05.11.2001

MAGERSUCHT Locker, Bahne, locker

Der Ruderer Bahne Rabe war ein schweigender Kämpfer. Ohne große Worte rackerte er sich ab für den Olympiasieg im Achter, still und einsam hungerte er sich nach seinem Karriereende zu Tode. Warum nur? Von Dirk Kurbjuweit
Da steht der Tod auf Stelzen, denkt Wolfgang Maennig, als er an einem Freitag im Mai die Tür seiner Wohnung öffnet. Er sieht einen Riesen, gut zwei Meter groß, aber der Körper ist dürr und klapprig, der Kopf ist schmal, kein Fleisch mehr an den Wangen, nur noch Haut, die faltig über den Knochen hängt. Die Augen liegen tief in den Höhlen.
Der Mann, der vor Maennigs Tür steht, ist Bahne Rabe, mit dem er 1988 in Seoul olympisches Gold im Achter gewonnen hat. Damals wog Rabe 95 Kilo. Er war Schlagmann, hatte den stärksten Körper aller Ruderer. Jetzt wiegt er 60 Kilo und kann nicht länger als eine Viertelstunde gehen, ohne zu verschnaufen.
Am Tag nach Rabes Ankunft macht Maennig eine Gartenparty. Es wird gegrillt, Fleisch und Salat im Überfluss.
Rabe sitzt still auf einer Bank. Vor ihm steht eine weiße Schüssel, in der seit einer halben Stunde Haferflocken in lauwarmem Wasser aufweichen. Als sie gequollen sind, isst er schweigend und langsam. Um ihn herum herrscht betretene Stille.
Maennig geht zu ihm und sagt: Iss doch mal ein Würstchen, Bahne. Sein Ton ist scherzhaft. Er weiß, dass Rabe magersüchtig ist, und er macht sich Sorgen. Aber er hat auch große Hoffnung, dass Rabe die Wende zum Guten schaffen würde, so wie damals im Finale von Seoul, als erst die Amerikaner weggerudert sind und dann
die Russen, aber bei 1000 Metern zog Schlagmann Rabe einen gewaltigen Zwischenspurt an, und die Deutschen wurden Olympiasieger.
Diesmal schafft er die Wende nicht. Gut zwei Monate nach der Grillparty stirbt Bahne Rabe, 37 Jahre alt, an einer Lungenentzündung, Folge seiner Magersucht.
Maennig denkt heute oft, er hätte damals ganz anders mit Rabe reden müssen, streng, laut: Bahne, du isst jetzt dieses Würstchen. Er stellt sich vor, wie er ihn gezwungen hätte. Ihn festhalten, ihm die Wurst stückweise in den Mund stopfen. Er weiß, dass dies sinnlos gewesen wäre. Es ist nur der Wunsch, das Rad zurückdrehen und grundsätzlich alles anders machen zu können. Nicht nur freundlich reden, sondern Zwang anwenden. Andererseits ist Maennig Liberalität wichtig, die Freiheit des Menschen, über sein Schicksal selbst zu bestimmen.
Er weiß es nicht. Er grübelt Tag für Tag. Er macht sich Vorwürfe. Dann denkt er wieder: Es war nicht zu verhindern.
Vielen Leuten, die Rabe kannten, geht es jetzt so. Sie fragen sich nach der Schuld, nach der eigenen, nach der von anderen. Ein Wort taucht dabei immer wieder auf: Hoffnung. Eigentlich ein gutes, heilsames Wort, doch es kann Taten verhindern. Auch darum geht es im Fall Rabe: die dunkle Seite der Hoffnung.
Hätten wir ihn retten können, wenn wir weniger auf seine Kraft und seinen Willen gehofft hätten, fragt Maennig. Wurde Bahne nicht auch zu Tode gehofft, fragt sein Bruder Detlef Rabe.
Das Mädchen ist blass, blond, ihre Haare sind lang und glatt. Sie sitzt auf einem Stuhl, und sie könnte dort zweimal sitzen. So dünn ist sie. Ein Strich vor der Wand, ein Faden, fast ein Nichts. Als eine Ärztin vorbeikommt, wispert das Mädchen: "Ich habe schon wieder 100 Gramm abgenommen." Der Ton ist seltsam. Es könnte Stolz sein.
Sie sitzt vor der Tür von Manfred Fichter, Leiter der Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee, die spezialisiert ist auf Magersucht. Rabes Freunde wollten, dass er in eine Klinik wie diese geht. Aber er ging nicht.
"Sehr spannend", sagt Fichter, als er von Bahne Rabe hört. "Magersucht mit über 30 ist ungewöhnlich." Über Rabe kann er nichts sagen, weil er ihn nie getroffen hat, aber er weiß grundsätzlich, warum Menschen aufhören zu essen.
Es können die Gene sein. Es könnte ein "soziokultureller Faktor" sein, das aktuelle Schönheitsideal, das Männern vorschreibt, einen starken Körper ohne Fett zu haben. "Der dritte Faktor sind große Belastungen, zum Beispiel Tod der Eltern, sexueller Missbrauch in der Kindheit oder andere tiefe Verletzungen der Seele."
Fichter sagt, nach zehn Jahren stürben zehn Prozent der Magersüchtigen, nach zwanzig Jahren zwanzig Prozent. "Sie wollen nicht den Tod, aber sie nehmen ihn ohne emotionale Beteiligung in Kauf."
Der Rotsee in Luzern gilt als die schönste Regattastrecke der Welt. Ein schmaler, langer See am Rand der Stadt, in Hügel gebettet. Ende August, zwei Wochen nach Rabes Tod, kämpfen dort die Ruderer um die Weltmeisterschaft.
Rudern ist ein Sport ohne Stars, ohne Geld. Die Umkleiden bei einer WM sind so schweißig und fahl beleuchtet wie in jeder alten Turnhalle. Gegessen wird wie in der Mensa, langes Anstehen, mäßiger Geschmack. Der Menschenschlag, der sich hier trifft, ist in der Überzahl bodenständig, strebsam, leidensfähig. Das ist die Welt, in der Rabe 15 Jahre lang gelebt hat.
Am Tag vor den Finals der Achter steht ein kleiner, kompakter Mann mit einer grünen Schirmmütze auf dem Steg am Bootsplatz und schaut hinaus auf den See, auf dem der deutsche Frauen-Achter letzte Übungen macht. Es ist Ralf Holtmeyer, der 1988 den Achter der Männer trainiert hat.
Auf Bahne Rabe angesprochen, sagt er, dass er dazu nichts sagen wolle. Er guckt wieder hinaus zu seinem Boot, das elegant und erhaben über den See gleitet. Es ist heiß, das Wasser ist grün.
Nach einer Minute des Schweigens sagt Holtmeyer: "Lenka hat einen ähnlichen Schlag wie Bahne." Lenka Wech ist die Schlagfrau, bestimmt also den Rhythmus des Boots. Rabe war berühmt für seinen langen, ruhigen Schlag.
Holtmeyer nimmt die Stoppuhr, die um seinen Hals hängt, drückt einen Knopf, guckt zum Achter, guckt auf die Uhr. Er weint. Seine Frauen ziehen wuchtig, die Bootsspitze schaukelt im Rhythmus der Schläge. Eine Bahn rumpelt am See vorbei.
"37 Schläge", sagt Holtmeyer, "ganz okay." Er wischt seine Tränen weg, guckt wieder zum Achter und sagt: "Ich war so enttäuscht, dass ein solches Leben so zu Ende geht."
Mitte der achtziger Jahre hat Holtmeyer auf dem Dortmund-Ems-Kanal eine merkwürdige Begegnung. Er sitzt im Motorboot und beobachtet eine junge Mannschaft beim Training. Als er einen der Ruderer, einen blonden, sehr kräftigen Jungen, durch das Megafon anspricht, kommt keine Reaktion. Holtmeyer, leicht irritiert, versucht es noch einmal. Wieder nichts.
"So war Bahne", sagt Holtmeyer, "er hat nie etwas gesagt."
Im Herbst 1987 beginnt Holtmeyer, über seinen Achter für die nächste Saison nachzudenken. Wie immer ist das ein schwieriges Puzzle, denn ein Ruderboot ist mehr als die Addition von Körpern. Acht Männer müssen auf den Punkt genau das gleiche tun, tauchen die Blätter simultan ein, rollen zurück, ziehen die Riemen durch, heben sie aus dem Wasser, rollen vor.
Das ist der empfindlichste Moment. Die Riemen schweben, das schmale Boot hat keinen Halt, acht Männer, die nach Atem ringen, müssen ein gemeinsames Gleichgewicht finden. Wenn sie jetzt wackeln, ist alles verloren. Die Blätter tauchen unsauber ein, das Boot wird langsamer. Die Balance eines Achters ist die innere Balance seiner Mannschaft. "Die Charaktere müssen sich ergänzen", sagt Holtmeyer.
Rabe ist in seinem Kader mit Abstand der Stärkste, hat einen schönen Schlag, aber da er nicht redet, kann er das Boot nicht führen; auch das ist Aufgabe eines Schlagmanns.
Maennig ist körperlich eigentlich zu schwach für den Achter, aber er ist intelligent und muss das ständig mit seinem losen Berliner Mundwerk beweisen. Was Rabe zu wenig redet, redet er zu viel.
Genau das ist die Lösung für Holtmeyer. Er setzt Rabe auf Schlag und Maennig dahinter. Der eine sorgt für Schub und Rhythmus, der andere führt durch Reden.
Nächster im Boot ist Thomas Domian, emotional, wuchtig, ein Mann, der oft Witze reißt; gut für die Stimmung. Weil auch der Rest passt, kommt der Achter von ''88 rasch ins Gleichgewicht.
Bahne locker, ruft Maennig, wenn Rabe im Training zu sehr die Schultern krümmt, als wolle er sich gegen alle Welt abschirmen. Immer wieder hat er das gerufen.
Rabe ist nicht locker. Er ist unerbittlich mit sich selbst. Als die Mannschaft auf Mallorca Kondition sammelt, fehlt er eines Abends beim Essen. Er ist ein bisschen krank und hat nicht mittrainiert. Als Holtmeyer ihn holen will, liegt Rabe auf seinem Bett und starrt die Decke an. Wer nicht arbeitet, muss auch nicht essen, sagt er. Rabe ignoriert die Signale seines Körpers. Rudern ist ein eher stumpfsinniger Sport, ewig die gleiche Bewegung. Schlag für Schlag bleibt nur die Entscheidung, wie hart man durchzieht, ob man sich neuen Schmerz zufügt oder nicht. Rabe zieht immer voll durch. "Er konnte sich da unheimlich reinsteigern", sagt Holtmeyer.
Seinem Körper, auf den er stolz ist, gibt er nur das, was er unbedingt braucht. Wenn Rabe etwas hasst, dann Fett. "Das hier", sagt Maennig und kneift sich in den flachen Bauch, "konnte man mit ihm nicht machen, zu hart, steinhart."
Der Achter von ''88 gewinnt alle Regatten in der Vorsaison. Am 25. September steht er im olympischen Finale von Seoul.
Es ist bewölkt, der Wind kommt schräg von Backbord. Die Deutschen rudern auf Bahn drei, gerahmt von Amerikanern und Russen. Der Start ist mäßig, bei 1000 Metern, der Hälfte der Strecke, liegt das Boot nur auf Platz drei. Dann kommt der Zwischenspurt, zehn Peitschenschläge, von Rabe perfekt rhythmisiert und mit ungeheurem Schub durch das Wasser des Han-Flusses gezogen. Der Rest ist Schönheit. Ein schlankes, gelbes Boot, acht Männer im Einklang, ihre Riemen schwingen wie die Flügel eines großen Vogels.
Im Ziel sackt Rabe in sich zusammen. Maennig übergibt sich. Domian schreit "Olympiasieger, Olympiasieger", steht auf, klettert über Maennig hinweg und herzt Rabe. Der regt sich nicht.
Am Abend desselben Tages passiert etwas, das allen einen Schock versetzt. Die Mannschaft, am Ziel aller Athletenträume angekommen, feiert in ihrer Wohnung im olympischen Dorf, als Bahne Rabe plötzlich aufsteht und seinen Kopf gegen die Wand rammt. Das macht er, bis ihn die anderen niederringen. Als Holtmeyer seinen Schlagmann fragt, warum er das getan hat, sagt Rabe: Ich fühle mich so leer.
Von da an beginnt das Hoffen. Es wird so schlimm schon nicht sein, denken die anderen. Sie sind so stolz und glücklich. Der schönste Tag in ihrem Leben. Wer kann es wagen, diese Stimmung zu zerstören und dem wichtigsten Mann des Teams einen Therapeuten zu empfehlen?
Auf den ersten Blick sieht Roland Baar seinem ehemaligen Ruderkollegen Rabe ein bisschen ähnlich. Auch er ist blond, groß, hat ein norddeutsches Gesicht. Als der Achter Gold holt, ist Baar in Seoul und grollt mit sich. Im Vierer mit Steuermann ist er Siebter geworden, und jetzt schwört er, nie wieder hinterherzufahren.
Er nimmt sich vor, Schlagmann zu werden, und Baar, ebenfalls ein Schweiger, weiß, dass er dafür das Reden lernen muss. Er lernt es rasch. Weil Rabe, Maennig und Domian nach Seoul aufhören mit dem Rudern, wird Baar Schlagmann des Deutschland-Achters. Schon 1989 führt er das Boot zum WM-Titel.
Als Rabe 1990 wieder mit dem Rudern anfängt, ist sein Platz besetzt. Es beginnt ein Duell zweier Hünen, das sieben Jahre währt.
Baar wiegt 95 Kilo bei 1,96 Metern und zieht 450 Watt am Ergometer. Er schlägt kurz und schnell. Seine Boote flattern wie Fledermäuse.
Rabe wiegt 95 Kilo bei 2,03 Metern und zieht 460 Watt am Ergometer. Er schlägt lang und ruhig. Seine Boote schweben wie Möwen.
Auf seinen Riemen hat er schwarz einen Raben gemalt. Damit pflügt er das trübe Wasser des Dortmund-Ems-Kanals, wo das Duell meist ausgetragen wird, zwischen rostigen Spundwänden, vorbei an Gewerbesiedlungen, gestört von den Wellen der Schubschiffe.
Eine Trainingseinheit dauert anderthalb Stunden. Anderthalb Stunden Tunnelblick. Nichts sehen als den Nacken des Vordermanns. Wer den Kopf dreht, bringt das Boot ins Wackeln. Der Steuermann singt, die Lungen pumpen. Wasser sauber fassen, dann ziehen wie ein Ochse, auch wenn''s wehtut. Die letzten Galeerensträflinge, freiwillig.
Über den Sieger des Duells entscheidet Jahr für Jahr Trainer Holtmeyer. Er ist ein Mann, der viel lacht, ein schönes, offenes Lachen, aber es verlischt rasch. Er ist ein Mann des Leistungssports. Ihn interessieren immer nur die acht Männer oder Frauen, von denen die nächste Medaille zu erwarten ist. Nach einer Niederlage hat ihm Rabe vorgeworfen, er verbreite "eine unheimliche Kälte und Härte". Holtmeyer sagt: "Ich war selbst erstaunt, wie schnell ich mich von den 88ern gelöst habe."
Ohne sein Sprachrohr Maennig und seinen Freund Domian ist Rabe auf sich selbst gestellt. Das liegt ihm nicht. Als Junior hat er versucht, Einer zu fahren, aber allein fand er keine Balance.
Als Baar und Rabe 1996 mit dem Rudern aufhören, hat Rabe das Duell verloren. Es gelang ihm nie, Baar von der Position des Schlagmanns zu verdrängen.
Baar wurde fünfmal Weltmeister mit dem Achter, Rabe einmal im Vierer mit Steuermann, in den er ausgewichen war. Am selben Tag, auf der Fahrt von einer Party ins Hotel, schlägt er mit der Faust in die Seitenscheibe des Autos. Das Glas zerspringt. Wieder hoffen die anderen.
Das Café "Extrablatt" liegt in Dortmunds Mitte. Frank Dietrich hat diesen Ort für unser Gespräch gewählt, weil er sich hier immer mit Bahne Rabe getroffen hat. Dietrich war sein bester Freund, auch er ein ehemaliger Ruderer, auch er kein Mann großer Worte, lang, schlaksig, eine eckige Brille im Gesicht. Er bestellt einen Milchkaffee und einen Salat mit Putenstreifen.
Während sich Baar, Maennig und Domian nach dem Ende ihrer sportlichen Karriere in gute Jobs reden, bleibt Rabe stumm und landet dort, wo Stummheit nicht stört: vor einem Computer. Er wird Datenverarbeiter und gibt lustlos Zahlencodes ein.
Mit Dietrich geht er ins Kino, ins Sportstudio. Abends treffen sie sich im "Extrablatt". Dietrich isst etwas, Rabe trinkt Kaffee. Er sagt immer, dass er schon gegessen habe. Sie reden über ihre kleinen Wünsche, ein besserer Job vielleicht, eine Familie. Rabe ist meistens solo. Er bringt es nicht fertig, Frauen anzusprechen.
Dietrich fällt auf, dass Rabe nie seine Familie erwähnt. "Wenn die Sprache darauf kam, hat er abgeblockt."
Allmählich wird Rabe dünner. Ende 2000 wiegt er 80 Kilo. Es ist jetzt Winter, aber Rabe heizt seine Wohnung nicht. Im T-Shirt sitzt er vor dem Computer, Licht aus, umnebelt vom Rauch zahlloser Zigaretten. Er trinkt einen Kaffee nach dem anderen, er isst nicht. Vom Etikett einer Bierflasche, die auf seinem Tisch steht, schaut ihn ein Rabe an, ein Totenvogel.
Noch immer schindet er seinen Körper, geht morgens um sieben für eine Stunde ins Sportstudio und holt am Ruderergometer alles aus sich raus. Abends das gleiche. Dann trinkt er einen Kaffee im "Extrablatt". Das Gebäckstückchen schiebt er Dietrich rüber. Manchmal riecht Rabe nach Alkohol. Zweimal muss er seinen Führerschein wegen Trunkenheit abgeben.
Er tut alles, was ihn zerstört, nichts, was ihm gut tut. Als könnte er sich nichts gönnen, als wäre er sich das nicht wert. Manchmal drückt er sich eine brennende Zigarette in die Haut. Zu Thomas Domian sagt er einmal, ihm fehle die Erinnerung an mehrere Jahre seiner Kindheit.
Dietrich hat zu unserem Gespräch ein Notizbuch mitgebracht. Er legt es neben den Teller mit dem Salat, guckt hinein, liest tonlos: "25. Februar 2001: Rabe bricht auf der Straße zusammen". Er kommt ins Krankenhaus, ist aber schnell wieder draußen. Er wiegt 70 Kilo. Er hat jetzt etwas Vogelhaftes. Bilder zeigen ein schmales, spitzes Gesicht auf breiten Schultern.
Am 5. März geht es nicht mehr. Er muss wieder ins Krankenhaus. Er wiegt 65 Kilo. Die Freunde bestürmen ihn. Bahne, was ist los, Bahne, warum isst du nicht, Bahne, tu was, Bahne, wir haben dir einen Platz in einer Spezialklinik besorgt, Bahne, locker.
Leute, lasst mich, seufzt Rabe. Er wisse selbst, was gut für ihn sei. Er zählt die Kalorien, die über den Tropf in seinen Körper fließen. Ihm behagt das nicht.
Er hat jetzt einen Vormund, eine gute Freundin, Christel. Auf sein Drängen unterschreibt sie, dass er das Krankenhaus verlassen darf. Die Ruderfreunde sind entsetzt. Aber Christel hofft, dass Bahne, der große, starke Bahne, das schon packt. Am 15. Mai, nach zwei Monaten, verlässt er die Klinik.
Am 24. Mai fährt er mit Domian und dessen Freundin zu Wolfgang Maennigs Grillparty nach Berlin. Er hat wieder abgenommen. Er isst kein Würstchen.
Zu Maennig sagt Rabe: Mein Problem ist die soziale Interaktion, und die Schlüsselrolle spielt meine Familie. Ich will verstärkt Kontakt zu ihr aufnehmen, um das zu klären.
Als er zurück nach Dortmund fährt, sagt ihm Maennigs Freundin zum Abschied: Bahne, ich hoffe, dass ich dich lebend wiedersehe. Maennig bleibt optimistisch. "Ich dachte, er hat das im Griff. Für mich war er ein Willensmensch."
Aber das ist das Problem: Der Wille, der Rabe zum Olympiasieg getrieben hat, zerstört ihn auch. Das Körpersignal Hunger kann er genauso ignorieren wie das Signal Schmerz.
Im Zug nach Dortmund feiern die Fans von Schalke 04 den Sieg im Pokalfinale, das in Berlin ausgetragen wurde. Gesänge, Bier, blauweiße Fröhlichkeit. Dazwischen ein Riese mit einem Knochengesicht, umgeben vom Ernst des nahen Todes. Die Fans, die Rabe sehen, weichen zurück.
Am Montag nach Berlin ruft Domian bei Rabe an und sagt, dass er sich nicht mehr um ihn kümmern werde, dass er nicht mehr könne, dass er sauer sei, weil sich Rabe nicht helfen lasse. Er warte auf ein Signal, ein Zeichen der Einsicht. Das ist das letzte Gespräch, das sie führen.
Dietrich sieht Rabe noch einmal auf dessen Balkon. Er sitzt in der Sonne und raucht. Beschwörungen Dietrichs, Unwillen Rabes. Kurz darauf fährt er zu seinen Eltern nach Lüneburg.
Als Dietrich von dieser letzten Begegnung erzählt hat, legt er Messer und Gabel beiseite. Er guckt wieder in das Notizbuch und liest tonlos: "2. August: klinisch tot". Er guckt hoch, guckt wieder in sein Notizbuch, liest noch einmal, leiser jetzt: "2. August: klinisch tot".
Er stößt den halb vollen Teller an den äußersten Rand des Tisches, nimmt die Speisekarte, die aufgefaltet neben ihm liegt, faltet sie zusammen, legt sie weg.
"Man isst und isst und hat Spaß dabei, aber er konnte das nicht."
Wie Maennig macht sich Dietrich Vorwürfe. "Was hätte man anders machen können, damit er nicht so entgleitet?" Domian quält sich damit, ob er seinen Freund am Ende im Stich gelassen hat.
Trainer Holtmeyer denkt, dass er seinen Jungs gegenüber vielleicht doch mehr Gefühle hätte zeigen sollen. Roland Baar, der Rivale, grübelt, ob er hin und wieder hätte anrufen sollen.
Vier sehr große Männer und ein kleiner, kompakter: Sie alle suchen nach den nicht gesagten Sätzen. Manchmal entdecken sie einen, probieren ihn still für sich aus, bedenken die Folgen und was anders gekommen wäre. Aber im Konjunktiv ist kein Trost zu finden.
Wenn Maennig und Domian jetzt an ihren Olympiasieg denken, die glorreichsten 5:46,05 Minuten ihres Lebens, ist das nicht mehr so triumphal wie früher. Der Schlagmann vor ihnen wird dünner und dünner, bis er verschwindet. Zurück bleiben ein leerer Rollsitz und ein Riemen mit einem Raben drauf.
Beide ringen um ihre Balance. Nur nicht wackeln. Dabei greifen sie zu den gleichen Strategien, die ''88 dazu beitrugen, den Achter stabil und schnell zu machen. Domian, in den 13 Jahren seither rund und bullig geworden, reißt einen Witz, wenn ihn die Trauer zu übermannen droht. Maennig, dank mancher Diät schlank geblieben, redet und redet und redet.
Zu ihrer Suche nach Erklärungen könnte ihnen Manfred Fichter, der Experte für Magersucht, sagen, dass Rabe in vielem typisch war: die Stille, die Verschlossenheit, die Selbstverletzungen.
"Dass sie ihren Körper beherrschen, erfüllt Magersüchtige mit Stolz. Körpersensationen und Gefühle werden nicht mehr wahrgenommen. Sie haben im Kopf einen Mechanismus gefunden, der das wegdrängt."
Den Freunden helfen diese Sätze wenig. Sie wollen wissen: Was war Rabes Problem? Was war in seiner Jugend?
Manfred Krüger, sein Jugendtrainer, sagt: keine Auffälligkeit, außer, dass er nicht gesprochen hat. Matthias Wöhnke, Rabes Partner im Zweier ohne in Lüneburger Jugendzeiten, sagt das Gleiche.
In Lüneburgs Vorort Häcklingen sind die Häuser aus rotem Backstein. Sie sind alle ein bisschen verschieden, aber im Prinzip alle gleich. Ein Haus, niedrig, davor Obstbäume, fällt auf, weil das Türschild die Form eines Raben hat. Er lächelt nett. Innen ist es schlicht, weitgehend schmucklos.
Auf einem Sessel sitzt Hannelore Rabe, rundlich, kurze Haare. Auf dem Sessel neben ihr, getrennt durch ein Tischchen, sitzt ihr Mann Jens, groß, kein Fett.
"Tja, wie war Bahne", sagt Hannelore Rabe. "Sehr ruhig." Sie glaube, fügt sie gleich hinzu, dass ihm nach seiner Karriere als Ruderer "die Leute gefehlt haben".
Über das Kind Bahne könne sie "eigentlich nur Gutes sagen, es gab keinerlei Probleme". Erst wuchs er normal, mit 15 schoss er dann in die Höhe. Ihr Mann holt einen Block mit Millimeterpapier, auf den er Kurven für Größe und Gewicht seiner vier Kinder eingetragen hat.
Bahnes Bruder Detlef und eine Schwester waren als Jugendliche magersüchtig. Sie wisse auch nicht, warum, sagt Hannelore Rabe, das sei ohnehin nur kurz gewesen, kein Problem. Jens Rabe dreht die Daumen und sagt nichts, außer hin und wieder "joh".
Hannelore Rabe ist der Typ patente, tüchtige Mutter. Sie ist redselig, hoffnungsvoll, heiter. Wenn ein Problem auftaucht, ist es eigentlich keins. Sie sieht die guten Dinge: Zur Beerdigung fällt ihr zuerst ein, dass "es schön war". Zu Bahnes Tod sagt sie, dass sein gespendetes Herz und seine Nieren in zwei Menschen weiterleben. "Das ist was Positives. Der Tod von unserem Sohn war nicht umsonst."
Heiter, schwungvoll redet sie über den verstorbenen Bahne. "War das schön", sagt sie häufig. Noch häufiger: "Ich weiß es nicht." Bahne kam nur selten zu Besuch, und wenn er kam, hat er nichts gesagt.
Im Juli 2001, als er noch 60 Kilo wiegt, fährt er mit seiner Familie nach Wyk auf Föhr in den Urlaub.
Es ist heiß, und er sitzt gern in der Sonne, ein Skelett im Sand. "Ist das schön hier, hat er gesagt", sagt seine Mutter. Die Familie versucht, einen ganz normalen Urlaub zu machen. Nach ein paar Tagen kriegt Rabe Fieber. Ich bin zu schlapp für den Strand, sagt er und hustet komisch.
Ein paar Tage später weckt er seine Mutter morgens um sechs: Ich muss ins Krankenhaus. Von Föhr wird er nach Niebüll und dann nach Kiel geflogen. Er hat eine schwere Lungenentzündung. Er ist zu schwach, um überleben zu können.
Hannelore Rabe holt Alben, in die sie Fotos und Zeitungsberichte geklebt hat. Sie sucht die Goldmedaille von Seoul. Schränke auf, Schränke zu. Sie findet sie in einem grünen Kästchen. Sie ist schwer, ein bisschen verstoßen.
"Magersucht fällt auf die Eltern zurück", sagt plötzlich Jens Rabe, "sie sollen schuld sein."
"Nein", sagt seine Frau.
Sie gucken sich an. Die beiden Uhren im Wohnzimmer ticken, jede in ihrem eigenen Rhythmus.
"Ich kann da nichts erkennen", sagt Hannelore Rabe.
Sie zeigt Bahnes Zimmer von früher, das sie mit seinen Möbeln aus Dortmund einrichten will. Noch ist es leer, auf der Fensterbank sitzt ein großer Rabe aus Holz. Sie stellt sich vor, dass seine Freunde herkommen, hier seine Musik hören, vielleicht hier übernachten, in seinem Bett. "Das wäre doch schön", sagt sie.
Detlef Rabe ist groß, aber nicht ganz so groß wie sein Bruder. Er ist sehr schmal, die Haare sind blond und lang. Sein Bart fällt in Strähnen bis auf die Brust. Rabe ist Zimmermann und lebt in Berlin.
Mit seinem Bruder hatte er nicht viel zu tun. Als Detlef Rabe auf Wanderschaft war und ihn sein Weg nach Dortmund führte, wollte ihn Bahne nicht bei sich aufnehmen, auch nicht treffen. Er denkt jetzt, ob nicht vielleicht "Leistungssport generell Missbrauch des Körpers ist", ob es nicht "eine der Säulen unserer Gesellschaft ist, sich bis an die Grenze zu belasten, die eigene Peitsche zu sein".
Ob das den Tod seines Bruder erklärt? Er weiß nicht, nein.
Seine eigene Magersucht sieht er als "pubertären Machtkampf". Nichts Dramatisches, aber drei Kinder einer Familie magersüchtig, das findet er auch seltsam. Rabe sucht nach Auffälligkeiten, doch bis jetzt ist er nur darauf gekommen, dass "meine Familie nicht zu denen gehört, die viel herauslassen", dass es "eine Tendenz gibt, im Zweifelsfall die Sache nicht zu fühlen".
Er zieht an den Strähnen seines Bartes, überlegt. "Ich bin in dieser Frage auch etwas hilflos. Es gibt nichts Fassbares, keine großen Probleme, über die alle gestolpert sind." Er will den Tod seines Bruder zum Anlass nehmen, um zu suchen, ob es nicht doch etwas gab. Er will Gespräche führen mit seinen Eltern, seinen Schwestern.
Es gibt da noch einen Punkt, "der mich sehr beschäftigt". Er hat in der Endphase darüber nachgedacht, ob man den Bruder nicht zwingen müsse zu essen. Aber dafür waren die Nachrichten zu gut. Von den Eltern hörte er: Das Gewicht nimmt ab, aber sonst geht es bergauf.
Rabe fragt sich, ob nicht "Panik besser gewesen wäre als Hoffnung". Statt sich ständig balanciert zu geben, losschreien, ein Riesentheater machen, nicht mehr von Bahnes Seite weichen, bis er in einer Spezialklinik landet und dort wachen, dass er isst und nicht entkommt. "Aber es ist nicht üblich, dass Menschen in Panik geraten, das wird nicht gelehrt und nicht gelernt."
Er zieht wieder an seinem Bart und sagt: "Wir waren alle überfordert."
Bei der Beerdigung am 10. August in Lüneburg brennt die Sonne mit 30 Grad. Alle Gesichter sind nass, Schweiß, Tränen. Maennig hält die Trauerrede. Er sagt: "Wir haben uns mit dir wohl gefühlt und hatten den Eindruck, du dich mit uns auch." Domian, Dietrich, Baar tragen mit anderen Männern ihrer Länge den Sarg.
Holtmeyer zeigt sich nicht. Es ist kurz vor der WM in Luzern, er ist mit den Frauen im Trainingslager, und er will keinen Tag fehlen. Da bleibt er sich treu. Der Frauen-Achter ist jetzt das Boot, das die nächste Medaille holen kann. Es wird Bronze.
Bei der Beerdigung kocht Domian vor Zorn. Ihn stört, dass ein Teil der Familie in Bahnes Auto vorfährt. Ihn stört, dass die Eltern hell und sommerlich gekleidet sind. Der Trauerfeier der Familie bleibt er fern, auch Maennig.
Roland Baar geht hin. Bis zu neuen Erkenntnissen, die Detlef Rabe mit seiner Familie ans Licht holt, gilt sein Satz: "Niemand aus seinem Umfeld ist unschuldig, aber es hat auch niemand Schuld."
Als Frank Dietrich zum ersten Mal nach Rabes Tod wieder ins Sportstudio geht, rudert er wie üblich am Ergometer. Aber er kriegt den Tunnelblick nicht hin, weil er immer nach links gucken muss, wo Rabe am Ergometer gerudert hat. Niemand da. Nach fünf Minuten setzt sich Dietrich auf Rabes Platz. Dann rudert er weiter.
Magersucht und Bulimie im Sport
Bis zu 25 Prozent aller Sportlerinnen, so eine Studie im Auftrag des Kölner Bundesinstituts für Sportwissenschaft, leiden unter Essstörungen. Betroffen sind vor allem Turnerinnen und Eiskunstläuferinnen, aber auch Langstreckenläuferinnen, Judo-Kämpferinnen und Ruderinnen. Einer der prominentesten Fälle in Deutschland ist die Eiskunstlaufmeisterin Eva-Maria Fitze, die Ende der neunziger Jahre ihre Karriere unterbrechen musste und wegen ihrer Krankheit in eine therapeutische Wohngemeinschaft aufgenommen wurde. Die USamerikanische Turnerin Christy Henrichs starb 1994 an Magersucht. Für Schlagzeilen sorgte jüngst die deutsche Golferin Martina Eberl: Nach einer Bulimie-Therapie im vergangenen Jahr wagte sie ihr Comeback - und wurde im September Europameisterin. Fälle von Essstörungen unter männlichen Sportlern sind kaum bekannt; vor allem Jockeys und Skispringer gelten als besonders gefährdet. Der Schweizer Skispringer Stefan Zünd gehört zu den wenigen, die sich öffentlich zu ihrer Krankheit bekannt haben.
* Bahne Rabe, Wolfgang Maennig, Thomas Domian, Armin Eichholz, Ansgar Wessling, Eckhard Schultz, Matthias Mellinghaus, Thomas Möllenkamp.
Von Kurbjuweit, Dirk

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