05.11.2001

AFGHANISTAN-KRIEG

Eine Region in Brand

Von Ihlau, Olaf; Ilsemann, Siegesmund von; Klussmann, Uwe; Neef, Christian; Mayr, Walter; Spörl, Gerhard

Debakel am Hindukusch: Die Supermacht Amerika droht sich in Afghanistan zu verstricken wie einst die Sowjetunion. Washington forciert die Bombenkampagne, doch die Gotteskrieger halten stand. Sie bekommen Zulauf aus dem von inneren Unruhen aufgewühlten Pakistan.

Es war eine der letzten Schlachten des Ost-West-Konflikts, und an ihrem Ende stand der Kollaps der kommunistischen Supermacht. "Die Vereinigten Staaten teilen mit der muslimischen Welt einen tiefen religiösen Glauben", verkündete im Februar 1980 US-Sicherheitsbeauftragter Zbigniew Brzezinski bei einem martialischen Auftritt am pakistanischen Khyber-Pass. Mit dem Blick hinüber in das soeben von Leonid Breschnews Sowjettruppen besetzte Afghanistan schwor Jimmy Carters Kalter Krieger der Welt des Islam: "Das kann die Basis für unsere Freundschaft sein."

Dass es den Vereinigten Staaten bei der Unterstützung des afghanischen Widerstands weder um Religion noch um Freundschaft mit den Muslimen ging, sondern allein um einen entscheidenden Schlag gegen die Sowjets, enthüllte Brzezinski Jahre später genüsslich in einem Interview. Danach trieb Washington mit der gezielten Unterstützung afghanischer Rebellen gegen das kränkelnde Kabuler Revolutionsregime die Moskowiter gleichsam zur militärischen Intervention: "Diese heimliche Operation war eine exzellente Idee, sie zog die Russen in die afghanische Falle."

Die Falle schnappte zu, und ein Jahrzehnt später war der russische Bär am Hindukusch ausgeblutet. Nach wenigstens 15 000 Toten zogen sich die Sowjets auf Gorbatschows Geheiß aus dem Herzland Asiens zurück, und dieser Kapitulation folgte dann bald die Implosion des roten Imperiums. Niemals konnten fremde Mächte die Bergstämme am Hindukusch auf Dauer beherrschen. Diese Lektion hatten auf diesem Friedhof der Invasoren vor den Russen schon die Makedonen Alexanders des Großen, Dschingis Khans Mongolen und die Kolonialtruppen der Briten-Königin Victoria gelernt.

Und die Amerikaner?

Die haben, so scheint es, aus den Lehren der Geschichte wenig gelernt. Jetzt nämlich

stecken sie selbst in der afghanischen Falle, drohen sich mit einer Strategie der Illusionen zu verheddern in einem Abenteuer, dessen Ausgang verheerend werden könnte. "Wenn Gott eine Nation bestrafen will", so lautet eine alte Spruchweisheit der Region, "dann lässt er sie in Afghanistan einfallen."

Vier Wochen Bombardements brachten den Amerikanern bislang keinen überzeugenden Erfolg. Weder zerbrach darunter das Regime der Taliban, noch wurde deren "heiliger Gast", der als Chefterrorist gejagte Osama Bin Laden, in einer der Fluchthöhlen seines al-Qaida-Netzes aufgestöbert und vernichtet. Die Geländegewinne der Kombattanten aus der afghanischen Nordallianz blieben bis zum vorigen Freitag unbedeutend.

Kein Wunder, dass die Zweifel wachsen am Konzept der westlichen Supermacht, dass Risse aufklaffen in der internationalen Anti-Terror-Allianz, vor allem in deren arabischem Camp.

Nahezu alle Welt zeigte anfangs Verständnis dafür, dass die Amerikaner Vergeltung einforderten von Bin Laden als dem Verantwortlichen jenes monströsen Terroranschlags, dem am 11. September Tausende Menschen in den Türmen des New Yorker World Trade Center, im Washingtoner Pentagon und bei Shanksville in Pennsylvania zum Opfer fielen. Aber mit jeder Bombenfracht, die der reichste Staat der Erde nun über einem ihrer ärmsten Länder ablädt, bröckelt die Solidarität.

Ist das wirklich, wie der britische "Economist" titelte, "ein herzzerreißender, aber notwendiger Krieg"? Die selbst beim Einsatz von Präzisionswaffen unvermeidlichen "Kollateralschäden" unter der Zivilbevölkerung jedenfalls geben den islamischen Gotteskriegern nun Gelegenheit, auch an der Medienfront propagandistisch in die Offensive zu gehen. Das tun sie mit westlichem PR-Geschick.

Eilends wurden ausgewählte Journalisten nach Kandahar gekarrt, in die Hochburg der Taliban und ihres geistlichen Führers Mullah Omar, um über das Elend unschuldig Getroffener zu rapportieren. "Warum treffen Amerikas Bomben uns?", fragte in die laufenden Fernsehkameras verzweifelt ein alter Mann, der auf den Trümmern seines Hauses in einem Dorf unweit von Kandahar hockte. "Wir haben mit Osama Bin Laden nichts zu tun."

Bereits 1500 tote Zivilisten reklamiert das Regime der Gottesstreiter als US-Opfer - eine Zahl, die das Pentagon als viel zu hoch einstuft. Gleichwohl mussten die Amerikaner in dem Krieg, der nach Meinung ihres Präsidenten George W. Bush "ganz anders werden wird als jeder andere", einen Fehlschlag nach dem anderen einräumen.

Bitter las Syriens Staatschef Baschar al-Assad in Damaskus vergangenen Mittwoch Bushs Tambourmajor, dem Briten-Premier Tony Blair, auf einer Pressekonferenz wegen der Eskalation der Bombenkampagne öffentlich die Leviten: "Wir können den Tod unschuldiger Zivilisten nicht hinnehmen", zürnte der junge Präsident, "da sterben nun Hunderte jeden Tag."

Afghanistan-Kenner Jürgen Todenhöfer, der als CDU-Bundestagsabgeordneter während der sowjetischen Besatzerzeit im Frühjahr 1988 die Mudschahidin am Hindukusch besucht hatte, prophezeite in der "FAZ", dieser Bombenkrieg werde "in der jetzt geführten Weise für die Vereinigten Staaten und ihre Mitstreiter ein Desaster werden wie für alle Großmächte zuvor". Fassungslos macht den beim Burda-Vorstand angelandeten Unionschristen überdies "die eilfertige Unterwürfigkeit, mit der deutsche Politiker darum betteln, mitbombardieren zu dürfen".

Das wollen Berlins rot-grüne Regenten nun sicherlich nicht. Aber Einfluss auf die konfuse Militärstrategie der Amerikaner haben deren westliche Verbündete - von Britannien abgesehen - offenbar kaum. "Es sieht nicht gut aus: Die werfen Bomben und warten, statt den Taliban ein intelligentes Angebot zu machen", stöhnte ein europäischer Botschafter in Islamabad, "und durch diese Politik wachsen täglich 1000 kleine Osamas nach."

Immerhin: Aus Angst, ihre todbringende Fracht könnte verwechselt werden mit den leuchtend gelben Plastikhilfspäckchen der Rosinenbomber, warnen Washingtons Strategen per Rundfunk in den Landessprachen Dari und Paschtu vor der Gefahr: "Achtung, edles Volk von Afghanistan." Allerdings besitzen im Schattenreich der Taliban nur wenige Afghanen ein funktionierendes Empfangsgerät.

Teuflisch ist die Verwechslungsgefahr in der Tat: Was da nun vom Himmel fällt, ist ähnlich portioniert wie die rechteckigen Carepakete - kleine zylinderförmige Behälter, 16 Zentimeter lang, 6 Zentimeter Durchmesser. Auch sie strahlen in Signalgelb, mit Plastikschirmchen an einem Ende - attraktiv vor allem für Kinder.

Die Hungerhilfe will Washington deswegen künftig blau einschweißen. Doch noch seien reichlich gelbe Päckchen auf Lager, bekannte betreten US-Generalstabschef Richard Myers. Und diese Dinger bringen den Tod.

Es sind Streubomben vom Typ BLU-97/B. Genau 202 der hochbrisanten Mini-Sprengkörper stecken in jeder Bündelbombe CBU-87/B. Mit ihrer vom Hersteller angepriesenen "kombinierten Wirkung" bringt ein einziger dieser Sprengsätze Tod und Vernichtung über einen Landstrich von 400 Meter Länge und 200 Meter Breite - rund ein Dutzend Fußballfelder. Ihre Splitter durchschlagen zentimeterdicke Stahlplatten.

Was ein achtstrahliger Atomkriegssaurier, die B-52H "Stratofortress", mit solchen Waffen anrichten kann, demonstrierte dieser Uralt-Bomber vergangene Woche, als er erstmals Stellungen der Taliban bei Kabul mit einem Bombenteppich belegte: Die Erde bebte, eine ganze Bergkette schien zu explodieren. Wie künstliche Kumuluswolken verhüllte wenig später eine viele hundert Meter breite Wand aus Rauch und Staub den Gebirgszug.

Kämpfer der Nordallianz bejubelten die lang ersehnte Schützenhilfe des großen Bruders. Sie wissen nicht, das fünf bis zehn Prozent der Bomblets als lebensgefährliche Blindgänger im Zielgebiet liegen bleiben.

30 Clusterbomben kann jede B-52 tragen. Statistisch stecken in ihnen mindestens 303 Blindgänger. Wo die niedergehen, droht so lange hundertfacher Tod, bis Räumkommandos die gefährliche Altlast beseitigt haben. Und das kann Jahre dauern. Noch immer warten Millionen Minen aus dem Krieg mit der Sowjetunion in Afghanistan auf ihre Räumung.

Dan Kelly, Leiter des afghanischen Minenräumprogramms der Uno, schätzt den Prozentsatz der Blindgänger sogar auf 10 bis 30 Prozent und forderte von Washington Informationen zur gefahrlosen Entschärfung der Munition: Das Dorf Shaker Qala bei Herat sei übersät mit nicht explodierten Bomben.

Akut gefährdet wird eine Bevölkerung, die schon jetzt fast ausschließlich die Leidtragenden des Waffengangs stellt, mit dem die USA Terror und Terroristen in aller Welt verfolgen will. Die meisten der Bomben träfen ihr Ziel, behauptet das Pentagon. Selbst wenn das stimmt, heißt das: Zu viele gingen fehl und landeten in Wohngebieten, Rot-Kreuz-Lagern oder gar Krankenhäusern.

In der Hauptstadt Kabul häufen sich die Bilder der Verwüstung auch in reinen Wohngebieten, in denen Taliban-Milizen Unterschlupf suchen. In der Siedlung Microrayon Nummer 1, einem Komplex von Plattenbauten im russischen Stil beim zerstörten Flughafen, wurden mehrere Blocks schwer getroffen. Auch die Trinkwasserversorgung fiel aus. Da ohnehin die Hälfte der Brunnen in Kabul durch die Dürre ausgetrocknet war, können vor allem höher gelegene Wohngebiete nicht mehr mit Wasser versorgt werden.

Von den fünf Lagerhäusern des Internationalen Roten Kreuzes hat nur eines die Bombenwürfe überstanden. Zerstört sind auch Telefonanlagen, die Radiostation, die Einrichtungen der Uno-Entminungsorganisationen. Ebenfalls schwere Treffer abbekommen hat das Militärkrankenhaus, dessen 500 Betten voll belegt sind mit verletzten Soldaten. Wegen Stromsperren und Verdunklungspflicht kann des Nachts nur im Schein von Gaslampen operiert werden.

"Es gibt immer mehr Fälle, dass Kinder an Tollwut sterben", hört der nach Peschawar verbannte Arzt Wilhelm Kemmer von der deutschen Hilfsorganisation Hammer Forum in Telefonaten mit seinen in Kabul verbliebenen 48 Mitarbeitern. Die Kinder werden von Hunden gebissen, und es ist kein Impfstoff vorhanden. Fehlende Medikamente waren aber schon vor Kriegsbeginn ein Problem.

Viele Kabulis versuchen, ihre Familien aufs Land zu schaffen und in den burgähnlichen Clan-Festungen der Paschtunenstämme einzuquartieren, den "Qalas". Die Angriffe der Amerikaner, so Kemmers Informationen, kommen üblicherweise in drei Wellen - eine nach dem Abendgebet, die zweite nach Mitternacht, die dritte gegen fünf Uhr morgens. Viele Menschen haben seit Wochen nicht mehr richtig geschlafen. Kemmer: "Es gibt bei den Angriffen grundsätzlich wenig Verletzte, die meisten Menschen sterben sofort - vor allem Frauen, die wegen der geltenden Gesetze nicht aus dem Haus dürfen."

Die Taliban aber sind beweglich. Natürlich haben sie ihre Kasernen, potenzielle Bombenziele, längst geräumt. Sie montierten ihre Geschütze auf Pick-ups, die sie zum Teil aus dem Fuhrpark des Roten Kreuzes und anderer Hilfsorganisationen gestohlen haben, und brausen damit durch die Gegend, bewegen sich unter den Zivilisten wie Fische im Wasser.

Anfangs waren die Schwarzturban-Fundis aus Paschtunistan bei der ethnisch gemischten Hauptstadt-Bevölkerung wenig beliebt. Vor allem wegen ihrer religiösen Militanz, ihres extremistischen Glaubensbreviers. Viele Kabulis hatten gehofft, "dass diese Typen endlich einmal was abbekommen", sagt Kemmer, doch die US-Dauerbombardements hätten auch diese klammheimliche Freude gekillt: "Die Stimmung in Kabul ist gekippt, zu Gunsten der Taliban. Die sind stärker als je zuvor."

Und so geben sie sich auch: Selbstbewusst und von der Zermürbungsstrategie des amerikanischen Bombenhagels keineswegs demoralisiert. Hinzu kommt das atavistische Verständnis der Paschtunen von Krieg und Mannesehre. Ein Feind, der aus sicherer Distanz Bomben und Raketen schickt, statt sich dem direkten Kampf von Mann zu Mann zu stellen, gilt als feige. "Dann sollen sie doch kommen, die Amerikaner", lud Taliban-Botschafter Saif beim Pressebriefing in Islamabad spöttisch zum Bodenkrieg ein, "dann werden sie schon sehen, wie wir kämpfen."

Professionelle Hochachtung für die Kampfkraft der Gotteskrieger bekundet auch ihr innerafghanischer Gegner Abdullah Tauhidi, Aufklärungschef der Nordallianz. Im Gegensatz zu den Militärs dieser politisch wie ethnisch heterogenen Mudschahidin-Truppe, die noch vor kurzem vollmundig vom nahen Endsieg über das Kabuler Regime schwadronierten, warnt der Geheimdienstler, das "Angriffspotenzial der Taliban" sei "vor allem durch die Hilfe aus Pakistan ungebrochen".

Mit Unterstützung staatlicher Stellen Islamabads gelangen nach wie vor Waffen und Munition ins Land, unter anderem auch Flugabwehrgeschütze. Das Taliban-Regime plane eine Offensive gegen die Nordallianz zu Beginn des Fastenmonats Ramadan am 17. November.

Erfahrene Militärs, die schon Anfang der achtziger Jahre gegen die sowjetischen Besatzungstruppen gekämpft haben, warnen ebenfalls davor, die militärischen Möglichkeiten der Taliban zu unterschätzen. Ihre Kämpfer seien "viel energischer als die Russen" und "weit gefährlicher als die Sowjetarmee", sagt Abdul Bassir, General der Front am Salang-Pass nördlich von Kabul. In seinem Abschnitt, wo 1000 Taliban stationiert seien, gebe es "keine Überläufer".

Für besonders gefährlich hält General Bassir die Krieger der von Bin Laden importierten Islamistenbrigaden. Diese mehreren tausend Kämpfer aus insgesamt 15 Ländern - von Ägypten über China und dem Jemen bis Saudi-Arabien und Tschetschenien - könnten "nirgendwohin zurück". Sie seien bereit, "bis zum Letzten zu kämpfen".

Gerade diese Desperados stellen nach Erkenntnissen der Nordallianz-Aufklärung den harten Kern der mehr als 4000 Bewaffneten, die unter dem Befehl von Taliban-Verteidigungsminister Mullah Obaidullah Kabul in eine Festung verwandelt haben.

Seit Beginn der US-Bombardierungen am 7. Oktober ist es der Nordallianz im Großraum Kabul nicht gelungen, auch nur eine von den Taliban kontrollierte Ortschaft einzunehmen. Die Front verläuft, wie schon im vorigen Jahr, südlich der Kleinstadt Charikar und des Flugplatzes Bagram, der je zur Hälfte von Allianzarmee und Taliban gehalten wird.

Auch was sich vergangene Woche rund um Masar-i-Scharif abspielte, im Norden Afghanistans, war nichts weiter als ein Schattenkrieg. Mal stürmte die Nordallianz angeblich vor, mal meldeten die Taliban, sie weiche zurück. Unverdrossen hielten die Koranschüler ihre Stellung südlich der Metropole bei Dara-i-Suf, in der Provinz Samangan: Der Verlauf der Frontlinie sei unverändert, resümierte verblüfft die afghanische Agentur AIP.

Dabei hatte General Abdul Raschid Dostam, Befehlshaber an der Nordwestfront der Vereinten Opposition, fast täglich über Satellitentelefon den Sturm auf Masar prophezeit. Indessen, der Vormarsch blieb aus. Schuld daran war nicht allein der desolate Zustand der Nordallianz: Weil Pakistans Paschtunen die Nord-Kommandeure als Konkurrenten um die zukünftige Macht in Afghanistan ansehen, hatten die Amerikaner zunächst nur zögernd gebombt.

Masar-i-Scharif sei "kein strategisches Ziel" der Operation "Dauerhafte Freiheit" - überhaupt: Den Amerikanern gehe es um keine einzige konkrete afghanische Stadt, hatte General Tommy Franks, Chef des Central Command der US-Streitkräfte, noch am Dienstag im usbekischen Taschkent abwiegelnd gesagt.

Doch dann gab Washington den äußeren Zwängen nach - weil es immer dringlicher wurde, die afghanischen Verbündeten vor Kabul und Masar bei Laune zu halten und dem Volk daheim einen Erfolg vorzuzeigen. Schlagartig forcierten die Amerikaner ihre Bombardements.

Ein Sprecher der Bush-Administration kündigte die Einnahme der Schlüsselstädte im afghanischen Norden für "die nächsten Wochen" an. Man könne nicht darauf warten, politische Risiken, die mit der zerstrittenen Nordallianz zusammenhingen, vollends unter Kontrolle zu bekommen, erläuterte der Bush-Gehilfe das "new thinking".

Neben den Einsätzen bei Kabul attackierten die Amerikaner erstmals auch die Front in unmittelbarer Nähe der tadschikischen Grenze. Auch an Dostam wurde gedacht. US-Maschinen, gestartet im benachbarten Usbekistan, versorgten den General mit frischer Munition - seine Truppen stehen wie auf einer Insel mitten im Taliban-Land südlich von Masar, auf dem Landweg bislang noch unerreichbar. Sofort keimte auch dort Begeisterung auf: "Genau das lieben wir", freute sich ein Dostam-Vertrauter, als er die amerikanischen Fliegerangriffe auf die gegenüberliegenden Stellungen sah.

Ist nun doch alles für die Großoffensive im Norden bereit? Man werde kaum mehr als noch vier, fünf Tage warten müssen, ließ sich Ahmed Zia Massud vernehmen, der Bruder des im September ermordeten Militärchefs der Nordallianz.

Neben Dostam hält sich auch dessen Waffengefährte General Ustad Atta Mohammed bereit. Er hat seine Soldaten rund um die Stadt Marmul zusammengezogen, im Distrikt Aq Kopruk. Besetzt wurde der Ort bisher nicht - es seien zu viele Menschen in Marmul, entschuldigte Atta das Zögern, "wir wollen keine zivilen Opfer". Bei Qaleh-ye Now schließlich, 110 Kilometer nordöstlich von Herat, steht Kommandeur Ismail Khan auf dem Sprung, der dritte starke Mann der Militärallianz.

Auf einem strategischen Treffen vergangenen Montag hatten sich die Generäle angeblich bereits auf den Großangriff gegen Masar-i-Scharif geeinigt. Das entscheidende Signal dafür aber werde von den Amerikanern kommen, stellte ein Sprecher der Nordallianz klar.

Diese Bemerkung machte mit einem Schlag klar: Längst sind die Amerikaner tiefer in die Kämpfe der Afghanen verstrickt, als das Pentagon die Öffentlichkeit glauben machen will.

Dostam hatte schon vor Tagen zugegeben, dass "etwa 15 bis 20 Amerikaner mit sehr speziellen Kenntnissen" einen eigenen Stützpunkt in Dara-i-Suf bezogen hätten. Die aus Usbekistan eingeflogenen Soldaten sollen nicht nur die Operationen der Taliban-Gegner koordinieren, sondern auch neue Ziele für Luftangriffe festlegen und sich ein Bild vom Zustand der Nordallianz verschaffen.

Ihre Präsenz habe "die Effektivität der Luftangriffe verbessert", räumte Verteidigungsminister Rumsfeld in Washington ein - insgesamt seien bereits fast 100 Elitesoldaten an der afghanischen Front.

Die Amerikaner wollen Masar-i-Scharif, daran gibt es keinen Zweifel mehr, noch vor Wintereinbruch als erste Kriegstrophäe präsentieren. Special Forces stünden bereit, die Befehlsstäbe der Taliban zu vernichten und deren wichtigsten Befehlshaber festzusetzen, orakelten russische Militärs: Masar solle die wichtigste Militärbasis Washingtons in ganz Zentralasien werden. Doch noch wiegelt auch US-Konteradmiral John Stufflebeem, von den bisherigen Misserfolgen sichtlich gezeichnet, sachte ab. Die Schlacht um Masar werde ein "sehr schwieriger und harter Kampf", dessen "Ausgang ungewiss" sei.

Russische Militärs raufen sich angesichts der katastrophalen Lage in den Reihen der Nordallianz die Haare. Keiner habe in den letzten Wochen so viel Waffen erhalten wie General Fahim, der Verteidigungsminister der Allianz, genutzt habe es bislang nichts. Fast pausenlos rollten T-55- und T-62-Panzer aus den russischen Lagern in Tadschikistan Richtung Süden, dazu Panzerwagen, Stalinorgeln vom Typ "Grad", "D-30"-Haubitzen und Luftabwehrkanonen. Der Umfang schwerer Technik in der Fahim-Armee hat sich seit sechs Wochen etwa verdreifacht. Und mit fast jedem Transport, bestätigen Beobachter, rückten auch russische Berater, Techniker und "Spezialisten" nach Afghanistan ein.

Im Gegensatz zu Massud sei Fahim nur dem Namen nach Oberbefehlshaber der Nordallianz, sagen russische Berater ungeschminkt. Längst kämpfe jede Truppe der angeblich "Vereinten Front" für sich allein. Dem Usbeken Dostam zu Hilfe zu eilen, um endlich die Schlüsselstadt Masar-i-Scharif freizukämpfen, lehnen Fahims tadschikische Generäle im Gespräch inzwischen unverhohlen ab - sie halten den Rivalen für viel zu amerikafreundlich. Möge Dostam dort als Erster die Taliban verjagen - "dann setzen auch wir uns in Bewegung", höhnte ein Kommandeur an der Front vor Kabul.

Spätestens seit die B-52-Bomber über Afghanistan auftauchten und ihre Tonnage abwarfen, kam in Amerika das "V-Wort" wieder in Umlauf: Vietnam, ein Schreckgespenst.

Der pensionierte US-General Wesley Clark, Nato-Oberbefehlshaber im Kosovo-Krieg, erklärte den Sinn der Eskalation: Mit Präzisionswaffen ließen sich Punktziele wie Kommandozentralen beschießen; Anlagen aber oder auch Truppen, die sich weiträumig in der Ebene verteilten, würden besser mit Flächenbombardements bekämpft. Clark vergaß nicht hinzuzufügen, dass die B-52-Bomber in Vietnam nicht die gewünschte Wirkung gehabt hätten: Sie hätten den Urwald verwüstet, die Vietkong hätten jedoch in eigens angelegten Tunnelsystemen Schutz gefunden. Und Höhlen mit verzweigten Stollensystemen gibt es auch am Hindukusch zuhauf.

Vietnam ist die traumatische Erfahrung der Generation, die in der Regierung Bush reichlich vertreten ist. Je nach ihrer Grundeinstellung aber haben Exponenten wie Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Außenminister Colin Powell unterschiedliche Konsequenzen aus Amerikas schmutzigem Krieg gezogen.

Die nun verfügte Eskalation des Luftkrieges ist das deutlichste Zeichen für einen Strategiewechsel im Weißen Haus. Amerika hat die erste Runde im Krieg wohl verloren. Nun gilt die Logik: Der Krieg wird gewonnen, indem der Krieg konsequent geführt wird. Rücksicht auf die große, bunte internationale Koalition gegen den Terrorismus werde jetzt nicht mehr geübt - jedenfalls nicht mehr in dem Maße, wie es Außenminister Powell vor Kriegsbeginn am 7. Oktober und seither immer wieder empfahl.

Die konservativen Zirkel im Verteidigungsministerium, zu denen Staatssekretär Paul Wolfowitz und Rumsfeld-Berater Richard Perle zählen, sahen von jeher den Primat im Militärischen, nicht in der Politik. Diese Sicht der Dinge schließt offenbar Bodentruppen in größerer Zahl ein und das Entgegenkommen aus, etwa Pakistan eine Art Veto über Ausmaß und Dauer des Krieges oder die politischen Konstellationen einer neuen Regierung in Kabul einzuräumen.

Rumsfeld argumentiert immer wieder bei seinen Briefings, Amerika müsse den "Krieg zu den Terroristen und ihren Schutzmächten tragen", mit allen Mitteln. Das sei die beste Vorkehrung gegen eine Wiederholung der Anschläge von New York und Washington. Der Pentagon-Chef hat die Konsequenz aus Vietnam gezogen, dass ein langsames Hineingleiten in den Krieg auf Unschlüssigkeit deuten lässt. Er geht davon aus, dass die patriotische Grundwelle, die Amerika seit dem 11. September erfasst hat, abebben wird, falls der Krieg zu lange dauert.

Überlegungen, den Einsatz in Afghanistan aus Rücksicht auf die muslimischen Staaten wegen des islamischen Fastenmonats Ramadan entweder zu begrenzen oder eine Feuerpause einzulegen, lehnt Rumsfeld ab. "Das können wir uns nicht leisten", sekundierte auch Bushs Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice.

"Send in the troops", schrieb unverblümt das "Wall Street Journal" und forderte damit die Invasion Afghanistans mit einer gewaltigen Armee. Vor dem Frühjahr wäre solch eine Offensive indes kaum möglich. Der Aufmarsch von Hunderttausenden Soldaten, vermutlich im Norden des Krisengebiets, würde Monate dauern.

Ganz offenkundig unterliefen der amerikanischen Regierung auch diesmal zwei Fehleinschätzungen wie seinerzeit im Vietnam-Krieg: Sie nahm die Taliban nicht ernst genug, war von ihrer Findigkeit - Passivität in der ersten Kriegsphase, Rückzug in die Höhlenwelt der Gebirge -, ihrer Kampfkraft und propagandistischen Skrupellosigkeit überrascht. Zwar stimmte Bush seine Landsleute auf einen langen Krieg gegen den Terrorismus ein, aber anfangs auch auf einen kurzen Feldzug in Afghanistan.

Die Geduld, um die der Präsident erfolgreich warb, lässt unterdessen spürbar nach, zumal das FBI und die Gesundheitsbehörden mit Hilflosigkeit auf die Anthrax-Anschläge an der Heimatfront reagieren. Und dann ist da noch die von regierungsoffiziellen Warnungen beflügelte Angst vor neuen Terroranschlägen, gegen Brücken etwa oder Atommeiler.

Außenminister Powell glänzte in der ersten Kriegsphase durch Omnipräsenz. Er zog aus dem Vietnam-Trauma die Schlussfolgerung, dass jeder neue Krieg nur mit überragender Überlegenheit der amerikanischen Streitkräfte, mit diplomatischer Absicherung und der Unterstützung der US-Öffentlichkeit geführt werden sollte. Glänzendes Beispiel für diese Sicht der Dinge ist der Golfkrieg: umsichtig vorbereitet, durch die Vereinten Nationen legitimiert, schnell militärisch gewonnen. Allerdings mit dem kleinen Schönheitsfehler, so argumentieren Powell-Gegner, dass der Schurke Saddam Hussein noch immer in Bagdad regiert. Rumsfeld, Perle und Wolfowitz halten den Gewaltherrscher im Irak für das eigentliche Problem im Kampf gegen den Terrorismus, das eher früher als später gelöst werden müsse.

Für Powell ist der Primat der Politik ausschlaggebend, weil er, der General a. D., an die Zeit nach dem Krieg denkt. Deshalb versuchte er, eine Nach-Taliban-Regierung aufzustellen, repräsentiert durch einflussreiche Clan-Chefs und Stammesführer, gruppiert um den betagten König Zahir Schah. An der Unfähigkeit der Warlords, geistlichen Führer und lokalen Herrscher, sich wenigstens auf ein Verfahren über die Bildung einer neuen Regierung zu einigen, scheint die amerikanische Außenpolitik zu scheitern (siehe Seite 160). Übersehen worden waren dabei ein paar Binsenwahrheiten zum Selbstverständnis Afghanistans: der Vorrang der Paschtunen, die nahezu die Hälfte der Bevölkerung stellen; und der gleichsam genetisch gesteuerte Drang zum Zusammenhalt, marschiert am Hindukusch ein Feind von außen auf.

Die illusionslosen Pragmatiker im Verteidigungsministerium sahen diesen Fehlschlag voraus und behielten Recht. Indem der charismatische Powell nun an Einfluss im Weißen Haus verliert, büßt der Krieg auch an moralischer Überhöhung ein, droht sich Amerika mit jeder Bombenlast, die Zivilisten trifft, selbst ins Unrecht zu bomben.

Von der neuen Weltordnung, in der womöglich sogar Iran oder der Sudan am Kampf gegen den Terrorismus teilnehmen - wobei auch der Nahost-Konflikt und der Krieg um Kaschmir entschärft werden -, ist derzeit so gut wie nichts zu sehen. Eher als zur Befriedung könnte der Krieg in Afghanistan zur Verschärfung der Gewalt in dieser Region, aber auch anderswo führen.

Das Land mit dem größten Gefahrenherd ist die Atommacht Pakistan. Präsident Pervez Musharraf ging ein enormes Risiko ein, als er den Amerikanern Überflugrechte und Operationsbasen einräumte. "Die überwältigende Mehrheit der Pakistaner sind gemäßigte, fortschrittliche, friedliebende Muslime, und sie unterstützen ihre Regierung", sagte General Musharraf am vergangenen Donnerstag vor Würdenträgern in der Provinz Punjab. Aber das klang wie lautes Pfeifen im Wald.

Am gleichen Tag verkündete die Stadtverwaltung in der Hauptstadt Islamabad, rechtzeitig vor möglichen Ausschreitungen nach den Freitagsgebeten, dass für die Dauer von zwei Monaten jede öffentliche Versammlung oder Kundgebung, Demonstration oder Zusammenrottung von mehr als fünf Personen verboten sei.

Ebenfalls am Donnerstag überquerten zwei Konvois mit insgesamt 1200 schwer bewaffneten Gotteskriegern die Grenze in Richtung der afghanischen Provinz Konar. "Das wird jeden Tag so weitergehen", sagte der Sprecher der Kriegsfreiwilligen, Mohammed Abdullah. Die Kämpfer wurden in Richtung Jalalabad gebracht. Von dort sollen sie weitertransportiert werden zur Front. Der Kampfeswille ging so weit, dass Teenager und Alte, von den Taliban eigentlich unerwünscht, sich weigerten zurückzukehren, ohne mit ihren paschtunischen Volksgenossen auf der anderen Seite gekämpft zu haben.

Die Krieger aus den so genannten Tribal Areas, den halb autonomen Stammesgebieten, kommen damit einem gleichzeitig veröffentlichten Appell Osama Bin Ladens nach, der die pakistanischen Muslime zur Verteidigung des Islam aufrief und die Regierung Musharrafs als Büttel der Christen scharf angriff ("Dies ist euer Tag, um den Islam zum Sieg zu führen").

Aus der Haqqaniya-Moschee samt angeschlossener Koranschule östlich von Peschawar, durch die so gut wie alle Taliban in ihrer Ausbildung gegangen sind, ließ der radikale Korangelehrte Sami ul-Haq verlauten, die Regierung habe mit bürgerlichem Ungehorsam zu rechnen, wenn sie nicht schleunigst ihre Politik überdenke. Für kommenden Freitag rief Haq zu einem Solidaritätsstreik für das hilflose afghanische Volk auf, der den Hass auf den "weltgrößten Terroristen Amerika" zum Ausdruck bringen soll.

Es brennt an allen Ecken in der Region, die Meldungen überschlagen sich: Bombenexplosionen und Gefechte in Kaschmir; Gerüchte über anhaltende militärische Unterstützung Pakistans für die Taliban und islamistische Komplotteure in Armee und dem Geheimdienst ISI; Bedenken der internationalen Atomenergie-Behörde in Wien, ob das pakistanische Atomarsenal bürgerkriegsähnliche Unruhen im Land unbeschadet überstehen würde. Dazu passte die Analyse des Magazins "The New Yorker", amerikanische und israelische Spezialeinheiten übten für den Fall, dass bei Musharrafs Sturz Pakistans Nuklearsprengköpfe sichergestellt werden müssten.

Der Karakorum-Highway, eine der Hauptverbindungen nach China, war am Freitag den neunten Tag in Folge von aufständischen Stämmen blockiert. Sie demonstrierten so gegen die Regierungspolitik. "Wenn die USA in Afghanistan eingreifen, wird jede der Lösungen, die sie anstreben, scheitern", hatte Musharraf, bevor er sich Washington fügte, Gesprächspartner aus dem Westen frühzeitig vor der Falle am Hindukusch gewarnt. Aber die Amerikaner haben auf den kleinen General nicht gehört. OLAF IHLAU,

SIEGESMUND VON ILSEMANN, UWE KLUSSMANN, CHRISTIAN NEEF, WALTER MAYR, GERHARD SPÖRL

* An der pakistanisch-afghanischen Grenze.

DER SPIEGEL 45/2001
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