05.11.2001

Biermann (I): Erst fühlte er sich wie ein Held, dann wie „Staub im Wind der Weltgeschichte“. Drei Tage nach seinem spektakulären Konzert in Köln, am 16. November 1976, erfuhr der DDR-Liedermacher und Literat Wolf Biermann, dass er nicht nach Ost-Berlin zurückkehren durfte. Der Rausschmiss des Polit-Barden, der in Deutschland Ost verfemt, aber populär war, gilt vielen als Anfang vom Ende der DDR. In einem Sammelband schildert Biermann die Vorgeschichte, seine Reise in den Westen, die Reaktionen in der DDR. Der SPIEGEL druckt vorab Auszüge.DIE AUSBÜRGERUNG

VON WOLF BIERMANN
- Stephan, was hast du mir angetan! Du musst deine Unterschrift
unter diese idiotische Biermann-Petition sofort zurückziehn!
- Nie und nimmer, Erich!
- Stephan! Ich vertraue dir etwas aus dem Politbüro an: Die
Fraktion der sturen Dogmatiker will mich fertig machen und die
vorsichtigen Reformen, die ich vorhabe, sabotieren. Sie sagen mir:
Dein feiner Freund Hermlin macht in dieser Biermann-Geschichte mit
dem westdeutschen Klassenfeind gemeinsame Sache!
- Nie und nimmer, Erich!
- Dann, Genosse Hermlin, beweise mir das, und nimm deine
Unterschrift zurück! Ich kann dir verraten: Einige andere aus eurer
Gruppe tun es auch, haben den Fehler schon bedauert.
- Nie und nimmer, Erich!
- Lieber Stephan, denk an unsere gemeinsame Zeit, als du der
gefeierte Dichter unserer Jugend warst. Ich beschwöre dich als
gestandenen Antifaschisten und verdienten Genossen, distanziere
dich von dieser Kampagne des Westens!
- Erich, es ist keine Westkampagne.
- Dann bitte ich dich zum letzten Mal: Schreib mir hier
wenigstens einen Zettel, und unterschreibe mir, dass du deine
Unterschrift unter diese Biermann-Petition bedauerst oder
wenigstens den Missbrauch, der im Westen damit getrieben wird! Ich
verspreche dir: Keiner wird es sehn, keiner erfahren! Ich schließe
es hier vor deinen Augen in meinen privaten Stahlschrank ein, zu
dem nur ich einen Schlüssel habe. Und rausholen werde ich dieses
Blatt nur, wenn ich in höchster Not bin und mich anders im
Politbüro nicht mehr wehren kann gegen die alten Stalinisten, die
nichts dazu gelernt haben ... erspare es mir, Namen zu nennen.
- Na gut, Erich, wenn du mir das versprichst.
An die SED Parteiorganisation des Bezirksverbandes Berlin
des Schriftstellerverbandes der DDR
Ich war für diesen Staat schon, als er gegründet wurde. Ich bin
für die Partei und ihr Politbüro und für die Politik des VIII. und
IX. Parteitages, und ich möchte, dass diese Politik nahtlos
weitergeht. Die Partei- und Staatsführung haben Bedingungen
geschaffen, die die Situation für jeden Einzelnen von uns
verbessert hat. Ich möchte, dass keinerlei Kluft entsteht, dass
alle Schriftsteller sich um unsere Partei und Regierung scharen. Es
war mein Fehler, die Information auch an AFP zu geben. Ich halte
die Erklärung von Cremer, die er gemeinsam mit Balden und Sandberg
unterzeichnet hat, für konstruktiv. Mit dem Klassengegner will ich
nichts zu tun haben. Deshalb protestierte ich gegen die
Hetzkampagne, die von der BRD aus gegen die Deutsche Demokratische
Republik und gegen das bewährte Bündnis der Arbeiterklasse, der
Genossenschaftsbauern und der Intelligenz in unserem Staate
entfacht wurde.
Berlin, den 4.12.1976 gez. Stephan Hermlin
Ich habe die Anfrage zu Wolf Biermanns Ausbürgerung mit
unterzeichnet, weil ich das internationale Ansehen der DDR, für das
ich mich als Schriftsteller und Staatsbürger mitverantwortlich
fühle, dadurch geschädigt sah.
Ich distanziere mich von der Umfälschung der
Meinungsverschiedenheit über die Lösung eines ideologischen
Problems in eine Konfrontation durch die kapitalistischen Medien.
Der Versuch, den Vorgang zur Hetze gegen die DDR und gegen den
Sozialismus zu missbrauchen, war vom Klassengegner zu erwarten. Das
Gesetz unseres Handelns bestimmt er nicht. Die wirklichen Probleme
in unserem Land, um die es mir bei der Unterschrift ging, werden
nirgendwo anders bewältigt werden als in unserem Land, von
niemandem anders als von uns selber und mit Sicherheit ohne den
Beifall unserer Feinde.
25.11.1976 Heiner Müller
© Wolf Biermann. Aus: Wolf Biermann und andere Autoren: "Die Ausbürgerung. Anfang vom Ende der DDR". Herausgegeben von Fritz Pleitgen. Ullstein Berlin Verlag; 375 Seiten; 35,20 Mark. * Links: bei der Anti-SED-Demonstration am 4. November 1989; rechts: als Generalsekretär des ZK am 24. Oktober 1989. * In der Tageszeitung "Neues Deutschland" am 20. November 1976. * Mit DKP-Chef Herbert Mies in Hannover 1981.
Von Wolf Biermann

DER SPIEGEL 45/2001
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