26.12.1951

ZEITBERICHTAtempause auf Schlachtfeld

Die Münchner Buchhändler machen mit Wolfgang Koeppens "Tauben im Gras" kein großes Geschäft. Sie stellen den Band*) nicht einmal gern ins Fenster. Das Giftgrün des Buchumschlags wirkt auf Inhaber des garantiert goldenen Münchner Herzens wie ein rotes Tuch.
"Handlung und Personen des Romans TAUBEN IM GRAS sind frei erfunden. Aehnlichkeiten mit Personen und Geschehnissen des Lebens sind Zufall und vom Verfasser nicht beabsichtigt", steht ausdrücklich vermerkt. Doch sucht der Leser schon nach den ersten Seiten den nicht genannten Schauplatz dieses Zeitberichtes irgendwo anders als unter den Türmen der Frauenkirche.
Versichert Autor Koeppen: "Mir lag wirklich nichts ferner als irgend jemand oder irgend etwas anzugreifen oder lächerlich zu machen. Aber ich sehe es nun einmal so."
Was Koeppen nun einmal so sieht, ist das seit sechs Jahren Ami-besetzte München vom Jahre 1951, dargestellt am Ablauf eines einzigen Tages. Es ist der scheinbar schreibstur reportagemäßige Bericht verschiedener Einzelschicksale, aber bei diesem Versuch einer schriftstellerischen Momentaufnahme kam unversehens Nachkriegs-München komplett mit auf die Platte. Das ergab ein aufreizend unretuschiertes Bild der angeblich bürgerbiederen Bayernhauptstadt - München als Ableger von Budapest oder Shanghai.
Nicht, daß dort unentwegt aus allen Knopflöchern geschossen oder in großem Stil geschoben würde. Nicht einmal die Möhlstraße, für jeden Nichtbayern das Symbol des "anderen München", wird bemüht. Das andere, höchst Alltägliche reicht aus für die Abschilderung des Asphaltdschungels an der Isar.
US-Negersoldat Odysseus Cotton kommt in die Bayernmetropole zugereist und Edwin, der große angelsächsische Dichter. und der eine zieht auf seinem Gang durch die Großstadt das hutzelige Dienstmännchen Josef, das Cottons unaufhörlich dudelndes
Kofferradio trägt, hinter sich her, der andere eine Omnibusladung frischer US-Importen, schnatternder amerikanischer Lehrerinnen.
Emilia, hysterische Tochter des nicht entnazifizierten Geheimarats, trägt die väterliche Mitgift stückweise zum Trödler, und der entlassene Gewerbelehrer Schnakenbach kämpft aussichtslos gegen seine Schlafsucht an, die ihn heimsucht, seit er sich zwecks Ausmusterung mit Pervitin und anderen Wachmitteln erfolgreich ruinierte.
Musikmeistersgattin Berendt ersäuft ihren Kummer um den mit einem Tschechenmädchen davongelaufenen Mann in Bürgerbräubier, und Carla, ihre Tochter, bekommt ein Kind von Washington Price, dem schwarzen Baseball-Star der US-Army.
So ist Schicksal für Schicksal sorgfältig nachgezeichnet, der Tageslauf jeder einzelnen Figur genau registriert, aber dann hat Koeppen jede Einzelschilderung wie mit der Schere zerschnipselt, alle Teile bunt wie ein Kartenspiel durcheinander gemischt und das Gemenge wie Häcksel in die Luft geworfen. Was niederfiel, bildet ein seltsames Muster ein Mosaik, in den Einzelteilen sinnvoll geordnet.
Koeppen betreibt dieses Puzzle-Spiel mit Handlungsfetzen so virtuos wie ein Taschenspieler. Das dauernde Ueberblenden wird raffiniert motiviert: mit dem jeweils zuletzt erwähnten Einzelzug einer Szene, manchmal sogar mit demselben Wort, greift Koeppen einen anderen, seitenlang vorher liegengelassenen Faden der Handlung wieder auf.
Immer näher werden die parallel laufenden Strähnen zueinander geführt, bis sie sich schließlich zu einem unentwirrbaren Knäuel miteinander verknoten. Odysseus, von einer Dirne bestohlen, schlägt, tobsüchtig, dem Dienstmännchen Josef den Schädel ein. Musikmeistersgattin Berendt hetzt die Meute auf Tochter Carlas schwarzen Washington, und Angelsachsen-Dichter Edwin gerät, auf der Suche nach seinem allnächtlichen Erlebnis, zwischen die Fäuste der Strichjungen.
Mit dem urplötzlich aufkommenden Sturm auf die Negerbar löst sich der Knoten, der Spuk verfliegt, und nachtstill und altdeutsch traut, wie der "Meistersinger" Alt-Nüremberg nach der Prügelszene, liegt München unter den Frauentürmen. "Mitternacht schlägt es vom Turm. Es endet der Tag. Ein Kalenderblatt fällt. Man schreibt ein neues Datum.
"Komm-du-nun-sanfter-Schlummer. Doch niemand entflieht seiner Welt. Der Traum ist schwer und unruhig. Deutschland lebt im Spannungsfeld, östliche Welt, westliche Welt, zerbrochene Welt, zwei Welthälften, einander feind und fremd, Deutschland lebt an der Nahtstelle, an der Bruchstelle. Die Zeit ist kostbar, sie ist eine Spanne nur, eine karge Spanne, er an, eine Sekunde zum Atemholen, Atempause auf einem verdammten Schlachtfeld."
So schließt Koeppen seine, "Roman" genannte Reportage von einem Tag München sechs Jahre nach dem Kriege und von seinen Menschen, Einheimischen und Zug''roasten, die allesamt, nach einem dem Buch als Motto vorangestellten Wort der amerikanischen Dichterin Gertrude Stein, wie "Tauben im Gras" sind: ". . . dem Metzger preisgegeben und doch in Gottes Hand." Das Buch ist in einem gehetzten, zufällige Gedankenfetzen aneinanderreihenden Stil geschrieben. Die Darstellung erscheint nicht
anders als ein Erbrechen, als ein stoßweises Vonsichgeben des Bodensatzes nie ganz zu verarbeitender Erlebnisse.
Eigentlich sollte der Bericht von Anfang bis Ende gleichsam aus einem einzigen Satz bestehen. Koeppen wollte den "inneren Monolog" ohne jede Interpunktion durchlaufen lassen. Die jetzige, verwirrend inkonsequente Schreibweise ergab sich aus einem mühevoll erkämpften Kompromiß zwischen Koeppen und Verleger Goverts, der den von keinem Haltezeichen gebändigten Sturzbach von Bericht in dieser Form für unverdaulich hielt. Immerhin vermuten tüftelnde Kritiker auch noch hinter Koeppens Kompromiß den Ansatz zu einer neuen Schreib-Aera. Sagt Koeppen: "Man kann heute nicht mehr so schreiben, als ob es James Joyce nie gegeben hätte."
"Tauben im Gras" ist Koeppens drittes Buch, die letzten liegen sechzehn Jahre zurück: "Die Mauer schwankt" erschien, wie "Eine unglückliche Liebe". Mitte Dreißig bei Bruno Cassirer. Bald darauf verschwand Koeppen, 1906 in Greifswald geboren und in Ostpreußen aufgewachsen, von der literarischen Bildfläche
Als "konsequenter Zivilist" scriptete er sich beim Film durch die Kriegsjahre. "Es wurde glücklicherweise nie ein Film von mir gedreht, aber ich habe trotzdem schrecklich dabei verdient."
Nach dem Krieg animierte ihn sein Freund, der Schauspieler Wilfried Seyferth, zu einem neuen Drehbuch-Versuch. Koeppen schrieb einen Gegenwartsfilm um die Schicksale in einer billigen Schankstube, "bei Betty". So sollte der Film auch heißen. Aber IFU-Dramaturg Answald Krüger zuckte nur bedauernd die Schultern. "Gegenwartsfilme - heute?"
Seitdem weigert sich Koeppen, manchen Angeboten zum Trotz, auf gut Glück zu scripten. Lieber ernährt er sich mäßig aber stetig von Beiträgen im NWDR, in der Frankfurter Allgemeinen und in der Neuen Zeitung. Dabei hat er längst eingesehen: "Feuilletonist ist heute ein anachronistischer Beruf."
Er geht noch einen Schritt weiter: "Ich bin überzeugt, wenn ich einen richtigen bürgerlichen Beruf hätte, würde ich mehr und Besseres schreiben." Mit "Tauben im Gras" ist er ohnehin nicht restlos glücklich. "Ein wenig zu gehetzt, manchmal fast manieriert."
Manier ist das attraktiv-ungewöhnliche Mittel, die Gedankenfetzen seines "inneren Monologs" durch Zeitungsschlagzeilen, in Großbuchstaben zwischen den fortlaufenden Text gesetzt, miteinander zu verzahner. Das sieht dann etwa so aus:
". . . Nichtstuend schwätzend träumend, kleine flache gefällige Träume in einem ewigen Halbschlummer einem Schlummer des Glücks träumend, FESCHE ENDVIERZIGERIN SUCHT HERRN IN GESICHERTER POSITION, saßen die Frauen, die von Staatspensionen, geglückten Auszahlungen bei Todesfall, Scheidungsrenten und Trennungsgeldern leben, im Domcafé. . . ."
Als solcherart gewandter Schlagzeilenschmied aktiviert Koeppen seine Erinnerung an eigene Journalistenjahre, an die Zeit, als er noch mit Theaterpapst Herbert Ihering in der Feuilleton-Redaktion des Berliner Börsencourier saß. Die Relikte aus dieser Zeit haben sich aber anscheinend als Ressentiments abgelagert. Er verfährt mit recht leicht zu lokalisierenden Redaktionen in seinem "Roman" ("Handlung und Personen ... sind frei erfunden") nicht eben sanft.
Der durch Sensibilität verhinderte Schriftsteller Philipp des Romans vertritt das "Neue Blatt" bei Dichter Edwins Vortrag recht unrepräsentativ, und der Münchner "Abendzeitung" setzt Koeppen in seinem Buch dieses Denkmal:
"... Das Abendecho, das die Namen von Dichtern nur nannte, wenn sie durch irgendwelche Verleihungen Personen des öffentlichen Lebens geworden, nicht länger zu übersehen und überdies gestorben waren, eine Erwähnung, die dann in der Spalte Ferner-ereignete-sich geschah, in der Rubrik des kleinen Klatsches KATER DES ARGENTINISCHEN KONSULS ENTLAUFEN, ANDRE GIDE GESTERN VERSCHIEDEN, dieses literarisch so überaus interessierte Blatt hatte eine Redaktionselevin in Mister Edwins Hotel geschickt, um den berühmten Schriftsteller zu interviewen, ihn für die Leser des Abendechos zu fragen, ob er an den dritten Weltkrieg noch in diesem Sommer glaube, was er von der neuen Badekleidung der Damen halte und ob es seine Meinung sei, daß die Atombombe den Menschen wieder zum Affen zurückwerfen werde."
Diese ganz unbittere Ironie ist nur eine Spielart des Empfindens und der inneren Distanz aller nach München "Zugroasten", Koeppen gehört nicht zu der mittlerweile zu abseitigem Lokalruhm aufgestiegenen neuen Berliner Emigration der Erich Kästner, Walter Kiaulehn, Horst Lange. Ein Außenseiter sein Leben lang, lebt er heute in Schwabing, ohne zu den zahlreichen literarischen Mentoren und Stammgästen Schwabinger Lokale zu zählen, in denen eine krampfige Renaissance der Wedekind-Ringelnatz-Blütezeit, verbunden mit kräftigem Fremdennepp, versucht wird.
Außenseiter ist Koeppen auch mit seinem Urteil über "Tauben im Gras" Er findet diesen vielleicht gelungensten Zeitbericht vom kaum vergangenen Gestern "ausgesprochen humoristisch".
*) Wolfgang Koeppen: "Tauben im Gras". Scherz und Goverts Verlag, Stuttgart-Hamburg, 1951, 270 Seiten, 14,80 DM.

DER SPIEGEL 52/1951
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