DER SPIEGEL



PAKISTAN/INDIEN

Kronjuwelen für Osama?

Von Widmann, Carlos

Das Regime Musharraf verhaftet Wissenschaftler, um den Verrat von Nukleartechnik an radikale Islamisten zu verhindern. Doch auch im Kampf um Kaschmir lauern atomare Gefahren.

Mögen sie auch manchmal ihren Schabernack treiben, so ist mit den Dschinn gleichwohl nicht zu spaßen: Übernatürliche Wesen sind das, niedrigeren Ranges als Engel oder Teufel, doch von Allah selbst aus rauchlosem Feuer erzeugt. Ohne Form und von durchsichtiger Substanz, sind die Dschinn allzeit fähig, in eine fremde Gestalt zu schlüpfen, ob Mensch oder Tier.

Dass es diese Wesen wirklich gibt, kann für einen gläubigen Muslim keinem Zweifel unterliegen; die Existenz der Dschinn ist in mehreren Suren des Korans einwandfrei bezeugt. Weshalb ein preisgekrönter pakistanischer Wissenschaftler, der Nuklear-Ingenieur Sultan Bashiruddin Mahmood, vor Jahren ein Projekt zur Lösung der Energiekrise auf islamischer Grundlage entwarf: Mahmood wollte Allahs rauchlose Feuergeburten als regenerative, noch dazu umweltverträgliche Wärmequelle erschließen.

Wissenschaftlicher Weltruhm war mit dem Vorschlag damals nicht zu gewinnen. Internationales Aufsehen indessen erregte derselbe Dr. Mahmood vorletzte Woche unter Atomfachleuten und Militärexperten: Aus Pakistan wurde seine Verhaftung gemeldet. Nur steht die in keinem Zusammenhang mit der einst von ihm erträumten Energiequelle Dschinn-Power. Mahmoods Festnahme beschwört vielmehr ein ganz anderes Gespenst herauf: das der Weitergabe von nuklearer Technik

und radioaktivem Material an islamistische Terroristen und Dschihad-Ideologen.

Die Bedrohung wird in Washington als dringend genug angesehen, um die jüngste Rhetorik des US-Präsidenten damit einzufärben. Nun spricht George W. Bush von der "Bedrohung jeder einzelnen Nation und der Zivilisation selbst"; erstmals erwähnt er im Katalog seiner Alpträume auch Atomwaffen in Terroristenhand.

Osama Bin Laden, dessen al-Qaida und die Taliban vergleicht Bush mit den "Faschisten und Totalitären vor ihnen". Sie seien geprägt von "derselben Intoleranz und demselben irrwitzig globalen Herrschaftsdrang", würden ihre "radikale Weltsicht durch Drohung und Gewalt" durchzusetzen suchen. Bush zitiert Äußerungen Bin Ladens, der es als "religiöse Pflicht" bezeichnet hat, sich Massenvernichtungsmittel anzueignen. Offenbar wurde das Weiße Haus auch durch eine Erklärung der Internationalen Atomenergiebehörde alarmiert, dass die "Selbstmordbereitschaft der Terroristen" die Gefahr eines nuklearen Anschlags "wesentlich größer als vor dem 11. September" gemacht habe.

Die unausdenkbare Bedrohung bleibt freilich Abstraktion, solange nicht Personen ins öffentliche Bewusstsein dringen, die die Gefahr plausibler machen, ihr immerhin ein Gesicht geben. Als eine solche Gestalt darf wohl der Nuklear-Ingenieur Dr. Bashiruddin Mahmood angesehen werden, der am 23. Oktober vom pakistanischen Militärregime festgenommen wurde und vermutlich immer noch über seine Reisen ins Reich der Taliban ausgefragt wird.

Mahmood mag in westlichen Augen bizarr wirken, in der muslimischen Welt stellt er keine so krasse Ausnahme dar: eine Autorität auf dem Feld der nuklearen Waffenproduktion, ein Experte für die Herstellung von Plutonium und angereichertem Uran, aber auch fundamentalistischer Muslim mit "unorthodoxen wissenschaftlichen Ansichten", wie die "New York Times" delikat anmerkt.

Als glaubensstarker Islamist hält Mahmood den Koran für eine Quelle auch naturwissenschaftlicher Erkenntnis. Also fand er es nicht exzentrisch, die Dschinn als potenzielle Energiespender zu sehen oder Gedanken über die "Mechanik" eines Lebens nach dem Tode zu Papier zu bringen. David Albright vom Institut für Wissenschaft und Internationale Sicherheit in Washington sieht in Mahmood "genau den Typus, der über abgekürzte Verfahren für die Herstellung von Atomwaffen grübelt".

Westliche Kleidung, weißer Vollbart, kerniges Lächeln: Nuklear-Ingenieur Mahmood strahlte stets gesundes Selbstbewusstsein aus. Er galt ja als einer der Pioniere des pakistanischen Nuklearwaffenprogramms, das im Mai 1998 - den vorpreschenden Rivalen Indien schon nach wenigen Tagen einholend - in den Bergen von Belutschistan sechs veritable Atomversuche zu Stande brachte.

Der in Großbritannien ausgebildete Mahmood ist ein Praktiker der nuklearen Technologie, Konstrukteur des Atomkraftwerks von Khushab, mit dessen Bau 1985 begonnen wurde. Vorher hatte Mahmood die Nuklearanlage von Kahuta errichtet, wo die Islamische Republik Pakistan spaltbares Material für die Produktion ihrer Atomwaffen herstellt: Hundert Kilogramm angereichertes Uran soll Kahuta im Jahr hervorbringen - genug Rohstoff für ein halbes Dutzend Atomsprengköpfe.

In dieser Schlüsselstellung wurde Mahmood in den siebziger Jahren von einem berühmt-berüchtigten Konkurrenten abgelöst: Dr. Abdul Qadir Khan hatte in Berlin studiert; er heiratete eine Holländerin und wurde 1983 in den Niederlanden in Abwesenheit wegen Industriespionage verurteilt. Allerdings wurde das Urteil später aufgehoben. In Pakistan ließ sich Qadir Khan ausgiebig als "Vater der islamischen Bombe" feiern und honorieren.

Sein Kollege und Rivale Bashiruddin Mahmood wurde vor knapp drei Wochen in Lahore von der Polizei des Militärherrschers General Pervez Musharraf aufgegriffen und in Schutzhaft genommen. Laut Angaben seiner Familie hat der Wissenschaftler "unmenschlich intensive Verhöre" über sich ergehen lassen müssen. Nach einem Herzinfarkt liege er im Hospital und dürfe niemanden empfangen.

Zur gleichen Zeit wie Mahmood hat das Militärregime zwei andere bekannte Wissenschaftler festnehmen lassen. Mindestens einer von ihnen, Chaudry Abdul Masheed, gehörte wie Mahmood selbst bis vor kurzem zu den führenden Köpfen der Pakistan Atomic Energy Commission. Wichtigste Aufgabe der Atomkommission war, wie es Staatspräsident Zulfikar Ali Bhutto in den siebziger Jahren formulierte, die "islamische Bombe" herzustellen: Eine Atomwaffe nicht nur für Pakistan selbst, sondern für die Umma überhaupt - die Gemeinschaft der Muslime auf der Welt. Die Pakistaner würden, so Bhutto, "lieber Gras fressen", als auf diese kostspielige Errungenschaft zu verzichten.

Sowohl Atombombenvater Abdul Qadir Khan wie auch Mahmood haben seit geraumer Zeit Probleme mit der politischen Führung des Landes. Mahmood trat im April 1999 aus der Atomkommission aus, um gegen die Absicht des damaligen Premierministers Nawaz Sharif zu protestieren, dem Druck der Amerikaner nachzugeben und das weltweite Abkommen gegen Atomversuche zu unterzeichnen.

Qadir Khan andererseits wurden Kontakte zum Regime des irakischen Tyrannen und Liebhabers von Massenvernichtungsmitteln Saddam Hussein nachgesagt. Bei öffentlichen Auftritten zeigte Qadir Khan außerdem eine bei einem Wissenschaftler befremdliche Neigung zu militärischislamistischem Bramarbasieren. General Musharraf, der sich 1999 an die Macht putschte, hat die atomare Vaterfigur schon lange vor dem 11. September 2001 aus seiner Führungsposition entfernt und durch Ehrenämter neutralisiert.

Der umtriebige Dr. Mahmood dagegen war nach seinem Protest-Austritt aus der Atomkommission politisch und propagandistisch erst richtig aktiv geworden. Er trat in pakistanischen Universitäten auf, um vor Studenten Lobeshymnen auf die afghanischen Taliban und deren Heiligen Krieg gegen die USA anzustimmen. Obendrein betätigte sich Mahmood als Berater radikal-islamistischer Parteien, die in Pakistan an den Wahlurnen immer schwach abschneiden, in Krisenzeiten aber mühelos die übliche medienwirksame Protestmasse auf die Beine bringen: Fäuste schüttelnde Jünglinge, die auf Strohpuppen eindreschen und Sternenbanner verbrennen.

Sprecher des Militärregimes haben nach der Festnahme Mahmoods das Gerücht als "absolut grundlos und unkorrekt" bezeichnet, der Wissenschaftler sei amerikanischen Geheimdienstlern zur Vernehmung "weitergereicht" worden. Unbestritten ist indessen, dass nach dem Anschlag vom 11. September amerikanische Regierungsbeamte nach Islamabad flogen, um mit Musharraf über die Sicherheit seiner atomaren "Kronjuwelen" zu beraten.

Dabei geht es nicht nur um die - angeblich 24 - Atomsprengköpfe selbst, sondern auch um die Weitergabe von nukleartechnischem Wissen - wenn nicht gar von radioaktivem Müll; der könnte, zusammen mit gewöhnlichen Explosivstoffen, in eine primitive terroristische Vernichtungs- und Verseuchungswaffe furchtbarer Art verwandelt werden. "So etwas lässt sich zur Not in einen Koffer packen", erläutert ein Militärexperte in Neu-Delhi. "Oder man kann es, ganz unauffällig, mit einem dieser wackligen, bunt bemalten Lastautos auf indisches Gebiet bringen lassen."

Angesichts solch grusliger Zukunftsmöglichkeiten ist die energische Vernehmung des Nuklear-Ingenieurs Mahmood kaum verwunderlich. Westliche Geheimdienstler versichern, Osama Bin Laden habe nach den pakistanischen Atomversuchen erfolglos versucht, beim Freund und Nachbarn an spaltbares Material zu kommen.

Umso verdächtiger wirken die Reisen, die Mahmood in jüngerer Zeit auf afghanisches Gebiet unternommen hat. Als Gründer einer "Holy Koran Foundation" bemühte sich der Wissenschaftler unter den Taliban nach eigener Darstellung um "Hilfe und Wiederaufbau", wobei er oft Kandahar aufsuchte; dort ist das Hauptquartier des einäugigen Mullahs und Taliban-Führers Omar, der ein Schwiegersohn von Osama Bin Laden ist.

Angeblich waren es die amerikanische Bundespolizei FBI und der Geheimdienst CIA, die beim Regime General Musharrafs intervenierten, um auf die Stiftung und die verdächtigen Aktivitäten Mahmoods aufmerksam zu machen. Noch hat Musharraf ja seinen eigenen Geheimdienst ISI (Inter-Services Intelligence) keineswegs von all den radikalen Islamisten gesäubert, die dem Taliban-Regime zur Macht verholfen haben. Offiziell aber gehen die Amerikaner davon aus, dass das pakistanische Atompotenzial sich "in verlässlichen Händen" befinde. Außenminister Colin Powell bezeichnete die Möglichkeit, dass Nuklearmaterial in Islamistenhände fallen könnte, als "Unsinn". Dennoch bleibt die peinliche Behauptung des Enthüllungsjournalisten Seymour Hersh im "New Yorker" unwidersprochen: US-Spezialeinheiten würden gemeinsam mit Israelis für den Fall eines Umsturzes in Pakistan ausgebildet. Werde General Musharraf von radikalen Islamisten entmachtet, soll dieses Sonderkommando die Atomsprengköpfe der Islamischen Republik "exfiltrieren" - also rauben.

Unter einem mächtigen Ölgemälde, das den halb nackten Mahatma Gandhi friedlich an seinem Spinnrad zeigt, sitzt Indiens Verteidigungsminister George Fernandes, 71, am roten Telefon. Auch der gereifte sozialistische Feuerkopf spricht von "verantwortlichen Händen", wenn er das Atom-Establishment des Erzfeindes Pakistan meint - doch nur in dem Sinn, dass er eine Weitergabe der nuklearen Kronjuwelen an Osama Bin Laden oder gar Saddam Hussein für unwahrscheinlich hält.

"Geht es jedoch um Kaschmir, sind selbst verrückte Prognosen nicht weltfremd", meint Fernandes mit resignierendem Lächeln. Auch am vergangenen Donnerstag werden, ein alltäglicher Vorfall, zehn Todesopfer aus dem früheren Fürstentum im Himalaja gemeldet, dessen größter Teil zu Indien gehört: In Pakistan ausgebildete "Freiheitskämpfer" und indische Truppen bekämpfen einander im idyllischen Kaschmir-Tal mit der Brutalität, die seit über einem Jahrzehnt blutrünstige Routine ist. An die 40 000 Tote sollen die Kämpfe in Kaschmir bisher gekostet haben; Indiens Zeitungen melden auch größere Massaker nur noch einspaltig.

Wie so oft drohen Politiker der hinduistischen Mehrheitspartei Ministerpräsident Atal Behari Vajpayees den Pakistanern mit "hot pursuit" - heißer Verfolgung: Indiens Truppen würden den Angreifern nachsetzen, würden die "Line of Control" durch Kaschmir überschreiten und die Ausbildungslager der Terroristen auf pakistanisch besetztem Gebiet angreifen. Das hieße wieder Krieg zwischen Indien und Pakistan, der dritte Krieg um Kaschmir - und diesmal mit Kronjuwelen.

"Könnte das zum ersten Atomkrieg seit 1945 werden, seit Hiroschima und Nagasaki?" George Fernandes lächelt milde und schüttelt den Kopf - auf jene irritierend unbestimmte Weise, die Westler in Indien zur Verzweiflung bringen kann. CARLOS WIDMANN

* Bei einer Militärparade am 23. März.

DER SPIEGEL 46/2001
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