05.11.2001

TIERE

Rückkehr des grauen Wanderers

Von Bethge, Philip

Zum ersten Mal seit 150 Jahren hat sich in Deutschland wieder ein Wolfsrudel angesiedelt. Besonders in Brandenburg und Sachsen räumen Experten dem Räuber gute Überlebenschancen ein. Vielerorts jedoch hält sich hartnäckig das Bild von der blutrünstigen Bestie.

Die Spur des Räubers ist noch frisch. Deutlich zeichnen sich die Pfotenabdrücke im feuchten Sand ab, führen aufgereiht wie Perlen auf einer Schnur den flachen Hang hinauf. Ein paar Schritte noch, dann verliert sich die Spur im Heidekraut.

Rolf Röder kniet nieder und legt ein Maßband an eines der Trittsiegel. "Elf Zentimeter", vermeldet der Förster, "das ist ein ausgewachsener Wolf gewesen - und er war sehr schnell unterwegs."

Röder muss es wissen. Regelmäßig trifft der Leiter des Bundesforstamts Muskauer Heide im sächsischen Weißkeißel derzeit auf Isegrims Spuren. Mal ist es nur ein Pfotenabdruck im Sand. Dann wieder stößt der Förster unter Mithilfe von Rauhaarteckel "Berry" auf eine Losung voller Haare oder die kläglichen Überreste eines gerissenen Rothirsches im Unterholz. "Das Wild in der Gegend ist unruhig", berichtet Röder: "Die Tiere spüren den Räuber."

Kein Zweifel: In Sachsen ist der Wolf los - und er scheint sich wohl zu fühlen. Mehrfach schafften es einzelne Wölfe in den letzten Jahren schon über die deutschpolnische Grenze. Seit im vergangenen Herbst jedoch in der Muskauer Heide erstmals sechs der Beutegreifer zusammen gesehen wurden, ist die Sensation perfekt: "Zum ersten Mal haben Wölfe in Deutschland wieder in freier Wildbahn erfolgreich Nachwuchs aufgezogen", schwärmt Frank Mörschel, Biologe des World Wide Fund for Nature (WWF). Auch Michael Gruschwitz vom sächsischen Umweltministerium ist begeistert: "Dies ist nicht nur die einzige Population in Deutschland, sondern im gesamten westlichen Mitteleuropa."

Ausgerechnet den vom Militär intensiv genutzten Truppenübungsplatz Oberlausitz im Dreiländereck zwischen Deutschland, Polen und Tschechien - Schießbetrieb an fünf Tagen in der Woche - haben die heimlichen Jäger auserkoren, um als erste Wölfe seit rund 150 Jahren ihre Welpen wieder auf deutschem Boden aufzuziehen. "Der Truppenübungsplatz liegt genau auf einer der uralten Wolfsrouten", erläutert Gruschwitz, "ein riesiges Areal - völlig ruhig und sehr wildreich." Kaum besser hätten die Tiere den Ort für ihre Rückkehr wählen können, sagt Gruschwitz. Denn das Areal sei scharf bewacht: "Lange kann sich da niemand ungesehen aufhalten."

Das ist vielleicht auch besser so. Denn so- sehr sich Artenschützer derzeit über das sächsische Wolfsrudel freuen: Nicht überall wird die Rückkehr des Tieres mit so viel Sympathie gesehen. Passt der Wolf überhaupt noch in die moderne Kulturlandschaft? Soll der Räuber, der weltweit keineswegs vom Aussterben bedroht ist, wirklich wieder in unseren Wäldern heulen?

Jäger und Viehzüchter haben vielerorts nur eine Antwort auf solche Fragen. Erst vor wenigen Wochen brachte ein Waidmann in der Schweiz einen Wolf zur Strecke, der seit März in Graubünden und im italienischen Grenzgebiet bei 14 Attacken rund 50 Schafe gerissen haben soll. In der Toskana und im französischen Nationalpark "Le Mercantour" laufen Schafzüchter Sturm gegen den Rückkehrer. Und in Norwegen erlegten kürzlich Jäger vom Hubschrauber aus trotz internationaler Proteste neun Wölfe an der Grenze zu Schweden.

Für unberechenbar und hochgefährlich halten viele Menschen die Tiere bis heute, für Menschen fressende Monstren gar, deren "ungezügelter Blutdurst" (Alfred Brehm) in zahllosen Mythen und Legenden kolportiert wird.

Als "Bestie von Gévaudan" etwa wurde ein Wolf legendär, der im 18. Jahrhundert in der Auvergne gewütet haben soll. Jäger des Königs versuchten den vorgeblichen Frauen- und Kinderfresser bei Treibjagden unter Mithilfe von bis zu 20 000 Bauern zu erlegen. Oder der "Tiger von Sabrodt": Angeblich 41 Kilogramm schwer, war der Wolf in der Gegend um Hoyerswerda als "raubsüchtiges Ungetüm" verschrien. Wiederholt durchbrach das Tier die Schützenlinien der Jäger, bis es schließlich doch von einem Förster niedergestreckt wurde.

Entging einer der Wölfe den Kugeln, brachten Bauern die "schändlichsten Raubthiere" in "Wolfsgruben" oder an mit Fleischködern versehenen Eisenhaken, den so genannten Wolfsangeln, grausam zur Strecke. Die Lustjagden des Adels beschleunigten die Ausrottung noch und gingen mit einer beispiellosen Rufmordkampagne einher. Anfang des 19. Jahrhunderts brachten die Gebrüder Grimm ihr Wolfsmärchen über die "kleine süße Dirne" mit dem "Käppchen von rotem Sammet" zu Papier. 1846 war der letzte Wolf im Bayerischen Wald tot. Kurze Zeit später verschwanden die Tiere auch aus dem Brandenburgischen.

Nur die unzugänglichen Schluchten und Höhenzüge etwa der Karpaten und des Kantabrischen Gebirges in Spanien boten den Wölfen schließlich noch Schutz vor menschlicher Verfolgung. Seit 1982 in vielen europäischen Ländern ganzjährig geschützt, macht sich Isegrim in den letzten Jahren allerdings wieder auf gen Westen. Vor allem junge Wölfe folgen auf der Suche nach neuen Revieren wieder den feuchten Urstromtälern und Bergkämmen, die schon ihre Urahnen entlangschlichen. Längst sind sie von den italienischen Abruzzen aus nach Norden vorgedrungen. Wölfe wurden im Schweizer Kanton Wallis gesichtet. In diesem Jahr tauchten sie im Tessin und in Graubünden auf.

Auch Deutschland gilt wieder als Einwanderungsland für den Graupelz. Einigen der Langstreckenläufer gelingt es, von Ostpolen aus bis zum Urwald von Notecka in Westpolen vorzudringen und von dort aus die Oder zu erreichen. Andere nehmen den Weg über die Berge: Der polnischen Süd-

grenze entlang folgen sie den Höhenzügen der Karpaten und Sudeten bis ins Erzgebirge (siehe Grafik).

Auch die Wölfe in der Oberlausitz müssen den Weg über die Sudeten genommen haben. "Vermutlich aus südöstlicher Richtung" hätten sie die Grenze erreicht und schließlich die Neiße durchschwommen, glaubt Rolf Röder. Den ersten Wolf machte der Förster 1996 auf dem Truppenübungsplatz aus. Im September 1998 begegnete er erstmals einem Paar.

"Ein stürmischer Tag", erinnert sich Röder. Gegen den Wind sei er mit dem Geländewagen etwa zwei Stunden vor Sonnenuntergang unterwegs gewesen, als plötzlich die beiden Tiere auf dem Sandweg standen. "Der Anblick dauerte nur Sekunden - dann gaben sie Fersengeld."

Inzwischen ist eines der Tiere mit einer Infrarotkamera gefilmt worden. Zahllose Soldaten haben Isegrim schon erspäht - unter ihnen Oberleutnant Andreas Müller, der für die Schießsicherheit auf dem Truppenübungsplatz zuständig ist. Die Wracks russischer T-72-Panzer und 152-mm-Selbstfahrlafetten ragen als "Hartziele" aus der Wildnis und werden regelmäßig mit schwerem Geschütz beschossen. Immer wieder geht die Heide in Flammen auf. Nur durch breite Brandschutzstreifen kann das Feuer gestoppt werden.

Doch der simulierte Krieg scheint die Wölfe nicht zu stören. Auf sie muss die Muskauer Heide ohnehin wirken wie das Schlaraffenland: Dichter Kiefernwald wechselt sich ab mit sandigen Flächen und kleinen Mooren. Rotwild und Rebhühner sind auf dem etwa 14 500 Hektar großen Truppenübungsplatz im Überfluss vorhanden - Menschen dagegen kaum.

Das Wolfsidyll könnte jedoch von kurzer Dauer sein. Glaubt man Experten, ist es nur eine Frage der Zeit, bis einige der jungen Wölfe weiterziehen. Schon jetzt macht das Rudel auch von renaturierten Braunkohle-Tagebauflächen in der Nähe Gebrauch. "Wölfe sind Opportunisten", sagt der Wolfsforscher Christoph Promberger. "Sie brauchen nur zwei Sachen zum Überleben: ausreichend Nahrung und die Sicherheit, nicht vom Menschen abgeschossen zu werden."

Auch in der Kulturlandschaft könne der Wolf problemlos zurechtkommen, berichtet Promberger. In den großen Getreidesteppen Nordspaniens etwa würden die Rudel ihre Welpen in den Feldern aufziehen. Die italienischen "Spaghettiwölfe" der Vororte Roms ernährten sich von Nudelresten. In Rumänien konnte Promberger sogar beobachten, wie eine Wölfin ihren Nachwuchs direkt am Stadtrand von Brasov, einer der größten rumänischen Städte, aufzog. Im Stadtpark machte das Weibchen Jagd auf Katzen und Hunde. Morgens lief das Tier seelenruhig durch den Berufsverkehr zurück in seine nahe Höhle.

Promberger betreut seit Jahren ein vom WWF gefördertes Raubtierprojekt in den rumänischen Karpaten. Neben Luchsen und Bären leben dort noch Hunderte von Wölfen in direkter Nachbarschaft zum Menschen. Doch die Schäfer der Region haben sich auf die Raubtiere eingestellt. Zottelige Hütehunde, die unter den Schafen aufwachsen, verteidigen dort ihr Ersatzrudel gegen die wilde Verwandtschaft. Spezielle Elektrozäune halten die Wölfe nachts von den Schafen fern. Wird doch einmal ein Haustier gerissen, erhält der Schäfer Geld vom Staat. Wachsendes Interesse am Wolfstourismus spült im Gegenzug Geld in die Gemeindekassen.

Ein ähnliches Modell erhoffen sich Wolfsschützer nun auch für Deutschland. Schon 1994 erstellte Promberger einen Wolfs-Managementplan für Brandenburg. Das Papier sieht vor, dass "Problemwölfe" "als letztes Mittel" sogar getötet werden. "Wo nur ab und zu Schäden auftreten, sind Zahlungen an die Bauern sinnvoll", sagt der polnische Wolfsexperte Wlodzimierz Jedrzejewski. Wenn sich jedoch ein Rudel auf Vieh spezialisiert habe, müsse zum Gewehr gegriffen werden: "Sonst ist sämtliche Akzeptanz für den Naturschutz dahin."

Eine seltene Allianz tut sich auf. Denn unter ähnlichen Vorzeichen stehen auch

die Schäfer in Deutschland den Rückkehrern durchaus positiv gegenüber. Christoph Behling etwa, Zuchtleiter des Schafzuchtverbandes Berlin-Brandenburg, sieht derzeit keinen Anlass zur Sorge. "Der Wolf lernt zwar, bequeme Nahrungsquellen zu nutzen und etwas Bequemeres als eine ungeschützte Schafsherde gibt es nicht", sagt Behling. "Wir werden es dem Räuber jedoch so unbequem wie möglich machen."

Von so viel Aufgeschlossenheit ermutigt, räumen Wolfsforscher Isegrim besonders in Brandenburg und Sachsen inzwischen wieder gute Überlebenschancen ein. Allerdings befürchten sie auch, dass die wohlwollende Stimmung schnell umschlagen könnte, wenn erst die ersten sieben Geißlein tot auf der Weide liegen. Mindestens 100 bis 200 Wölfe könnten nach Berechnungen von Experten in den Wäldern der Schorfheide und der Märkischen Schweiz Platz finden. Derzeit ziehen jedoch Recherchen des Internationalen Tierschutzfonds IFAW zufolge neben dem sächsischen Rudel maximal sechs weitere Tiere durch den deutschen Osten. Und noch fast jeder Wolf, der seit dem Zweiten Weltkrieg seine Pfote auf deutschen Boden setzte, endete letztlich im Gehege, unter einem Auto oder tot im Wald.

Gerade den Jägern gilt Isegrim immer noch als unliebsame Konkurrenz im Revier. "Wir haben nichts gegen die Rückkehr des Wolfes", beteuert zwar Wolfgang Bethe, Präsident des Landesjagdverbandes Brandenburg, rühmt das Tier jedoch im selben Atemzug als "potenziell interessantes Jagdwild". Erst kürzlich wurden zwei Jäger in Brandenburg zu Geldstrafen verurteilt, weil sie eingewanderten Wölfen eine Kugel verpasst hatten.

Mehr Glück, aber letztlich auch das Nachsehen, hatte Wolf "Naum", der Anfang 2000 in der Nähe von Eisenhüttenstadt auftauchte. Der dreibeinige Rüde - ein Bein hatte er vermutlich in einer Falle verloren - lief erst einer läufigen Schäferhündin hinterher und dann mit ihr im Wolfsgalopp in die "Bild"-Zeitung. Eine Sympathiewelle ohne Beispiel überrollte das ungleiche Paar. Die Folge: Zunächst wurde der "verliebte Wolf" gefangen. Dann erhielt er ein Dauervisum für ein Gehege im Wildpark Schorfheide.

"Die Leute müssen endlich aufhören, vor dem Wolf Angst zu haben", schimpft Wolfsforscher Promberger. In den rumänischen Karpaten gebe es 3000 Wölfe. Dennoch sei in den letzten 30 Jahren kein einziger Fall bekannt geworden, bei dem ein Wolf einen Menschen angegriffen habe. "Wölfe lernen schon im Welpenalter von ihren Eltern, was Beute ist und was nicht", erläutert Promberger. Der Mensch gehöre nicht zur Beute, weil die Tiere seit Jahrhunderten die Jäger fürchteten.

"Der Wolf ist für den Menschen nicht gefährlich", beteuert auch Michael Gruschwitz vom sächsischen Umweltministerium. Voller Begeisterung über das neue Vorzeigerudel hat der Artenschutzexperte nun vor allem das Wohl der Tiere im Blick. Selbst Forscher will Gruschwitz derzeit nicht auf dem Truppenübungsplatz lassen. Noch in diesem Winter soll in Weißkeißel die "erste deutsche Wolfskonferenz" stattfinden, um das weitere Vorgehen mit Artenschützern und Jägern abzustimmen.

Dann wird sich zeigen, ob Sachsen reif ist für den Wolf. Isegrim selbst jedenfalls scheint sich der Sache bereits sicher zu sein. Forstamtsleiter Röder hat vor Ort gerade die Spuren zweier neuer Jungtiere ausgemacht. Anfang September hörte er einen der Wölfe erstmals heulen.

"Es war gegen acht Uhr abends", berichtet Röder. Während die tief stehende Sonne den Himmel in ein kräftiges Rot tauchte, habe er auf einmal dieses "Uhuhuhu" in der Ferne gehört.

"Ein Hund war das nicht", sagt der Förster. Und nach kurzem Zögern: "Vielleicht waren es aber auch nur ein paar Wolfsliebhaber, die ein Tonband abgespielt haben, um die Tiere aus der Reserve zu locken." PHILIP BETHGE

* Beim Ausmessen der Schrittlänge eines Wolfs. * Infrarotaufnahme vom 29. Juni.

DER SPIEGEL 45/2001
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