DER SPIEGEL



Alles und nichts

Von Schäfer, Ulrich

Verlieren die Globalisierungsgegner in Zeiten von Krieg und Terror ihre Richtung und Orientierung?

Natürlich werden sie ihre Transparente mitnehmen, wenn sie diese Woche nach Katar fliegen. Natürlich wollen sie in dem kleinen Emirat am Persischen Golf demonstrieren. Aber dürfen sie das auch?

Peter Fuchs weiß es nicht. Doch alles, was der Vertreter der Entwicklungsinitiative Weed (World Economy, Ecology and Development) von Hamburg aus in Erfahrung bringen konnte, klingt nach restriktiven Sicherheitsvorschriften, nach wenig Spielraum für Proteste. "Das ist alles extrem frustrierend und extrem ärgerlich", klagt Fuchs.

Schon jetzt ist nämlich klar, dass das "Volk von Seattle", diese bunte Masse von 50 000 Demonstranten, die 1999 den ersten Anlauf für eine neue Welthandelsrunde blockierte, bei der Neuauflage in Katar auf ein kärgliches Häuflein zusammenschmelzen wird - wenn überhaupt.

Denn die Mächtigen der Welt haben sich diesmal an einen abgeschiedenen, gut geschützten Ort zurückgezogen, der nur aus der Luft und auf dem Seeweg erreichbar ist. Lediglich rund 650 Vertreter der so genannten Zivilgesellschaft haben eines der begehrten Visa für Katar erhalten, und auch davon ging nur gut die Hälfte an globalisierungskritische Gruppen; den Rest ergatterten Wirtschaftslobbyisten.

Deshalb hatten auch die fünf deutschen Globalisierungskritiker, die in Katar zugelassen sind, lange überlegt, ob sie die Reise überhaupt antreten sollen. Am Ende jedoch gab ein Argument den Ausschlag: "Wir wollen die Medien nicht den Regierungen überlassen", sagt Fuchs.

Die Medien - das war bis zum 11. September die wichtigste Waffe der kapitalismuskritischen Bewegung. Am Anfang standen dabei die Bilder von Seattle, es folgten die Massendemos von Prag, Davos und Göteborg. Und spätestens beim G-7-Gipfel Mitte Juli in Genua ist die Bewegung via CNN und "Tagesschau" endgültig ins Bewusstsein der Öffentlichkeit vorgedrungen.

Danach erlebte vor allem Attac, das wichtigste Sammelbecken der Bewegung, einen immensen Zulauf, rund 50 000 Mitglieder zählt das Netzwerk inzwischen weltweit, und auch in Deutschland sprachen die Macher von einem "echten Hype", von einer "unglaublichen Aufbruchstimmung".

Dann kam der 11. September. Mit einem Mal bestimmten Terroristen, Flugzeugträger und Milzbrandbriefe die Schlagzeilen. Und nicht nur dies. Die Globalisierungsgegner sahen sich plötzlich unangenehmen Fragen ausgesetzt: Hatten sie nicht auch ins Herz des Kapitalismus gezielt, so wie Osama bin Laden? Huldigten sie nicht auch dem Antiamerikanismus?

"Man hat versucht", schimpft Susan George, Vize-Präsidentin von Attac Frankreich, "uns nach dem 11. September in eine bestimmte Ecke zu drängen." Aber George ist, wie auch amerikanische und deutsche Globalisierungsgegner, fest davon überzeugt, "dass unsere Ziele und Botschaften in dieser Zeit mehr Bedeutung haben als je zuvor".

Doch die Strategie der Bewegung ist angesichts von Terror und Krieg erkennbar durcheinander geraten. Verzweifelt suchen ihre Mitglieder nach Richtung und Orientierung: Sollen sie weiterhin nur gegen Multis und Spekulanten zu Felde ziehen? Oder ist nicht der Protest gegen die Luftangriffe der USA viel dringlicher?

Längst beginnen die Grenzen zur Friedensbewegung zu zerfließen, der Kampf für eine gerechtere Welthandelsordnung droht zu zerfasern.

Manch einer, wie Peter Wahl von Attac, sieht dies als "ein echtes Problem" an: "Natürlich ist es leichter, die Leute gegen den Krieg zu mobilisieren als für eine Diskussion über die Tobin-Steuer", räumt er ein, "aber wir dürfen unsere eigentlichen Ziele nicht aus den Augen verlieren."

Dies aber ist überaus schwierig, wie sich an der verunsicherten Basis ausmachen lässt. Überall im Land entstehen derzeit neue Ortsgruppen von Attac, und meist eint die Attacler nur die diffuse Angst vor der Globalisierung. Und eben vor dem Krieg.

So auch vor wenigen Tagen im hessischen Friedberg: Natürlich applaudierten die 25 Teilnehmer, die zur Gründungsversammlung in einen Hinterraum des Rathauses gekommen waren, einem Unternehmer, der gegen die Steuersparmodelle von DaimlerChrysler und das "Kapitaldreckschwein Jürgen Schrempp" wetterte.

Ansonsten aber diskutierten sie, als es um die Ziele und Themen der Ortsgruppe ging, über alles und nichts: über amerikanische Pipeline-Projekte in Afghanistan und die Fehler der Gesundheitsreform; über Otto Schilys Anti-Terror-Paket und den wachsenden Frust vieler Linker bei Grünen, SPD und Gewerkschaften.

"Ich habe", sagte an diesem Abend Irene Fleischhauer, seit 20 Jahren Grünen-Mitglied, "schon eine ganze Menge Aufbrüche erlebt, die immer wieder versandet sind." Natürlich hofft die Lehrerin, dass es diesmal - trotz der höchst unterschiedlichen Interessen - anders ist.

Doch ob dies klappt? "No Logo, kein Ziel, nulla Utopia", unterstellt die "Welt" der jungen Bewegung schon böse.

Auch der Ex-Sponti Daniel Cohn-Bendit empfiehlt den Globalisierungskritikern, sich nicht zu verzetteln: "Wenn ihr euch vernichten wollt", rief der grüne EU-Parlamentarier der Bewegung zu, "dann geht den erbärmlichen Weg der Grünen. Viel Spaß! Viel Spaß!" ULRICH SCHÄFER


DER SPIEGEL 45/2001
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