verbindungen der Sulfathiazol-Reihe hergestellt. Der Mediziner Domagk läßt sie zunächst im Reagenzglas auf Tuberkelbazillen los und beobachtet, daß diese neuen Verbindungen wesentlich aggressiver sind als die anderen Sulfonamide. Im nächsten Jahr veröffentlicht er eine kurze Mitteilung darüber. Aber dann hüllt er sich lange in Schweigen.
Die Versuche an kranken Tieren sind unbefriedigend ausgefallen. Domagk steht vor denselben, unüberwindlich scheinenden Schwierigkeiten wie einst Robert Koch, dem sein Tuberkulin die größte Enttäuschung seines Lebens bereitete. Dieser erste Mißerfolg mit einem Tb-Heilmittel läßt die ernsthaften Forscher noch immer vor übereilten Schritten zurückschrecken.
Domagk wartet, obwohl im Krieg ein schwedisches Mittel von Dr. Lehmann, die Para-Amino-Salizylsäure (besser unter der Abkürzung PAS bekannt) auftaucht und 1945 die berühmte amerikanische Mayo-Klinik das von Dr. Selman A. Waksman entdeckte Streptomycin als wirkungsvolles Mittel gegen die Tuberkulose erkennt und empfiehlt. Inzwischen haben Luftangriffe große Teile der wie in einen Flaschenhals gebauten Stadt Wuppertal zerstört. Die Arbeit stockt. Das Laborhaus ist glimpflich davongekommen, aber in den ersten unsicheren Monaten nach Kriegsende ist an größere Fortschritte nicht zu denken. Die IG muß auf ihren Briefköpfen hinter der Firmenbezeichnung das Wort "in dissolution" (in Auflösung) führen.
Trotz allem meldet der unerschütterliche Domagk zusammen mit Dr. Robert Behnisch, Dr. Fritz Mietzsch und Professor Dr. Hans Schmidt schon 1946 einen neuen Erfolg. Sie haben seit Jahren in aller Stille neuartige Chemikalien geprüft, die Thiosemicarbazone. Das Testpräparat mit der Nummer 698 ist der Favorit in dieser Gruppe. Es führt die Arbeitsbezeichnung Tb I/698.
Im November 1947 macht der für alles Neue aufgeschlossene Freiburger Internist Professor Dr. Ludwig Heilmeyer, ein Mitschüler des Atomphysikers Heisenberg, die erste schwache Andeutung, daß sich Domagks Präparat in seiner Klinik zu bewähren scheine.
Genaue Zahlen gibt aber erst drei Monate später ein bis dahin unbekannter Arzt, Dr. Berthold Mikat, der nur in Vertretung seines Chefs, Dr. Fritz Kuhlmann aus Mölln, spricht: Im Krankenhaus der Landesversicherungsanstalt Schleswig-Holstein ist nach Tb I-Behandlung bei 49 von 66 Patienten mit Lungentuberkulose eindeutige Besserung nachgewiesen worden. Das ist der Start für die Einführung des Tb I, das später den Namen Conteben bekommt.
Die Aerzte machen gute Erfahrungen mit Conteben, wenn sie Knochen-, Kehlkopf-, Wirbel- und Hauttuberkulose zu behandeln haben. Bei der Lungentuberkulose gilt das gelbe Pulver dagegen noch nicht als absolut sicheres Mittel. Die von den Bazillen befallenen Gebiete der Lunge sind meistens schon zerstört und nicht mehr an den Blutkreislauf angeschlossen.
Die Chemikalien können deshalb ihr Angriffsziel oft nicht erreichen.
Professor Domagk selbst empfiehlt eine kombinierte Behandlung: Eine Vorkur mit der schwedischen PAS, eine Hauptkur mit Conteben und eine Nachkur mit Streptomycin. Auf der Kölner Gesundheitsausstellung im Sommer 1951 kann er mitteilen, daß die Tuberkulose als Volksseuche in den Hintergrund getreten sei. Sie stelle keine akute Gefahr mehr dar. Von hundert Menschen sind 1950 nur noch fünf an Tuberkulose gestorben. (1900 dagegen waren es noch 17.) Die medizinische Forschung habe ihre Front bereits in Richtung auf den Krebs verlagert.
Domagks gelegentlichen Aeußerungen ist zu entnehmen, daß auch er sich dieser Forschungsfront zugewandt hat. Die Bekämpfung des Krebses mit chemischen Mitteln i teressiert ihn schon seit langem. Was aber augenblicklich in Domagks Laboratorium vor sich geht, ist tiefstes Geheimnis.
Er hat sich so in seine Aufgaben verbissen, daß ihm kaum noch ein Privatleben bleibt. Ein Hobby kann er sich nicht erlauben. Denn im öffentlichen Leben der Stadt Wuppertal hält er sich, so gut es geht, fern. Ab und zu ist er im Stadttheater zu sehen. In freien Stunden zieht er sich in seine Villa am Zoo zurück.
Aus der Tagespolitik möchte er sich möglichst heraushalten. Er denke als Wissenschaftler in größeren Dimensionen als die Politiker, sagte er einmal. Nur den Weltbürgern gelang es, seinen großen Namen und seine politische Unerfahrenheit auszunutzen. Gerhard Domagk wäre nicht der erste Wissenschaftler, dessen politische Konzeption naiv ist.
[Grafiktext]
TUBERKULOSE: KEINE AKUTE GEFAHR MEHR
HERKÖMMLICHE BEHANDLUNG BEHANDLUNG MIT Tbl KOMBINIERTE BEHANDLUNG MIT STREPTOMYCIN, Tbl UND PAS
Gute Gebessert 16 54 60
MÄSSIG GEBESSERT 20 18 17,3
KEIN EINFLUSS 24 24 19
TODESFÄLLE 40 4 3,7
[GrafiktextEnde]
*) In die Erforschung der meisten neuen Heilmittel, die Domagk entwickelte, sind Millionenbeträge gesteckt worden. Der jährliche Forschungs-Etat der Farbenfabriken Bayer (der nördlichen Gruppe des zerschlagenen IG-Konzerns) für die vier Werke Leverkusen, Uerdingen, Elberfeld und Dormagen beträgt 23 Millionen DM. Diese Ausgaben für Forschungsarbeiten verursachen mitunter auch bei Heilmitteln, die aus billigen Rohstoffen stammen, verhältnismäßig hohe Preise.

DER SPIEGEL 52/1951
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 52/1951
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DOMAGK:
Wie einst Robert Koch

Video 00:42

88-Meter-Segeljacht Auf der Überholspur

  • Video "Endstation Bataclan: Wie ein Busfahrer zum Massenmörder wurde" Video 21:45
    "Endstation Bataclan": Wie ein Busfahrer zum Massenmörder wurde
  • Video "Meinungen zur Super League: Sollen die Idioten doch machen, was sie wollen" Video 03:10
    Meinungen zur "Super League": "Sollen die Idioten doch machen, was sie wollen"
  • Video "Anruf bei Krankenschwester im Jemen: Der Hunger ist so groß, dass die Menschen Blätter essen" Video 04:51
    Anruf bei Krankenschwester im Jemen: Der Hunger ist so groß, dass die Menschen Blätter essen
  • Video "Aus Eritrea nach Kanada: Kinder sehen zum ersten Mal Schnee" Video 00:45
    Aus Eritrea nach Kanada: Kinder sehen zum ersten Mal Schnee
  • Video "Schrecksekunde in der Ligue 1: Ball trifft Kameramann am Kopf" Video 01:04
    Schrecksekunde in der Ligue 1: Ball trifft Kameramann am Kopf
  • Video "Merkel-Besuch in Frankreich: 101-Jährige verwechselt Merkel mit Madame Macron" Video 00:44
    Merkel-Besuch in Frankreich: 101-Jährige verwechselt Merkel mit Madame Macron
  • Video "Nationalpark in Indien: Tiger verfolgt Touristenjeep" Video 00:46
    Nationalpark in Indien: Tiger verfolgt Touristenjeep
  • Video "Amateurvideo aus China: Schwimmt da ein Haus?" Video 00:37
    Amateurvideo aus China: Schwimmt da ein Haus?
  • Video "Waldbrände in Kalifornien: Es wird noch viel schlimmer werden" Video 01:58
    Waldbrände in Kalifornien: "Es wird noch viel schlimmer werden"
  • Video "Ägypten: Archäologen finden Katzen-Mumien" Video 00:54
    Ägypten: Archäologen finden Katzen-Mumien
  • Video "100 Jahre Frauenwahlrecht: Gleichstellung haben wir trotzdem nicht" Video 02:06
    100 Jahre Frauenwahlrecht: "Gleichstellung haben wir trotzdem nicht"
  • Video "Brände in Kalifornien: Promi-Ort Malibu evakuiert" Video 01:24
    Brände in Kalifornien: Promi-Ort Malibu evakuiert
  • Video "Vor Norwegen: Kriegsschiff kollidiert mit Tanker" Video 01:03
    Vor Norwegen: Kriegsschiff kollidiert mit Tanker
  • Video "Die Sache mit dem Aschedünger: Bill Gates' wasserlose Toilette" Video 01:18
    Die Sache mit dem Aschedünger: Bill Gates' wasserlose Toilette
  • Video "88-Meter-Segeljacht: Auf der Überholspur" Video 00:42
    88-Meter-Segeljacht: Auf der Überholspur