15.10.2001

INTERNETPentagon und Pentagramm

Kettenlügen über Weltverschwörer, Wandersagen über Aliens, Gräuelmärchen über Giftmischer - in Krisenzeiten nutzen Spinner und Panikmacher das Internet mehr denn je als Gerüchteschleuder. Wie in den USA machen nun auch in Deutschland „Hoaxbusters“ Jagd auf elektronische Enten.
Lange bevor alle Welt, nach den spektakulären Milzbrand-Fällen in Florida, über die Möglichkeit islamistischer Terrorattacken mit biologischen oder chemischen Kampfstoffen theoretisierte, glaubten Zehntausende Amerikaner, die Bedrohungslage bereits ganz präzise einschätzen zu können.
Massenhaft gaben Internet-Nutzer während der letzten Wochen in ihren Freundeskreisen eine angebliche "Warnung" des Houston Fire Department weiter, die sie in ihrer elektronischen Mailbox gefunden hatten: In den Vereinigten Staaten seien nach Angaben der texanischen Feuerwehr zurzeit per Post "große blaue Umschläge" mit dem Aufdruck "Ein Geschenk für Dich" unterwegs, die einen Schwamm mit "einer Art Chemikalie oder ähnlichem" enthielten. Nach dem Kontakt mit der mysteriösen Substanz seien bereits 28 Menschen gestorben.
Kettenbriefe mit erfundenen Geschichten wie der vom blauen Todesbrief rasen dank Internet wie ein Lauffeuer um die Welt. Ersponnen von irgendeinem Anonymus und blitzschnell weitergeleitet per "Forward"-Button, erreicht ein "hoax" - englisch für Zeitungsente - oft binnen Tagen Hunderttausende Adressaten rund um den Globus.
Und weil Krisen und Kriege schon immer ein guter Nährboden für Gerüchte waren, gedeihen die per E-Mail verbreiteten Kettenlügen seit der Terrorattacke auf die USA üppig wie nie zuvor. Spinner und Fälscher, Verschwörungstheoretiker und Weltuntergangspropheten haben Hochsaison - und finden ein oftmals erstaunlich unkritisches Publikum.
Viele User, wundert sich die "New York Times", hätten zunehmend Schwierigkeiten, "Online-Gerüchte und Realität zu unterscheiden".
Da kursiert seit Wochen ein angeblicher Aufruf der Nasa im Netz, "heute" (ohne Datumsangabe) eine Kerze vor die Tür zu stellen; die US-Raumfahrtbehörde plane, die flackernde Solidaritätsbekundung für die New Yorker Opfer per nächtlicher Satellitenaufnahme zu dokumentieren - schlicht erlogen.
Oder da rumort die Wandersage durchs Web, Osama Bin Laden ziehe als Großaktionär eines Monopolisten, der Gummi arabicum herstelle, Profit aus jedem Produkt vom Bier über Brause bis zum Bonbon, dem der Stoff als Bindemittel zugefügt ist - schön erfunden.
Wie der Geist aus der Flasche ist kaum je wieder einzufangen, was über die Gerüchteschleuder Internet in die Welt gesetzt worden ist; Dementis vermögen die E-Mail-Lawinen in aller Regel nicht zu stoppen.
Einen Monat nach den Massenmorden von New York und Washington geistern noch immer die haarsträubendsten Geschichten durchs Netz - etwa die Story vom Büroangestellten, der sich aus dem brennenden World Trade Center (WTC) gerettet habe, indem er auf einer Schreibtischplatte durch die Luft gesurft sei; oder die Mär vom Astrologen Nostradamus, der, obwohl bereits 1566 gestorben, im Jahre 1654 einen Anschlag auf "zwei Brüder" (die Twin Towers!) vorhergesagt habe; oder die Legende von den Außerirdischen, die sofort nach dem Crash per Ufo die obersten WTC-Etagen evakuiert hätten.
Schier unglaublich, was das Web-Publikum alles glaubt - und was es ungeprüft per Mausklick weitergibt. Verweist die Quersumme des Unglückstags, des 11. 9. 2001, nicht eindeutig auf den Geheimbund der Illuminaten, dessen mystische Zahl bekanntlich die 23 ist? Und deutet die 5, Quersumme wiederum von 23, nicht auf das Pentagon - und auf das Pentagramm, das Satanszeichen?
Dass Luzifer im Spiel ist, ist für all die Obskuranten im Netz ausgemacht - zumal auch ein auf vielen Websites zitiertes Pressefoto in der Rauchfahne des brennenden WTC eine Teufelsfratze erkennen lässt. Umstritten ist in den Diskussionsforen im Usenet nur, ob das Satanszeichen nun für Bin Laden steht oder aber eher für das amerikanische Großkapital und heimliche Hintermänner, ohne die nun mal keine Verschwörungstheorie auskommt.
Versierten Zahlenmystikern ist natürlich gleich aufgefallen, dass "New York City" und "Afghanistan" jeweils elf Buchstaben haben - macht zusammen 22, was unter Freimaurern für den "Großen Baumeister der Welten" stehe. Alles klar? Und wo Freimaurer umhergeistern, sind jüdische Weltverschwörer nicht weit.
Im vermutlich populärsten (und infamsten) Kettenbrief der letzten Wochen ist zu lesen, die Flugnummer der ersten Terrormaschine sei Q33NY gewesen - was, dargestellt in der Microsoft-Word-Schrift Wingdings, fünf verräterische Symbole ergebe: ein Flugzeug, zwei Türme, einen Totenkopf und einen Davidstern. Niemand von denen, die den entsprechenden elektronischen Brief weiterleiteten, kam offenbar auf die Idee, dass die angegebene Flugnummer frei erfunden sein könnte - was in der Tat der Fall war.
Wenn durchs Internet dann noch wochenlang die Kettenlüge rauscht, alle "4000 Juden", die im WTC arbeiteten, seien vom israelischen Geheimdienst Mossad gewarnt worden und hätten sich am Unglückstag freigenommen - spätestens dann liegt die Frage nahe, ob das weltweite Netz nicht längst auch professionellen Psychokriegern als Waffe dient.
Die Urheber der elektronisch gestreuten Flüsterpropaganda bleiben gewöhnlich im Dunkeln - wie auch die Erfinder jener klassischen Wandersagen und Großstadtlegenden, die schon vor Anbruch des Internet-Zeitalters um die Welt waberten und die der Göttinger Wissenschaftler Rolf Wilhelm Brednich analysiert und in Bestsellern mit Titeln wie "Die Maus im Jumbo-Jet" und "Die Spinne in der Yucca-Palme" gesammelt hat: Als Gewährsmann wurde dem Gerüchteforscher immer wieder der Freund eines Freundes genannt, der dann nur selten ausfindig zu machen war.
Nach diesem Schema, das Medienwissenschaftler "FOAF" (Friend of a Friend) nennen, funktionieren auch die neuen Internet-Legenden - was die Suche nach dem Urquell nicht gerade erleichtert. Weil aber jede E-Mail, anders als das gesprochene Wort, eine elektronische Spur hinterlässt, gelingt es doch immer mal wieder, die Genesis einer Kettenlüge zu rekonstruieren - wie jüngst im Fall des wohl schnellsten Gerüchts, das je um die Welt geeilt ist.
Anlass waren die CNN-Fernsehbilder, die kurz nach dem New Yorker Attentat jubilierende Palästinenser zeigten. Bei diesen Aufnahmen, besagt eine per Internet weltweit verbreitete Falschmeldung, habe es sich um zehn Jahre altes Filmmaterial gehandelt - eine Behauptung, die CNN sogleich schlüssig widerlegte, allerdings vergebens.
In Deutschland wurde die Legende vor allem von Jung- und Altlinken freudig aufgegriffen, die US-Medien alles Böse, US-Gegnern aber gern Gutes zutrauen; so lief die Falschmeldung etwa über einen E-Mail-Verteiler der von den Grünen abgesplitterten Hamburger Regenbogen-Gruppe, verbunden mit der "inbrünstigen" Bitte, sie sofort weiterzuleiten, "damit die Welt erfahren kann, wie viel Dreck hinter den Medien versteckt ist".
Der Magdeburger Psychologieprofessor Volker Linneweber ("Ich habe das von einem Kollegen gehört") zitierte die Fehlinformation in einer populären MDR-Talkshow. Ein muslimischer Interviewpartner konnte die Ente unwidersprochen im Sat.1-Magazin "Planetopia" verbreiten.
Urheber des Fakes war, vor gut vier Wochen, der brasilianische Student Márcio Carvalho gewesen. Der hatte am 13. September am Schwarzen Brett der alternativen Nachrichten-Plattform www.indymedia.org die Mitteilung hinterlassen, eine - namentlich nicht genannte - Dozentin habe gerade erzählt, sie habe "the very same images" bereits 1991 gesehen und damals aufgezeichnet.
Von Freunden im Web bedrängt, das Videoband zu besorgen, um das "Verbrechen an der öffentlichen Meinung" zu beweisen, musste der Student bereits anderntags einräumen, er habe die Hochschullehrerin offenbar missverstanden; die Dozentin besitze keinerlei einschlägige Videoaufzeichnung. Sein Dementi stellte Carvalho in Versalien ins Netz: "SIE KANN ES NICHT BEWEISEN."
In diversen unabhängigen Foren, die das Gerücht ungeprüft verbreitet hatten, löste das peinliche Eingeständnis eine heftige Diskussion aus. Einer fühlte sich an Joseph Goebbels erinnert: "Je größer die Lüge, desto mehr Menschen werden sie glauben." Ein anderer riet den linken Indymedia-Machern, die Gebote der bürgerlichen Presse zu respektieren: "Selbst wenn deine Mutter dir versichert, etwas sei wahr, prüf es, bevor du es veröffentlichst."
An diesen Grundsatz halten sich in den USA rund ein Dutzend Webmaster, die sich - in Anlehnung an "Ghostbuster" (Geisterjäger) - selbst "Hoaxbuster" nennen und deren Hobby es ist, die über das Internet verbreiteten Gerüchte und Großstadtlegenden auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen.
Auf www.urbanlegends.about.com geht David Emery etwa der Frage nach, ob im WTC-Schutt tatsächlich zwei abgerissene, aneinander gefesselte Hände gefunden worden sind. Und auf www.snopes.com warnt Barbara Mikkelson vor einem Kettenbrief, der dazu auffordert, Geld an estnische Hacker zu überweisen, die das Netz angeblich nach Spuren von Bin Laden durchsuchen wollen.
In Deutschland betätigen sich zum Beispiel der Wittenberger EDV-Experte Martin Ebert (www.klug-suchen.de/wtc) und, besonders intensiv, der Berliner TU Spezialist Frank Ziemann als Entenjäger. Nachdem Ziemann sich zunächst vorwiegend mit jenen ungezählten Ketten-Mails befasst hatte, in denen Wichtigtuer vor nicht existenten Computerviren warnen, widmete er sich auf seiner Website mehr und mehr auch anderen Hoax-Gattungen**.
Dass Besucher einer bestimmten Münchner Disco von einem Unbekannten im Gedränge mit HIV-verseuchten Spritzen infiziert werden; dass Kunden eines gewissen Möbelhauses plötzlich bewusstlos werden und beim Erwachen feststellen, dass ihnen eine Niere herausgeschnitten worden ist; dass Sadisten kleinen Kindern mit Tattoo-Abziehbildern heimlich LSD applizieren - solche und andere Wanderlügen werden von Ziemann und seinen Mitstreitern kompiliert, kategorisiert und analysiert.
In jüngster Zeit sah sich der Berliner Gerüchtewart ebenso wie seine US-Kollegen "an der Grenze" seiner Kapazität. Bei David Emery etwa landen pro Tag rund 200 E-Mails von verunsicherten Kettenbriefempfängern.
Stimmt es wirklich, dass Araber am Tag des New Yorker Attentats per SMS eine Erfolgsmeldung ("Habe getroffen und nicht verfehlt") abgesetzt haben? Und was ist dran an der Geschichte von der Kamera, die im WTC-Schutt gefunden wurde und die ein gespenstisch anmutendes Foto enthält - im Vordergrund ein Tourist, der auf der Besucherplattform des Hochhauses posiert, im Hintergrund die Todes-Boeing?
Einem gewieften Hoaxbuster fällt rasch auf, dass der Tourist im sonnigen New Yorker September Pudelmütze und Winterjacke trägt, dass der Boeing-Typ nicht mit dem der entführten Maschine übereinstimmt, dass die Besucherplattform zur fraglichen Zeit noch gar nicht geöffnet war und dass das Foto offensichtlich mit der Wischfunktion ("Blur") eines Bildbearbeitungsprogramms manipuliert worden ist. Mittlerweile haben Witzbolde Montagen ins Web gestellt, die denselben Touristen auch als Astronauten, als Jünger Jesu und Passagier der "Titanic" zeigen.
Auch die Geschichte vom blauen Umschlag mit der tödlichen Substanz bringt einen erfahrenen Hoaxbuster nicht aus der Ruhe: Die Story ist, in verschiedenen Versionen, seit Jahren per E-Mail im Umlauf.
Mal enthält der Briefumschlag einen leeren Bogen Papier mit einer Substanz, die sofort Hautausschläge am ganzen Körper auslöst, ein anderes Mal ein Schwammtuch mit dem angeblich tödlichen "Klingerman Virus"; neuerdings erscheint als Absender eine "Kinderman Foundation".
Ob Kinderman, ob Klingerman - eine Auswirkung der bösen Gerüchte, die Scherz mit dem Entsetzen treiben, ist verbürgt: Sie wecken bei manch einem Adressaten von blauen Briefen Todesängste. Als ein Bürger aus Auburn im US-Staat Maine voriges Jahr nach dem Empfang eines verdächtigen Briefes telefonisch um Hilfe rief, rückten FBI und Feuerwehr, Polizei und Sanitäter an.
Die Sicherheitskräfte riegelten die Straße ab. Spezialisten mit weißen Schutzanzügen und Gasmasken rissen dem verängstigten Anrufer alle Kleider vom Leibe und spritzten den Nackten mit scharfem Wasserstrahl ab, bevor sie ihn in eine Klinik transportierten.
"Es ist ein Jammer", sinniert Entenjäger Emery, "dass Leute, die solche Gerüchte in die Welt setzen, nicht genauso behandelt werden." JOCHEN BÖLSCHE
* Oben: in die Microsoft-Word-Symbolschrift umgesetzte Zeichenfolge "Q33NY"; unten: CNN-Sendung nach dem Anschlag auf das WTC. ** www.tu-berlin.de/www/software/hoax.shtml
Von Bölsche, Jochen

DER SPIEGEL 42/2001
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