29.10.2001

INNERE SICHERHEIT„Nur Gut und Böse“

Im Kampf gegen den Terror will Innenminister Otto Schily mit einem Gesetzespaket die Republik verändern. Bürger werden wie Kriminelle ins Visier genommen, Polizisten und Geheimdienstler bekommen mehr Macht. Manches aus dem Paket ist absurd. Aber vieles war längst überfällig.
Heute jagen ihn Fahnder weltweit, aber als der schmächtige junge Mann aus dem Nahen Osten im September 1995 zum ersten Mal nach Deutschland kam, kannte ihn noch niemand. Er hatte keinen Pass und gab seinen Namen mit Ramzi Mohamed Abdellah Omar an, geboren am 16. September 1973 im sudanesischen Khartum.
Flüchtling Omar beantragte Asyl und bezog dann Sozialhilfe im schleswig-holsteinischen Kreis Pinneberg. Beamte brachten ihn in einem Wohncontainer in der Gemeinde Kummerfeld unter. Doch schon vier Monate später wurde sein Asylantrag abgelehnt, im Dezember 1997 bügelte ein Gericht seine Klage gegen das Urteil endgültig ab. Die Behörden forderten ihn auf, bis April 1998 auszureisen - doch da war der Mann namens Omar spurlos verschwunden. Die Beamten nahmen an, er verstecke sich nun irgendwo in Deutschland wie so viele, und schlossen die Akte.
Kaum einen Monat später tauchte derselbe Mann aber wieder auf, diesmal freilich unter seinem richtigen Namen: Ramzi Binalshibh, geboren 1972 im jemenitischen Hadramawt. Von Asyl, von politischer Verfolgung erzählte er nichts mehr, er schrieb sich als Binalshibh am Hamburger Studienkolleg ein, Schwerpunkt Wirtschaft. Nebenbei benutzte er noch weitere Aliasnamen und meldete sich unter verschiedenen Adressen in Hamburg an.
Nichts davon fiel deutschen Behörden auf - bis kurz nach dem 11. September, dem Tag der Anschläge von New York und Washington. Unter höchstem Druck kamen ihm Fahnder nun auf die Spur: Binalshibh hatte nicht nur in derselben Wohnung gewohnt wie die mutmaßlichen Terrorpiloten Mohammed Atta und Marwan al-Shehhi, er hatte auch bei derselben Firma gearbeitet, in derselben Moschee gebetet - und, wenn auch erfolglos, so wie die beiden ein US-Visum beantragt. Nur jetzt, wo die Fahnder um sein Spiel mit Pässen und Identitäten wissen, ist der Jemenit natürlich längst auf der Flucht.
Männer wie Binalshibh alias Omar will Bundesinnenminister Otto Schily künftig stoppen, bevor sie zuschlagen. Seit rund zwei Wochen sorgt ein über hundert Seiten starkes Papier aus seinem Haus bundesweit für Wirbel.
Der "Entwurf eines Gesetzes zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus" lässt konservative Politiker verzweifeln, weil Sozialdemokrat Schily sie auf der rechten Spur überholt. Und SPD-Linke wie Bürgerrechtler laufen Sturm, weil sie glauben, Schily nutze die Anschläge als Vorwand, den Überwachungsstaat zu schaffen. "Im Hinblick auf den Titel" des Anti-Terror-Pakets, giften Experten von Justizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) in einer Stellungnahme, scheine es "angeraten, den Gesetzentwurf auch tatsächlich auf Maßnahmen zur Bekämpfung des Terrorismus zu beschränken".
Der Widerstand, das spürte Schily Ende vergangener Woche, wurde härter, sein Maximalprogramm war nicht durchsetzbar. Doch sollte sich der Innenminister zumindest weitgehend behaupten, ließen sich künftig nicht nur Ausländer in Deutschland nahezu perfekt überwachen, auch alle Deutschen müssten dann wohl ihre Fingerabdrücke abliefern. Das Bundeskriminalamt (BKA) bekäme neue Kompetenzen, ebenso der Verfassungsschutz.
Noch schärfer als der erste Entwurf des Gesetzes vom Anfang des Monats kommen die folgenden Fassungen aus dem Hause Schily daher. Danach dürfte etwa der Bundesnachrichtendienst (BND), dessen Spezialisten bislang im Inland nichts zu suchen haben, künftig auch - in engen Grenzen - vor der Haustür recherchieren. Zudem wagen sich die Ministerialen an eine Schätzung, was Sicherheit à la Schily kosten dürfte: eine Milliarde Mark in den ersten drei Jahren allein im Innenministerium und seinem Geschäftsbereich. Andere Experten meinen, dass allein die nötige Technik bundesweit etwa fünf Milliarden verschlingen könnte. Es sei auch zu erwarten, so eine Version des Gesetzentwurfs, "dass Kosten für die private Wirtschaft und private Verbraucher entstehen".
Koste es, was es wolle - Jurist Schily ist angetreten, die Republik grundlegender zu verändern, als es je ein Bundesminister geschafft hat. Und zwar im Eilverfahren, denn wer weiß schon, ob man für so etwas in drei Monaten noch eine Mehrheit bekommt. "Ich habe eine Verantwortung für die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger - daran halte ich mich", sagt Jurist Schily im SPIEGEL-Gespräch (siehe Seite 34).
Keiner von Schilys Vorschlägen hätte wohl die Attentäter aus Hamburg gestoppt, manche sind trotzdem lange überfällig, andere hingegen kompletter Unfug, gnadenlos überzogen oder mangels Geld, Ausstattung und Personal schlicht nicht machbar.
Stellenweise liest sich der Entwurf wie die Wunschliste deutscher Kriminalbeamter, schließlich ist bald Weihnachten. Schily "kennt keinerlei Schattierungen mehr, nur noch Gut und Böse", meint Berlins grüner Justizsenator Wolfgang Wieland, "das hat schon Ronald-Reagan-Format".
Kritiker melden verfassungsrechtliche Bedenken an, rügen den Verstoß gegen das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, warnen vor dem gläsernen Bürger. Nur mit den praktischen Fragen haben sie sich bislang kaum beschäftigt: Welcher von Schilys Vorschlägen könnte Propheten des Terrors zum Schweigen bringen oder auf die Spur von Hintermännern führen? Welcher dient nur dazu, braven Bürgern zur Identifizierung einen überflüssigen "Knopf ins Ohr" zu nieten (siehe SPIEGEL-Essay Seite 40)? Und was hat mit Terror zwar wenig zu tun, hilft aber den Kriminalisten?
75 Millionen Fingerabdrücke
Einer der wichtigsten Punkte in Schilys Anti-Terror-Paket ist sein Plan für die Pässe und Ausweise aller Deutschen: Neben Foto und Unterschrift sollen sie künftig, so der Entwurf, "biometrische Merkmale" enthalten - das können Fingerabdrücke sein, Vermessungsdaten einer Hand, des Gesichts oder der Iris (siehe Grafik). Genaueres möchte Schily dann je nach Fortschritt der Technik entscheiden lassen. Damit kann zukünftig "überprüft werden, ob die Identität der Person mit den im Dokument abgespeicherten Originaldaten übereinstimmt".
Ein überzogenes Konzept, denn das Leben eines Deutschen wird schon jetzt ab der Wiege fast lückenlos verwal-
* Mit US-Justizminister John Ashcroft am Dienstag vergangener Woche in Washington.
tet, zudem sind die deutschen Ausweise nahezu fälschungssicher.
Fünf Milliarden Mark, schätzt Volker Beck, Verhandlungsführer von Schilys grünen Koalitionspartnern, würde es kosten, Fingerabdrücke aller Deutschen abzunehmen und in die Papiere zu drucken. "Keiner konnte uns allerdings bisher darlegen, was das bringen soll", so Beck.
Allein für die Erfassung der Fingerabdrücke von 75 Millionen Bürgern müssten in den rund 6500 Meldestellen neue Geräte installiert werden. Wie ein Verbrecher hätte jeder Bundesbürger seine Abdrücke abzugeben - eine "undenkbare Vorstellung", meint Benedikt Ahlers von der Bundesdruckerei.
Dazu müssten in Polizeistationen, an Flughäfen oder Grenzhäuschen Scanner montiert werden, um zu prüfen, ob der Finger von Erika Mustermann mit dem Finger jener Frau übereinstimmt, die da sagt, sie sei Frau Mustermann. Bis zu 15 Jahre dauere es, bis die Bundesbürger erfasst und die Technik installiert sein könnte, schätzt das BKA intern.
Und 100-prozentige Sicherheit bringt der Fingerabdruck keineswegs, fanden Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts heraus. Fingerabdrücke würden täglich überall in guter Qualität hinterlassen, warnt Fraunhofer-Spezialist Christoph Busch, "an Scheiben, Gläsern, CD-Hüllen". Und eine Kopie auf Silikon zu ziehen sei nicht allzu schwierig. Weil sie leicht zu fälschen sind, lehnt die französische Datenschutzbehörde CNIL ihren Einsatz in Dokumenten ab.
Weiter entwickelt ist die Gesichtserkennung: Kamera und Computer vergleichen ein Gesicht etwa mit dem Passbild. Das Bochumer Unternehmen ZN VisionTechnologies hat eine Software entwickelt, die schon in mehreren Atomkraftwerken, bei Siemens, der Deutschen Bank und der Europäischen Zentralbank weitgehend fehlerfrei arbeitet.
Die Vorteile: Die Pässe der Deutschen müssten nicht neu gedruckt werden, der Druck ins Stempelkissen wäre überflüssig. In zwei bis drei Jahren, glaubt Bundesdrucker Ahlers, könne das System schon erstmals eingesetzt und nach Bedarf vom Flughafen Frankfurt bis zur Polizei Hintertupfing ausgebaut werden.
Doch selbst wenn biometrische Techniken funktionieren - zur Terrorabwehr taugen die Daten in deutschen Ausweisen kaum: Keiner der Terrorpiloten von New York und Washington war Deutscher.
Computer jagen Johnny Walker
Um Terroristen wie den Hamburgern Mohammed Atta oder Ziad Jarrah rechtzeitig auf die Spur zu kommen, will Schily, so sein Entwurf, vor allem jene Gesetze umschreiben, mit denen Ausländer in Deutschland kontrolliert werden: das Ausländergesetz, das Asylverfahrensgesetz, das Ausländerzentralregistergesetz.
Säule Nummer eins von Schilys Konzept: Wer mit Terroristen sympathisiert, muss künftig draußen bleiben. Wie hilflos die deutschen Behörden solchen Leuten bislang gegenüberstehen, zeigt der Besuch von Mullah Abbas Akhund Anfang des Jahres in Hamburg. Die deutsche Botschaft in Pakistan sah keinen Grund, dem Gesundheitsminister der Taliban das Visum zu verweigern. Er kam, warb vor Landsleuten für den Kampf Osama Bin Ladens, während Verfassungsschützer draußen vor der Tür froren.
Der Verdacht auf Terrorsympathien soll nach Schilys Vorstellung künftig schon ausreichen, ein Visum zu verweigern. Doch verrät der Minister nicht präzise, wie solide ein solcher Verdacht begründet werden muss. Reicht die Freude, die jüngst ein arabischer Fachhochschüler im Hamburger Studentenwohnheim Gustav-Radbruch-Haus über die Anschläge äußerte? Raus mit ihm? Ohne Gerichtsverfahren? Marieluise Beck, Ausländerbeauftragte des Bundes, meint in einer internen Stellungnahme ihres Hauses, dies "sprengt die Systematik des geltenden Rechts".
Säule Nummer zwei von Schilys Paket: Wer reinkommt, wird künftig etwa per Fingerabdruck eindeutig identifiziert, seine Daten werden im gewaltigen Speicher des Ausländerzentralregisters verwaltet und verknüpft. Das soll die Zukunft sein, denn die Gegenwart ist Chaos.
Wenn ein Ghanaer, Libanese oder Nigerianer heute ein Visum für Deutschland beantragt, wird im Ausländerzentralregister grundsätzlich eine neue Datei angelegt. Dabei kann es vorkommen, dass dieser Ghanaer oder jener Libanese nach einem früheren Verfahren schon längst im Computer steht, ohne dass es auffällt.
Mit seinem Anti-Terror-Paket zielt Schily auf solche Lücken, und was nun als Liste geplanter Änderungen daherkommt, liest sich aufschlussreicher als Katalog früherer Versäumnisse. So
* enthält die Visadatei zwar Namen, Geburtstag und Nationalität eines Antragstellers; ob er aber früher schon mal mit einem Visaantrag gescheitert ist, wird nicht gespeichert;
* erfahren deshalb auch deutsche Botschaften nicht, ob ein Antragsteller bei einer anderen deutschen Botschaft schon mal abgelehnt wurde;
* darf heute nicht gespeichert werden, wer in Deutschland als Bürge im Visaverfahren aufgetreten ist - was die Suche nach Hintermännern von kriminell gewordenen Ausländern erschwert;
* werden bei einem Visagesuch keine Fingerabdrücke genommen; mit denen aber wäre ein Ausländer, der mit Visum nach Deutschland kommt, dann seine Papiere wegwirft und unter falschem Namen Asyl beantragt, zu identifizieren.
Nach Schätzungen der Zuwanderungskommission von Rita Süssmuth melden sich 80 Prozent der Asylbewerber ohne Papiere an, viele von ihnen wollen aus Ländern kommen, für die ein Abschiebestopp gilt. Bei der anschließenden Suche nach der Wahrheit haben sich die zuständigen Beamten an eine Ochsentour gewöhnt - die Sammelvorführung von Flüchtlingen bei Botschaftsvertretern ihrer angeblichen Herkunftsländer.
So hatte der Hamburger Senat im Januar einen Abgesandten der Elfenbeinküste eingeladen, um ihm 109 Asylbewerber vorzustellen - angeblich alle aus seinem Land. 70 von ihnen, so meinte der Diplomat, hätten mit der Elfenbeinküste nichts zu tun.
Lebenslügen fürs gelobte Land gibt es in allen Wahrscheinlichkeitsklassen: So behauptete ein heute 27-jähriger Afrikaner, der aus Liberia stammen will, bei einer Vorführung in der Bonner Botschaft des Landes, er habe in der Hauptstadt Monrovia gewohnt, in der Victoria Street. In vielen afrikanischen Städten gibt es eine Straße, die den Namen der ehemaligen britischen Kolonial-Königin trägt. Nur in Monrovia nicht. Aber wohin nun mit dem Mann?
Deshalb hoffen Mitarbeiter von Ausländerbehörden jetzt auf Schilys Anti-Terror-Paket, vor allem auf Änderungen bei der Visavergabe. "Die Vorschläge würden uns richtig weiterhelfen", sagt Torsten Böhling, Leiter der Zentralen Ausländerbehörde Bielefeld. Glaubt man ihm, sind die meisten Asylbewerber mit einem Besuchervisum eingereist und haben es anschließend samt Pass weggeworfen. Schon sind sie als Johnny Walker aus "Hab ich vergessen" kaum mehr abzuschieben.
Dabei könnte es so einfach sein. Seit 1992 muss sich jeder Asylbewerber Fingerabdrücke abnehmen lassen. Wenn Schily nun auch alle Ausländer, die in einer deutschen Botschaft ein Visum beantragen, mit ihrem Fingerabdruck erfassen würde, ließen sich beide Profile abgleichen. Wer per Touristenvisum ins Land käme und dann den Pass im Rhein versenkte, flöge beim Abgleich auf - und in die Heimat zurück.
Das will Schily erreichen, ein lange fälliger Schritt, die Innenminister der Länder versuchen Ähnliches seit Jahren. Nur waren sie vor dem 11. September unter anderem am routinierten Widerstand des Auswärtigen Amtes gescheitert.
Joschka Fischers Staatssekretär Ludger Volmer hatte noch im März vergangenen Jahres mit einem "Visa-Erlass" ein Signal in eine ganz andere Richtung gegeben: Bei den rund drei Millionen Visa, die jedes Jahr durchschnittlich in deutschen Botschaften ausgestellt werden, sollten seine Beamten künftig "im Zweifel für die Reisefreiheit und gegen die Abschottung der Bundesrepublik" entscheiden.
Die Innenminister hatten gefordert, die Pässe von Antragstellern zu kopieren, besser noch Fingerabdrücke zu nehmen. Außerdem wollten sie die Visumunterlagen für mehr als ein Jahr aufbewahrt sehen.
Die Antwort des Auswärtigen Amtes fiel kühl, knapp und konsequent ablehnend aus: Herstellung von Kopien? "Unter Berücksichtigung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit nicht unproblematisch." Ein Jahr Lagerung? "Nicht zumutbar." Fingerabdrücke? Da fürchteten Fischers Leute die "beträchtlichen negativen Auswirkungen in unseren Beziehungen zu anderen Staaten".
Danach stellten die Länder-Innenminister ihre Bemühungen entmutigt ein. Dabei nehmen etwa die Amerikaner schon längst Ausländern, die ein "Resident Alien"-Visum für einen längeren Aufenthalt wollen, einen Fingerprint ab.
Sicher, die Terrorflieger Atta, Shehhi und Jarrah wären trotz Schilys Katalog nicht aufgeflogen, hatten sie doch ordentliche Visa. Bei Atta hätte ein durchorganisiertes System immerhin für Klarheit sorgen können, war er doch unter drei verschiedenen Abwandlungen seines Namens registriert. Aber sein nun gesuchter Kumpan, der abgelehnte Asylbewerber Binalshibh, wäre vielleicht im Netz hängen geblieben. So wie viele Visaschwindler, auf die Schily wohl hauptsächlich zielt.
Doch der Minister weiß, dass sein Paket nur wirklich funktioniert, wenn die anderen EU-Länder mitziehen, wenn es ein wirklich identisches Visum der Staaten des Schengener Abkommens gibt. Denn sonst könnte, wer nicht nach Deutschland darf, erst mal ein Visum eines anderen EU-Staates beantragen - Spanien, Dänemark, ganz egal. Einmal in Europa, könnte er sich dann frei bewegen.
Zwar existiert eine Schengen-Liste unerwünschter Ausländer, doch die hat gewaltige Lücken - vor allem bei Polit-Tätern. So hat die deutsche Botschaft in Pakistan Anfang des Jahres einem Mann ein Visum ausgestellt, den die Franzosen längst als Muslim-Extremisten abgelehnt hatten. Die Vernetzung aller Visadatenbanken der EU-Länder, so forderte Schily im Brüsseler Rat, könne da helfen.
Ein anderer wichtiger Großrechner nimmt schon in den nächsten Wochen seine Arbeit auf, und dafür wäre ein Teil der Gesetzesänderungen aus dem Anti-Terror-Paket sowieso fällig gewesen: In der Eurodac-Datei werden künftig alle Fingerabdrücke von Asylbewerbern und aufgegriffenen Illegalen in der EU gespeichert. Der Computer steht in einem geheimen Gebäude, gut gesichert, in Luxemburg.
Fast zehn Jahre haben die Europäer über das System diskutiert, mussten Ängste vor dem großen Bruder zerstreuen. Der Rechner soll verhindern, dass Ausländer in zwei Ländern unter anderen Namen Asylanträge stellen können. Doch in Eurodac fehlen nicht nur Visadaten, es hat für die Terroristenjagd auch einen juristischen Haken: Die EU-Verordnung verbietet Fahndern jeder Art, einen Blick hineinzuwerfen.
Das würde Schily gern geändert sehen, doch sein Vorschlag ist im Ministerrat bislang noch nicht einmal diskutiert worden. Auch die Kommission wiegelt ab. "Erst mal sehen, wie es unter den jetzt ausgehandelten Bedingungen läuft", sagt ein verantwortlicher EU-Beamter.
Mehr Macht für die Geheimen
Heftigere Kritik noch als für die Ausländer-Partien im Anti-Terror-Paket hat sich Schily für den geplanten Umbau der Sicherheitsdienste eingefangen. Der Verfassungsschutz etwa bekommt neue Aufgaben. Die Schlapphüte sollen nicht mehr nur die Bundesrepublik schützen, sondern jede Gruppe beobachten dürfen, die "gegen den Gedanken der Völkerverständigung" agitiert - ein sehr weites Feld. Feinde Israels gehören dazu wie Hamas, Hisbollah und ihre Geldsammler in Deutschland.
Banken und Telefongesellschaften müssen den Geheimen künftig Auskunft geben. Denn im Umfeld der Hamburger Terroristen haben die Fahnder einige dubiose Gestalten im Visier, die zwar unbedeutende Firmen führen, gleichwohl über deren Konten große Summen bewegen.
Ein weiterer heikler Punkt soll nach dem Einspruch der Grünen wahrscheinlich aus dem Sicherheitspaket gelöst, später aber doch noch in einem eigenen Gesetz geklärt werden: Während der Inlandsdienst nun auch ausländische Ge-fahren ins Kalkül zieht, sollen die Kollegen vom BND, bislang strikt auf ferne Länder beschränkt, auch beobachten dürfen, was ausländische Terrorkandidaten per Telefon oder Überweisung in Deutschland treiben - damit sie deren Spur nicht verlieren.
Doch die härteste Gegenwehr von Däubler-Gmelin und vor allem den Grünen schlug Schily beim geplanten Umbau des BKA entgegen, aus dem er so etwas machen wollte wie das amerikanische FBI: Die Terrorfahnder sollen, ginge es nach Schilys ursprünglicher Idee, auch im Umfeld von Extremisten ermitteln dürfen, ohne Anfangsverdacht - was bisher nur die Länderpolizeien können.
Bis in die Nacht zum vergangenen Samstag stritt Schily sich darüber in Berlin mit den Grünen und eigenen Genossen. Und es sah so aus, als müsste er in dem Punkt zurückstecken.
Doch selbst wenn Schily den BKA-Männern mehr Spielraum geben könnte - auch künftig dürften sie kaum richtig loslaufen. Sie könnten im Vorfeld erst mal nur Daten anderer Behörden anfordern und ein paar Personen aus dem Umfeld des Verdächtigen löchern.
Manche Ermittler wünschen sich mehr - etwa die Lizenz, auch bei vagen Terror-Hinweisen Wohnungen verwanzen zu dürfen. Italienischen Kollegen gelang so vor drei Wochen ein schöner Fang. Mit Wanzen, und nicht - wie es bislang immer hieß - über angezapfte Telefonleitungen lauschten sie, als zwei Verdächtige über die Details von Giftgasanschlägen plauderten, die sie offenbar in Europa planten. Die Italiener zerschlugen die gefährliche Truppe und ließen einen der Männer auch in München festnehmen.
Da sehen Experten freilich schon den großen Bruder um die Ecke schauen - auch wenn das BKA zumindest in seinem jetzigen Zustand kaum zu dessen Zentrale taugt. Es fehlen Leute, Geld, Geräte. Das Hirn der deutschen Polizei etwa, das Computersystem Inpol mit allen Fahndungsdaten, galt schon vor zehn Jahren als veraltet und schafft es etwa nicht, arabische Namen wiederzuerkennen, wenn nur ein Buchstabe anders geschrieben wird.
Die Techniker, die sich mit den Dinosauriern vom Typ Siemens BS 2000 auskennen, sind vielfach in Rente. Ein neues Datennetz war geplant, scheiterte aber bislang unter anderem an deutscher Kleinstaaterei, obwohl allein die Entwicklung bisher mindestens 80 Millionen Mark verschlang.
Islamisten als Flughafenbewacher
Weniger Widerstand hat Schily zu fürchten, wenn er, wie geplant, nicht nur die Wachen an Flughäfen strenger auf ihre Zuverlässigkeit prüfen lassen will - auch Mitarbeiter in Schlüsselpositionen von Stromversorgern, Wasserwerken oder Radiosendern möchte er durchleuchtet sehen. Ein großer Plan, einziger Schönheitsfehler: Er ist kaum verlässlich durchführbar.
Flughafenhelfer werden schon heute gecheckt, wenn auch nicht so gründlich und oft. Aber bereits jetzt sind die zuständigen Behörden, in diesem Fall die Wirtschaftsministerien der Länder, überfordert. Am Flughafen Saarbrücken konnte etwa Anfang des Jahres wochenlang ein Trupp von sechs neuen Männern arbeiten. Erst dann kam raus, dass einer als Dieb vorbestraft war, ein anderer hatte gedealt, ein dritter war Mitglied der kriminellen Rockergruppe Hells Angels - macht 50 Prozent Risiko.
Und oft finden sich für die Billigjobs in der Passagier- und Gepäckkontrolle allein Ausländer bereit. In Köln/Bonn etwa, wo eine Privatfirma für Sicherheit sorgt, haben 80 Prozent der Wachen keinen deutschen Pass. Ob einer davon islamistische Freunde hat, das weiß auch der Verfassungsschutz nicht. Und Schläfern vom Kaliber eines Mohammed Atta, der jahrelang unauffällig in Deutschland lebte, ist so schon gar nicht beizukommen. "Wie sollen wir Leute herausfischen, die clean sind?", fragt ein Hamburger Geheimer.
Völlig sauber war bis zum 11. September auch der 35-jährige Hassen R., der am Hamburger Flughafen in der Gepäckabfertigung jobbte, nachdem er die Sicherheitsprüfung problemlos bestanden hatte.
Niemand konnte wissen, dass R. die Attentäter um Atta kannte. Der nun per Haftbefehl weltweit gesuchte Zakariya Essabar, einer der mutmaßlichen Helfer, war gar in seiner Wohnung gemeldet.
Der Flughafen trennte sich von Hassen R. - zwei Wochen nach den Anschlägen in Amerika.
DOMINIK CZIESCHE, JÜRGEN DAHLKAMP, CLEMENS HÖGES, CARSTEN HOLM, ULI JAEGER, UDO LUDWIG, CORDULA MEYER, SYLVIA SCHREIBER, HOLGER STARK, ANDREAS ULRICH
Von Dominik Cziesche, Jürgen Dahlkamp, Clemens Höges, Carsten Holm, Uli Jaeger, Udo Ludwig, Cordula Meyer, Sylvia Schreiber, Holger Stark und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 44/2001
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