DER SPIEGEL



ZEITGESCHEHEN

Ein unbelehrbarer Täter

Von Wellershoff, Marianne

25 Jahre nach der Entführung des Industriellensohns Richard Oetker wird der Fall jetzt noch mal aufgerollt: Zwei Fernseh-Dokumentationen und ein zweiteiliger Spielfilm zeichnen das Leiden des Opfers nach, beschreiben die Suche nach Gerechtigkeit und das Spiel des Kidnappers mit den Medien.

Am 14. Dezember 1976 verließ Richard Oetker als Erster die Vorlesung. Oetker, 25, studierte damals Agrarwissenschaften an der Universität Weihenstephan in der Nähe von München. Er ging über den scheinbar menschenleeren Parkplatz zu seinem Wagen. Doch bevor er einsteigen konnte, hielt ihm jemand eine Pistole mit aufgeschraubtem Schalldämpfer an den Kopf: "Richardchen", sagte der Mann, "das Ding macht nur 'klack'." Und er zwang Oetker, mit ihm zu einem VW-Bus zu gehen und in eine Holzkiste zu steigen. Die Kiste war etwa 1,45 Meter lang. Aber Oetker 1,94 Meter groß.

An diesem Dienstagabend begann eine der spektakulärsten Entführungen in der deutschen Geschichte: Der jüngste Sohn der Bielefelder Industriellenfamilie Oetker blieb 47 Stunden lang in der Kiste eingesperrt, er wurde mit Stromschlägen schwer verletzt und erst gegen die Zahlung von 21 Millionen Mark freigelassen. Zwei Jahre später wurde in einem Indizienprozess der Münchner Gebrauchtwagenhändler Dieter Zlof zu 15 Jahren Haft verurteilt - der noch lange nach der Entlassung seine Unschuld beteuerte.

Knapp 25 Jahre danach wird der Fall nun noch einmal aufgerollt: Sat.1 zeigt am Sonntag dieser und am Montag nächster Woche jeweils um 20.15 Uhr den zweiteiligen Spielfilm "Der Tanz mit dem Teufel" (Regie: Peter Keglevic); die ARD ("Die Oetker-Entführung", Freitag, 21.45 Uhr) und SPIEGEL TV ("Die Entführung des Richard Oetker - Eine wahre Geschichte", Montag, 12.11., 22.15 Uhr, Sat.1) haben Dokumentationen über die Geschehnisse zusammengestellt.

Die Fakten sind dieselben, doch der Zugang zu ihnen unterscheidet sich dramatisch: Die ARD lässt Kriminalbeamte, Anwälte, Oetkers Bruder August und den Entführer Zlof als Zeitzeugen gleichberechtigt zu Wort kommen, die SPIEGEL-TV-Dokumentation rückt die Perspektive Richard Oetkers, des Opfers, in den Mittelpunkt. Der Spielfilm konzentriert sich dagegen auf drei Männer: Opfer, Ermittler und Täter.

"Eine Mischung aus dokumentarischer Erzählung und Fiktion", nennt der Produzent Nico Hofmann seinen tatsächlich sehr eindrucksvollen "Tanz mit dem Teufel", für den er im Juni beim "Cologne Conference"-Fernsehfestival bereits eine Auszeichnung erhielt. Drehbuchautor Rainer Berg besteht darauf, dass der Zweiteiler nicht in die Kategorie "Doku-Drama" falle.

Und so beginnt "Der Tanz mit dem Teufel" mit einer fiktiven Szene: Beim abendlichen Joggen durch einen verschneiten Wald entdeckt der Polizist Georg Kufbach (Tobias Moretti) einen abgestellten Opel Commodore. Darin liegt, schmerzgepeinigt und verängstigt, Richard Oetker (Sebastian Koch), vom Entführer ausgesetzt. Dieser Anblick erschüttert Kufbach zutiefst, und er wird emotional in einen Fall hineingezogen, für den er formal nicht zuständig ist. Für Oetker hingegen ist Kufbach der Retter, ihm fühlt er sich sofort verbunden: Er vertraut ihm.

Danach erzählt der Film im Rückblick die Tage vor der Entführung: Oetker wird von der Polizei vor möglichen Kidnappern gewarnt - und dann doch auf dem Universitätsparkplatz überrascht.

Mit erschreckender Detailgenauigkeit zeigt der Film Oetkers Martyrium. Der Entführer sperrt sein Opfer nicht nur in diese Holzkiste, sondern er zwingt Oetker, sich selbst Handschellen anzulegen. Diese sollen ihn aber nicht nur fesseln, sie sind zugleich Teil einer sadistischen Konstruktion: Über ihm baumelt in der Kiste ein Mikrofon, das bei jedem lauten Geräusch einen Stromschlag auslöst - Oetker sollte still bleiben.

Für diese Szene quetschte sich der Oetker-Darsteller Koch anderthalb Stunden lang in die viel zu kleine Holzkiste, er konnte in der gekrümmten Haltung kaum durchatmen, geschweige denn die Beine ausstrecken. Und allmählich verstand er, wieso dies eine der "schlimmsten Formen der Freiheitsberaubung" ist, wie Richard Oetker es mal genannt hatte.

Doch es ist der Kidnapper selbst (glänzend gespielt von Christoph Waltz), der, nach Oetkers späterer Aussage und auch im Film, eine Tür zuknallt und den entsetzlichen Stromschlag auslöst. Eine Katastrophe: Durch die heftige Muskelkontraktion in der viel zu engen Kiste bricht Oetker sich den siebten und achten Brustwirbel und, noch viel dramatischer, beide Oberschenkelhalsknochen. Auch die Hüftköpfe werden verletzt. Gequält von unerträglichen Schmerzen, liegt er noch 36 Stunden lang in der Holzkiste. Die Folge: Er kann nie wieder richtig gehen.

Die Entführung selbst ist jedoch nicht das Zentrum des Spielfilms - sie ist schon nach dem ersten Drittel des ersten Teils beendet. Wie sich Opfer und Ermittler anfreunden und wie sie die 20 Jahre lange Suche nach Wahrheit und vor allem nach Gerechtigkeit zusammenschmiedet - und manchmal auch trennt - und wie der Entführer als ihr zynischer und trickreicher Gegenspieler agiert, das ist das eigentliche Thema. "Es geht um eine tiefe Moral", sagt Produzent Hofmann: Die Verurteilung des Entführers auf Grund von Indizien ist für Polizist und Opfer nicht genug - sie wollen ein Geständnis des Täters.

Reales Vorbild für die Figur des Polizisten Kufbach ist Helmut Bauer vom Bayerischen Landeskriminalamt, der ein halbes Berufsleben lang mit der Entführung beschäftigt war. Wie Kufbach im Film, so ist Bauer tatsächlich auch heute noch mit Oetker befreundet. Und er war bereit, mit den Filmemachern zusammenzuarbeiten. "Meterweise Prozessakten" sei er mit Bauer durchgegangen, sagt der Drehbuchautor Berg, denn trotz aller fiktiven Elemente habe er "authentisch an dem Fall entlang erzählen" wollen.

Filmermittler Kufbach lehnt zunächst ab, bei der Sonderkommission Oetker mitzuarbeiten - ihn belastet sein Misserfolg bei der Jagd nach einem Mädchenmörder. Erst nachdem er den schwer verletzten Oetker mehrmals in der Klinik besucht hat, steigt Kufbach in die Soko ein: Der Fall beeindruckt ihn zu sehr, als dass er noch Nein sagen könnte. Und vielleicht kann er das Trauma des Scheiterns überwinden, wenn er den Oetker-Kidnapper findet.

Oetkers innere Verfassung reflektiert sich in seiner äußeren: Liegt er anfangs bewegungsunfähig im Krankenhausbett, geht er nach der Verurteilung seines Entführers an Krücken. Als dieser, drei Jahre nach Verbüßung der Haftstrafe, in eine Polizeifalle läuft und in England mit dem verschwundenen Lösegeld erwischt und damit endgültig überführt wird, kann Oetker wenigstens ohne Stützen herumhumpeln. Ein Happy End, wenn auch ein trauriges.

Die Idee zum Oetker-Spielfilm hatte Ludwig zu Salm, 48, seinerzeit Geschäftsführer bei der Produktionsfirma Columbia Tri Star und heute bei der Filmfirma CLT-Ufa für den Rechtehandel zuständig. Doch erst als das Buch "Die Oetker-Entführung - Geständnis des Dieter Zlof" als Angebot für eine Verfilmung auf seinem Schreibtisch landete, machte Salm ernst. Geschrieben hatte das 816-Seiten-Werk die Journalistin Nicole Amelung, Ehefrau des Zlof-Anwalts Martin Amelung - und zwar auf Grund stundenlanger Interviews mit dem Entführer. Zlof stilisiert sich in dem Machwerk zum genialen Gauner, der ein "kriminelles 'Jahrhundertwerk'" plante.

Salm ist ein Jugendfreund von Oetker und überzeugte ihn, einer möglichen Verfilmung aus der Zlof-Perspektive zuvorzukommen. Salm selbst wurde Co-Produzent des Films. Oetker, der nie ein Interview zu seiner Entführung gegeben hat, traf sich daraufhin mehrmals mit dem Drehbuchautor Berg - der schon von anderen gefragt worden war, ob er die Zlof-Geschichte zu einem Skript verarbeiten wolle, aber abgelehnt hatte, "weil der so selbstherrlich ist". Den Hauptdarsteller Koch lud Oetker zu sich nach Hause ein und diskutierte mit ihm die Perspektive des Opfers. "Wenn Oetker über die Kiste redet", erzählt Koch, "dann stehen Tod und Angst im Raum." Gleichzeitig habe es ihn beeindruckt, wie Oetker "sein Schicksal angenommen hat".

Auch mit den Produzenten der ARD-Dokumentation hat Oetker zusammengearbeitet. Dabei hatte er zunächst jede Mitarbeit abgelehnt. Er ließ ausrichten, er wolle grundsätzlich nicht, dass seine Geschichte erzählt werde. Auch der Entführer Zlof verweigerte anfangs seine Kooperation, sagte aber dann doch zu, sich vor der Kamera interviewen zu lassen.

Daraufhin bat Oetker seinen Arzt und seinen Anwalt, in der Dokumentation aufzutreten. Als Oetker schließlich selbst die Aufnahmen sah, entschloss er sich, wenn auch nicht selbst zu sprechen, so doch zum ersten Mal seinen Bruder August reden zu lassen - um dem Opferschicksal mehr Gewicht zu geben. Die Filmemacherin Danuta Harrich-Zandberg erklärt indessen, "ich verstehe nicht, warum Richard Oetker in dem Film nicht auftauchen wollte" - was fast wie ein unterschwelliger Vorwurf klingt.

Ob Oetker mit dem fertigen Film zufrieden sein wird, ist mehr als fraglich. Denn in der ARD-Dokumentation hat Zlof ausführlich Gelegenheit, sich unkommentiert darzustellen - als wäre er ein ganz normaler Zeitzeuge wie die Polizisten, Journalisten, Richter und Anwälte. Was er selbstverständlich nicht ist.

Und so sagt Zlof so infame und zynische Dinge wie: "Hätte ich die 20 Millionen und wäre unentdeckt geblieben, wäre ich heute der Biedermann. Würde ab und zu eine gute Tat tun, würde vielleicht einen Kindergarten finanzieren." Oder über den Stromschlag, dessen Stärke seiner Darstellung nach nicht beabsichtigt war: "Das sind Dinge, die sehr, sehr tragisch und schicksalhaft sind, und daher auch diese Trauer und Betroffenheit, wenn ich über diese Dinge reden muss." Aber nichts in seinem Gesicht erweckt den Eindruck von Trauer und Betroffenheit.

"Zlof spricht für sich selbst", sagt Walter Harrich, Produzent und Kameramann des ARD-Films, "und man merkt, welche Geisteshaltung er hat. Ich würde mir nie anmaßen, Richter zu sein." Doch schon bei Winfried Bonengels Dokumentation "Beruf Neonazi" wurde vor acht Jahren heftig darüber gestritten, ob die unkommentierten Äußerungen des Protagonisten nun Propaganda seien - oder ob sie "die Gefahren des Antisemitismus und der Ausländerfeindlichkeit" aufzeigten, wie Bonengel selbst hoffte. Das Landgericht Berlin urteilte jedenfalls damals, dass in den Film "entsprechende Kommentierungen, historische Richtigstellungen und Distanzierungen eingearbeitet werden" mussten. Auch der ARD-Film über Oetker hätte dergleichen unbedingt gebraucht.

"Oetker geht es sehr nahe, dass Zlof ein Forum gegeben wird", sagt der LKA-Ermittler Bauer, "und es wird ihm nicht gut getan haben, wie Zlof sich äußert." Auch der Oetker-Anwalt Walter Maaß, der in der ARD-Dokumentation auftritt, findet nun, dass "Herr Zlof sehr weiträumig dargestellt ist".

Ein zentraler Aspekt der Person Zlof kommt in der Dokumentation gar nicht vor: wie gern der Entführer die Medien zur Selbstdarstellung und zur Manipulation nutzt. So erhielt er im Dezember 1993, einen Monat vor seiner Entlassung, einen Tag Hafturlaub, um bei Margarethe Schreinemakers aufzutreten und dort vor einem Millionen-Fernsehpublikum das Lügenmärchen zu erzählen, er habe unschuldig im Knast gesessen.

"Richard hat in unserer Produktionszusammenarbeit viele seiner Gefühle und Schmerzen erahnen lassen", sagt der Oetker-Freund Salm dazu. "Er will und kann nicht in der Öffentlichkeit auftreten. Umso wichtiger ist es, dass man einem mediengeilen Täter keinen Raum für seine Eitelkeit gibt, wie die ARD das bedauerlicherweise in ihrer Dokumentation zulässt." Doch die Filmemacher boten Zlof nicht nur ein Forum; sie führten den Film auch Zlofs Anwalt Amelung vor und ließen ihn absegnen, "um sachliche Fehler" auszuschließen: "Ich finde es fair, dem Anwalt ein Mitspracherecht zu geben", sagt Harrich, "wenn die Polizei es auch hat." Amelung habe, so Harrich, keine Änderungen an der Dokumentation verlangt. Gerade das hätte ihn misstrauisch machen müssen.

Im Sat.1-Spielfilm heißt der Entführer Cilov. Grund dafür ist der Täterschutz: Nach Strafverbüßung gibt es ein Recht auf Resozialisierung und damit auf Schutz des Namens und des Privatlebens. Mit diesem Argument wollte Zlofs Anwalt Markus Schwarz zunächst die Ausstrahlung verhindern - er will nun aber die Sache nicht weiter verfolgen, weil Zlof sich mit der ARD-Dokumentation selbst in die Öffentlichkeit begeben hat.

Für das Opfer Oetker ist es anders: Er muss es hinnehmen, dass sein Leben und Leiden mit vollem Namen von wem und wie auch immer in einer Dokumentation nacherzählt wird. Auch Jan-Philipp Reemtsma konnte sich nur nach der Ausstrahlung über den ZDF-Film "Für einen Zentner Tausender" beschweren, der sein Entführungsschicksal nachzeichnete und, so Reemtsma, "viele schmerzliche Geschmacklosigkeiten" enthalten habe.

Im Spielfilm "Tanz mit dem Teufel" hört Oetker die Nachricht von der Verurteilung des Entführers, als er nach einer Hüftoperation mit offenbar großen Schmerzen in einer Klinik liegt. Er fragt: "Warum tut ein Mensch einem Menschen so etwas an? Warum erhebt sich einer so über ein anderes Menschenleben?"

In der ARD-Dokumentation gibt Zlof eine Antwort, die amoralischer nicht sein könnte: Der Punkt sei, "wie weit schwinge ich mich dazu auf, jemandem auch bewusst ein Trauma zu verpassen? Und da habe ich eben Für und Wider abgewogen und habe eben gesagt, gut, ich nehme mir das jetzt einfach mal heraus, so, wie es andere auch tun, und verpasse ihm ein gewisses Trauma".

Weniger Reue kann man nicht zeigen. Es wäre besser gewesen, die ARD hätte Richard Oetker diese Einsicht erspart.

MARIANNE WELLERSHOFF


DER SPIEGEL 45/2001
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