12.11.2001

BAUGESCHICHTE

Die gekämmte Stadt

Von Saltzwedel, Johannes

Wurden mittelalterliche Ortskerne geometrisch geplant? Mit verblüffenden Indizien bekämpft ein Architektur-Fachmann die gängige Lehre, alte Städte seien organisch "gewachsen".

Am Anfang war die Herrenstraße. Noch immer wundert sich Klaus Humpert, wie lange er gebraucht hat, bis die Sache ihm aufging. Ihm, der so viele Jahre Stadtplaner von Freiburg war. Ihm, der so gut in Mustern denken kann.

Seine Entdeckung war simpel genug: Die Häuserfront in der Freiburger Herrenstraße ist nicht einfach sanft gekrümmt, sie bildet einen exakten Kreisbogen, auf einer Strecke von 170 Metern. Andere würden denken: Ist ja nett. Aber der erfahrene Architekt war und blieb fasziniert: Konnte das noch Zufall sein? Und wenn nicht, was würde es bedeuten?

Er begann, zu messen und zu vergleichen, und immer mehr Kreisbögen tauchten auf - Bögen, deren Radien meist in sehr klarem Zahlenverhältnis standen. "Entweder hast du eine Obsession, oder du bist an etwas wahnsinnig Tollem", habe er gedacht, so sagt Humpert, 72, heute.

Jetzt, nach über zehn Jahren, hat der schlanke, agile Mann mit dem singenden badischen Tonfall keine Zweifel mehr: Die Krümmung der Herrenstraße war geplant, genau wie fast alle anderen Straßenbiegungen, Marktplätze, Mauerzüge, Tore, ja sogar Brunnen-Standorte. Und das nicht nur in Freiburg, sondern in vielen Städten Südwestdeutschlands, vielleicht sogar Westeuropas.

Wenn er Recht hat, bedeutet es für Bauhistoriker eine Revolution. Bislang nämlich gelten mittelalterliche Städte mit ihren krummen Straßenzügen als langsam, über Jahrhunderte gewachsene Zufallsgebilde. Dass dahinter präzise vermessene Grundmuster stecken könnten, klingt für Experten ungefähr so abwegig wie die Vorstellung, jemand habe Österreichs Alpentäler am Reißbrett entworfen. "Mir war klar: Das musst du sehr, sehr genau belegen."

Gesagt, getan: In einem aufwendigen Buch demonstrieren Humpert und sein junger Kollege Martin Schenk nun ihre Funde. Die Hauptrollen sind dabei Städten reserviert, die vom süddeutschen Herzogsgeschlecht der Zähringer gegründet wurden. Diese so genannten Gründungsstädte wie Offenburg, Villingen oder Rottweil wurden laut Humpert und Schenk nach einem "modularen System" parzelliert, bevor noch ein einziges Haus stand**.

Angefangen hätten die Planer mit einem großen Rechteck - wie schon die alten Rö-

mer. Dieses erste Feld (Humpert nennt es "campus initialis") sei dann streifenförmig erweitert und gerastert worden. Auf dem Rand des so gewonnenen "Bildrahmens" habe man, wenn möglich, auch schon einige Wehrtürme und Tore festgelegt.

Die folgende Feinarbeit sei jedoch ganz und gar nicht mehr römisch-rechteckig abgelaufen: Um das "Altwegenetz", auf dem die neue Stadt entstehen sollte, zu einem Grundriss auszubauen, nutzten die Planer offenbar am liebsten Kreisbögen mit glatten Radien wie 600, 800, 1000, 1200, 1600 oder gar 2000 Fuß - was nahe legt, dass das

Hauptwerkzeug ein langes Seil mit Knoten im Hunderter-Abstand war.

Als hätte jemand mit einem gigantischen Zirkel im ursprünglichen Rechteckmuster neue Schnittpunkte abgeteilt, so tauchen in Humperts Skizzen überall "Kantenschläge" und "Wechselschläge" auf. Zwar

schwankt die Größe des Fußmaßes (etwa 32,4 Zentimeter) von Ort zu Ort, aber das Hunderter-Verhältnis bleibt sich gleich.

Für das Seil-Verfahren spricht noch ein weiteres Indiz: Vielerorts folgen parallele Seitengassen nicht nur in einheitlichem Abstand, sie führen obendrein auf Kreisbögen um denselben Mittelpunkt. Solche Streifen-Raster, wie mit einem riesigen Kamm gezogen, ließen sich durch Knotenschnüre rasch und präzise ausmessen.

Selbst in den flach geschwungenen Häuserfronten breiter Marktstraßen oder Kirchhöfe sieht Humpert inzwischen Maßarbeit. Esslingen, München, sogar Venedig - überall waren in seinen Augen kluge Planer mit Seilen am Werk. Nur bei einer Frage lassen ihn bislang die Indizien im Stich: Weshalb all die Krümmungen? Hätten es gerade Linien nicht ebenso getan?

"Ich kann auch nichts dafür", erklärt er lächelnd. "Das Warum schiebe ich auf." Aber Erklärungsansätze seien denkbar. Durch schnurgerade Gassen pfeift zum Beispiel übel der Wind. Möglich zudem, dass S-Kurven wie die der Freiburger Salzstraße damals für ästhetisch überlegen gehalten wurden: "Die Leute fanden es wohl einfach schön." Deutsche offenbar besonders - ungeniert spricht Humpert von einer "deutschen Sonderform" des Städtebaus.

Mit Vermutungen dieser Art hat er bei Fachleuten einen schweren Stand. Sie bemängeln, dass es in keiner alten Urkunde für die Kreisbogen-Technik oder das "modulare System" einen stichhaltigen Beleg gibt. Selbst aus dem Hochmittelalter seien nur wenige Proportionspläne einzelner Dome bekannt, gibt der Kölner Bauhistoriker Günther Binding zu bedenken.

Zum Städtegründen hätten Pflock und Richtschnur sich schwerlich geeignet. "Dünne Hanfseile ändern ihre Länge mit der Witterung", sagt Binding. "Das verhindert Präzision. Außerdem steht die Stadt ja nicht in einem Sommer da. Spätestens nach der Schneeschmelze wären viele Pflöcke verrottet oder im Sumpfboden fortgespült." Schlimmer noch: So erstaunlich manche Messwerte aussähen - sie beruhten auf modernen Stadtplänen, die von den einstigen meist erheblich abweichen.

Diesen Einwand kann Humpert allerdings parieren. Von allen Städten, die er untersuchte, hat er die frühesten erreichbaren Grundrisse besorgt und sie dann Häuserblock um Häuserblock mit Luftbild-Katastern abgeglichen - näher an die mittelalterlichen Verhältnisse käme man nur noch durch Ausgrabungen.

Auch der Urkundenmangel lässt sich möglicherweise entschuldigen: Mönchen in ihren Schreibstuben könnte das Freiluft-Gefummel mit dem Knotenseil nicht wichtig und heilig genug gewesen sein, um es auf kostbarem Pergament festzuhalten. Handwerksleute lernten ihre Künste damals sowieso eher mündlich-direkt. "Man hat den Jungs bisher ja nichts zugetraut", sagt Humpert, der Praktiker, respektvoll.

Aber darf man ihnen gleich so viel zutrauen, wie er das tut?

Zur Antwort zieht er aus Aktenstapeln einen Grundriss hervor, der vor Symmetrie strahlt, als stammte er aus einem Lehrbuch für Kristalle. "Sehen Sie, das ist das Castel del Monte." Das Burgschloss des Stauferkaisers Friedrich II. ist die Architektur-Krönung im Südostwinkel Italiens: ein Achteck mit acht Achteck-Türmen.

"Sicher, der Bau ist genial, das wissen alle. Hier sieht man, warum. Ein Modulquadrat von 15 Fuß und ein Kreis mit dem Radius von 100 Fuß genügen, um den gesamten Bau zu entwickeln." Und nun kommt es: Haargenau dasselbe Rechteck aus sechs mal acht 15-Fuß-Quadraten, das dem Castel del Monte zu Grunde liegt, bildet bereits die Kernzelle des Kaiserdoms von Speyer, begonnen über 200 Jahre zuvor.

Zufall kann das einfach nicht mehr sein, meint Humpert. Aber was dann? Er als "Kollege und Freund der mittelalterlichen Baumeister" glaubt, dass die Muster und Kurvenlinien einfach als gutes Handwerk galten. Ob sie sonst noch etwas bedeuteten, das müssten andere herausfinden. An Diskussionsstoff mangele es ja nicht - er habe nun wirklich genügend "Heu heruntergeholt". JOHANNES SALTZWEDEL

* Am Oberlinden-Brunnen in Freiburg im Breisgau; rechts: Herrenstraße. ** Klaus Humpert, Martin Schenk: "Entdeckung der mittelalterlichen Stadtplanung. Das Ende vom Mythos der ,gewachsenen Stadt''". Theiss Verlag, Stuttgart; 392 Seiten und CD-Rom; 69 Mark.

DER SPIEGEL 46/2001
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