12.11.2001

DIRIGENTENDer Krieg der Kümmelspalter

Dirigent Claudio Abbado, Chef der Berliner Philharmoniker, will eine unliebsame Biografie über sich verbieten lassen - dabei geht's um lachhafte Lappalien. Von Klaus Umbach
Bravo, Maestro! Der kleine Mann mit dem großen Kopf hat es weit gebracht. Schon über zehn Jahre leitet er, als Erbe des seligen Karajan, das Berliner Philharmonische Orchester, immer noch Deutschlands feinste Band. Seit rund drei Jahrzehnten taktiert er auf allen Podien von Rang. Claudio Abbado, 68, gilt an der Klassikbörse als Blue Chip.
Doch keiner macht um diesen Erfolg so wenig Aufhebens wie der Star selbst. Er will seine Ruhe haben, ihm genügt die Musik. Lieber Verdi als Chichi. So jedenfalls schien es bislang.
Nun holt der stille Don Claudio plötzlich zum lauten Paukenschlag aus und zieht vor den Kadi. Er sei "angeekelt, empört, verletzt". So lasse er nicht mit sich umspringen, er werde den Herrschaften das Handwerk legen.
In seinem Namen hat der Berliner Staranwalt Peter Raue eine Biografie über den Dirigenten abgekanzelt, die zwar in allen 5000 Exemplaren der Erstauflage gedruckt und eingeschweißt, aber nirgends zu haben ist: Das Berliner Landgericht hat Auslieferung und Verkauf des Zankapfels durch Erlass einer einstweiligen Verfügung erst einmal abgeblockt. Angedrohte Ordnungsstrafe bei Zuwiderhandlung: bis zu einer halben Million Mark.
Der Fall muss ein Ernstfall sein, sonst könnte Raue, dieser geistvolle Fuchs, kaum über Nacht zum Verreißwolf werden. Jedenfalls rüffelt er, was das Zeug hält. Dieses "zynische Machwerk" habe "das Maß des Erträglichen überstiegen" und "strotzt nur so von Fehlern, Flüchtigkeiten und Niederträchtigkeiten". Alles an diesem "unsäglichen Produkt" sei "ein Skandal": "die lange Latte von frei erfundenen und durch nichts belegten Behauptungen"; dann die vom Verlag gewählte Unterzeile "Die Biografie", die "unverschämterweise den Anspruch besonderer Authentizität" erwecke; schließlich das "hanebüchene Schnellfickverfahren", in dem der Autor seinen Text "ohne jede seriöse Recherche am heimischen Computer zusammengebastelt" habe.
Mit mehr als 20 Streitpunkten hat Raue seine zwei Verfügungsanträge unterfüttert, nun will er noch einen dritten Vorstoß "mit weiteren rund zehn Beanstandungen" nachreichen. Am kommenden Mittwoch wird das Landgericht über den Widerspruch des Verlags mündlich beraten.
Als nächsten Schritt droht Raue einen "natürlich unvermeidlichen Schadensersatzprozess" an, in dem er den Biografen und den Verlag gesamtschuldnerisch "auf mindestens 100 000 Mark Schmerzensgeld" verklagen will, "eher mehr". Beim Branchen- Mini Henschel verfolgt Geschäftsführer Uwe Sertel den Zwist mit gemischten Gefühlen. Dass er derzeit mit dem Abbado-Buch nicht ins vorweihnachtliche Sortiment kann, "schlägt schon bitter ins Kontor". Andererseits hofft er, in der Verhandlung die Vorwürfe "vollständig entkräften" zu können. Für alle Fälle hat sein Haus gegen Abbado Strafanzeige wegen des Verdachts falscher eidesstattlicher Versicherungen gestellt; denkbare Höchststrafe: drei Jahre Knast.
Nun mal langsam. Das Buch ist - nicht zu übersehen - ein Schnellschuss, ein auf weite Strecken bieder formuliertes Protokoll. Der Autor und Musikwissenschaftler Christian Försch, 33, hat das Manuskript, das sagt der Verlag, "nach jahrelanger Vorarbeit in rund vier Monaten geschrieben". Basis der Lebensgeschichte sind fremde Quellen. Persönliche Begegnungen mit und individuelle Eindrücke von Abbado sind rar und bleiben blass. Um Zeitzeugen aus dem Umkreis des spröden Maestro hat sich Försch kaum bemüht. Zu Interviews mit dem Dirigenten ist es erst gar nicht gekommen: Erst zierte sich der Maestro, dann war er angeblich willens, aber das Buch schon im Druck. Der Mangel an frischem O-Ton ist ein Manko, aber kein Fiasko: Ein zugeknöpfter Mensch wie Abbado hat das Recht, sich Gesprächen zu verweigern; ein aufgeschlossener Autor wie Försch hat das Recht, trotzdem zu schreiben, allerdings auf größeres Risiko.
Das, keine Frage, schlägt hier manchmal in dichterischen Freizügigkeiten und schludriger Verifizierung zu Buche; schade.
Nur eins ist diese Lebensgeschichte - Untertitel: "Die Magie des Zusammenklangs" - nicht: bösartig, hinterhältig, ein starkes Stück. Försch will dem Italiener nichts am ruhmreichen Zeug flicken, besingt vielmehr "Leidenschaft, unbedingten musikalischen Willen, Musikalität, Willenskraft, Einfühlungsvermögen, Begeisterungsfähigkeit" und kriegt sich angesichts "der magischen Effekte jenes Augenblicks" gar nicht mehr ein, den man bei Abbados Live-Auftritten "vielleicht mehr als bei jedem anderen Dirigenten der Gegenwart erleben" könne.
Nur, was um alles in der Welt will Abbado mehr als so einen roten Textteppich aus Heil und Hosianna? Wo ist der Knackpunkt, dass der scheue Einzelgänger plötzlich mit Kanonen auf Spatzen schießen, ein fertiges Buch blockieren und in blinder Wut einen kleinen Verleger in ernste Nöte bringen lässt?
Um Intimitäten, sonst meist die peinlichsten Ärgernisse, geht es jedenfalls nicht. Unter der Bettdecke hat Försch nichts aufgedeckt und ausgeplaudert. Dass sich Abbado mal "mit der Geigerin Wiktorija Mullowa eingelassen habe", die "Beziehung" aber "trotz einer Schwangerschaft nur von kurzer Dauer gewesen" sei, "weil Abbado offenbar seine Vaterschaft nicht anerkennen wollte", verbreitet er unter "Gerüchten, die in London kursieren"; so wahrt er An- und Abstand.
Nein, was da in Berlin vom Zaun gebrochen wurde, ist ein Krieg der Kümmelspalter. Es geht durchweg um lachhafte Petitessen, schrullige Lappalien, Schnee von vorgestern und kaum je um Fakten, deren Publizierung einem Weltstar nicht zuzumuten wäre.
So legt Försch zum Beispiel nahe, Claudios Familie habe 1943 beim Bombenangriff auf Mailand im Luftschutzkeller nicht gebetet, "die Abbados sind nicht gläubig". Abbado kontert eidesstattlich: "Meine Eltern waren gläubige Katholiken. Meine Mutter war ausgesprochen fromm." Raue: "Der Antragsteller nimmt es nicht hin, dass das Leben seiner Mutter beleidigt wird." Mamma mia!
Oder: Laut Försch hat Twen Claudio "in der Zeit von 1959 bis 1962 als Honorarkraft Kammermusik unterrichtet", laut Erklärung des heutigen Stardirigenten war er damals Festangestellter. Försch macht Abbado 1968 zum "leitenden Dirigenten der Scala", Abbado selbst - offiziell "direttore stabile" - ernennt sich gleich zum Musikdirektor des Hauses. So what, nach mehr als 30 Jahren? Und ist es denn in der Vita eines umjubelten Kosmopoliten so bedeutungsschwer, ob Abbado in, an oder in der Nähe der Londoner King's Road gewohnt hat - Streitpunkt auch das.
Der Henschel Verlag vermutet, dass Abbado das "ungewöhnlich heftige Sperrfeuer" (Sertel) gegen die Publikation nur angezettelt habe, um mit seinem eigenen Werk konkurrenzlos zu bleiben. Tatsächlich ist die deutschsprachige und aktualisierte Fassung seiner 1997 erschienenen Interviewsammlung "Musica sopra Berlino" ("Musik über Berlin") hier zu Lande gerade frisch gedruckt und gebunden.
Doch der wahre Grund, warum der leise Kapellmeister auf einmal die laute Bataille sucht, dürfte tiefer liegen. Abbados Berliner Ära geht zur Neige, nächstes Jahr ist Feierabend. In der kommenden Saison tritt Kollege Simon Rattle sein Amt an. Schon wird in der Philharmonie lustvoller über den britischen Feuerkopf und seine Zukunftspläne geredet als über den introvertierten Italiener mit seinem Abschiedsprogramm. Sir Simon verbreitet Advents-, um Abbado herrscht Endzeitstimmung.
Letzte Chance, den Nachruhm zu pflegen. Voriges Jahr wurde bei Abbado Magenkrebs diagnostiziert, der Philharmonikerchef musste längere Zeit aussetzen. Beim Comeback wirkte er zerbrechlich, aber die Kritiker vermerkten, etwa beim Salzburger "Falstaff" oder der jüngsten US-Tournee mit den Philharmonikern, einen Zugewinn an Empfindsamkeit.
Abbado wird die Berliner Zeit als Höhepunkt seiner Karriere werten, und das mit Recht: Über ein Dezennium hatte er den heiligen Stuhl inne; nur menschlich, dass er ihn in bestem Licht verlassen will. Försch vermag da auch beim schlechtesten Willen, keinen Schatten zu werfen.
Aber ob Abbados Regentschaft am Ende in den Ruhmesblättern des Orchesters überleben wird, ist noch nicht ausgemacht. Allzu zäh entwickelten sich anfangs die Kontakte zwischen dem Klangkörper und seinem Oberhaupt, die erwartete Aufbruchstimmung blieb aus. In den Proben wirkte der Chef oft lustlos, in den Konzerten leistete sich Karajans einstige Elite-Crew Patzer und Durchhänger. Es gab böse Verrisse, es rumorte unter den Musikern.
Gewiss, inzwischen haben sich die Herrschaften zusammengerauft und großartige Aufführungen vollbracht, auch wenn unter ihren CD-Einspielungen kaum Solitäre sind für die einsame Insel. All das muss ein Biograf notieren, will er nicht den lobhudelnden Hausdichter abgeben. Abbado steht nicht unter Naturschutz.
Jetzt gibt es nicht nur den Fall Abbado, sondern auch Abbados Fall. Ciao, Maestro!
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 46/2001
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