29.10.2001

„Missbrauch unserer Religion“

Der Großscheich der Azhar-Universität in Kairo, Mohammed Sajjid Tantawi, über Gewalt im Islam
SPIEGEL: Eminenz, die fortdauernden amerikanischen Bombenangriffe auf Afghanistan treiben immer mehr Muslime zu massiven Protestaktionen gegen die USA. Rückt der Kampf der Kulturen, vor dem der amerikanische Politologe Samuel Huntington warnt, tatsächlich näher?
Tantawi: Auch wenn es den Anschein hat, als stünden die Zeichen auf Sturm: Ich glaube das nicht.
SPIEGEL: Das Ausmaß der Anschläge scheint aber zumindest eine neue Dimension der Konfrontation einzuleiten.
Tantawi: Grundsätzlich gilt: Der heraufbeschworene Religionskonflikt verträgt sich nicht mit der islamischen Glaubenslehre und sicherlich auch nicht mit der christlichen.
SPIEGEL: Dennoch bringen Fanatiker wie Bin Laden die Religion ins Spiel.
Tantawi: Und missbrauchen damit unsere Religion, den Islam. Dabei steht im Koran, dass die Menschen friedlich miteinander umgehen sollen. Wir Muslime sind sogar ausdrücklich gehalten, Andersgläubige zu respektieren und wie unseresgleichen zu behandeln.
SPIEGEL: Tatsache aber ist, dass nicht nur in Pakistan islamische Würdenträger die Gläubigen zum "Heiligen Krieg" gegen die christlichen Amerikaner aufrufen.
Tantawi: Das kann ich nicht billigen, ebenso wenig wie die Terrorangriffe auf Amerika selbst. Unsere Religion hat mit diesen schrecklichen Anschlägen auch nicht das Geringste zu tun. Wenn die Beweise für Bin Ladens Urheberschaft vorliegen, wird deshalb jeder Muslim, der seine Religion ernst nimmt, die Ergreifung und Aburteilung Bin Ladens gutheißen. Außerdem bin ich der Meinung, dass religiöse Extremisten niemals an die Macht kommen sollten, weil unsere Religion dadurch Schaden nimmt.
SPIEGEL: Dennoch gibt es viele islamische Rechtsgelehrte, die eine Glaubensinterpretation verbreiten, welche der Gewalt und dem Fanatismus Vorschub leistet.
Tantawi: Deshalb gehört es auch zu den vornehmsten Pflichten einer islamischen Lehrstätte wie der Azhar-Universität, besonders darauf zu achten, dass die Glaubensinhalte unverfälscht weitervermittelt werden. Darüber wache ich, um so von vornherein sicherzustellen, dass kein extremes Gedankengut einfließt.
SPIEGEL: Was ganz offenbar nicht immer gelingt. Aus Ägypten stammen Extremisten wie der Bin-Laden-Stellvertreter Aiman al-Sawahiri oder der Scheich Umar Abd al-Rahman, der in den USA 1996 wegen seiner Terrorverstrickungen verurteilt wurde. Sie sind es doch, die einen Islam voller Hetze predigen und damit im Westen das Bild vom gewalttätigen Islam prägen.
Tantawi: Diese Gefahr ist zumindest in Ägypten gebannt. Im Übrigen aber ist religiöser Extremismus keineswegs ein Phänomen, das auf den Islam allein beschränkt ist. Denken Sie doch nur an die christlichen Fundamentalisten.
SPIEGEL: Je länger der Afghanistan-Krieg aber dauert, desto mehr Muslime treibt er in die Arme der religiösen Fanatiker.
Tantawi: Alle Kriege sind Nährboden für Extremisten. Das gilt auch für den palästinensisch-israelischen Konflikt. Wenn aber Washington die Israelis und Palästinenser nicht länger mit zweierlei Maß messen würde, hätten die religiösen Hitzköpfe auch keinen so großen Zulauf mehr.
INTERVIEW: VOLKHARD WINDFUHR
Von Volkhard Windfuhr

DER SPIEGEL 44/2001
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