15.10.2001

„Eine der besten Erfindungen“

Der niederländische Star-Architekt Rem Koolhaas, 56, über Hochhäuser, den Wiederaufbau des World Trade Center und den Abschied von altmodischer Stadtplanung
SPIEGEL: Herr Koolhaas, nach dem Anschlag auf das World Trade Center gibt es im Süden Manhattans eine riesige Brachfläche. Wie sollte sie Ihrer Ansicht nach bebaut werden?
Koolhaas: Ich hasse diese ganzen Architekten, die jetzt mit irgendwelchen Vorschlägen ankommen. Dafür ist es noch viel zu früh.
SPIEGEL: Trotzdem hat sich kaum ein Architekt mehr mit der Stadt beschäftigt als Sie. Schließlich sind Sie 1978 mit "Delirious New York", einer Studie über den Hochhausbau in Manhattan, bekannt geworden. Was hat das World Trade Center für Sie bedeutet?
Koolhaas: Es war die perfekte Abstraktion des Hochhauses an sich. Die beiden Türme wurden 1973 eingeweiht, vier Jahre nach dem Start der ersten Concorde. Das World Trade Center und die Concorde sind beide Symbole extremen Ehrgeizes. Sie huldigen der Bedeutung von Höhe und von Geschwindigkeit, und sie stehen für ein rationales Organisationssystem. Nun haben wir alle die Zerstörung dieser Ordnung beobachtet. Für mich ist völlig unklar, was daraus folgen wird. Ich glaube, wir müssen abwarten, bis sich eine neue kulturelle Balance entwickelt.
SPIEGEL: Vielleicht haben Sie dennoch jetzt schon eine Vision für den Süden Manhattans?
Koolhaas: Wieso glauben Sie, dass Architekten dauernd mit Visionen durch die Welt laufen? Das ist doch Unsinn.
SPIEGEL: Ihr Kollege Renzo Piano jedenfalls hat erklärt, man solle die Chance zu einem Neuanfang nutzen, statt die Türme wieder aufzubauen.
Koolhaas: Er hat auch gesagt, wir sollten in Zukunft humaner bauen. Es ist vielleicht kein Zufall, dass er selbst gerade ein Hochhaus in New York errichtet. Solche Statements sind geradezu obszön. Worüber man sich jetzt Gedanken machen muss, ist die Frage, ob man eine der besten Erfindungen der Menschheit, damit meine ich Hochhäuser, noch nutzen will. Das ist aber ein kulturelles und politisches Thema.
SPIEGEL: Das sich auf die Architektur auswirken wird.
Koolhaas: Da haben Sie absolut Recht. Aber wie, das ist die Frage. Architektur ist so langsam, dass sie auf alles mit ewiger Verzögerung reagiert.
SPIEGEL: Sicher ist jedenfalls, dass es seit dem Attentat eine neue Skepsis gegenüber Hochhäusern gibt.
Koolhaas: Kurzfristig vielleicht. In Wahrheit ist der Wolkenkratzer so ungefähr der einzige Gebäudetyp, der den Sprung ins 21. Jahrhundert geschafft hat. Schauen Sie doch mal nach China. In Shenzhen gibt es fast ausschließlich Hochhäuser, dort wurden in den vergangenen zehn Jahren ungefähr 600 Wolkenkratzer gebaut. Wenn in New York das World Trade Center zerstört wird, stoppt das nicht die Bauprojekte in Asien. Dafür ist viel zu viel Geld im Spiel.
SPIEGEL: Wirklich? Viele, die die Bilder vom Anschlag gesehen haben, werden sicher Angst haben, im 110. Stock zu arbeiten.
Koolhaas: Vielleicht. Aber für wie lange? Im Übrigen weigere ich mich, Prognosen abzugeben und von der Gegenwart auf die Zukunft zu schließen, wie manche Architekten das tun. Es hat sich immer wieder gezeigt, dass diese Visionen mit der Realität absolut nichts zu tun haben.
SPIEGEL: Woran liegt das?
Koolhaas: An der Komplexität. Ich habe mit meinen Harvard-Studenten kürzlich die nigerianische Hauptstadt Lagos untersucht. Wir gingen von der Annahme aus, dass Großstädte die rationalste und organisierteste Form menschlichen Zusammenlebens darstellen. Mit Nigeria ging es seit den siebziger Jahren politisch und wirtschaftlich bergab, Lagos aber wuchs. Wir haben uns dafür interessiert, wie einerseits alle Organisationssysteme versagen, die Stadt aber andererseits trotzdem funktioniert. Das liegt daran, dass die Einwohner sich in Mikrosystemen organisieren. Lagos ist den Metropolen der Industrienationen um 50 bis 100 Jahre voraus.
SPIEGEL: Das überrascht doch sehr.
Koolhaas: Der Punkt ist, dass Städte wie New York, London oder Paris im Grunde viktorianische Erfindungen sind, denn sie boomten im späten 19. Jahrhundert und wuchsen auf der Basis einer Technologie, die heute überholt ist. Zum Beispiel ist das Transportsystem, die Untergrundbahn, einfach sehr alt. Diese Städte funktionieren nur, wenn alle Einwohner sich an die Regeln halten, die diese Strukturen vorgeben. Aber es gibt starke Anhaltspunkte dafür, dass den Menschen diese Regelwerke zu eng sind und sie es vorziehen würden, in einer weniger durchorganisierten Stadt zu leben, also in einem System, das mehr Freiheit und Individualität zulässt. Eine chaotische und vernachlässigte Metropole wie Lagos ist keiner Vergangenheit verpflichtet und kann alles, was nicht mehr in die Zeit passt, problemlos hinter sich lassen. Dagegen ist es viel schwieriger, ein altes, aber hoch organisiertes System durch ein neues zu ersetzen.
SPIEGEL: Was sich jetzt in New York zeigt: Einige Architekten plädieren für den simplen Wiederaufbau der zerstörten Türme.
Koolhaas: Richtig. Und ich verstehe auch, dass man nicht die Geduld hat, Abstand zu gewinnen und abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln. Aber das Resultat dieser Diskussion ist: Einige sagen, man solle die Wolkenkratzer noch höher bauen, andere erklären, niedriger sei besser, und die Dritten wollen gar keine Hochhäuser mehr. Ich finde diesen Diskurs langweilig, eitel und dumm.
SPIEGEL: Wieso eitel?
Koolhaas: Weil diese Architekten ihre Bedeutung überschätzen. Schauen Sie: Im 19. Jahrhundert wurde Manhattan in Parzellen aufgeteilt, und die Eigentümer konnten mit denen machen, was sie wollten. Sie trafen in erster Linie ökonomische Entscheidungen und keine ästhetischen. Es sieht vielleicht so aus, als hätte die Architektur das Stadtbild geprägt, aber es ist in Wahrheit die Manifestation wirtschaftlicher Überlegungen.
SPIEGEL: Und dieser Prozess wird sich in Manhattan wiederholen?
Koolhaas: Die Situation ist komplexer, denn es gibt ja auch den Vorschlag, auf der Fläche des World Trade Center eine Gedenkstätte zu errichten. Über solche Dinge entscheiden definitiv nicht die Architekten.
SPIEGEL: Eine ähnliche Situation wie in Manhattan hat es vor zehn Jahren am Potsdamer Platz gegeben, wo eine symbolträchtige Brache an zentraler Stelle bebaut werden sollte und über Nostalgie oder Neuanfang entschieden werden musste. Damals verließen Sie die Planungskommission mit den Worten, sie habe ein "kleinbürgerliches, altmodisches, reaktionäres, unrealistisches, banales, provinzielles und dilettantisches Bild der Stadt". Was kann New York von Berlin lernen?
Koolhaas: Das ist ein interessanter Vergleich, es gab tatsächlich ähnliche Voraussetzungen. Die Ausschreibung für den Potsdamer Platz sah damals einheitliche Gebäudeblocks von maximal 35 Meter Höhe vor. Ich hatte das Gefühl, es war ein völlig fiktives Modell, das mit den ökonomischen Notwendigkeiten in Berlin rein gar nichts zu tun hatte. Und was passierte? Das Ursprungsmodell wurde erst verändert, dann verworfen. Und am Schluss entstanden lauter individuelle, privat finanzierte Hochhäuser - genau wie in Schanghai. Diese ganze Anstrengung, eine Ausschreibung zu machen, eine Jury zusammenzustellen, Modelle vorzulegen und zu diskutieren, Preise zu vergeben, war ein umständliches und überflüssiges Ritual der Entscheidungsfindung. Das Resultat entsprach nämlich dem, was die Zeit damals sowieso hervorbrachte.
SPIEGEL: Sollte man also auf Stadtplanung im traditionellen Sinn einfach verzichten?
Koolhaas: Es war von Anfang an klar, dass Daimler-Benz am Potsdamer Platz massiv investieren wollte. Die Vorstellung der Planer, dass man derartig einflussreiche Unternehmen zu homogener Architektur zwingen kann, war absurd. Und die schließlich durchgesetzte Beschränkung der Gebäudehöhen war für alle nur hinderlich. Hätte man die aufgehoben, wären am Potsdamer Platz vermutlich Wolkenkratzer gebaut worden. Berlin wäre Schanghai dann noch ähnlicher.
SPIEGEL: Also auch hässlicher?
Koolhaas: Wie kommen Sie darauf? Die Kriterien für Ästhetik ändern sich doch. Höhe, Abstraktion, Ausführung, Zweckmäßigkeit - das sind meiner Meinung nach zeitgemäße Maßstäbe für schön und hässlich. Und ich kann diese Schönheit in den Hochhäusern von Schanghai erkennen.
SPIEGEL: Die Wolkenkratzer-Ästhetik gilt demnach global.
Koolhaas: Offenbar, denn es zeigt sich doch, dass in Ländern mit völlig unterschiedlichen politischen Systemen, mit völlig unterschiedlicher Kultur und Tradition urbane Strukturen entstehen, die sich im Wesentlichen gleichen. Das ist aber leider den wenigsten klar. Stattdessen müssen wir uns, in Europa und den USA, mit veralteten Ideen und Zielen von Stadtgestaltung herumplagen.
SPIEGEL: Für die Erweiterung des Amsterdamer Flughafens Schiphol haben Sie die Aufschüttung und Bebauung einer künstlichen Insel in der Nordsee vorgesehen. Ist das nicht modernistischer Titanismus ohne Rücksicht auf Ökologie?
Koolhaas: Es ist umweltpolitischer Blödsinn, dass Schiphol ausgerechnet im Zentrum des am dichtesten besiedelten europäischen Landes liegt. Außerdem hat sich die Bedeutung von Flughäfen geändert. Früher waren sie dazu da, eine Reise von A nach B anzutreten. Heute gehören zu ihnen Hotels, Konferenzräume, Entertainment-Center, Einkaufsmeilen. Es gibt eine wachsende Gruppe von Menschen, deren Leben aus Reisen besteht, und die werden früher oder später eine richtige Flughafen-Stadt verlangen - in der man 24 Stunden am Tag ankommen und abreisen kann, in der man sich für eine begrenzte Zeit Zimmer, Büros, Studios mietet und in der man, da sie auf einer Insel liegt, sogar Urlaub am Meer machen kann. Wir müssen einfach akzeptieren, dass es diesen Lebensstil der "kinetischen Elite", wie der Philosoph Peter Sloterdijk sie nennt, gibt, anstatt ihn aus moralischen oder ökologischen Gründen abzulehnen.
SPIEGEL: Wird im Zuge der Globalisierung sich in Zukunft jedes Land so eine Flughafen-Stadt zulegen müssen?
Koolhaas: Wieso in Zukunft? In Seoul ist schon ein Flughafen mit einigen Zusatzfunktionen eröffnet worden. Für mich zeigt dieses Beispiel Folgendes: Es gibt einen Widerspruch zwischen der Langsamkeit der Architektur und der Geschwindigkeit, in der sich die Welt ändert.
SPIEGEL: Ist die Lösung, die Gebäude so flexibel zu konstruieren, dass man sie leicht umbauen kann?
Koolhaas: Das kommt darauf an. Ich glaube, eine Küche wird immer eine Küche bleiben, und es wird immer Badezimmer und Schlafzimmer geben. Da hat sich seit Jahrhunderten nichts Grundsätzliches geändert. Ganz anders liegt die Sache etwa bei Büros und allem, was eng mit Technik zusammenhängt. Dort muss es vor der Entwurfsphase eine sehr gründliche Erkundung geben, denn die Gebäude müssen den Anforderungen zumindest der nahen Zukunft entsprechen.
SPIEGEL: Wie sieht das konkret aus?
Koolhaas: Als wir in Seattle eine Bibliothek konzipierten, haben wir uns mit der Zukunft des Buches beschäftigt: Wird es durch transportable Bildschirme oder E-Books ersetzt? Oder bleibt alles beim Alten? Was ich damit sagen will: Architektur darf sich nicht auf den Aspekt der Form beschränken, sondern muss die soziale und politische, und, im Falle der Bibliothek, technologische Dynamik berücksichtigen.
SPIEGEL: War das nicht schon immer so?
Koolhaas: Nein, ich denke, mehrere Faktoren spielen heute eine entscheidende Rolle: die Geschwindigkeit der Veränderung, die Verfügbarkeit von Informationen über das Geschehen an noch so entfernten Orten und die globale Vernetzung. Das führt gleichzeitig zu großer Instabilität und Verwundbarkeit des gesamten Systems.
SPIEGEL: Wofür die Folgen des Anschlags auf das World Trade Center der beste Beweis wären.
Koolhaas: Genau. Das Attentat hat das 21. Jahrhundert in Sekunden verändert. Auch die Architektur. Zumindest in den USA und Europa muss sich erst noch zeigen, ob Hochhäuser noch zeitgemäß sind.
SPIEGEL: Herr Koolhaas, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Ulrike Knöfel, Marianne Wellershoff.
Von Ulrike Knöfel und Marianne Wellershoff

DER SPIEGEL 42/2001
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