Von Bethge, Philip; Evers, Marco; Traufetter, Gerald
Blass, ernst und konzentriert war Rudolph Giuliani, als er am Freitagmittag um 11.58 Uhr ans Mikrofon trat. Dem Bürgermeister von New York war klar, dass ihm eine Gratwanderung bevorstand: Jedes falsche Wort, das er jetzt wählte, könnte in seiner ohnehin traumatisierten Stadt eine Massenpanik auslösen.
In den Stunden zuvor hatten Experten der US-Bundespolizei FBI und der Seuchenkontrollbehörde CDC Giuliani mit den neuesten Fakten vertraut gemacht: Am Freitagmorgen hatte sich herausgestellt, dass eine Angestellte des Fernsehsenders NBC an Hautmilzbrand erkrankt war. Als wahrscheinlichste Quelle der Erreger galt ein verdächtiger Brief aus St. Petersburg in Florida, der am 25. September bei dem Sender in der Post war, adressiert an den Moderator Tom Brokaw. Ein ähnlicher Brief mit einem seltsamen Pulver war auch bei der "New York Times" eingegangen.
"Sie sollten nicht überreagieren", beschwor Giuliani die Bürger seiner Stadt und versprach, "mit einem Übermaß von Vorsicht" allen Gefahren zu begegnen. Giuliani wusste: Seine Beteuerung würde auf taube Ohren stoßen. Die Leute hörten nur eines: Nach den drei Milzbrandfällen in Florida hatte nun auch New York eine erste Patientin. Nur vier Wochen nachdem die Flugzeugattacke das südliche Manhattan erschüttert hatte, war damit Midtown Zielscheibe einer möglichen Bio-Attacke.
Sofort schossen Fragen durch alle Köpfe: Hängen die vier Fälle von Milzbrand (Anthrax) zusammen? Sind sie erst der Anfang einer Welle von Bio-Attacken? Steckt der Terrorpate Bin Laden dahinter? Hat er jetzt gezielt Medienunternehmen im Visier?
Nur wenige Stunden später kam eine weitere Alarmmeldung aus Reno (Nevada). Bei einem Microsoft-Unternehmen war ein verdächtiger Brief eingegangen. Ein erster Test wies auf Anthrax, ein zweiter konnte den Verdacht nicht bestätigen. Das Ergebnis des dritten Tests stand bei Redaktionsschluss noch aus.
Zwar war bis Freitagnacht nur ein Opfer in New York betroffen. Zudem war die Patientin nicht ernsthaft erkrankt. Dennoch brachen binnen Minuten die Aktienkurse an der Wall Street ein, die Fernsehsender CBS und ABC schlossen ihre Poststellen, die Polizei sperrte die 43. Straße direkt neben dem hektischen Times Square im Herzen der Stadt, das Uno-Hauptquartier warnte seine Mitarbeiter vor möglichen Bio-Attacken. Und Vizepräsident Dick Cheney spekulierte im Fernsehsender PBS über mögliche Verbindungen zwischen Bio-Angriffen und Bin Laden.
Das Horten von Antibiotika hatte schon Tage zuvor begonnen - nachdem Florida vom Anthrax-Schock heimgesucht worden war. Auch dort war der Erreger in einem Medienunternehmen aufgetreten: im US-Verlag American Media in Boca Raton.
Zuerst zeigte der Fotoredakteur Robert "Bob" Stevens, 63, die Symptome der tödlichen Krankheit. Bis Ende vergangener Woche entdeckten die Forscher auch bei zwei weiteren Mitarbeitern von American Media Anthrax-Sporen: bei Ernesto Blanco, 73, und Stephanie Dailey, 36. Beide hatten in der Poststelle des Verlags gearbeitet. Stevens starb, Blanco erkrankte, Dailey erhielt rechtzeitig Antibiotika.
Spätestens als auf der Computer-Tastatur von Stevens und an mehreren Stellen im Postraum des Redaktionsgebäudes Anthrax-Sporen nachgewiesen wurden, galt als sicher: Ein Mensch hatte den tückischen Erreger, vermutlich auf dem Postweg, in das Gebäude geschleust.
Seither herrscht Angst im Süden Floridas. Gasmasken waren schon ausverkauft nach den Anschlägen vom 11. September. Jetzt geht auch das Antibiotikum Ciprobay zur Neige. Dieses Mittel gegen Lungenmilzbrand wird von Bayer hergestellt; der Aktienkurs des Unternehmens schnellte nach oben. Viele schluckten die Pillen präventiv - gegen jeden ärztlichen Rat.
Dutzende angeblicher Anthrax-Anschläge aus allen Teilen der USA wurden gemeldet. Auch in Deutschland spielten die Trittbrettfahrer ihr krankes Spiel: In Berlin, München, Köln und Wiesbaden tauchten mysteriöse Briefe mit weißem Pulver oder der Aufschrift "Anthrax" auf. Jedes Mal rückten Spezialkräfte aus, jedes Mal Fehlalarm. Eilig beauftragte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt das Robert-Koch-Institut, eine Informationsstelle für biologische Kampfstoffe einzurichten und Daten über Impf-, Labor- und Bettenkapazitäten zusammenzustellen.
Bis Ende vergangener Woche rätselten die Fahnder des FBI darüber, wer die Urheber der Bakterienattacken sein könnten. Klar ist nur: Die mutmaßlichen Täter haben den Erreger teuflisch klug gewählt. Normalerweise kommt Milzbrand fast nur bei Rindern und Pferden vor, deren Milz im Krankheitsverlauf schwarz-rot anschwillt. Wegen seiner Gefährlichkeit auch für Menschen gilt der Erreger den Militärs jedoch seit jeher auch als bevorzugte Bio-Waffe.
Drei verschiedene Krankheitsbilder werden unterschieden. Welches von ihnen auftritt, hängt davon ab, wie der Erreger in den Körper gelangt: Dringt er, wie in dem New Yorker Fall, durch kleine Wunden in die Haut, so bilden sich rot-schwarze Entzündungen - eine Form der Krankheit, die sich relativ einfach behandeln lässt. Der Darmmilzbrand tritt vor allem nach dem Verzehr von verseuchtem Fleisch auf. Der Lungenmilzbrand schließlich ist die gefürchtetste Variante.
Einmal in die Lunge eingeatmet, verrichten die Bakterien ihr Zerstörungswerk binnen weniger Tage. Grippeähnlichen Symptomen folgt bald eine schwere Lungenentzündung mit hohem Fieber, Bluthusten, Schüttelfrost und Schockzuständen. Wird die Krankheit zu spät erkannt, kommen trotz Behandlung mit Antibiotika bis zu 95 Prozent der Infizierten ums Leben. Der Tod tritt innerhalb eines Tages ein.
Zudem gelten die Erreger als extrem widerstandsfähig und langlebig. Unter Mangelbedingungen igeln sie sich ein und bauen eine derbe Hülle auf. Mehrere Jahrzehnte können die Killer in diesem Zustand überdauern. Werden solche Sporen richtig aufbereitet über dicht besiedeltem Gebiet verteilt, ist die Katastrophe unausweichlich: Ein Report des US Congressional Office of Technology Assessment von 1993 rechnet vor, dass 100 Kilogramm Anthrax-Sporen, als Aerosol über Washington D. C. versprüht, Hunderttausende Menschen töten würden.
Auch Bob Stevens von American Media musste sterben, weil eben jene teuflischen Sporen des Milzbranderregers in seine Lunge eindrangen. Dennoch ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Täter fähig sind, eine Masseninfektion auszulösen. Denn methodisch haben sie vergleichsweise dürftige Arbeit geleistet: "Es sieht nach einem schlechten Produkt und nach einem ärmlichen Verbreitungsmechanismus aus", sagt William Patrick, ehemaliger Bio-Waffenentwickler der US-Regierung.
Nur eine Hand voll der tödlichen Sporen - vermutlich in Briefumschlägen - konnten die Täter in die Redaktionsräume in Boca Raton und New York schleusen, eine Menge, die jeder gewiefte Mikrobiologe im Heimlabor herstellen kann. Um die Killer zur Massenvernichtungswaffe zu kultivieren, ist jedoch erheblich mehr technisches Know-how notwendig. "Die Probleme potenzieren sich mit der Menge des hergestellten Erregers", erklärt Wolfgang Beyer, Milzbrandexperte am Institut für Tiermedizin der Universität Hohenheim.
Die Gefahr, sich beim Hantieren mit den Keimen selbst anzustecken, sei extrem hoch. Zudem würden große Fermenter benötigt, "die nicht in jedem Baumarkt zu beschaffen sind", so Beyer. Ist das Gebräu erst angemischt, erwartet die Bio-Terroristen die größte Hürde: die Verteilung der tödlichen Keime.
Erst als Sporen und zu einem feinen Pulver verarbeitet, können Milzbranderreger vom Wind getragen ihre todbringende Wirkung ganz entfalten. Doch für die Herstellung dieses Aerosols ist Raffinesse nötig. Tödlich ist Milzbrand nur, wenn mehrere tausend Sporen in die Lunge dringen. Und: Ein bis fünf Tausendstel Millimeter müssen die Körner messen. Sind sie größer, bleiben sie in den Nasenhaaren und Bronchien hängen. Sind sie zu klein, werden die Partikel wieder ausgeatmet, ohne in der Lunge mit ihrem Zerstörungswerk anzufangen.
Erfolgreich in der Herstellung eines solchen Aerosols waren bislang vermutlich nur die Militärforscher der USA und der Sowjetunion. Im Fall der Sowjets dokumentierte ein Unfall auf makabre Weise die Wirksamkeit der Hightech-Waffe: Weil ein Arbeiter einer Bio-Waffenfabrik in Swerdlowsk 1979 einen Filter an einer Lüftung nicht ordnungsgemäß ausgetauscht hatte, traten für mehrere Stunden Anthrax-Sporen aus. Mindestens 66 Menschen starben.
Wenn die mutmaßlichen Täter in Florida und New York also keine Hightech-Verbrecher waren - wer waren sie dann? Kommen die Attentäter von New York und Washington oder ihre Unterstützer in Frage? Mohammed Atta, der mutmaßliche Anführer der Terrorpiloten, hatte in Coral Springs gewohnt, nur wenige Meilen vom Redaktionsgebäude in Boca Raton entfernt. Auf einem Flugplatz in der Nähe hatte sich der Terrorist nach Agrarflugzeugen erkundigt und sie auf Video aufgezeichnet - Maschinen also, mit denen sich theoretisch auch Anthrax-Erreger über einer Stadt verteilen ließen.
Allerdings konnten die Fahnder in keiner der Terroristenwohnungen Anthrax-Spuren sicherstellen. Auch Attas Gepäck und die Autos der Terroristen waren sauber. Zudem waren er und sein Terrorkommando zu dem Zeitpunkt, als die fatalen Anthrax-Sendungen abgeschickt wurden, längst tot.
Mangels anderer Spuren konzentrierten sich die Ermittlungen zunächst auf die Herkunft des Erregers. Bis Freitag vergangener Woche war die Analyse des New Yorker Anthrax-Bakteriums noch nicht abgeschlossen. Den Keim aus Florida jedoch konnten US-Labors genauer typisieren. Die größte Ähnlichkeit, so die ersten Ergebnisse, weist er mit einem Erregerstamm auf, der in Iowa in den fünfziger Jahren isoliert wurde.
Damit jedoch befinden sich die Fahnder in einer Sackgasse: Aus der Herkunft der Bakterien auf die Herkunft des Täters zu schließen, scheint aussichtslos. Denn der Iowa-Stamm dient inzwischen als Referenzkultur, Hunderte Labors allein in den USA haben sie vorrätig. Selbst in den Irak wurden in den achtziger Jahren Anthrax-Erreger geschickt.
Die Beschaffung des Keims - etwa 1200 Stämme des Bakterium sind typisiert - ist verhältnismäßig leicht. Bakterien lassen sich aus einem an Milzbrand verendeten Tier gewinnen. Terroristen könnten aber auch dort suchen, wo einst die Sowjets ihr teuflisches Gebräu mischten; gerade erst sind US-Inspektoren in Kasachstan auf Anthrax-Spuren aus alten Sowjet- Beständen gestoßen. Zudem kommen Staa-ten wie der Irak, der ein eigenes Bio-Waffenprogramm betrieben hat, als Lieferanten in Frage.
Wie einfach es ist, sogar von offiziellen Stellen hochpathogene Krankheitserreger per Post zu beziehen, beweist ein Fall aus den USA. Dort benutzte 1995 ein wegen extremistischer Aktivitäten aus der US Environmental Protection Agency entlassener Angestellter seine ehemalige Identifikationsnummer, um bei der American Type Culture Collection gefriergetrocknete Pestbakterien zu bestellen. Per Federal Express wurde die Ware tatsächlich geliefert.
Auch der japanischen Aum-Sekte gelang es Anfang der neunziger Jahre offenbar problemlos, an Bio-Kampfstoffe wie Anthrax-Sporen zu kommen. Vom Dach eines Aumeigenen Gebäudes und von einem umgebauten Lkw aus versprühten sie Milzbrandsporen in Tokio - indes ohne Erfolg. Niemand erkrankte - und das, obwohl dem Sektenführer Shoko Asahara offenbar zeitweise fast 300 Forscher und mehr als eine Milliarde Dollar zur Verfügung standen.
Das Scheitern der Aum-Sekte lässt die Experten hoffen, dass die Gefahr durch Bio-Terror begrenzter ist, als von vielen befürchtet - zugleich aber wissen sie, wie wehrlos sie wären, wenn Terrorkommandos doch ein Großangriff gelänge. Zwar gelten Antibiotika in großen Mengen als geeignet, Milzbrand im frühen Stadium zu heilen. Bereits erkrankten Menschen hilft das Mittel jedoch meist nicht mehr, wenn die Symptome zu spät erkannt werden.
Allein eine Impfung gilt als viel versprechend. Impfstoffe gegen Milzbrand existieren jedoch nur in sehr begrenzten Mengen. In Amerika stand der Impfstoff bislang fast ausschließlich dem Militär zur Verfügung.
In einer Hinsicht aber, das beweisen die Milzbrandfälle in Florida, ist die Wirkung von Bio-Waffen in jedem Fall verheerend: in psychologischer.
Tausende von Amerikanern alarmierten Ende vergangener Woche aus Angst vor Bio-Bomben im eigenen Briefkasten die Polizei. Briefträger verlangten Latex-Handschuhe - obwohl diese gegen Anthrax gar nicht helfen würden. David Pecker, Chef von American Media, sah sich gezwungen, ungefragt zu versichern, dass seine Boulevardhefte nicht infektiös seien. Das Papier sei nie in der Redaktion gewesen.
"Ich glaube", sagt Matthew Bunn, ein Experte für Massenvernichtungswaffen von der Harvard University, "dass Angst die Krankheit ist, die Amerika im Augenblick befallen hat." Diese Krankheit, so viel scheint sicher, wird mit Antibiotika nicht zu behandeln sein. PHILIP BETHGE,
MARCO EVERS, GERALD TRAUFETTER
DER SPIEGEL 42/2001
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